Wildschweinjagd auf Sardinien

Die Theologie des Wildschweins“ – was für ein Titel – mich machte er sofort neugierig und der erste Sardinien-Krimi von Gesuino Némus – einem Pseudonym, hinter welchem sich der gebürtige Sarde Matteo Locci verbirgt – ist ein verschmitzter, kluger und gelungener Auftakt zu einer neuen Serie von Kriminalromanen, die vor allem italophilen Lesern Freude machen wird.
Klar kann man sich die Frage stellen, ob die Welt und der deutsche Buchmarkt eine weitere italienische Krimi-Reihe braucht. Aber nach der Lektüre kann ich diese Frage für mich ganz klar mit einem Ja beantworten – diese schon. Schon das witzige, strahlend blaue Cover macht gute Laune und Don Cossu, Matteo, Maresciallo De Stefani und Gesuino Némus sind ein so liebenswürdiges Gespann, das auf der schönen Insel Sardinien auf Wildschwein- und Mörderjagd geht, so dass man sich schon jetzt auf weitere Fälle freut.

„In Telévras gibt es weder ein Restaurant noch eine Pizzeria. Nur zwei Bars, aber an einer steht „Snack“, die wird von Leuten im fortgeschrittenem Alter nicht mehr betreten, denn eine Bar ist eine ernste Angelegenheit.“

(S.149)

Telévras, ein Dorf auf Sardinien – wir befinden uns im Jahr 1969, es ist ein heißer Sommer und so mancher fiebert der Mondlandung entgegen. Jedoch nicht alle, denn im kleinen Örtchen scheint die Zeit in vielen Aspekten noch stehen geblieben zu sein. Don Cossu, der Priester des Dorfes hält viele Fäden in der Hand und seine Schäfchen zusammen. Er fördert Matteo Trudìnu, einen hochbegabten Jungen aus einer einfachen Familie, der durch außergewöhnliche schulische Leistungen, aber auch durch sein herausragendes Orgelspiel auffällt. Als dessen Vater ermordet aufgefunden wird, rätselt das ganze Dorf, wer eine so schreckliche Tat begangen haben könnte und begibt sich auf die Suche nach dem Mörder.

„Dieser Priester ist seinerseits ein Wunder, einzigartig, ausgerechnet in diesem verlorenen Nest … Warum sind nicht alle Priester so, fragst du dich und wirst dich das noch oft fragen. Denn ist Glaube nicht genau das – Freude, Humor und Frohsinn?“

(S.193)

Maresciallo De Stefani – ein vor vielen Jahren Zugezogener und stets mit gewissem Misstrauen beäugter Piemonteser – merkt schnell, dass er ohne die Unterstützung von Pfarrer Don Cossu, des örtlichen Carabiniere Piras und des Tierarzts Dottore Pòddhige, der mangels eines Mediziners im Dorf auch die Rolle des Arztes und Pathologen einnimmt, keine Chance haben wird, den Fall zu klären.

Erzählt werden die für Telévras so einschneidenden Ereignisse aus Sicht des besten Freundes von Matteo: Gesuino Némus – dem Jungen ohne Vater, der nicht spricht, aber schreibt, der die Fährten der Wildschweine lesen kann und die Berge rund um das sardische Dorf kennt wie seine Westentasche.

Der Krimi lebt von den herrlich schrägen Figuren, die mit viel Liebe zum Detail gezeichnet sind und einem sofort ans Herz wachsen. Der patente und pragmatische Priester, der gemeinsam mit seinen Freunden auch gerne mal ein Gläschen Cannonau trinkt und das selbst erjagte Wildschwein genießt. Die Pfarrersschwester und -köchin Matilde, die sich heimlich in den auswärtigen Maresciallo aus dem Piemont De Stefani verliebt hat. Der Tierarzt, der die von Bauchschmerzen geplagten Schulschwänzer durch kurzes Androhen der Pferdespritze heilt und Tore Baccanti, dem Inhaber der Bar im Dorf, in welcher die Fäden zusammenlaufen und die das Herzstück das Dorflebens ist. Tolle Figuren, sardischer Lokalkolorit und eine Zeitreise in den Sommer 1969 – ein Krimi, der so herzerwärmend ist wie ein Glas guter Cannonau und so erfrischend wie die Limonade, die Tore den Dorfkindern serviert.

