Wildschweinjagd auf Sardinien

Die Theologie des Wildschweins“ – was für ein Titel – mich machte er sofort neugierig und der erste Sardinien-Krimi von Gesuino Némus – einem Pseudonym, hinter welchem sich der gebürtige Sarde Matteo Locci verbirgt – ist ein verschmitzter, kluger und gelungener Auftakt zu einer neuen Serie von Kriminalromanen, die vor allem italophilen Lesern Freude machen wird.
Klar kann man sich die Frage stellen, ob die Welt und der deutsche Buchmarkt eine weitere italienische Krimi-Reihe braucht. Aber nach der Lektüre kann ich diese Frage für mich ganz klar mit einem Ja beantworten – diese schon. Schon das witzige, strahlend blaue Cover macht gute Laune und Don Cossu, Matteo, Maresciallo De Stefani und Gesuino Némus sind ein so liebenswürdiges Gespann, das auf der schönen Insel Sardinien auf Wildschwein- und Mörderjagd geht, so dass man sich schon jetzt auf weitere Fälle freut.

„In Telévras gibt es weder ein Restaurant noch eine Pizzeria. Nur zwei Bars, aber an einer steht „Snack“, die wird von Leuten im fortgeschrittenem Alter nicht mehr betreten, denn eine Bar ist eine ernste Angelegenheit.“

(S.149)

Telévras, ein Dorf auf Sardinien – wir befinden uns im Jahr 1969, es ist ein heißer Sommer und so mancher fiebert der Mondlandung entgegen. Jedoch nicht alle, denn im kleinen Örtchen scheint die Zeit in vielen Aspekten noch stehen geblieben zu sein. Don Cossu, der Priester des Dorfes hält viele Fäden in der Hand und seine Schäfchen zusammen. Er fördert Matteo Trudìnu, einen hochbegabten Jungen aus einer einfachen Familie, der durch außergewöhnliche schulische Leistungen, aber auch durch sein herausragendes Orgelspiel auffällt. Als dessen Vater ermordet aufgefunden wird, rätselt das ganze Dorf, wer eine so schreckliche Tat begangen haben könnte und begibt sich auf die Suche nach dem Mörder.

„Dieser Priester ist seinerseits ein Wunder, einzigartig, ausgerechnet in diesem verlorenen Nest … Warum sind nicht alle Priester so, fragst du dich und wirst dich das noch oft fragen. Denn ist Glaube nicht genau das – Freude, Humor und Frohsinn?“

(S.193)

Maresciallo De Stefani – ein vor vielen Jahren Zugezogener und stets mit gewissem Misstrauen beäugter Piemonteser – merkt schnell, dass er ohne die Unterstützung von Pfarrer Don Cossu, des örtlichen Carabiniere Piras und des Tierarzts Dottore Pòddhige, der mangels eines Mediziners im Dorf auch die Rolle des Arztes und Pathologen einnimmt, keine Chance haben wird, den Fall zu klären.

Erzählt werden die für Telévras so einschneidenden Ereignisse aus Sicht des besten Freundes von Matteo: Gesuino Némus – dem Jungen ohne Vater, der nicht spricht, aber schreibt, der die Fährten der Wildschweine lesen kann und die Berge rund um das sardische Dorf kennt wie seine Westentasche.

Der Krimi lebt von den herrlich schrägen Figuren, die mit viel Liebe zum Detail gezeichnet sind und einem sofort ans Herz wachsen. Der patente und pragmatische Priester, der gemeinsam mit seinen Freunden auch gerne mal ein Gläschen Cannonau trinkt und das selbst erjagte Wildschwein genießt. Die Pfarrersschwester und -köchin Matilde, die sich heimlich in den auswärtigen Maresciallo aus dem Piemont De Stefani verliebt hat. Der Tierarzt, der die von Bauchschmerzen geplagten Schulschwänzer durch kurzes Androhen der Pferdespritze heilt und Tore Baccanti, dem Inhaber der Bar im Dorf, in welcher die Fäden zusammenlaufen und die das Herzstück das Dorflebens ist. Tolle Figuren, sardischer Lokalkolorit und eine Zeitreise in den Sommer 1969 – ein Krimi, der so herzerwärmend ist wie ein Glas guter Cannonau und so erfrischend wie die Limonade, die Tore den Dorfkindern serviert.

