Patchwork-Papas

Christian Schnalke, der mir bisher vor allem als Autor der wunderbaren historischen Romane „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“ begegnet ist, hat sich nun mit dem einfühlsamen Roman „Louma“ von einer vollkommen neuen Seite präsentiert. Ein Wagnis, das sich aus meiner Sicht absolut gelohnt hat.

„Louma“ ist die berührende Geschichte einer Patchwork-Familie, die durch den Tod der Mutter das verbindende Zentrum verliert – vier Kinder – je zwei von unterschiedlichen Vätern – bleiben nach dem Tod der Mutter zurück und müssen lernen, mit der Trauer und der neuen Situation umzugehen.

„Lou war natürlich die Sonne. Sie hatte ein eigenes Licht. Sie versorgte die Kinder – und alle, mit denen sie in Berührung kam – mit Energie. In ihrem Licht konnten sie gedeihen und wachsen und Früchte tragen. In ihrer Nähe konnte auch er leuchten. Für die Kinder da sein, ihren Schlaf behüten und ihre Träume inspirieren. Aber nun war die Sonne verschwunden.“

(S.284)

Als Louma plötzlich stirbt, ist das Leben ihrer Kinder Toni, Fabi, Fritte und Nano völlig aus der Bahn geraten. Wie soll es weitergehen? Werden Toni und Fabi von nun an bei ihrem leiblichen Vater Tristan leben, der als Workaholic und erfolgreicher Betreiber einer erfolgreichen Franchise-Café-Kette eigentlich kaum Zeit für sie haben wird und sie zudem von ihren geliebten, jüngeren Halbgeschwistern Fritte und Nano trennen würde?

„Wie konnte man den Rest dieser Familie auch noch auseinanderreißen? Wieso sollten diese Kinder nach ihrer Mutter nun auch noch zwei ihrer Geschwister verlieren?“

(S.38)

Mo – der zweite Ehemann Louma’s und Vater von Fritte und Nano – kann sich dies als „Familientier“ nicht vorstellen. Er möchte die Familie und die Geschwister unbedingt zusammenhalten und gibt sich alle Mühe, die große Lücke, welche Louma’s Tod gerissen hat, zu füllen.
Doch bald schon reift die unglaubliche Idee, dass Tristan doch zu ihnen ziehen könnte – eine Zweck-WG, um die Familie in der schweren Zeit erst einmal vereint zu lassen.

„Um das ein für alle Mal klarzustellen: Tristan ist nicht für Louma hier eingezogen. Sondern für euch. Für mich, für sich selbst. Wir werden etwas Neues sein. Nicht der übrig gebliebene Teil von etwas Altem.“

(S.138)

Dass das neue Familienleben unter einem Dach aufgrund der Lebenseinstellungen und Charaktere von Mo und Tristan, welche unterschiedlicher kaum sein könnten, und der vier Kinder, die alle mit eigenen Problemen zu kämpfen haben und den Verlust der Mutter auf unterschiedliche Art und Weise verarbeiten, turbulent wird und genug Potenzial für Konflikte und Reibereien bietet, wird schnell klar.

Tristan, der als erfolgreicher, dauerarbeitender Yuppie aufgrund seines Ehrgeizes und seiner Selbstdisziplin finanziell wohlsituiert ist und versucht, vieles mit Geld zu lösen, trifft auf Mo, hinter dessen rauer, tätowierter Schale ein sensibler Kern steckt, der sich mit einem schlechtbezahlten Nebenjob über Wasser hält und sich vor allem 24 Stunden am Tag um das Wohl der Kinder zu kümmern versucht.

Tristan’s Kinder Toni und Fabi, die bereits heftig in den Wirren der Pubertät stecken: Tochter Toni, die sich auf einen Auslandsaufenthalt gefreut hatte, welcher nun ins Wasser gefallen ist und sich zu allem Übel auch noch zum ersten Mal so richtig in Nick aus ihrer Schule verliebt hat und Fabi, der sich nach dem Tod der Mutter immer mehr zurückzieht und Stunde um Stunde spielend vor seinem Computer verbringt.

Und Mo’s Kinder – die schmächtige, zerbrechliche Fritte, die mit einem Herzfehler zur Welt kam und doch versucht, stets die Starke in der Familie zu sein und der Kleinste genannt Nano, der neben dem Verlust der Mutter auch noch den geliebten Familienhund Hummel vermisst, der verschwunden ist und den er verzweifelt sucht.