Ich lese zwischendurch gerne Krimis zur Entspannung, diesen habe ich wirklich in kürzester Zeit verschlungen und bin sehr positiv überrascht, wieviel darin steckt: man erfährt viel über Sardinien, Land und Leute, das einfache Leben in einer Dorfgemeinschaft in den späten Sechziger Jahren, Kulinarisches, Mythologisches und auch die Rolle der Kirche in der damaligen Zeit. So entpuppte sich dieser Krimi deutlich tiefgründiger als zunächst erwartet und sehr inspirierend – ich konnte literarische und musikalische Anregungen für mich mitnehmen.

„Wie sehr eine Reise doch davon abhängt, mit welchem Verkehrsmittel man sein Ziel erreicht.“

(S.236)

Für mich wurde der Krimi zum Verkehrsmittel, denn er ließ mich eine humorvolle, herrliche Reise nach Sardinien unternehmen – zwar nur in meiner Fantasie – aber ich habe die kurze Anreise und das intensiv geschilderte sardische Lebensgefühl sehr genossen. Ein liebenswürdig schräger Gute-Laune-Spender, der Freude macht und gepflegt unterhält ohne platt oder eindimensional zu sein – was ja häufig ein Manko bei Regionalkrimis sein kann.

Bleibt zu hoffen, dass die weiteren vier Bände, die in Italien bereits erschienen sind, auch noch übersetzt und veröffentlicht werden, so dass wir Don Cossu, Matteo und die Bewohner Telévras’ noch in weiteren Fällen erleben und begleiten dürfen. Weitere Reisen nach Sardinien? Ich wäre definitiv dabei.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Theologie des Wildschweins“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat dieser Krimi einiges an sardischen Spezialitäten zu bieten: angefangen beim typisch sardischen Rotwein Cannonau (aus der Rebsorte Grenache), den Cocois Prenas (gefüllte Teigtaschen mit Kartoffelfüllung) bis hin zum starken Verdauungsschnaps dem fil’e ferru (Eisenfaden), der auch als Aquavit Sardiniens bezeichnet und aus Traubentrester gebrannt wird. Eine kurze Kostprobe gefällig?

„Aber beim Brot verschlägt es dir die Sprache. Es ist zu einer barocken Skulptur geformt, voller Schnörkel und Verzierungen, außen knusprig hart, aber innen weich und duftend. Du nimmst einen Bissen und hast alles begriffen. Denn über Brot lernst du ein Volk kennen.“

(S.150)

Zum Weiterhören:
Matteo ist ein begnadeter Orgelspieler und wenn es sich ergibt, spielt er auch einmal „verbotene“, moderne Musik auf der Kirchenorgel, z.B. „Geordie“ von Fabrizio De André, das 1966 herauskam und in den Sechziger Jahren sehr aktuell war.

Zum Weiterlesen:
Heute gebe ich ausnahmsweise einen Lesetip weiter, den ich noch nicht selbst gelesen habe, der aber jetzt aufgrund dieser Krimi-Lektüre auf meine „das möchte ich irgendwann lesen“-Liste gewandert ist: Italo Calvino „Der Baron auf dem Bäumen“. Dieser Roman spielt im Buch eine Rolle und daher ist meine Neugier geweckt – er ist im Jahr 1957 erschienen, zählt zu den wichtigsten und erfolgreichsten Werken des Autors und beschäftigt sich mit Philosophie.

Italo Calvino, Der Baron auf den Bäumen
Übersetzt von: Oswalt von Nostitz
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90441-9

Dorf im Aufruhr

Schon das Cover des Romans macht einem klar, worum es in Christoph Peters’ „Dorfroman“ gehen wird: da steht ein Kernkraftwerk auf der grünen Wiese – der schnelle Brüter in Kalkar, der nie in Betrieb ging. Doch in diesem Roman steckt noch so viel mehr als nur die Geschichte der Anti-Atomkraft-Proteste am Niederrhein. Es ist auch ein Buch übers Rebellieren und Erwachsenwerden, über das Verhältnis zu den Eltern, über Entwurzelung und die Veränderungen einer Dorfgemeinschaft, sowie der deutschen Gesellschaft in den Siebziger und Achtziger Jahren.