Ich lese zwischendurch gerne Krimis zur Entspannung, diesen habe ich wirklich in kürzester Zeit verschlungen und bin sehr positiv überrascht, wieviel darin steckt: man erfährt viel über Sardinien, Land und Leute, das einfache Leben in einer Dorfgemeinschaft in den späten Sechziger Jahren, Kulinarisches, Mythologisches und auch die Rolle der Kirche in der damaligen Zeit. So entpuppte sich dieser Krimi deutlich tiefgründiger als zunächst erwartet und sehr inspirierend – ich konnte literarische und musikalische Anregungen für mich mitnehmen.

„Wie sehr eine Reise doch davon abhängt, mit welchem Verkehrsmittel man sein Ziel erreicht.“

(S.236)

Für mich wurde der Krimi zum Verkehrsmittel, denn er ließ mich eine humorvolle, herrliche Reise nach Sardinien unternehmen – zwar nur in meiner Fantasie – aber ich habe die kurze Anreise und das intensiv geschilderte sardische Lebensgefühl sehr genossen. Ein liebenswürdig schräger Gute-Laune-Spender, der Freude macht und gepflegt unterhält ohne platt oder eindimensional zu sein – was ja häufig ein Manko bei Regionalkrimis sein kann.

Bleibt zu hoffen, dass die weiteren vier Bände, die in Italien bereits erschienen sind, auch noch übersetzt und veröffentlicht werden, so dass wir Don Cossu, Matteo und die Bewohner Telévras’ noch in weiteren Fällen erleben und begleiten dürfen. Weitere Reisen nach Sardinien? Ich wäre definitiv dabei.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Theologie des Wildschweins“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat dieser Krimi einiges an sardischen Spezialitäten zu bieten: angefangen beim typisch sardischen Rotwein Cannonau (aus der Rebsorte Grenache), den Cocois Prenas (gefüllte Teigtaschen mit Kartoffelfüllung) bis hin zum starken Verdauungsschnaps dem fil’e ferru (Eisenfaden), der auch als Aquavit Sardiniens bezeichnet und aus Traubentrester gebrannt wird. Eine kurze Kostprobe gefällig?

„Aber beim Brot verschlägt es dir die Sprache. Es ist zu einer barocken Skulptur geformt, voller Schnörkel und Verzierungen, außen knusprig hart, aber innen weich und duftend. Du nimmst einen Bissen und hast alles begriffen. Denn über Brot lernst du ein Volk kennen.“

(S.150)

Zum Weiterhören:
Matteo ist ein begnadeter Orgelspieler und wenn es sich ergibt, spielt er auch einmal „verbotene“, moderne Musik auf der Kirchenorgel, z.B. „Geordie“ von Fabrizio De André, das 1966 herauskam und in den Sechziger Jahren sehr aktuell war.

Zum Weiterlesen:
Heute gebe ich ausnahmsweise einen Lesetip weiter, den ich noch nicht selbst gelesen habe, der aber jetzt aufgrund dieser Krimi-Lektüre auf meine „das möchte ich irgendwann lesen“-Liste gewandert ist: Italo Calvino „Der Baron auf dem Bäumen“. Dieser Roman spielt im Buch eine Rolle und daher ist meine Neugier geweckt – er ist im Jahr 1957 erschienen, zählt zu den wichtigsten und erfolgreichsten Werken des Autors und beschäftigt sich mit Philosophie.

