Wochenendhaus und Beziehungskiste

Alleinruhelage“ – ein klang- und bedeutungsvolles Wort aus österreichischen Immobilienanzeigen – hat die Autorin Eva Menasse als Titel für ihren neuesten Roman gewählt. Darin hält eine Ich-Erzählerin bzw. Schriftstellerin Zwiegespräch mit ihrem Haus, ihrem Wochenendrefugium in der ostdeutschen Seenlandschaft nahe Berlin, von dem sie sich jetzt trennen wird. Der Beschluss ist gefasst, das Leben steht an einem Scheideweg und sie hat sich an der Weggabelung für eine Abzweigung entschieden.

„Haus: Du bist Zeuge von allem gewesen, der Ehe, den Kindern, dem Ende der Ehe, den Lieben, die danach kamen, den Festen, meinen Versuchen, dich loszuwerden, meinen Versuchen, dich zu verschönern, zu reparieren, zu streichen, zu pflanzen, zu düngen und zu ernten; meiner Arbeit, dem Denken und Schreiben, das zu einem wichtigen Teil hier stattgefunden hat, beschützt und angeregt vom Streunen durch Wald und Garten. Aber nun verkaufe ich dich, diesmal wirklich. Ausgeliefert wirst du, an sympathische Fremde, und unser Gespräch wird verstummen, denn die Erinnerungen lebten vor allem, wenn wir zusammen waren, du und ich.“

(S.8)

Das Haus im Wald an einem idyllischen See in Brandenburg – in Wochenendreichweite von Berlin – spielte in entscheidenden Lebensphasen eine wichtige Rolle. War Rückzugsort, Schreibort, ein Ort der Ruhe, zum Nachdenken aber auch der Geselligkeit bzw. für Feste mit Freunden.

Die Erzählerin schildert nicht nur die Geschichte von der Entdeckung des Hauses, des Kaufs bzw. die Anstrengungen der Renovierung der ehemaligen Waldschänke bis hin zum sich entwickelnden Erholungs- und Urlaubsdomizil für die wachsende Familie, sondern sie hält in ihrem Gedankenstrom auch einen Dialog mit ihrem Ex-Partner bzw. ihrem Geliebten. Man erfährt von Familienglück und Familienleid, vom Urlaubsidyll bis hin zum Scheitern der Ehe in diesem Haus, das ebenso Charakter und Eigenheiten besitzt, wie seine Bewohner.

Unterstützung erfährt die Hausbesitzerin dabei nicht nur von zupackenden, osteuropäischen Hilfskräften, die sie engagiert, um das Haus und den Garten instand zu halten, sondern teils auch von den Bewohnern der nahen Datschensiedlung, die sie doch auch als Neuankömmling und Zugezogene mit österreichischen Wurzeln kritisch beäugen und in deren Vergangenheit sich manche Abgründe und Leerstellen auftun.

„Gärtner, wie mir scheint, besonders Männer, geraten leicht in einen verbissenen Ehrgeiz, in den typischen furor prati, auf Deutsch das Rasenrasen.“

(S.70)

Menasse spielt virtuos mit der Sprache und der Zwei- oder Mehrdeutigkeit von Begriffen. Je länger sie Worte aufmerksam dreht und wendet und bewusst auf die verschiedenen Bedeutungsebenen hinweist, um so interessantere Aspekte kommen zum Vorschein. Wie sich gleichsam auch andere Geschmacksnuancen offenbaren, wenn man länger als üblich auf einem Leckerbissen herumkaut. Und so schreibt sie über sich selbst: „Ich jedenfalls mag Wörter, die anders auszusehen und zu klingen beginnen, wenn man sie nur ein bisschen in sich hin und her bewegt.“

Und zwischendrin öffnen sich Gedankenwelten, die so viel tiefer gehen, als der humorvoll-ironisch geschilderte Kampf gegen Unkraut im Garten, störende Algen im Badesee oder die unangenehmen Besonderheiten der oft überlasteten Abwassergrube. Denn dann wandern die Gedanken zur Familiengeschichte, zu geschichtlichen Ereignissen oder aber auch zu Beziehungen – Lieben und Freundschaften -, die das Leben geprägt und gezeichnet haben.

„Auch meine Großeltern blieben nach dem Krieg in der Judenwohnung, in einem Judenhaus, in das sie mit vielen anderen zwangseingewiesen worden waren und aus dem nach und nach, bis auf eine Handvoll, alle anderen in die Vernichtungslager deportiert wurden. Bis der Krieg zu Ende war. Danach fehlten ihnen Kraft und Geld für eine Ortsveränderung, ich versuche das seit jeher zu verstehen. Und langsam, endlich, gelingt es mir. Denn der Wohnraum war wohl das am wenigsten Schlimme verglichen mit allem, was hinter ihnen lag.“

(S.74)

Trotz vordergründiger Leichtigkeit auf den ersten Blick, wenn die Erzählerin in assoziativen Gedankengängen wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte flattert, ist „Alleinruhelage“ ein tiefgründiges – stellenweise vielleicht sogar politisches – Buch, das zum Nachdenken anregt.