„Natürlich habe ich zu wenig gefragt und zu wenig zugehört. Jahrzehntelang wollte ich meiner Mutter, meinem Vater in erster Linie erklären, wer ich selber war, weil ich sie und ihre Vorstellungen von der Welt ja kannte, wohingegen ich dachte, dass meine eigenen Überlegungen und Entschlüsse für sie mindestens ebenso interessant und überraschend sein müssten wie für mich. Auch jetzt, wo es fast zu spät ist, frage ich nur selten, obwohl ich es mir oft vornehme (…)“

(S.95)

Nach vielen Jahren besucht der Sohn, der seine niederrheinische Heimat vor langer Zeit in Richtung Berlin verlassen hat, seine Eltern im kleinen Dorf Hülkendonck. Er erinnert sich an die Zeit in den Siebziger Jahren, als plötzlich der geplante Bau des schnellen Brüters in unmittelbarer Nachbarschaft nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Eltern und der ganzen Dorfgemeinschaft überschattete und komplett auf den Kopf stellte.

Mit 15 Jahren ist er kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen – er fängt und sammelt Schmetterlinge, ist ein großer Fan von „Lassie“ und den Tiersendungen von Heinz Sielmann und doch wird auch das andere Geschlecht zunehmend interessant. Das Leben im Dorf ist geprägt von Landwirtschaft, dem sonntäglichen Kirchenbesuch und überschaubaren Freizeitmöglichkeiten für die Jugend.

Als plötzlich die Diskussionen um den Kraftwerksbau das ganze Dorf spalten – der Vater sitzt im Kirchenvorstand, befürwortet den Verkauf der Kirchengrundstücke an die Betreibergesellschaft und wird zur Zielscheibe zahlreicher Anfeindungen – lernt der Junge auch die Bewohner des Protestcamps und die andere Seite kennen. Diese völlig andere Welt und Weltanschauung fasziniert ihn. Im Lager trifft er auf die Aktivistin Juliane, die einige Jahre älter ist als er und in die er sich rettungslos verliebt.

„Wenn mein Vater wollte, dass ich ihm bei seinen Heimwerkerprojekten half, versuchte ich immer, mich zu drücken, aber das hier war etwas anderes. Es ging nicht darum eine Bar in Eiche rustikal in unserem Keller einzubauen oder die Wohnzimmer mit Holzdecken zu verdüstern, sondern um die Rettung der Welt: alternative Energien, Selbstversorgung, Barrikaden. Und um eine Frau.“

(S.183)

Christoph Peters hat einen tiefgründigen Roman geschrieben, der mich aufgrund der intensiven Schilderung der damaligen Gesellschaft und der zeitgeschichtlichen Hintergründe der Siebziger Jahre wirklich gefesselt hat. Man spürt den Aufruhr im Dorf und versteht die Animositäten zwischen den Nachbarn, den Atomkraft-Gegnern und Befürwortern, die Rebellion der Jugend gegen die Eltern und den alternativen Lebensentwurf der Bewohner des Protestlagers. Sehr glaubwürdig und einfühlsam beschreibt er auch die innere Zerrissenheit des Heranwachsenden, der sich in vielerlei Beziehung zwischen den Welten fühlt – nicht mehr Kind und doch auch nicht erwachsen – schwankend zwischen der tiefen Liebe zu seinen Eltern und dem Glauben daran, dass diese und die Kirchengemeinde stets das Richtige tun, und der jungen, noch frischen, aufregenden Liebe zu Juliane und deren kritischer Ansicht zur Kernkraft.