Italo Calvino, Der Baron auf den Bäumen
Übersetzt von: Oswalt von Nostitz
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90441-9

24 Gedanken zu “Wildschweinjagd auf Sardinien

  1. Das ist bestimmt auch ein Buch für mich — kommt auf jeden Fall auf meine immer länger werdende Wunschliste. 😉

    Von Fabrizio De André hatte ich erst die Tage wieder „Rimini“ in der Hand. Die LP (gekauft von meinen Eltern ebendort) höre ich mir regelmäßig mit einer gewissen Italiensehnsucht an.

    Viele Grüße und Dir ebenfalls ein angenehmes Pfingstwochenende!

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    • Danke für den musikalischen Tip, da werde ich dann gerne auch in der nächsten Zeit einmal reinhören. Ich versuche meine Italiensehnsucht gerade neben der Musik, vor allem literarisch und kulinarisch (Pasta und Pizza stehen da auch gerne mal auf dem Speiseplan) zu stillen. Das kann natürlich eine richtige Reise nur begrenzt ersetzen, aber träumen darf man ja… Dir wünsche ich entspannte Feiertage mit guten Büchern!

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  2. Naturalmente direkt im Warenkorb gelandet! Erinnert mich von dem, was Du über die Stimmung schreibst, an meine geliebten Bretonen Krimis 😊
    Schöne Pfingsten!

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    • Liebe Nicole! Für mich hatte dieser Sardinien-Krimi irgendwie das gewisse Etwas. Die Zeit („Summer of 69“ quasi), das Dorf, der etwas eigene und spezielle Menschenschlag, dazu Sonne, Rotwein und etwas (Lebens-)Philosophie. Mich hat die Mischung überzeugt. Ich bin gespannt, ob es Dir auch ähnlich gut gefällt. Dir wünsche ich ebenfalls schöne und entspannte Pfingsttage! Viele Grüße, Barbara

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    • Gern geschehen, Bernd! Bücher sind und waren für mich schon immer die Möglichkeit, an andere Orte und in andere Zeiten zu reisen. Und gerade in diesen Zeiten, in welchen reale Reisen nicht möglich sind, bin ich sehr dankbar für diese „Verkehrsmittel“. Auch wenn sich das Zitat aus dem Buch, das mich zu diesem Bild inspiriert hat, sich eher darauf bezog, ob man die Insel mit Bahn und Fähre oder per Flugzeug erreicht. Dir wünsche ich auch schöne Pfingsttage und sende herzliche Grüße nach Nürnberg!

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    • Da haben wir ja etwas gemeinsam. 🙂 Und seit Bücher wieder zum „täglichen Bedarf“ gehören und die Buchhandlungen wieder inzidenzunabhängig öffnen dürfen, ist das auch wieder noch einfacher geworden. Deine Lieblingsbuchhandlung freut sich sicher über Deinen Besuch. 😉

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  3. Liebe Barbara, das ist ein Tipp, der mir besonders interessant erscheint und den ich in meine Leseliste aufnehmen werde. Zum einen weil ich selbst halbe Sardin bin und zum anderen, weil ich Krimis liebe…..ich bin also gespannt und die Rezension klingt ja vielversprechend 😉
    Ich warte seit 2017 eigentlich schon auf die deutsche Übersetzung von „Sardische Kinder weinen nie“. Da in diesem Buch viele sardische Sätze benutzt werden, die auch nicht Italienisch übersetzt wurden (bzw. immer eindeutig zu übersetzen sind), sondern im Original verblieben sind, ist es schwer diese immer richtig zu begreifen. Daher bin ich gespannt, wenn es die deutsche Übersetzung irgendwann mal geben wird. Danke noch mal für den Tipp, der mich daran erinnerte, wie toll Matteo Loccis Bücher sind. 😉 Dir noch einen schönen Pfingstmontag, liebe Grüße Manuela

