Französisches Krimiamusement

Schon vor einiger Zeit – die Rezensionen haben sich ein wenig aufgestaut – habe ich zwei sehr amüsante und unterhaltsame Frankreich-Krimis gelesen. Einen Maigret-Klassiker von Georges Simenon und einen aktuell erschienenen neuen Lacroix-Band, der sich im besten Sinne vom großen Altmeister hat inspirieren lassen: Alex Lépic’ neuester Fall „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“ und Georges Simenon’s „Maigret amüsiert sich“ – im Doppelpack gelesen wirklich ein kurzweiliger und feiner Krimigenuss mit viel französischem Flair. Oh là là!

Die Lacroix-Reihe hat sich bei mir mittlerweile zu einem erfreulichen Lesepflichttermin entwickelt – ich komme an keiner Neuerscheinung mehr vorbei: Auch hier auf der Kulturbowle hatte ich schon „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ und „Lacroix und das Sommerhaus von Giverny“ vorgestellt.
Jetzt geht es also an die Seine in die Nähe von Notre-Dame und in das Milieu der Bouquinistes. Schon mal ein schöner Schauplatz, an dem sich Bücherliebhaber wie ich durchaus wohl und heimisch fühlen.

Lacroix muss in einem Mordfall ermitteln, denn ein Bouquiniste wurde tot aufgefunden und plötzlich merkt der Commissaire, dass für die Buchhändler an der Seine nicht immer die Sonne scheint. Auch dort wird mit harten Bandagen gekämpft und das Geschäft ist weit weniger romantisch als es zunächst erscheinen mag.
Bei seinen Ermittlungen befragt er auch ein Unikum der Szene: Den blinden Buchhändler, der ohne zu Sehen jedem das perfekte Buch empfiehlt.

„Er ist eine lebende Legende. Er erkennt die Kunden und ihre Charaktere an ihrem Gang und sucht ihnen dann aus seinem riesigen Angebot ein Buch aus, das zu ihnen passt. Keiner weiß, wie er das macht – aber sein Gefühl trügt nie. Man sagt, das Buch, das er einem schenke, habe das Zeug dazu, das Leben des Beschenkten zu verändern.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“, S.73)

Ärgerlich ist nur, dass sein Stammlokal das Chai de L’Abbaye, in dem er sich sonst gerne auch mit seinem Bruder, der Priester ist, auf ein Schwätzchen und meist befruchtenden Gedankenaustausch trifft, gerade renoviert wird und geschlossen hat. So muss er doch tatsächlich in der Pariser Gastro-Szene auf Entdeckungstour gehen und auf andere Lokalitäten ausweichen.

Bei diesem Krimi bekommt man definitiv ganz viel Paris: Man hört das Akkordeon der Straßenmusikanten im Hintergrund, stöbert in der Auslage der Bouquinistes an der Seine und sieht und riecht die blühenden Bäume – denn es ist Frühling. Ein Buch mit der Leichtigkeit eines Urlaubstags, welches das Leben für einen Moment unbeschwerter macht! Französische Krimischwerelosigkeit, die gut tut.

Ähnlich wohltuend und unterhaltsam ist auch Georges Simenon’s 50. Fall für Commissaire Maigret: „Maigret amüsiert sich“.

„Die Zeitungsmeldung hatte seinem Urlaub einen Sinn gegeben, und er war nicht versucht, in sein Büro zu gehen und die Sache in die Hand zu nehmen. Diesmal war er nur Zuschauer, und die Situation amüsierte ihn.“

(aus Georges Simeon „Maigret amüsiert sich“, S.20/21)

Maigret soll endlich mal ausspannen, seine Reisepläne zerschlagen sich und so verbringt er die freien Tage mit Madame Maigret zu Hause in Paris. Sie genießen die ruhigen Tage, spazieren durch die Stadt wie Touristen, speisen auswärts und besuchen Restaurants, die sie schon lange einmal ausprobieren wollten. Und ganz nebenbei erfährt der Kommissar von einem Mord im Ärztemilieu und beginnt zum Zeitvertreib heimlich und nur anhand der verfügbaren Zeitungsmeldungen und aufgrund von Presseberichten zu ermitteln. Ohne Stress zieht er im Hintergrund seine Strippen und schaut einfach mal, ob seine Kollegen auch ohne ihn klar kommen.

„Maigret besaß auch ein Radio, kam aber nie auf die Idee, es anzustellen.“

(aus Georges Simeon „Maigret amüsiert sich“, S.36)

Mittels Zettelchen und Briefchen nimmt Maigret Einfluss auf die Ermittlungen, mischt sich quasi anonym ein und hat einen Riesenspaß dabei. Schon durch diese ungewöhnliche Situation – Maigret hat Urlaub, sitzt zu Hause und ermittelt quasi durch Zeitunglesen und Ferndiagnose – hat dieser Band für mich einen besonderen Reiz.

Ich bin ohnehin immer wieder aufs Neue freudig überrascht, wie zeitlos und unterhaltsam diese Maigret-Krimis auch heute noch sind. Der Band ist immerhin aus dem Jahr 1957 – lange vor meiner Zeit. Das Jahr, in dem der erste Sputnik ins all geschickt, Rosemarie Nitribitt ermordet und Harald Schmidt geboren wird.

Auch dieser Maigret atmet eine gehörige Prise Urlaubsstimmung: gemütlich Zeitung lesen, Flanieren, gut essen – der Kommissar lässt es sich gut gehen und weiß das Leben zu genießen. Und seine Leser sind ähnlich entspannt und vergnügt wie er selbst. Ein grandioser, gemütlicher Maigret für Genießer und Flaneure!

Bei Simenon-Krimis kann man ja ohnehin nichts falsch machen und auch die Lacroix-Reihe ist mir mittlerweile wirklich ans Herz gewachsen.
Zudem finde ich auch die Aufmachung des Kampa-Verlags in beiden Fällen sehr gelungen und die Bücher machen sich optisch wirklich ausnehmend gut im Regal. Schön auch, dass sich das Grün der Kisten der Bouquinistes sogar in der Covergestaltung des neuen Lacroix-Bands widerspiegelt.

So bleibt mir noch ein Fazit zu ziehen: Zwei Krimis ganz nach meinem Geschmack und eine Lektüre mit der erwünschten Leichtigkeit, um sich einfach mal gut unterhalten zu lassen und etwas abzuschalten. Savoir Vivre, Lokalkolorit, gepflegte Kultur und Köpfchen statt blutiger Effekthascherei. Die Kulturbowle hat sich auf alle Fälle mit beiden Büchern prächtig amüsiert. Quel plaisir!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 7) auf der Liste: Ich möchte einen Krimi von Georges Simenon lesen. Auch wenn ein Maigret gefühlt ja irgendwie kein Maigret und sowieso immer viel zu schnell vorbei ist, habe ich den Punkt erst einmal abgehakt. Aber nach dem Maigret ist ja bekanntlich vor dem Maigret – ein bisschen was liegt schon noch auf meinem Stapel.

Buchinformationen:
Alex Lépic, Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame
Kampa
ISBN: 978-3-311-12541-9

Georges Simenon, Maigret amüsiert sich
Aus dem Französischen von Hansjörgen Wille, Barbara Klau und Oliver Ilan Schulz
Kampa
ISBN: 978-3-311-13050-5

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Frankreich-Krimis:

Für den Gaumen (I):
Commissaire Lacroix ist ein wirklicher Genießer und er liebt die chou farci in seinem Stammlokal bei Wirtin Yvette. Was das ist? Eine gefüllte Wirsingkohlroulade, z.B. gefüllt mit Hackfleisch und Esskastanien.
Zudem braucht er seinen regelmäßigen café serré, um klar denken zu können.
Was das ist? Eine sehr starke Kaffee-Variante bzw. ein Espresso, der mit der Hälfte des Wassers zubereitet wird – in Italien auch Ristretto genannt.