„Spechte erscheinen mir wie eine tierische Metapher für Leute, die schreiben, diese Ernsthaftigkeit und der strenge Blick, mit denen sie den Schnabel, ja den ganzen schwarz-weiß-roten Kopf scheinbar suizidal gegen ein Hindernis donnern, weil sie dahinterkommen wollen. Das Futter, die Belohnung, die Erkenntnis sind entsetzlich schwer zu erreichen, aber sie müssen herausgebohrt werden, wie viel Kraft und Schnabelhiebe es auch kostet. In einer Kindersendung habe ich erfahren, dass Spechte zwischen Schnabel und Stirn einen von der Natur genial konstruierten Stoßdämpfer haben, ohne den sie das Hämmern gar nicht aushalten würden. Mein Stoßdämpfer ist wahrscheinlich die Ironie.“

(S.81)

Als Österreicherin nimmt sie im Ort eine Sonderstellung ein, steht gleichsam zwischen den Stühlen und zwischen den über Jahrzehnte hinweg entstandenen Gräben der Ost-West-Konflikte.

„Und gleichzeitig spürte ich bei meinen ersten recht erregten Nachfragen, dass ich keine Ahnung hatte, dass ich eben nicht von hier war und nie in einer Diktatur gelebt hatte. Dass alles viel wunder und schwieriger war, als bereits diese kleine Hässlichkeit verhieß, auf die ich im dunklen Wald zufällig gestoßen war.“

(S.86)

Und ja, diese Hauptfigur weist Ähnlichkeiten und Parallelen zu Eva Menasse selbst auf – wie die schriftstellerische Tätigkeit oder die Herkunft – und doch warnt sie, wenn sie über ihr Buch spricht: „Aber das bin dennoch nicht ich, vergesst es.“

Die Sprache ist sehr heutig, modern, durchzogen von Anglizismen, von Worten, die bewusst kursiv gesetzt sind, damit die Leserschaft innehält, sie sich noch ein weiteres Mal auf der Zunge zergehen oder durch den Kopf gehen lässt.
„Alleinruhelage“ ist ein Fest der Sprache – selbstironisch, verspielt mit humorvoller Leichtigkeit und doch ernsthaft-nachdenklich zugleich. Kurz bevor man abhebt, holt Melasse einen stets wieder auf den Boden.
Es ist durchzogen von klugen Gedanken und auch meine ganz persönliche und inspirierende Lieblingstextstelle habe ich darin entdeckt:

„Alles, was man je gelesen hat, umgibt und prägt einen, auch das, was einem nicht gefallen, was man vergessen, nicht verstanden oder weggelegt hat. Alles zusammen bildet den Rückraum und den Geschmack. Und wenn die eigene Bibliothek bereits eine oder gar zwei Wände in der hohen Altbauwohnung füllt, muss sie wirklich nicht mehr größer, kann aber in Details immer noch besser werden.“

(S.170/171)

Allein für diese drei Sätze, wird „Alleinruhelage“ in meiner persönlichen, verfeinerten Bibliothek sicher einen dauerhaften Platz finden.

Eva Menasse und ihre Ich-Erzählerin berichten von Behausungen und Unbehaustheit, von Erinnerungen und Beziehungskisten, sie sortieren, reflektieren, ziehen Bilanz – eine Zwischenbilanz des Lebens. Und sie nehmen Abschied von einem besonderen Ort. Mit dem Beschluss, das Haus zu verkaufen, geht ein Lebensabschnitt zu Ende. Leben heißt Veränderung.

„Alleinruhelage“ passt hervorragend in diese Übergangszeit zwischen Sommer und Herbst – ebenso eine Zeit der Veränderung – und ist ein Roman mit vielen Facetten, die je nach Blickwinkel zu glitzern beginnen, wie der See auf dem Gemälde von Walter Leistikow, das den Umschlag ziert. Für mich ein klares Glanzlicht in diesem Bücherjahr!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Eva Menasse, Alleinruhelage
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00262-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Eva Menasses „Alleinruhelage“:

Für den Gaumen:
Unangemeldete und kurzfristige Besucher werden auch im Ferienhaus mit dem universaltauglichen Klassiker schlechthin verköstigt:

„Wir schlugen ihm vor, den Fisch draußen zu lassen, und luden ihn zu Spaghetti mit Tomatensauce ein.“

(S.135)

Zum Weiterschauen (I):
Schon allein in den Umschlag des Romans hätte ich mich sofort verliebt – wenn ich nicht ohnehin jedes Buch von Eva Melasse mit Spannung erwarten würde. Walter Leistikows Gemälde „Abendstimmung am Schlachtensee“, das um 1900 entstanden ist, passt einfach perfekt zum Titel – so stellen sich wohl viele „Alleinruhelage“ vor.

Zum Weiterschauen (II):
Immer wieder werden die Mitbewohner des Ortes, die in so vielem fremd wirken und erscheinen, als Sch’tis bezeichnet – ein Begriff, der sicherlich dem erfolgreichen französischen Film „Willkommen bei den Sch’tis“ aus dem Jahr 2008 entlehnt ist und das die Fremdheit an einem neuen Ort in sich mitklingen lässt.

Zum Weiterlesen:
Eva Menasses letzter Roman Dunkelblum ist großartig und ich beneide jeden, der diese Leseerfahrung noch vor sich hat. Ein starkes Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat und das ich ebenfalls bereits hier auf dem Blog vorgestellt habe.

Eva Menasse, Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04790-5

2 Kommentare zu „Wochenendhaus und Beziehungskiste

    1. Das freut mich. Mir fehlen auch noch ein paar Werke von ihr, die ich bisher nicht gelesen habe.
      Aber „Vienna“ und natürlich vor allem „Dunkelblum“ sind mir in starker Erinnerung geblieben.
      Herzliche Sonntagsgrüße!

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