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    • Liebe Manuela! Dankeschön, das freut mich sehr. Ich hoffe auch sehr, dass die Serie weiter fortgesetzt und ins Deutsche übersetzt wird. Ich habe bei diesem ersten Fall wirklich große Lust auf die folgenden Bände bekommen. Für mich war es das erste Buch von Matteo Locci, aber ich werde das defnitiv im Auge behalten. Über ein Feedback nach Deiner Lektüre würde ich mich ebenfalls sehr freuen. Es wäre spannend zu wissen, was Du als „halbe Sardin“ darüber denkst. Schöne Pfingstgrüße! Barbara

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      • Liebe Barbara, inzwischen habe ich schon längst dieses Buch gelesen und herzlich lachen müssen zwischendrin. Der Autor gibt seine Heimat fantastisch wieder und auch ich finde viele Szenen darin, die so oder so ähnlich realistisch geschehen sind. Häufig würde ich sagen „absolut typisch“. Deswegen kann ich nur zustimmend nicken. Es ist schade, dass viele der sardischen Sätze, die ja hier im Buch durchaus zitiert werden in der deutschen Übersetzung deutlich verlieren. Vermutlich ist es gar nicht immer möglich dass eins zu eins wiederzugeben, daher ist einiges nicht unmittelbar verständlich. Der Witz liegt da wahrhaftig mehr im sardischen Original. Und dennoch: wenn man das Buch auf Deutsch liest, es ist witzig, spontan, gibt die Mentalität der Sarden gut wieder stellenweise und ist auch heute noch 50 Jahre später (nach der Zeit in der das Buch spielt) topaktuell 😉 Von daher alle Daumen hoch, ich habe mir nun spasseshalber einige der Bücher auf Italienisch bestellt um diese ebenfalls mal zu konsumieren und die Unterschiede festzustellen. Ich bedanke mich noch einmal herzlich für diesen Buchtipp. Eine tolle Sommerlektüre! Manuela

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      • Oh, wie schön! Vielen lieben Dank Manuela, für die schöne Rückmeldung und Deine Einschätzung, auf die ich sehr neugierig war. Schließlich hast Du einen ganz anderen Blick für die lokalen Eigenheiten und natürlich die Sprache. Aber schön zu lesen, dass es dem Genuss trotzdem nur geringen Abbruch getan hat. Mein Italienisch (geschweige denn sardisch) reicht leider vermutlich nicht für eine entspannte Lektüre, aber ich hoffe, dass noch weitere Bände übersetzt werden und wünsche Dir bei den italienischen Originalen auf alle Fälle viel Vergnügen! Sonnige Sommergrüße! Barbara

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  4. Was ich noch bemerkenswert fand und auch so typisch sind die Reden über Wein und Essen. Das ist so urtypisch. Vieles, wenn nicht alles dreht sich ums Essen, um den Genuss, um guten Wein, gute Gespräche, die schon mal ins Philophische abstürzen und natürlich auch um Vorurteile. „Sarden sind natürlich die besseren Menschen, besser als die Menschen vom Festland“ 😉 Auch das wird hier absolut im Buch bedient. Man kann das gut finden oder nicht, aber es ist eben (leider) auch typisch. Ich denke, dass das Buch insgesamt aber einen guten wenngleich humorigen und teils überzogenen Einblick in die Seele des Sarden erlaubt! Ich denke, dass ich am allerwitzigsten vermutlich das Alter Ego des Autos fand: Gesuino Nemus, was auf Deutsch ja „Jesulein Niemand“ bedeutet. So hat sich der Autor auch hier in seiner Namensgebung einen kleinen Scherz erlaubt 😉 Liebe Grüße dir

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    • „Das Essen, der Genuss, der gute Wein, gute Gespräche“… das muss einem die Sarden doch sympathisch machen. Und ich mochte das Buch wirklich sehr, vielleicht auch gerade deshalb… und sich selbst mit einem gewissen Augenzwinkern zu betrachten (so wie Gesuino Nemus) kann auch nicht schaden.

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