Für den Gaumen (II):
Und auch im Hause Maigret duftet es nach Essen, und zwar nach Kalbsbraten und Sauerampfer. Oder aber es gibt ein Glas Calvados und gegrillte Andouillette mit Pommes frites. Gehungert wird also auch beim Original sicher nicht.

Zum Weiterhören:
Beim Titel „Maigret amüsiert sich“ musste ich ständig an „Le roi s’amuse“ von Leo Délibes denken – schöne, feierliche Musik. Aber natürlich auch ein Theaterstück von Victor Hugo, das Grundlage für Giuseppe Verdi’s Oper Rigoletto wurde.

Zum Weiterlesen (I):
In einem Krimi, der sich um die Bouquinistes an der Seine dreht, gibt es natürlich unweigerlich auch Bezüge zu Literatur und Büchern. Und da Paris ja bekanntlich auch für Hemingway ein Fest war, bietet sich unter anderem ein Werk des Literaturnobelpreisträgers des Jahres 1954 an:

Ernest Hemingway, Der Garten Eden
Übersetzung von Werner Schmitz
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3499226069

Zum Weiterlesen (II):
Aber auch ein eher unbekanntes Werk wird gar von einem Bouquinistes verschenkt:

Hôtel du Nord ist in Frankreich nicht sehr bekannt, dabei ist es eine Liebeserklärung an den Pariser Norden, ein Werk über den Canal Saint-Martin, über seine raue Vergangenheit und eine Ode an eine längst vergessene Bar, die Geschichte von rauen, einfachen, aber allzu menschlichen Parisern, erzählt von Eugène Dabit. Hier nehmen Sie es, ich schenke es Ihnen.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und der blinde Buchhändler von Notre-Dame“, S.120)

Eugène Dabit, Hôtel du Nord
Aus dem Französischen von Julia Schoch
Schöffling
ISBN: 978-3-89561-166-7

Tantenalarm

New York in den späten Zwanziger Jahren – ein zehnjähriger Junge, der Waise wird und in die Obhut einer reichlich exaltierten Tante mit schillernder Persönlichkeit, aber auch einem sehr großen Herzen, gelangt. Die Bühne ist bereitet für die literarische Ausnahmeerscheinung Tante Mame, die ihresgleichen sucht: Patrick Dennis’ Roman „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955 ist eine humorvolle Komödie, die es sich wieder und neu zu entdecken lohnt.

„Er hatte keine Ahnung, was das Wort Persönlichkeit überhaupt bedeutet. Woher auch? Er war ja meiner Tante Mame nie begegnet.“

(S.8)

Der kleine Patrick lernt seine Tante, die nach dem Tod der Eltern seine Vormundschaft übernehmen soll, gleich in ihrer bevorzugten, natürlichen Umgebung kennen – auf einem rauschenden Fest in ihrer New Yorker Wohnung. In der nächsten Zeit hat der Zehnjährige einiges zu lernen und aufzuholen: in einem Vokabelheft notiert er sich all die sonderbaren, neuen Worte, die seine Tante verwendet und die seinen Wortschatz ab sofort erweitern sollen: Daiquiri, nymphomanisch, Ödipuskomplex, Strandhaubitze oder narzisstisch. Es gibt viel zu lernen für den Jungen, wenn er seine neue Bezugsperson besser verstehen möchte und auch die FKK-Schule, die seine Tante für seine persönliche Entwicklung am geeignetsten hält, wird zu einer einschneidenden Erfahrung.

Selbst der Börsencrash des Jahres 1929, bei dem Auntie Mame einen Großteil ihres Vermögens verliert, kann ihr nicht die Laune verderben. Dann verkauft sie eben Rollschuhe in einem Kaufhaus und angelt sich nebenbei zufällig einen reichen Verehrer. Mame versteht es, Parties zu feiern, sich mit interessanten Menschen zu umgeben, ist einem guten Drink nicht abgeneigt und sprüht vor Lebensfreude. Ihren Neffen liebt sie und hält auch während seiner Zeit im Internat, das die Treuhandgesellschaft als Verwalter seines Vermögens letztlich für ihn auswählt, und während seines Studiums mit ihm Kontakt. Wann immer möglich versucht sie, ihn in die bessere Gesellschaft einzuführen. Selbst die Brautschau für Patrick will sie natürlich nicht dem Zufall überlassen.

In zahlreichen Episoden und skurrilen, witzigen Situationen bahnt sich das Naturereignis Tante Mame unaufhaltsam ihren Weg durch die New Yorker High Society, die Künstlerszene oder das Milieu jagdfreudiger Südstaatler.

„Es war ein schrecklich lustiger Abend, und ich glaube, ich hatte zu tief ins Glas geschaut, jedenfalls habe ich Lindsay erzählt, was ich alles so gemacht habe, seitdem ich aus Buffalo weg bin, und er zeigte sich recht amüsiert, und plötzlich sagt er: ‚Warum schreiben Sie nicht ein Buch darüber, Mame?‘“

(S.143)

Das Buchprojekt endet ohne Ergebnis in einer Katastrophe, aber Tante Mame beschert es dennoch eine interessante Affäre mit einem jüngeren Mann und sie hat einige Zeit ihren Spaß. Auch das zarte Pflänzchen einer angestrebten Theaterkarriere wird im Keim erstickt, zumal sie bei ihrem ersten Bühnenauftritt mit unfreiwilliger Komik allen anderen Darstellern die Schau stiehlt und dem Stück dank unpassender Requisiten eine völlig unerwartete Wendung gibt, die nicht im Skript steht.

Doch Tante Mame wäre nicht Tante Mame würde sie sich unterkriegen lassen.
Zielstrebig stürzt sie sich in jedes Abenteuer, das sich bietet, und in nahezu alle Fettnäpfchen, die zu finden sind, scheitert krachend und mit Stil, um sich sofort wieder aufzurappeln, das Krönchen zu richten, die Nase zu pudern und … weiter geht’s! Auf zu neuen Ufern!

Mame lässt sich stets sofort für neue Ideen begeistern, ist sprunghaft und flexibel, doch so schnell sie für einen neuen Plan entbrennt, geht dieser meist auch wieder in Flammen auf.
Doch an einigen Stellen hört selbst für Tante Mame der Spaß auf, und zwar dann, wenn es um Rassismus und Antisemitismus geht. Hier beweist sie Haltung und bezieht klar Stellung – das sind starke Szenen im Roman, die man zwischen all dem Witz und Humor zunächst in der Deutlichkeit nicht erwartet hätte.

Der Neffe nimmt es mit Humor, liebt seine Tante trotz aller Eskapaden und Peinlichkeiten, bügelt den einen oder anderen Schnitzer für sie aus und erträgt all die öffentlichen Niederlagen, Szenen und unfreiwillig komischen Situationen meist mit stoischer Ruhe.