Sprachlich passt sich Peters einer gewissen jugendlichen Naivität des jungen Erzählers an, was bis auf sehr wenige Stellen, die mir persönlich für einen 15-Jährigen vielleicht doch etwas zu kindlich wirkten und mich daher kurz stutzen ließen, wirklich sehr gut funktioniert. Der Roman liest sich daher sehr flüssig und stimmig und es gibt viele wunderbar formulierte Stellen, die mich sehr unmittelbar berührt und bewegt haben. Gerade die Gefühlswelt des Jungen und auch der reflektierte Rückblick des mittlerweile erwachsenen Sohnes, der die inzwischen alt gewordenen Eltern nach langer Zeit wieder besucht, ist von Peters mit feinem Auge und sicherem Gespür großartig eingefangen worden. So lässt er in kleinen Szenen große Emotionen entstehen, die unter die Haut gehen.

„Die meisten Erwachsenen glauben, wir Kinder würden in einer Art Phantasieland leben, das mit der wirklichen Welt nichts zu tun hat, obwohl sie doch selbst einmal Kinder gewesen sind und es eigentlich besser wissen müssten.“

(S.249)

Peters hat zahlreiche gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen in seinem „Dorfroman“ eingefangen: die abnehmende Bedeutung der katholischen Kirche und auch des dörflichen Gemeinschaftslebens, den Wegzug der jungen Generation aus den Dörfern in die Städte, die Mobilität und Entwurzelung, die zunehmenden Möglichkeiten der Lebensgestaltung, die auch ein höheres Maß an Entscheidungen erfordern, das lange Nachwirken der Zeit des Nationalsozialismus weit in die Siebziger hinein, die Anti-Atomkraft-Bewegung – die Liste ließe sich noch lange fortsetzen und es lässt sich vieles auf den gut 400 Seiten entdecken, über das es sich nachzudenken lohnt.

Ein vielschichtiges, emotionales und interessantes Buch, das viele Facetten zu bieten hat und das daher wohl von jedem Leser mit anderen Schwerpunkten und Akzenten gelesen wird und sicherlich unterschiedliche – aber bestimmt nachhaltige – Eindrücke hinterlässt.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich unter anderem bei Birgit Böllinger, Literaturreich und Letteratura.

Buchinformation:
Christoph Peters, Dorfroman
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87596-5

© Luchterhand Verlag (Penguin Randomhouse)

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dorfroman“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch war die Verpflegung im „Dorfroman“ eher pragmatisch-bodenständig, so gibt es unter anderem „Serbische Bohnensuppe aus der Dose mit Bockwürstchen und Toast“. Klingt für mich nicht sehr verlockend – bei Dosensuppe bin ich – ehrlich gestanden – raus.

Zum Weiterschauen:
In Bayern ist die Anti-Atomkraft-Bewegung untrennbar mit dem Protest gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf verbunden. Der Film „Wackersdorf“ aus dem Jahr 2018 gibt einen interessanten, gut gemachten Einblick in die Geschehnisse in der Oberfalz der 80er Jahre, als der Landrat Hans Schuierer zunehmend Zweifel an der Harmlosigkeit der geplanten Anlage bekommt, Nachforschungen anstellt und sich schließlich auf die Seite der WAA-Gegner stellt.

Zum Weiterlesen:
Der Großvater versucht im Roman, seinen Enkel für Goethe’s „Wahlverwandtschaften“ zu begeistern, muss aber schnell feststellen, dass er bei ihm gegen Heinz Sielmann’s „Ins Reich der Drachen und Zaubervögel“ nicht ankommt. Zu letzterem Werk kann ich nichts sagen, aber die „Wahlverwandtschaften“ habe ich vor vielen Jahren gerne gelesen – allerdings war ich da auch schon ein wenig älter als der Junge im Roman.

Johann Wolfgang von Goethe, Die Wahlverwandtschaften
insel Taschenbuch 4522
ISBN: 978-3-458-36222-7

Abschied vom anderen Leben

Reinhard Kuhnert’s Roman „Abgang ist allerwärts“ ist seine sehr persönliche, künstlerische und literarisch herausragende Auseinandersetzung mit einer entscheidenden Phase seines Lebens. Der Literat und Theaterautor fällt in den frühen 80er Jahren bei der SED-Parteispitze in Ungnade und verlässt letztlich sein Land. Eine Geschichte, die tief berührt und für den Leser eindrücklich erfahrbar macht, was Diktatur und Zensur für die Kunst und Kultur in einem Land – wie der ehemaligen DDR – bedeutet.

Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – ist Künstler. Er schreibt unter anderem für die führenden Bühnen des Landes, ist gerade in Künstlerkreisen hoch angesehen und erfolgreich. Da ihm das Leben in Ostberlin oft zu laut und hektisch ist, sucht er in einem einsamen Mecklenburger Dorf an der Grenze zu Polen einen Rückzugsort und findet in einem alten Fachwerkhaus, das er günstig erwerben kann und anschließend renoviert, sein ganz persönliches Refugium, um in Ruhe arbeiten und schreiben zu können. Schon bald stellt sich heraus, dass dies keine Flucht in die Einsamkeit ist, sondern er bald ein integrierter Teil der kleinen Dorfgemeinschaft wird. Die Bewohner – nachdem er ihr Vertrauen und ihre Zuneigung gewonnen hat – vertrauen ihm bald auf der Straße, im kleinen Konsum und der Dorfkneipe ihre ganz persönlichen Geschichten und Lebensschicksale an und wachsen ihm ans Herz. Schnell ist der Ort nicht mehr Zweitwohnsitz, sondern sein Lebensmittelpunkt, sein Zuhause, sein Herzensort.

Schon bald jedoch verspürt er die volle Wucht und Unnachgiebigkeit des Systems, als er für einige „verfemte“ Künstlerkollegen Stellung bezieht. Ein unachtsamer Moment, eine unbedachte Aussage bzw. auch nur eine Äußerung, die politisch unerwünscht ist, reicht, um dauerhaft in Ungnade zu fallen.

„Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass er nach der öffentlichen Aufmerksamkeit im Roten Rathaus nicht nur mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch mit der versteckten rechnen musste.“

(S.49)

Vorbei die Zeit der Erfolge und plötzlich hagelt es Absagen und Zurückweisungen. Ein Stück wird noch vor der Premiere abgesagt, der Hörfunk weigert sich, seine Texte zu senden. Seine Werke werden ignoriert, boykottiert und zensiert. Funktionäre der Partei versuchen, ihn wieder auf Spur zu bringen, setzen ihn unter Druck.

„Die Charaktere in meinen Texten haben bis gestern gesprochen, inzwischen wird alles daran gesetzt, sie zum Schweigen zu bringen. Ihre Misstöne sind im verordneten Gleichklang nicht länger erwünscht, und nun wird der Autor dafür haftbar gemacht.“

(S.132)

Nach und nach reift in ihm die Überlegung, seiner Heimat – diesem „halben“ Land – den Rücken zu kehren, die geliebten Menschen zurück zu lassen und schweren Herzens fasst er die Entscheidung, einen Ausreiseantrag zu stellen. Eine Zeit des bangen Wartens und der Ohnmacht beginnt.

„Dennoch hatte Effert unentwegt das Gefühl, Teil einer Inszenierung zu sein, bei der nicht er die Regie führte.“

(S. 152)

Kuhnert hat ein intensives, berührendes Buch über Verluste und Abschiede geschrieben, denn wie die Dorfbewohner stets kommentieren: „Abgang ist allerwärts“. Ob es die Möbel aus dem alten Schloss sind, die „verloren“ gehen oder ob die Dorfgemeinschaft geliebte Menschen an den Alkohol, den Tod oder die Nachbarrepublik verliert. Und dennoch bietet auch jeder Verlust und jeder Abschied wieder die Chance eines Neubeginns.

Der Autor hat ein hervorragendes Gespür für die Zeichnung von Figuren und Charakteren, die er mit viel Liebe zum Detail und sehr warmherzig für den Leser zum Leben erweckt. Menschen direkt aus dem Leben gegriffen, mit denen man sich mitfreut und mit denen man leidet. Ein Buch über Menschlichkeit, Zusammenhalt und Freundschaft, denn es sind die Bewohner dieses kleinen Dorfs, die in der Krisensituation zu ihm halten – während sich die Künstlerszene aus Selbstschutz von ihm abwendet.