Es sind die Figuren, die einem schon ab der ersten Seite und der ersten Szene – um der verstorbenen Mutter am Tag der Beerdigung weiter nah sein zu können, zelten die Kinder mit Mo verbotenerweise nachts auf dem Friedhof – ans Herz wachsen. Und es ist die ehrliche, unverblümte Sicht darauf, dass alle Figuren etwas zutiefst Menschliches und ihre Stärken und Schwächen haben – niemand ist perfekt und selbst die verstorbene Mutter Louma wird trotz aller Trauer nicht uneingeschränkt posthum glorifiziert.

Der Autor ist selbst Vater von drei Söhnen – er weiß, wovon er schreibt. Es ist diese absolut glaubwürdige Schilderung der großen und kleinen Alltagssorgen, der Familienzwistigkeiten, Pubertätsprobleme und auch die konfliktbeladene Konkurrenzsituation zwischen den beiden Vätern, welche die Lektüre so authentisch und lebendig machen. Der fast ganz normale Wahnsinn des Familienlebens – der oft genug auch zum Schmunzeln ist. Es ist berührend zu lesen, wie sich Kinder und Väter gegenseitig versuchen, aus der Trauer zu ziehen.

Dass Schnalke, der auch Drehbuchautor ist, es virtuos versteht, grandiose und stimmige Dialoge zu schreiben, die wie mitten aus dem Leben gegriffen sind, hat er schon bei seinen historischen Romanen unter Beweis gestellt. In „Louma“ wird dies für mich aufgrund der vielen, unterschiedlichen Charaktere und der überwiegend jugendlichen Figuren sowie dem damit verbundenen Erzähltempo noch augenfälliger. Im Roman geht es Schlag auf Schlag, die Szenen und Dialoge sitzen perfekt und die Geschichte plätschert trotz der knapp 400 Seiten in keinem Moment dahin. Vielmehr entfacht sie einen Sog, der einen das Buch, nachdem man einmal begonnen hat, nur noch ungern weglegen lässt.

Und wie auch bei den anderen Büchern Schnalke’s stellte sich bei mir sofort wieder das Gefühl und der Gedanke ein, dass es wie geschaffen für eine Verfilmung wäre. Man kann sich die Geschichte sofort auf der Leinwand oder dem Bildschirm vorstellen und spielt im Geist schon mit einer möglichen Idealbesetzung der Rollen – Kopfkino vom Feinsten.

„Louma“ ist ein berührender und warmherziger Roman über ernste Themen, über Trauer und Verlust, welche der Autor stets respektvoll, aber auch humorvoll umgesetzt hat. Ein Buch über Patchwork-Familien, aber vor allem auch über das „füreinander dasein“ und die tröstliche Kraft der Familie – von Freundschaft und Liebe.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Louma
Oktopus bei Kampa
ISBN: 978-3-311-30011-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Schnalke’s „Louma“:

Für den Gaumen:
Wenn gar nichts mehr geht, gehen bei Kindern (und auch bei mir) immer Spaghetti – und so auch in diesem Roman:

„Mo hatte eingekauft, und Toni und Nick hatten eine große Schüssel Spaghetti gekocht. Mit mehreren verschiedenen Soße für Vegetarier, Nichtvegetarier und Nichtgemüsemöger.“

(S.394)

Zum Weiterhören:
Bereits auf dem Umschlag wird eines der schönsten Zitate aus dem Roman zitiert, welches Louma als Sonne bezeichnet:

„Im Planetensystem der Familie war Louma die Sonne gewesen. Ohne Louma waren sie den Fliehkräften schutzlos ausgeliefert. Die Planeten schossen haltlos in die Dunkelheit hinaus.“

(vgl. S.228)

Daher ging mir während der Lektüre folgender Ohrwurm von Bill Withers aus dem Jahr 1971 nicht mehr aus dem Kopf: „Ain’t No Sunshine“

Zum Weiterlesen:
Wer wie ich auf den Geschmack des packenden und lebendigen Erzählstils von Christian Schnalke gekommen ist und ein Faible für historische Romane hat, dem seien seine beiden Bände um Franz Wercker „Römisches Fieber“ und „Die Fälscherin von Venedig“, den ich auch schon auf der Kulturbowle vorgestellt habe, wärmstens empfohlen.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

British Crime Time

Ein etwas verregneter Sommer mit viel Lesezeit auf der Couch, da kann man schon Lust auf einen klassischen, britischen Kriminalroman und eine gute Tasse Tee bekommen. Susan Hill’s Krimi „Schattenrisse“, welcher den Auftakt zu ihrer mittlerweile elfbändigen Reihe um Inspector Simon Serrailler bildet, eignet sich hierzu hervorragend. Den Tee gekocht, die Decke geschnappt und gemütlich in Leseposition gekuschelt und schon kann es losgehen.