„Ich war mal wieder im Wunderland mit dir, wie üblich. Und jetzt fahre ich mit dem nächsten Schiff zurück nach New York.“

(S.388)

Ähnlich spektakulär und turbulent wie Auntie Mame’s Lebensgeschichte, liest sich auch die Vita des Autors selbst: Edward Everett Tanner III. (1921 – 1976), der unter dem Pseudonym Patrick Dennis bekannt wurde, gehörte in den 50er und 60er Jahren zu den meist gelesenen Autoren Amerikas, geriet dann jedoch in Vergessenheit und arbeitete gegen Ende seines Lebens als Butler (u.a. für den McDonald’s-CEO Ray Croc) – ohne dass seine Arbeitgeber wussten, wen sie da eigentlich beschäftigten.

Wer kennt Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)? Er war Journalist, Redakteur, Schriftsteller und Librettist und verfasste auch Reiseliteratur, doch jeder kennt wohl sein berühmtestes Zitat: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Gerade in diesen düsteren Zeiten können wir vermutlich alle etwas Humor, gute Laune und etwas zu Lachen gebrauchen. Daher kommt die Wiederentdeckung von Patrick Dennis’ „Darling!“, die im amerikanischen Original „Auntie Mame. An Irreverant Escapade“ heißt, vielleicht gerade zur rechten Zeit. Eine witzige literarische „Eskapade“ mit Esprit, die mich auf jeden Fall zum Lächeln, Grinsen, Schmunzeln und Lachen gebracht hat.

Dass der Autor reichlich dick aufträgt und für heutige Verhältnisse vielleicht nicht alles vollkommen politisch korrekt ist, sollte man im Hinblick auf das Erscheinungsjahr 1955 mit einer gewissen Großzügigkeit den zeitlichen Umständen zuschreiben.

Wer dem Leben also wieder einmal so richtig ins Gesicht lachen möchte, dem kann ich nur empfehlen, Tante Mame’s Bekanntschaft zu machen.
Ein Buch voller Lebenslust und Leichtigkeit, das beschwingt und beschwipst – und das ohne am nächsten Morgen einen Kater zu verursachen! Cheers!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Patrick Dennis, Darling! Meine verrückte Tante aus New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Stegers
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30023-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Patrick Dennis’ „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“:

Für den Gaumen:
Tante Mame ist durchaus trinkfreudig, zum Beispiel genehmigt sie sich gerne einen „Pink Whiskers“, also einen Cocktail aus Apricot Brandy, Wermut, Orangensaft, Grenadine und Creme de Menthe.
Doch auch die süße Note des Lebens darf natürlich nicht fehlen, zum Beispiel in Form eines Lady-Baltimore-Kuchens – ein mehrschichtiger, weißer Kuchen mit Nuss- und Fruchtfüllung sowie Zuckerguss.

Zum Weiterhören:
Auch musikalisch ist Auntie Mame für ihre Zeit extravagant unterwegs, so hört sie gerne Platten von Paul Hindemith (Symphonische Metamorphosen), aber auch von Bartók, Glasunow oder Meyerbeer.

Zum Weiterschauen und Weiterhören:
Der Neffe hingegen verehrt Fred Astaire, zum Beispiel den Song „They can’t take that away from me“, der bereits 1937 von George und Ira Gershwin geschrieben wurde.

„Unser Gott hieß Fred Astaire. Er war so, wie wir sein wollten: geschliffen, weltmännisch, lässig, mondän, intelligent, erwachsen, geistreich und klug. Wieder und wieder sahen wir uns seine Filme an, spielten seine Platten, bis sie abgenudelt und verkratzt waren, kleideten uns wie er, wenn wir uns trauten.“

(S.226)

Zum Weiterlesen:
Tante Mame liest durchaus gerne, zum Beispiel André Gide’s Roman „Die Falschmünzer“ oder Romane von Edith Wharton. 1921 erhielt die Autorin den Pulitzer Preis für „The Age of Innocence“ – ein Werk, das ich jetzt wohl auch mal auf meine lange „Das sollte ich irgendwann lesen“-Liste wandern lasse.

Edith Wharton, Zeit der Unschuld
Aus dem Amerikanischen von Andrea Ott
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2350-5

Paris – Stadt der Bücherliebe

Ich liebe Bücher über Menschen, die Bücher lieben und in Veronika Peters’ Roman „Das Herz von Paris“ darf man gleich mehrere Vertreterinnen dieser Spezies kennenlernen. Schauplatz ist die legendäre Buchhandlung Shakespeare and Company im Herzen von Paris im Jahr 1925 und der Roman beschert nicht nur eine wunderbare Zeitreise in die Stadt der Liebe der Zwanziger Jahre, sondern kann zugleich als Hommage an Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes gelesen werden.

„Sehr gut. Ich bin Sylvia. Kommen Sie herein, drinnen sind noch mehr zornige Frauen. Lassen Sie uns gemeinsam einen Tee trinken und das richtige Buch für Sie finden.“

(S.19)

Ann-Sophie von Schoeller – junge Ehefrau aus gutem Berliner Hause – verschlägt es gegen ihren Willen an der Seite ihres Ehemanns nach Paris. Sie hat sich fest vorgenommen, diese Stadt nicht zu mögen, in welcher ihr Mann als Anwalt in der Kanzlei seines Onkels Karriere machen möchte.
Widerstrebend fängt sie daher erst spät damit an, mit einem Baedeker bewaffnet die Stadt zu erkunden – schließlich wird es irgendwann doch langweilig in der kleinen Wohnung den ganzen Tag auf den Gatten zu warten. Bei einem ihrer Spaziergänge landet sie plötzlich zufällig in der Rue de L’Odéon. Vor einem englischen Buchladen namens Shakespeare and Company steht eine charismatische Frau in Männerkleidung und lädt sie ein hereinzukommen. Für Ann-Sophie ein Schritt in eine völlig andere Welt, der ihr Leben verändern wird.

„Willkommen in Odéonia, der freien Republik der Bücherliebenden, dem wahren Herzen von Paris!“ sagte Adrienne. „Hier wird Literatur nicht nur verkauft, sondern auch verliehen, verlegerisch begleitet sowie in eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Zeitschriften gefeiert. (…)“

(S.25)

Im legendären Buchladen der Verlegerin von James Joyce’s „Ulysses“ Sylvia Beach trifft sie auf starke, unabhängige Frauen, die ihr Leben emanzipiert und selbstbestimmt leben. Da wird gelesen, geraucht, diskutiert und abends auch gemeinsam ausgegangen und der eine oder andere Drink genommen. Auch Ann-Sophie, die bald beginnt, als Aushilfe im Laden zu arbeiten, merkt schnell, dass mehr in ihr steckt und sie mehr möchte, als ausschließlich die fügsame Vollzeit-Gattin zu spielen.

„Frauen wie Sylvia, Dunja, Janet und Adrienne übten selbst Berufe aus, statt von ihren Vätern oder Ehemännern abhängig zu sein. Sie reisten autonom durch aller Herren Länder, verkehrten mit erfolgreichen Schriftstellerinnen und mysteriösen Poeten-Genies, sie organisierten skandalträchtige literarische Soireen, gingen abends in ein Café und betranken sich, wenn ihnen danach war.“

(S.46)

Veronika Peters ist es gelungen, eine Handlung und eine Atmosphäre zu erschaffen, bei der man sofort selbst dabei sein möchte. Man will diese zauberhafte Buchhandlung und die starken, wunderbaren Frauen am liebsten selbst kennenlernen, mit ihnen über Bücher sprechen, ein Gläschen trinken und das französische, intellektuelle Savoir-Vivre genießen. Die Charaktere – viele entsprechen natürlich den realen, historischen Persönlichkeiten mit gewissen fiktiven Freiheiten – sind so sympathisch, dass einen die Geschichte sofort in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Schon parallel zur Lektüre war ich am recherchieren und Notizen machen, worüber ich mehr wissen will oder was ich weiter lesen möchte – eine wirklich inspirierende Lektüre.