Der Autor hat ein leises, poetisches und melodiöses Buch verfasst, in welchem er seine ganz persönliche Geschichte erzählt und man merkt in jeder Zeile, auf jeder Seite, wie viel es ihm bedeutet, diese in Worte zu fassen – eine wahre Herzensangelegenheit. Sein Abschied – vor allem von den Dorfbewohnern und seinem „anderen Leben“, wie er es nennt, war ihm damals nicht leicht gefallen und er lässt die Leser an dieser schmerzvollen und prägenden Phase seines Lebens teilhaben. Das ist keine wütende Abrechnung, sondern er hat mit etwas zeitlicher Distanz einen klugen und eindringlichen Roman über die Zensur und das Leben von Künstlern in einer Diktatur geschrieben – ein Buch mit einer starken Aussage und die literarisch kunstvolle Aufarbeitung eines wichtigen Themas.

Reinhard Kuhnert hat – wie sein Romanpendant Elias Effert – Mitte der 80 Jahre die DDR verlassen und schrieb seither erfolgreich für Theater, Funk und Fernsehen. Sein Roman „Abgang ist allerwärts“ erschien ursprünglich 2013 im Leipziger Plöttner Verlag und liegt nun seit kurzem als vollständig überarbeitete Neuauflage im Mirabilis Verlag in einer schönen gebundenen, wertigen Ausgabe mit Lesebändchen und einer stimmungsvollen Umschlaggestaltung von Florian L. Arnold vor.

Ein Buch voller Herzenswärme und Lebensweisheit, eine Hymne auf den hohen Wert von Literatur, Kunst und Meinungsfreiheit und ein Roman, der aufgrund seiner wunderschönen Sprache ein wahrer Lesegenuss ist.

Eine weitere Besprechung zum Buch gibt es bei We read indie.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Fr. Böllinger von Sätze&Schätze, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Reinhard Kuhnert, Abgang ist allerwärts
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-3-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Abgang ist allerwärts“:

Für den Gaumen:
Die Dorfbewohner verwöhnen Elias an einem kalten Wintertag in schwerer Zeit mit den einfachen und guten Lebensmitteln, die sie mit ihm teilen: Eier, Schinkenspeck, hausgemachte Schweinswurst, ein Suppenhuhn und das dazugehörige Gemüse. Ehrliche Produkte, die von Herzen kommen und die Seele wärmen sollen.

Zum Weiterhören:
Eine weitere Sicht eines Künstlers und Theatermenschen auf die Zeit in der ehemaligen DDR bietet das Hörbuch zur Autobiografie „Soundtrack meiner Kindheit“ , das Jan-Josef Liefers selbst eingesprochen hat. Kurzweilig und amüsant erzählt er über seine Kindheit und das Heranwachsen in der DDR, seine Schauspielausbildung und wie er den Mauerfall hautnah selbst erlebt hat.

Jan-Josef Liefers, Soundtrack meiner Kindheit
Autorenlesung
Argon
Laufzeit (4CDs): 4h 31 Minuten
ISBN: 978-3-8398-9042-4

Zum Weiterlesen (1):
Ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen ist die Fortsetzung der Geschichte Elias Efferts „In fremder Nähe“, welche direkt an „Abgang ist allerwärts“ anknüpft und die Zeit nach der Ausreise des Künstlers in Westberlin und während der Wende erzählt. Die Neugier meinerseits auf den Folgeroman ist auf jeden Fall geweckt:

Reinhard Kuhnert, In fremder Nähe
Mirabilis
ISBN: 978-3-9818484-9-6

Zum Weiterlesen (2):
Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – reist nach Westberlin, um dort zu Kurt Eisner zu recherchieren – er möchte ein Stück über den linken, sozialdemokratischen Politiker schreiben, der kurz Bayern regierte. Informationen über ihn waren in der DDR nicht zugänglich und wurden unter Verschluss gehalten. Wer heute jedoch mehr über Kurt Eisner und die turbulente Zeit der Münchner Räterepublik erfahren möchte, der kann – ohne Einschränkungen – gerne zu Volker Weidermanns „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ greifen – eine gelungene literarische Annäherung an diese Zeit.

Volker Weidermann, Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04714-1