Lafferton ist ein kleines, gemütliches Städtchen mit einer Kathedrale und idyllischen viktorianischen Straßenzügen. Beim Recherchieren stellte sich heraus: ein fiktiver Ort, der so nicht auf der Landkarte zu finden ist, aber die sympathischen und typischen Züge einer britischen Kleinstadt trägt, die sofort vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt annimmt.

Die Polizistin Freya Graffham ist frisch geschieden und neu nach Lafferton gezogen. Ihre gescheiterte Ehe, London und die Met hat sie hinter sich gelassen und erhofft sich nun einen ruhigeren Neustart fernab der Großstadtkriminalität. Schnell findet sie Anschluss im Ort, beginnt in einem Chor mit zu singen und sich sozial zu engagieren. Neben Drogendelikten beschäftigt sie sich vor allem mit einigen Vermisstenfällen, die Rätsel aufgeben und im Laufe der Ermittlungen gewisse Parallelen aufweisen. Selbst als ihr Vorgesetzter Inspector Simon Serrailler, in den sie sich mittlerweile rettungslos verliebt hat, sie für einige Zeit von diesem Fall abzieht, lässt sie das Schicksal der verschwundenen Frauen nicht los.

Simon Serrailler ist ein Feingeist und attraktiver Mann, der sich allerdings nicht immer in die Karten schauen lässt und wohl schon zahlreiche Frauenherzen gebrochen hat. Vielmehr lebt der Alleinstehende seine heimlichen Talente im Verborgenen aus – so zeichnet er, da er an der Kunstakademie abgelehnt wurde, nun für sich und schafft dennoch unter Pseudonym Kunstwerke, die sich sehen lassen können. Die Kunst ist sein Ausgleich zum fordernden Polizeiberuf, den ihm sein Vater bis heute verübelt, der ihn gemäß der Familientradition viel lieber im Arztberuf gesehen hätte.

Diesen hat jedoch seine Drillingsschwester Cat ergriffen, die ebenfalls eine zentrale Rolle im Roman spielt und gerade voller Sorge versucht, einigen Quacksalbern und unseriösen Wunderheilern das Handwerk zu legen.
So verknüpft Hill geschickt unterschiedliche Handlungsstränge und Perspektiven und webt so einen abwechslungsreichen Geschichtenteppich, der trägt und sehr flüssig zu lesen ist.

Freya Graffham ist eine Figur, die großes Identifikationspotenzial bietet und mit der man als Leser mitfiebert und mitleidet. Lediglich eine Szene machte mir klar, dass wohl doch erhebliche Unterschiede zwischen ihr und mir bestehen:

„Sie stellte den Fernseher an, schaltete von einer Gartensendung zu einer über Häuserkauf und einem europäischen Fußballspiel um, stellte den Fernseher wieder aus. Mit der Tageszeitung war sie durch, und sie hatte kein neues Buch zum Lesen. Sie trank ihren Wein aus und zog das Telefon näher zu sich.“

(S.319)

Kein neues Buch zu lesen? Eine für mich vollkommen unvorstellbare Situation – das könnte mir nicht passieren.

Die Personen und Charaktere des Romans bilden einen typischen Querschnitt der Bewohner einer Kleinstadt – Menschen von nebenan: eine von Akne geplagte junge Frau mit mangelndem Selbstbewusstsein, eine verzweifelte Witwe, die nach vierzig Jahren Ehe ihren Mann verloren hat und sogar ein Medium aufsucht, um wieder mit ihm in Kontakt zu treten, patente Nachbarinnen, die mit Rat, Tat, Tee und Scones zur Seite stehen – Susan Hill versteht es, lebensechte und glaubwürdige Personen zu entwickeln. Dass sie als Autorin von Geistergeschichten auch ein paar übersinnliche Elemente einbaut, gehört zu ihrer persönlichen Note.