„Du musst lesen! Literatur bestärkt und befreit eine geschundene Seele, führt ins Weite, bringt lang unterdrückte Emotionen an die Oberfläche, lässt uns über den eigenen beschränkten Horizont hinauswachsen!“

(S.54)

Sylvia Beach eröffnete die englischsprachige Buchhandlung Shakespeare and Company 1919 gegenüber dem Buchladen ihrer späteren Lebensgefährtin Adrienne Monnier und schloss diesen 1941 nach der Besetzung Paris’ durch die Deutschen im zweiten Weltkrieg. 1922 verlegte sie Ulysses von James Joyce und ihr Laden galt als Treffpunkt der Literatur- und Kunstszene. Im Roman begegnen wir ihr gemeinsam mit der Hauptfigur Ann-Sophie im Jahr 1925.

Auch wenn das eine oder andere im Roman vielleicht etwas idealisierend oder verklärt beschrieben wird, tut dies der Lesefreude keinerlei Abbruch. Es ist ein Buch über Emanzipation, über starke, unabhängige Frauen, über Selbstverwirklichung, Literatur und Schriftstellerei, sowie eine Welt im Wandel.

„Das Herz von Paris“ ist ein Herzensbuch für BücherliebhaberInnen – so trostspendend wie eine Badewanne voller Schaum oder die Lieblingskuscheldecke auf der Couch. Ein Buch zum Reinlegen und genießen. Beim Lesen fühlt man sich wie bei einem gelungenen Mädelsabend mit guten Freundinnen und es ist schade, wenn die letzte Seite umgeblättert und das Vergnügen schon wieder vorbei ist.
Eine herzerwärmende Hymne über Paris, den Zauber von Buchläden und die erstaunliche Kraft der Literatur, Menschen zu ändern.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 10) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Paris als Schauplatz lesen. Doch mein nächster literarischer Besuch in der französischen Hauptstadt wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen – es liegt schon weitere Paris-Lektüre auf meinem Stapel bereit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Veronika Peters, Das Herz von Paris
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30019-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Veronika Peters’ „Das Herz von Paris“ :

Für den Gaumen:
Einen ziemlich stilvollen, aber ordentlichen Absturz beschert den Damen und insbesondere Ann-Sophie der Genuss eines klassischen Pariser Cocktails – dem Monkey Gland. Laut Wikipedia ein „alkoholhaltiger Cocktail aus Gin, Orangensaft, Absinth und Grenadine“, der erstmals in den 1920er Jahren in Paris zubereitet wurde – das Rezept der International Bartenders Association findet sich ebenso bei Wikipedia.

Zum Weiterlesen (I):
Rimbaud’s „Le bateau ivre“ spielt im Roman ebenso eine Rolle wie die Werke von Colette oder James Joyce. somit ist der Roman über den legendären Pariser Buchladen natürlich voll von neuen Inspirationen und Leseanregungen.

Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff
Übersetzt von Paul Celan
Insel Bücherei 1300, Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-19300-5

Zum Weiterlesen (II):
Nach der Lektüre ist zudem ein ganz klares „Muss ich unbedingt lesen“-Buch auf meine Wunschliste gelangt: Sylvia Beach’s eigenes Buch über ihren Buchladen in Paris „Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris“. Ich möchte definitiv noch mehr über diesen legendären Buchladen, das Paris der Künstler und Schriftsteller und die Buchhändlerin und Verlegerin erfahren – eine spannende Persönlichkeit.

Sylvia Beach, Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris
Aus dem Amerikanischen von Lilly von Sauter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-37323-1

Krimiperle neu entdeckt

Gute Krimis können große Lesefreude bereiten und wenn man einen richtig guten Kriminalroman einer bislang unbekannten Autorin für sich entdecken kann, dann ist das pures Lesevergnügen. So passiert ist mir dies mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ (Originaltitel: The Franchise Affair) aus dem Jahr 1948, der beweist, welche hohe Güte sich Krimiklassiker über viele Jahrzehnte bewahren können ohne etwas von ihrem Reiz einzubüßen.

Milford ist ein ruhiges Provinzstädtchen auf dem englischen Land. Robert Blair führt dort als Anwalt ein friedliches Leben ohne große Aufregungen, bis eines Tages kurz vor Feierabend sein Telefon läutet. Marion Sharpe, die vor kurzem mit ihrer Mutter ein einsam gelegenes Anwesen in der Nähe bezogen hat, bittet aufgeregt um seine Hilfe. Scotland Yard ist im Haus und beschuldigt sie eines unerhörten Verbrechens. Ein 15-jähriges, ihnen völlig unbekanntes Mädchen behauptet, die beiden Damen hätten sie entführt, in einer Dachkammer ihres Hauses gegen ihren Willen einen Monat lang festgehalten und körperlich misshandelt.
Ein Vorwurf, der leicht zu entkräften wäre, könnte das Mädchen nicht jedes Detail im Inneren des Hauses exakt beschreiben. Wie kann das sein?

Schnell steht Aussage gegen Aussage, die Presse bekommt von der Sache Wind, eine Hexenjagd auf die Sharpes beginnt und Robert Blair, der das Mandat zunächst am liebsten abgelehnt hätte, muss plötzlich in einem mysteriösen und undurchsichtigen Fall selbst ermitteln, um die Unschuld seiner Mandantinnen zu beweisen.

„Das ist das erste Mal, dass Sie bitter klingen.“
„Klang es bitter?“
„Der reine Angostura.“

(S.88)

Ich mag die Figurenzeichnung von Josephine Tey: der schnöselige, leicht überspannte Cousin Nevil mit seinem für die britische Provinz ungewohnten Kleidungsgeschmack, die patente, lebenstüchtige und gottesfürchtige Tante Lin, die voller Überzeugung die Probleme ihres Neffen durch Gebete in der Dorfkirche zu lösen versucht. Auch Mutter und Tochter Sharpe sind in ihrem zurückgezogenen, eigenbrötlerischen Frauenhaushalt sehr plastische Charaktere – ausgestattet mit einer ordentlichen Prise Zynismus im Falle der Mutter und einer attraktiven Ausstrahlung der Tochter, welcher die Männer reihenweise zu erliegen scheinen.

Und natürlich – last but not least – die Hauptfigur Robert Blair dessen gleichförmiges, geruhsames und unspektakuläres Anwaltsleben, das bislang geprägt war von unaufgeregten Schreibtischtätigkeiten und regelmäßigen Testamentsänderungen älterer Damen, plötzlich durch einen Anruf und den Hilferuf einer verzweifelten Frau völlig aus den Fugen gerät. Ein sehr menschlicher und sympathischer Held, den man dabei begleiten kann, wie er über sich hinauswächst, auf einmal völlig neue Seiten an sich selbst entdeckt und das Leben intensiver spürt als jemals zuvor.

Auf gewisse Weise very British – so lernt man zum Beispiel, dass Tweed nicht gleich Tweed ist oder welche Spuren die englische Geschichte in den Baustilen der Häuser hinterlassen hat – hat Josephine Tey einen subtilen, spannenden Krimi geschrieben, der vor allem Krimifans gefallen wird, die einen klugen Romanaufbau und eine überraschende Wendung einer blutrünstigen, effekthascherischen Handlung vorziehen.

Beim Lesen vergisst man nicht nur die Zeit um sich herum, denn der Krimi liest sich herrlich flüssig wirklich wie im Flug, sondern auch, dass der Roman aus dem Jahr 1948 schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat. Ein klassischer, raffinierter Krimi, der auch heute noch begeistern kann. Eine zeitlose Krimiperle und für mich wirklich eine wunderbare Entdeckung, zumal ich die Autorin vorher noch nicht kannte. Mit mir hat sie nun eine weitere begeisterte Leserin mehr und ich freue mich schon auf weitere Krimis aus ihrer Feder.

Ein Krimi ohne Leiche, dafür mit einer großen Portion Charme und Esprit, mit pointiertem Witz und feinem, britischen Humor, der für gepflegte und kurzweilige Unterhaltung sorgt. Da kann man jeden Fernsehkrimi getrost links liegen lassen und lieber zu diesem Buch greifen.

Die in Schottland geborene Josephine Tey (Pseudonym für Elizabeth MacKintosh; 1896 – 1952) verstarb bereits im Alter von nur 55 Jahren. Ihren Fans hat sie acht Kriminalromane hinterlassen. Und obwohl sie – ähnlich wie Agatha Christie – auch fürs Theater schrieb (hier unter dem Namen Gordon Daviot), sind es auch bei ihr die Krimis, für die sie der Nachwelt besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Mit Freude habe ich dem Klappentext entnommen, dass der wohl bekannteste Krimi von Josephine Tey „Alibi für einen König“ (Originaltitel: „The Daughter of Time“) beim Kampa Verlag auch in Vorbereitung ist. Dieser wurde von der englischen „Crime Writer’s Association“ zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt – das ist doch noch ein weiterer guter Grund dafür, diesen bei Erscheinen ebenfalls zu lesen.

Mit Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“ habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 18) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, einer für mich neuen Autorin lesen. Eine wunderbare Neuentdeckung für mich und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Josephine Tey gewesen sein, das ich gelesen habe.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kueck’s Leselust.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Josephine Tey, Nur der Mond war Zeuge
Aus dem Englischen von Manfred Allié
Kampa
ISBN: 978 3 311 30025 0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Josephine Tey’s „Nur der Mond war Zeuge“:

Für den Gaumen:
Mutter und Tochter Sharpe haben eine besondere Vorliebe für guten Sherry.
Der Amontillado – benannt nach der spanischen Region Montilla in Andalusien, den sie ihren Gästen servieren, scheint wahrlich exquisit zu sein.

„Wir sind zwar sparsam, aber wir sparen nicht am Wein“ (S.62)

(S.62)

Dagegen wirkt der Butterkuchen, für den Robert seinem Hausmädchen „bis ans Ende der Welt folgen“ (S.70) würde, geradezu einfach und bodenständig.

Zum Weiterschauen:
Alfred Hitchcock verfilmte bereits 1937 einen Stoff von Josephine Tey. Sein Film „Jung und unschuldig“ („Young and innocent“) basiert auf Tey’s Kriminalroman „A Shilling for Candles“ (auf deutsch als „Klippen des Todes“ erschienen). Gesehen habe ich diesen Hitchcock noch nicht, aber ich werde mal die Augen danach offen halten.

Zum Weiterlesen:
Wer Gefallen an Krimiwiederentdeckungen aus Großbritannien hat, dem kann ich auch Susan Hill’s „Schattenrisse“ empfehlen, den ich letztes Jahr hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Der Auftakt der Serie mit Inspector Serrailler ist ebenso lesenswert und macht einmal mehr klar, wie viele erstklassige Krimiautorinnen die britische Insel zu bieten hat.

Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6

Patchwork-Papas

Christian Schnalke, der mir bisher vor allem als Autor der wunderbaren historischen Romane „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“ begegnet ist, hat sich nun mit dem einfühlsamen Roman „Louma“ von einer vollkommen neuen Seite präsentiert. Ein Wagnis, das sich aus meiner Sicht absolut gelohnt hat.

„Louma“ ist die berührende Geschichte einer Patchwork-Familie, die durch den Tod der Mutter das verbindende Zentrum verliert – vier Kinder – je zwei von unterschiedlichen Vätern – bleiben nach dem Tod der Mutter zurück und müssen lernen, mit der Trauer und der neuen Situation umzugehen.

„Lou war natürlich die Sonne. Sie hatte ein eigenes Licht. Sie versorgte die Kinder – und alle, mit denen sie in Berührung kam – mit Energie. In ihrem Licht konnten sie gedeihen und wachsen und Früchte tragen. In ihrer Nähe konnte auch er leuchten. Für die Kinder da sein, ihren Schlaf behüten und ihre Träume inspirieren. Aber nun war die Sonne verschwunden.“

(S.284)

Als Louma plötzlich stirbt, ist das Leben ihrer Kinder Toni, Fabi, Fritte und Nano völlig aus der Bahn geraten. Wie soll es weitergehen? Werden Toni und Fabi von nun an bei ihrem leiblichen Vater Tristan leben, der als Workaholic und erfolgreicher Betreiber einer erfolgreichen Franchise-Café-Kette eigentlich kaum Zeit für sie haben wird und sie zudem von ihren geliebten, jüngeren Halbgeschwistern Fritte und Nano trennen würde?

„Wie konnte man den Rest dieser Familie auch noch auseinanderreißen? Wieso sollten diese Kinder nach ihrer Mutter nun auch noch zwei ihrer Geschwister verlieren?“

(S.38)

Mo – der zweite Ehemann Louma’s und Vater von Fritte und Nano – kann sich dies als „Familientier“ nicht vorstellen. Er möchte die Familie und die Geschwister unbedingt zusammenhalten und gibt sich alle Mühe, die große Lücke, welche Louma’s Tod gerissen hat, zu füllen.
Doch bald schon reift die unglaubliche Idee, dass Tristan doch zu ihnen ziehen könnte – eine Zweck-WG, um die Familie in der schweren Zeit erst einmal vereint zu lassen.

„Um das ein für alle Mal klarzustellen: Tristan ist nicht für Louma hier eingezogen. Sondern für euch. Für mich, für sich selbst. Wir werden etwas Neues sein. Nicht der übrig gebliebene Teil von etwas Altem.“

(S.138)

Dass das neue Familienleben unter einem Dach aufgrund der Lebenseinstellungen und Charaktere von Mo und Tristan, welche unterschiedlicher kaum sein könnten, und der vier Kinder, die alle mit eigenen Problemen zu kämpfen haben und den Verlust der Mutter auf unterschiedliche Art und Weise verarbeiten, turbulent wird und genug Potenzial für Konflikte und Reibereien bietet, wird schnell klar.

Tristan, der als erfolgreicher, dauerarbeitender Yuppie aufgrund seines Ehrgeizes und seiner Selbstdisziplin finanziell wohlsituiert ist und versucht, vieles mit Geld zu lösen, trifft auf Mo, hinter dessen rauer, tätowierter Schale ein sensibler Kern steckt, der sich mit einem schlechtbezahlten Nebenjob über Wasser hält und sich vor allem 24 Stunden am Tag um das Wohl der Kinder zu kümmern versucht.