Very british – und ein richtiger Krimi-Schmöker, der sich Zeit für die Figuren und die Handlung lässt. Nicht atemlose Spannung oder blutige Verbrechen stehen im Mittelpunkt, sondern die Autorin erzählt einfach eine gute Geschichte, die packt, unterhält und doch mit einer unerwarteten Wendung aufwartet. So ist es nachvollziehbar und verständlich, dass sich aus diesem Auftakt aus dem Jahr 2004 (der 2005 bereits unter dem Titel „Der Menschen dunkles Sehnen“ bei Knaur auf deutsch erschienen ist und jetzt durch den Kampa Verlag eine schön gestaltete Neuauflage erfährt) mittlerweile eine erfolgreiche Reihe um Inspector Serrailler entwickelt hat.

Auch während ich diesen Beitrag schreibe, schüttet es gerade wieder in Strömen – dieser Sommer möchte seinem Namen leider immer noch keine rechte Ehre machen. Die nächste Gelegenheit für einen weiteren Tee-Couch-Krimi kommt also bestimmt. Susan Hill kann ich dafür wärmstens empfehlen – bei ca. 550 Seiten kann man da schon einige verregnete Nachmittage und Abende schmökernd verbringen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Susan Hill, Schattenrisse
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
Kampa
ISBN: 978 3 311 12018 6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Susan Hill’s „Schattenrisse“:

Für den Gaumen:
Der Krimi beginnt in der Vorweihnachtszeit und so werden unter anderem die nötigen Einkäufe und Zutaten für den klassischen Plumpudding thematisiert. Ein britisches Weihnachtsgericht, das traditionellerweise am ersten Weihnachtsfeiertag nicht auf der Festtafel fehlen sollte – süß und gehaltvoll.

Zum Weiterhören oder -singen:
Frey Graffham, die neue Kollegin von Inspector Serrailler, ist eine begeisterte Chorsängerin. Der Besuch des Konzerts von Händel’s „Messias“ inspiriert sie, sich wieder einem Chor anzuschließen und selbst sängerisch aktiv zu werden.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Vermutlich hätte ich nicht zu Susan Hill’s Krimi gegriffen, wenn ich nicht 2018 im Landestheater Niederbayern das grandiose Theaterstück „Die Frau in Schwarz“ gesehen hätte, das im Londoner Westend zum Dauerbrenner wurde und dort bezüglich der Laufzeit nur von Agatha Christie’s „Mausefalle“ übertroffen wird. Dieses erfolgreiche Gruselstück basiert auf dem gleichnamigen Roman von Susan Hill aus dem Jahr 1983.

Zum Weiterlesen:
Beim Stichwort Kathedrale kam mir unweigerlich Ken Follett’s Klassiker „Die Säulen der Erde“ ins Gedächtnis, der mittlerweile schon stolze 32 Jahre auf dem Buckel hat. Und wer hat diesen weit über 1000 Seiten starken, historischen Schmöker und all die Dramen um den Bau der Kathedrale des ebenfalls fiktiven Kingsbridge nicht gelesen bzw. verschlungen?

Ken Follett, Die Säulen der Erde
Aus dem Englischen von Gabriele Conrad, Till Lohmeyer und Christel Rost
Lübbe
ISBN: 978-3-404-17812-4

Im Duett: Lazare und Lacroix

Sommerzeit ist Krimizeit und wer zumindest durch die Lektüre ganz ohne Infektionsrisiko nach Frankreich verreisen möchte, der hat mit den zwei Kriminalromanen, die ich heute vorstellen möchte, eine sehr gute Gelegenheit.

Bei Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ handelt es sich um den zweiten Band seiner Reihe um den in Südfrankreich ermittelnden Kommissar Lazare. Alex Lépic hat mit „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“ mittlerweile den vierten Band der Commissaire Lacroix-Reihe vorgelegt.

Beide Krimis spielen in Frankreich, beide wurden von deutschen Autoren verfasst, die jedoch auch seit längerem Teile ihres Lebens in Frankreich verbringen oder verbracht haben und somit wissen, worüber sie schreiben. Und dennoch könnten sie auch kaum unterschiedlicher sein, denn während Hültner einen eher düsteren, sozialkritischen und hochbrisanten, aktuellen Krimi verfasst hat, so ist der neue Lacroix von Alex Lépic (dem Pseudonym, hinter welchem sich Alexander Oetker verbirgt) eine sommerlich-leichte Krimiunterhaltung, die auf sympathische Weise fast aus der Zeit gefallen wirkt.
Und auch die Schauplätze zeigen Frankreich in seiner Diversität: Lazare ermittelt im südfranzösischen Ort Sète, der auch als Venedig Südfrankreichs gilt und Lacroix verschlägt es dieses Mal ausgehend von seiner Heimatstadt Paris ins malerische Giverny in der Normandie.

Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ beginnt mit einem verschwundenen Mädchen. Eine junge Muslimin wird als vermisst gemeldet und während man zunächst von einer Radikalisierung und einem freiwilligen Verschwinden ausgeht, vermutet Lazare schon bald andere Gründe dahinter.
Als sich Lazare dazu entscheidet, dem Bauernhof La Farette in den Bergen einen Besuch abzustatten, den er geerbt hat und auf dem sein zunehmend kauziger Onkel immer noch lebt, überschlagen sich schon bald die Ereignisse.

„Der Schlüssel zu diesem Rätsel sei der Hofname, hatte er erklärt, La Farette deutete auf die Existenz eines mittelalterlichen Signalturms, in der Volkssprache Phare oder Fare genannt. Dieser war Teil eines an der Küste beginnenden Warnsystems mit Leuchtfeuern und Rauchsignalen, mit dem die Ankunft kriegerischer Sarazenen oder anderer feindlicher Truppen binnen kurzer Zeit bis tief ins Landesinnere übermittelt werden konnte.“

(aus Robert Hültner „Lazare und die Spuren des Todes“; S.164/165)

Denn in der näheren Umgebung scheint es zu einer mysteriösen, radioaktiven Verunreinigung von Böden gekommen zu sein – ein Bauer fühlt sich betrogen und steht vor dem Ruin. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig und Spuren führen unter anderem auch in den katalanischen Untergrund.

Hültner hat vieles an Themen in seinen Krimi hineingepackt und ein intensives, düsteres Szenario entworfen, das stellenweise geradezu kammerspielartig anmutet und spannend zu lesen ist, jedoch auch eine gewisse Konzentration erfordert.
Geschichtliche Hintergründe, eindrucksvolle Beschreibungen des Landstrichs und seiner Bewohner bereichern und machen diesen Krimi zu einer intelligenten Lektüre, die nicht nur unterhält, sondern auch bildet.
Nicht umsonst wurde Robert Hültner bereits mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis und auch dem Glauser-Preis ausgezeichnet.

Szenenwechsel in die sommerliche, sonnige und lichtdurchflutete Normandie und zu Alex Lépic’s „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“:
Es ist August: Paris liegt nahezu ausgestorben in der Sommerhitze, weil die Bewohner alle in den Urlaub gefahren sind und der Stadt den Rücken gekehrt haben. Für Lacroix würde dies eine ruhige Zeit bedeuten, wäre da nicht die mondäne, gut betuchte Society-Lady Madame de Touquet, die ihn in einer sehr persönlichen Gelegenheit um seine Hilfe bittet.

Sie hegt den unfassbaren Verdacht, dass jemand aus ihrer Familie sie mit geringen, aber regelmäßigen Dosen von Arsen vergiften möchte. Den finalen Showdown bzw. Giftanschlag erwartet sie beim großen, jährlichen Familien-Sommerfest im prachtvollen Sommerhaus in Giverny und lädt daher kurzentschlossen Lacroix mitsamt Gattin dazu ein. Er soll sie schützen und herausfinden, ob ihr Verdacht begründet ist und welches Familienmitglied ihr nach dem Leben trachtet.

Das idyllische Giverny, welches vor allem für das Haus und den Garten Claude Monet’s bekannt ist, in welchem der Seerosenteich ihn zu den weltbekannten Gemälden inspirierte, wird so zum Schauplatz einer Tragödie, denn schon bald gibt es ein Mordopfer und die Anzeichen deuten klar auf eine Arsenvergiftung hin…
Mord und Totschlag kommt offenbar auch in den besten Familien vor.