Tristan’s Kinder Toni und Fabi, die bereits heftig in den Wirren der Pubertät stecken: Tochter Toni, die sich auf einen Auslandsaufenthalt gefreut hatte, welcher nun ins Wasser gefallen ist und sich zu allem Übel auch noch zum ersten Mal so richtig in Nick aus ihrer Schule verliebt hat und Fabi, der sich nach dem Tod der Mutter immer mehr zurückzieht und Stunde um Stunde spielend vor seinem Computer verbringt.

Und Mo’s Kinder – die schmächtige, zerbrechliche Fritte, die mit einem Herzfehler zur Welt kam und doch versucht, stets die Starke in der Familie zu sein und der Kleinste genannt Nano, der neben dem Verlust der Mutter auch noch den geliebten Familienhund Hummel vermisst, der verschwunden ist und den er verzweifelt sucht.

Es sind die Figuren, die einem schon ab der ersten Seite und der ersten Szene – um der verstorbenen Mutter am Tag der Beerdigung weiter nah sein zu können, zelten die Kinder mit Mo verbotenerweise nachts auf dem Friedhof – ans Herz wachsen. Und es ist die ehrliche, unverblümte Sicht darauf, dass alle Figuren etwas zutiefst Menschliches und ihre Stärken und Schwächen haben – niemand ist perfekt und selbst die verstorbene Mutter Louma wird trotz aller Trauer nicht uneingeschränkt posthum glorifiziert.

Der Autor ist selbst Vater von drei Söhnen – er weiß, wovon er schreibt. Es ist diese absolut glaubwürdige Schilderung der großen und kleinen Alltagssorgen, der Familienzwistigkeiten, Pubertätsprobleme und auch die konfliktbeladene Konkurrenzsituation zwischen den beiden Vätern, welche die Lektüre so authentisch und lebendig machen. Der fast ganz normale Wahnsinn des Familienlebens – der oft genug auch zum Schmunzeln ist. Es ist berührend zu lesen, wie sich Kinder und Väter gegenseitig versuchen, aus der Trauer zu ziehen.

Dass Schnalke, der auch Drehbuchautor ist, es virtuos versteht, grandiose und stimmige Dialoge zu schreiben, die wie mitten aus dem Leben gegriffen sind, hat er schon bei seinen historischen Romanen unter Beweis gestellt. In „Louma“ wird dies für mich aufgrund der vielen, unterschiedlichen Charaktere und der überwiegend jugendlichen Figuren sowie dem damit verbundenen Erzähltempo noch augenfälliger. Im Roman geht es Schlag auf Schlag, die Szenen und Dialoge sitzen perfekt und die Geschichte plätschert trotz der knapp 400 Seiten in keinem Moment dahin. Vielmehr entfacht sie einen Sog, der einen das Buch, nachdem man einmal begonnen hat, nur noch ungern weglegen lässt.

Und wie auch bei den anderen Büchern Schnalke’s stellte sich bei mir sofort wieder das Gefühl und der Gedanke ein, dass es wie geschaffen für eine Verfilmung wäre. Man kann sich die Geschichte sofort auf der Leinwand oder dem Bildschirm vorstellen und spielt im Geist schon mit einer möglichen Idealbesetzung der Rollen – Kopfkino vom Feinsten.

„Louma“ ist ein berührender und warmherziger Roman über ernste Themen, über Trauer und Verlust, welche der Autor stets respektvoll, aber auch humorvoll umgesetzt hat. Ein Buch über Patchwork-Familien, aber vor allem auch über das „füreinander dasein“ und die tröstliche Kraft der Familie – von Freundschaft und Liebe.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Louma
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30011-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Schnalke’s „Louma“:

Für den Gaumen:
Wenn gar nichts mehr geht, gehen bei Kindern (und auch bei mir) immer Spaghetti – und so auch in diesem Roman:

„Mo hatte eingekauft, und Toni und Nick hatten eine große Schüssel Spaghetti gekocht. Mit mehreren verschiedenen Soße für Vegetarier, Nichtvegetarier und Nichtgemüsemöger.“

(S.394)

Zum Weiterhören:
Bereits auf dem Umschlag wird eines der schönsten Zitate aus dem Roman zitiert, welches Louma als Sonne bezeichnet:

„Im Planetensystem der Familie war Louma die Sonne gewesen. Ohne Louma waren sie den Fliehkräften schutzlos ausgeliefert. Die Planeten schossen haltlos in die Dunkelheit hinaus.“

(vgl. S.228)

Daher ging mir während der Lektüre folgender Ohrwurm von Bill Withers aus dem Jahr 1971 nicht mehr aus dem Kopf: „Ain’t No Sunshine“

Zum Weiterlesen:
Wer wie ich auf den Geschmack des packenden und lebendigen Erzählstils von Christian Schnalke gekommen ist und ein Faible für historische Romane hat, dem seien seine beiden Bände um Franz Wercker „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“, den ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, wärmstens empfohlen.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

British Crime Time

Ein etwas verregneter Sommer mit viel Lesezeit auf der Couch, da kann man schon Lust auf einen klassischen, britischen Kriminalroman und eine gute Tasse Tee bekommen. Susan Hill’s Krimi „Schattenrisse“, welcher den Auftakt zu ihrer mittlerweile elfbändigen Reihe um Inspector Simon Serrailler bildet, eignet sich hierzu hervorragend. Den Tee gekocht, die Decke geschnappt und gemütlich in Leseposition gekuschelt und schon kann es losgehen.

Lafferton ist ein kleines, gemütliches Städtchen mit einer Kathedrale und idyllischen viktorianischen Straßenzügen. Beim Recherchieren stellte sich heraus: ein fiktiver Ort, der so nicht auf der Landkarte zu finden ist, aber die sympathischen und typischen Züge einer britischen Kleinstadt trägt, die sofort vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt annimmt.

Die Polizistin Freya Graffham ist frisch geschieden und neu nach Lafferton gezogen. Ihre gescheiterte Ehe, London und die Met hat sie hinter sich gelassen und erhofft sich nun einen ruhigeren Neustart fernab der Großstadtkriminalität. Schnell findet sie Anschluss im Ort, beginnt in einem Chor mit zu singen und sich sozial zu engagieren. Neben Drogendelikten beschäftigt sie sich vor allem mit einigen Vermisstenfällen, die Rätsel aufgeben und im Laufe der Ermittlungen gewisse Parallelen aufweisen. Selbst als ihr Vorgesetzter Inspector Simon Serrailler, in den sie sich mittlerweile rettungslos verliebt hat, sie für einige Zeit von diesem Fall abzieht, lässt sie das Schicksal der verschwundenen Frauen nicht los.

Simon Serrailler ist ein Feingeist und attraktiver Mann, der sich allerdings nicht immer in die Karten schauen lässt und wohl schon zahlreiche Frauenherzen gebrochen hat. Vielmehr lebt der Alleinstehende seine heimlichen Talente im Verborgenen aus – so zeichnet er, da er an der Kunstakademie abgelehnt wurde, nun für sich und schafft dennoch unter Pseudonym Kunstwerke, die sich sehen lassen können. Die Kunst ist sein Ausgleich zum fordernden Polizeiberuf, den ihm sein Vater bis heute verübelt, der ihn gemäß der Familientradition viel lieber im Arztberuf gesehen hätte.

Diesen hat jedoch seine Drillingsschwester Cat ergriffen, die ebenfalls eine zentrale Rolle im Roman spielt und gerade voller Sorge versucht, einigen Quacksalbern und unseriösen Wunderheilern das Handwerk zu legen.
So verknüpft Hill geschickt unterschiedliche Handlungsstränge und Perspektiven und webt so einen abwechslungsreichen Geschichtenteppich, der trägt und sehr flüssig zu lesen ist.

Freya Graffham ist eine Figur, die großes Identifikationspotenzial bietet und mit der man als Leser mitfiebert und mitleidet. Lediglich eine Szene machte mir klar, dass wohl doch erhebliche Unterschiede zwischen ihr und mir bestehen:

„Sie stellte den Fernseher an, schaltete von einer Gartensendung zu einer über Häuserkauf und einem europäischen Fußballspiel um, stellte den Fernseher wieder aus. Mit der Tageszeitung war sie durch, und sie hatte kein neues Buch zum Lesen. Sie trank ihren Wein aus und zog das Telefon näher zu sich.“

(S.319)

Kein neues Buch zu lesen? Eine für mich vollkommen unvorstellbare Situation – das könnte mir nicht passieren.

Die Personen und Charaktere des Romans bilden einen typischen Querschnitt der Bewohner einer Kleinstadt – Menschen von nebenan: eine von Akne geplagte junge Frau mit mangelndem Selbstbewusstsein, eine verzweifelte Witwe, die nach vierzig Jahren Ehe ihren Mann verloren hat und sogar ein Medium aufsucht, um wieder mit ihm in Kontakt zu treten, patente Nachbarinnen, die mit Rat, Tat, Tee und Scones zur Seite stehen – Susan Hill versteht es, lebensechte und glaubwürdige Personen zu entwickeln. Dass sie als Autorin von Geistergeschichten auch ein paar übersinnliche Elemente einbaut, gehört zu ihrer persönlichen Note.

Very british – und ein richtiger Krimi-Schmöker, der sich Zeit für die Figuren und die Handlung lässt. Nicht atemlose Spannung oder blutige Verbrechen stehen im Mittelpunkt, sondern die Autorin erzählt einfach eine gute Geschichte, die packt, unterhält und doch mit einer unerwarteten Wendung aufwartet. So ist es nachvollziehbar und verständlich, dass sich aus diesem Auftakt aus dem Jahr 2004 (der 2005 bereits unter dem Titel „Der Menschen dunkles Sehnen“ bei Knaur auf deutsch erschienen ist und jetzt durch den Kampa Verlag eine schön gestaltete Neuauflage erfährt) mittlerweile eine erfolgreiche Reihe um Inspector Serrailler entwickelt hat.

Auch während ich diesen Beitrag schreibe, schüttet es gerade wieder in Strömen – dieser Sommer möchte seinem Namen leider immer noch keine rechte Ehre machen. Die nächste Gelegenheit für einen weiteren Tee-Couch-Krimi kommt also bestimmt. Susan Hill kann ich dafür wärmstens empfehlen – bei ca. 550 Seiten kann man da schon einige verregnete Nachmittage und Abende schmökernd verbringen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Susan Hill’s „Schattenrisse“:

Für den Gaumen:
Der Krimi beginnt in der Vorweihnachtszeit und so werden unter anderem die nötigen Einkäufe und Zutaten für den klassischen Plumpudding thematisiert. Ein britisches Weihnachtsgericht, das traditionellerweise am ersten Weihnachtsfeiertag nicht auf der Festtafel fehlen sollte – süß und gehaltvoll.

Zum Weiterhören oder -singen:
Frey Graffham, die neue Kollegin von Inspector Serrailler, ist eine begeisterte Chorsängerin. Der Besuch des Konzerts von Händel’s „Messias“ inspiriert sie, sich wieder einem Chor anzuschließen und selbst sängerisch aktiv zu werden.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Vermutlich hätte ich nicht zu Susan Hill’s Krimi gegriffen, wenn ich nicht 2018 im Landestheater Niederbayern das grandiose Theaterstück „Die Frau in Schwarz“ gesehen hätte, das im Londoner Westend zum Dauerbrenner wurde und dort bezüglich der Laufzeit nur von Agatha Christie’s „Mausefalle“ übertroffen wird. Dieses erfolgreiche Gruselstück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Susan Hill aus dem Jahr 1983.

Zum Weiterlesen:
Beim Stichwort Kathedrale kam mir unweigerlich Ken Follett’s Klassiker „Die Säulen der Erde“ ins Gedächtnis, der mittlerweile schon stolze 32 Jahre auf dem Buckel hat. Und wer hat diesen weit über 1000 Seiten starken, historischen Schmöker und all die Dramen um den Bau der Kathedrale des ebenfalls fiktiven Kingsbridge nicht gelesen bzw. verschlungen?

Ken Follett, Die Säulen der Erde
Aus dem Englischen von Gabriele Conrad, Till Lohmeyer und Christel Rost
Lübbe
ISBN: 978-3-404-17812-4

Im Duett: Lazare und Lacroix

Sommerzeit ist Krimizeit und wer zumindest durch die Lektüre ganz ohne Infektionsrisiko nach Frankreich verreisen möchte, der hat mit den zwei Kriminalromanen, die ich heute vorstellen möchte, eine sehr gute Gelegenheit.

Bei Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ handelt es sich um den zweiten Band seiner Reihe um den in Südfrankreich ermittelnden Kommissar Lazare. Alex Lépic hat mit „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“ mittlerweile den vierten Band der Commissaire Lacroix-Reihe vorgelegt.

Beide Krimis spielen in Frankreich, beide wurden von deutschen Autoren verfasst, die jedoch auch seit längerem Teile ihres Lebens in Frankreich verbringen oder verbracht haben und somit wissen, worüber sie schreiben. Und dennoch könnten sie auch kaum unterschiedlicher sein, denn während Hültner einen eher düsteren, sozialkritischen und hochbrisanten, aktuellen Krimi verfasst hat, so ist der neue Lacroix von Alex Lépic (dem Pseudonym, hinter welchem sich Alexander Oetker verbirgt) eine sommerlich-leichte Krimiunterhaltung, die auf sympathische Weise fast aus der Zeit gefallen wirkt.
Und auch die Schauplätze zeigen Frankreich in seiner Diversität: Lazare ermittelt im südfranzösischen Ort Sète, der auch als Venedig Südfrankreichs gilt und Lacroix verschlägt es dieses Mal ausgehend von seiner Heimatstadt Paris ins malerische Giverny in der Normandie.

Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ beginnt mit einem verschwundenen Mädchen. Eine junge Muslimin wird als vermisst gemeldet und während man zunächst von einer Radikalisierung und einem freiwilligen Verschwinden ausgeht, vermutet Lazare schon bald andere Gründe dahinter.
Als sich Lazare dazu entscheidet, dem Bauernhof La Farette in den Bergen einen Besuch abzustatten, den er geerbt hat und auf dem sein zunehmend kauziger Onkel immer noch lebt, überschlagen sich schon bald die Ereignisse.

„Der Schlüssel zu diesem Rätsel sei der Hofname, hatte er erklärt, La Farette deutete auf die Existenz eines mittelalterlichen Signalturms, in der Volkssprache Phare oder Fare genannt. Dieser war Teil eines an der Küste beginnenden Warnsystems mit Leuchtfeuern und Rauchsignalen, mit dem die Ankunft kriegerischer Sarazenen oder anderer feindlicher Truppen binnen kurzer Zeit bis tief ins Landesinnere übermittelt werden konnte.“

(aus Robert Hültner „Lazare und die Spuren des Todes“; S.164/165)

Denn in der näheren Umgebung scheint es zu einer mysteriösen, radioaktiven Verunreinigung von Böden gekommen zu sein – ein Bauer fühlt sich betrogen und steht vor dem Ruin. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig und Spuren führen unter anderem auch in den katalanischen Untergrund.