„Das Hupen der Taxis, das Klingeln der Busse, das Geplauder auf dem Trottoir um ihn herum – das alles gab ihm Kraft und hegte ihn ein wie ein vertrauter Kokon. Ja, Paris war Balsam für seine Seele. Wenn er Ruhe hatte, wenn die Tage lang waren, wenn er lesen und nachdenken konnte, war Giverny ideal, weil ihn dort der Ort belebte, befreite, erfrischte. Doch in Zeiten, in denen er in einem Fall ermittelte, wenn es in seinem Kopf raste, wenn er dringend Antworten finden musste, dann tauchte er lieber in Paris unter und fand dadurch genau die Inspiration, die am Ende den Ausschlag gab.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“; S.137)

Dieser Krimi kann als eine Hommage an die traditionellen Krimis von Agatha Christie und Georges Simenon gelesen werden. Mit dem gewählten Setting (einer Familienfeierlichkeit in einem prunkvollen Sommerhaus), den auftretenden Figuren, die im engeren Familienkreis eine abgeschlossene und übersichtliche Gruppe von Verdächtigen bilden und der Wahl von Arsen als Mordwerkzeug, hat Lépic hier einen herrlich und auf liebenswürdige Art altmodischen Kriminalroman geschrieben, der Fans dieses Genres an gute alte Zeiten erinnert.
Eine leichte, vergnügliche und kurze Krimi-Lektüre für einen lauen Sommerabend auf dem Balkon oder der Terrasse.

Zwei Frankreich-Krimis, welche jedoch jeweils eine völlig andere Art des Kriminalromans verkörpern und so die Vielfalt und die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten dieses Genres aufscheinen lassen. Dass diese auch polarisieren können, nicht die selbe Klientel bedienen und daher unter Umständen nicht beide jedermanns Geschmack treffen werden, versteht sich von selbst. Mich haben beide jedoch blendend unterhalten.

Buchinformationen:
Rober Hültner, Lazare und die Spuren des Todes
btb
ISBN: 978-3-442-75659-9

Alex Lépic, Lacroix und das Sommerhaus in Giverny
Kampa
ISBN: 978 3 311 12540 2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Frankreich-Krimis:

Für den Gaumen:
Während Hültner’s Lazare auf bodenständige Küche und sehr regionaltypische Produkte, die auf dem Wochenmarkt gehandelt werden, wie zum Beispiel „auf die in Vergessenheit geratenen Crochu-Bohnen, auf gelbe und schwarze Tomaten, auf Erdbeerspinat und alte Rüben- und Kohlsorten“ (S.45/46) Bezug nimmt, so erfährt man bei Alex Lépic’s Lacroix, dass es sich bei einer „Piscine“ um den Frevel eines geeisten Champagners handelt und speist „Paris-Brest-Törtchen“ (ein Rezept und die Geschichte dazu findet man auf dem Blog Typisch Französisch! von Véronique).

Zum Weiterschauen (I):
Kommissar Lacroix und seine Gattin weilen gerne im Örtchen Giverny, das weltbekannt ist durch das Haus und den Garten von Claude Monet. Das berühmteste daran? Vermutlich der Seerosenteich und die dadurch inspirierten Gemälde des großen Impressionisten. Eins der Seerosen-Gemälde Monets ist auf der Website der Münchner Pinakotheken zu sehen.

Zum Weiterschauen (II):
Alex Lépic’ Lacroix-Krimi und das im Roman verwendete Arsen starteten bei mir sofort ein regelrechtes Kopfkino. In der Spielzeit 2018/2019 spielte mein Heimattheater – das Landestheater Niederbayern – eine großartige Inszenierung der Boulevardkomödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ – ich sehe daher sofort die beiden tollen Darstellerinnen der mordlustigen, alten Damen Abby und Martha vor meinem inneren Auge. Herrlich! Aber da das Stück leider nicht mehr gespielt wird, kann man natürlich auch auf die Konserve bzw. den Filmklassiker aus den Vierziger Jahren mit Cary Grant zurückgreifen.

Für einen Lesungsbesuch:
Robert Hültner wurde vor allem auch durch seine Inspektor Kajetan-Krimis bekannt. Seit Jahren tourt der bekannte Schauspieler und Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl immer mal wieder mit der Lesung „Mörderisches Bayern“ (hier geht es zur Website der Reihe – die aktuellsten Termine sind leider Corona zum Opfer gefallen). Sollte aber die Gelegenheit bestehen, sich das anzusehen und anzuhören – unbedingt zuschlagen: ich durfte es vor vielen Jahren live erleben und es lohnt sich sehr!

Zum Weiterlesen:
Wer das Bayern der Räterepublik dem Frankreich von heute vorzieht und in die Welt von Inspektor Kajetan zunächst einmal lesend abtauchen möchte, der sollte mit dem ersten Band der Reihe „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“ beginnen. Die Krimis spielen im München und Oberbayern der 1920er Jahre, sind intelligent, sehr atmosphärisch und großartig zu lesen.

Robert Hültner, Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski
btb
ISBN: 978-3-442-72144-3