Hültner hat vieles an Themen in seinen Krimi hineingepackt und ein intensives, düsteres Szenario entworfen, das stellenweise geradezu kammerspielartig anmutet und spannend zu lesen ist, jedoch auch eine gewisse Konzentration erfordert.
Geschichtliche Hintergründe, eindrucksvolle Beschreibungen des Landstrichs und seiner Bewohner bereichern und machen diesen Krimi zu einer intelligenten Lektüre, die nicht nur unterhält, sondern auch bildet.
Nicht umsonst wurde Robert Hültner bereits mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis und auch dem Glauser-Preis ausgezeichnet.

Szenenwechsel in die sommerliche, sonnige und lichtdurchflutete Normandie und zu Alex Lépic’s „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“:
Es ist August: Paris liegt nahezu ausgestorben in der Sommerhitze, weil die Bewohner alle in den Urlaub gefahren sind und der Stadt den Rücken gekehrt haben. Für Lacroix würde dies eine ruhige Zeit bedeuten, wäre da nicht die mondäne, gut betuchte Society-Lady Madame de Touquet, die ihn in einer sehr persönlichen Gelegenheit um seine Hilfe bittet.

Sie hegt den unfassbaren Verdacht, dass jemand aus ihrer Familie sie mit geringen, aber regelmäßigen Dosen von Arsen vergiften möchte. Den finalen Showdown bzw. Giftanschlag erwartet sie beim großen, jährlichen Familien-Sommerfest im prachtvollen Sommerhaus in Giverny und lädt daher kurzentschlossen Lacroix mitsamt Gattin dazu ein. Er soll sie schützen und herausfinden, ob ihr Verdacht begründet ist und welches Familienmitglied ihr nach dem Leben trachtet.

Das idyllische Giverny, welches vor allem für das Haus und den Garten Claude Monet’s bekannt ist, in welchem der Seerosenteich ihn zu den weltbekannten Gemälden inspirierte, wird so zum Schauplatz einer Tragödie, denn schon bald gibt es ein Mordopfer und die Anzeichen deuten klar auf eine Arsenvergiftung hin…
Mord und Totschlag kommt offenbar auch in den besten Familien vor.

„Das Hupen der Taxis, das Klingeln der Busse, das Geplauder auf dem Trottoir um ihn herum – das alles gab ihm Kraft und hegte ihn ein wie ein vertrauter Kokon. Ja, Paris war Balsam für seine Seele. Wenn er Ruhe hatte, wenn die Tage lang waren, wenn er lesen und nachdenken konnte, war Giverny ideal, weil ihn dort der Ort belebte, befreite, erfrischte. Doch in Zeiten, in denen er in einem Fall ermittelte, wenn es in seinem Kopf raste, wenn er dringend Antworten finden musste, dann tauchte er lieber in Paris unter und fand dadurch genau die Inspiration, die am Ende den Ausschlag gab.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“; S.137)

Dieser Krimi kann als eine Hommage an die traditionellen Krimis von Agatha Christie und Georges Simenon gelesen werden. Mit dem gewählten Setting (einer Familienfeierlichkeit in einem prunkvollen Sommerhaus), den auftretenden Figuren, die im engeren Familienkreis eine abgeschlossene und übersichtliche Gruppe von Verdächtigen bilden und der Wahl von Arsen als Mordwerkzeug, hat Lépic hier einen herrlich und auf liebenswürdige Art altmodischen Kriminalroman geschrieben, der Fans dieses Genres an gute alte Zeiten erinnert.
Eine leichte, vergnügliche und kurze Krimi-Lektüre für einen lauen Sommerabend auf dem Balkon oder der Terrasse.

Zwei Frankreich-Krimis, welche jedoch jeweils eine völlig andere Art des Kriminalromans verkörpern und so die Vielfalt und die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten dieses Genres aufscheinen lassen. Dass diese auch polarisieren können, nicht die selbe Klientel bedienen und daher unter Umständen nicht beide jedermanns Geschmack treffen werden, versteht sich von selbst. Mich haben beide jedoch blendend unterhalten.

Buchinformationen:
Rober Hültner, Lazare und die Spuren des Todes
btb
ISBN: 978-3-442-75659-9

Alex Lépic, Lacroix und das Sommerhaus in Giverny
Kampa
ISBN: 978 3 311 12540 2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Frankreich-Krimis:

Für den Gaumen:
Während Hültner’s Lazare auf bodenständige Küche und sehr regionaltypische Produkte, die auf dem Wochenmarkt gehandelt werden, wie zum Beispiel „auf die in Vergessenheit geratenen Crochu-Bohnen, auf gelbe und schwarze Tomaten, auf Erdbeerspinat und alte Rüben- und Kohlsorten“ (S.45/46) Bezug nimmt, so erfährt man bei Alex Lépic’s Lacroix, dass es sich bei einer „Piscine“ um den Frevel eines geeisten Champagners handelt und speist „Paris-Brest-Törtchen“ (ein Rezept und die Geschichte dazu findet man auf dem Blog Typisch Französisch! von Véronique).

Zum Weiterschauen (I):
Kommissar Lacroix und seine Gattin weilen gerne im Örtchen Giverny, das weltbekannt ist durch das Haus und den Garten von Claude Monet. Das berühmteste daran? Vermutlich der Seerosenteich und die dadurch inspirierten Gemälde des großen Impressionisten. Eins der Seerosen-Gemälde Monets ist auf der Website der Münchner Pinakotheken zu sehen.

Zum Weiterschauen (II):
Alex Lépic’ Lacroix-Krimi und das im Roman verwendete Arsen starteten bei mir sofort ein regelrechtes Kopfkino. In der Spielzeit 2018/2019 spielte mein Heimattheater – das Landestheater Niederbayern – eine großartige Inszenierung der Boulevardkomödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ – ich sehe daher sofort die beiden tollen Darstellerinnen der mordlustigen, alten Damen Abby und Martha vor meinem inneren Auge. Herrlich! Aber da das Stück leider nicht mehr gespielt wird, kann man natürlich auch auf die Konserve bzw. den Filmklassiker aus den Vierziger Jahren mit Cary Grant zurückgreifen.

Für einen Lesungsbesuch:
Robert Hültner wurde vor allem auch durch seine Inspektor Kajetan-Krimis bekannt. Seit Jahren tourt der bekannte Schauspieler und Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl immer mal wieder mit der Lesung „Mörderisches Bayern“ (hier geht es zur Website der Reihe – die aktuellsten Termine sind leider Corona zum Opfer gefallen). Sollte aber die Gelegenheit bestehen, sich das anzusehen und anzuhören – unbedingt zuschlagen: ich durfte es vor vielen Jahren live erleben und es lohnt sich sehr!

Zum Weiterlesen:
Wer das Bayern der Räterepublik dem Frankreich von heute vorzieht und in die Welt von Inspektor Kajetan zunächst einmal lesend abtauchen möchte, der sollte mit dem ersten Band der Reihe „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“ beginnen. Die Krimis spielen im München und Oberbayern der 1920er Jahre, sind intelligent, sehr atmosphärisch und großartig zu lesen.

Robert Hültner, Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski
btb
ISBN: 978-3-442-72144-3