Poesie zwischen Tag und Nacht

Für Lyrik muss man sich Zeit nehmen, Muße haben, sich konzentrieren und auf die sprachliche Schönheit einlassen: Christine Langer’s neuer Gedichtband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ hat mir wunderbare Momente der Kontemplation und inneren Einkehr beschert. Gerade am Ende eines langen Tages ist es schön, sich etwas Stille zu gönnen und anzukommen. Denn Langer’s Lyrik hat etwas Meditatives, Beruhigendes und eine wunderbare Ästhetik, die einen erdet und ganz bei sich sein lässt.

Die Uhrzeit am Handgelenk längst abgelegt“

(aus „Tage wie dieser“ – Nr.1, S.8)

Die feinen Gedichte haben oft die Natur im Zentrum und bilden Stimmungen ab: Lichtstimmungen, Tageszeiten, Übergänge zwischen Tag und Nacht. Die Texte sind ungemein atmosphärisch und zaubern sofort Bilder vors geistige Auge. Man sieht die Bäume, hört die Vögel zwitschern, blickt auf das Wasser oder das leuchtend gelbe Rapsfeld und spürt den Wind auf der Haut. Es sind schöne Momente, die Langer mit fein gesetzten, wohlklingenden Worten für die Ewigkeit festhält.

Bäume und Vögel ziehen sich wie ein roter Faden durch Langer’s Lyrik. Aber auch das Spiel mit Hell und Dunkel, Tag und Nacht oder auch dem Gegensatz zwischen Schwere und Leichtigkeit. Auch das „Fenster“, das den Blick freigibt und die Perspektive auf andere Dinge öffnet, taucht immer wieder auf.

Die Gedichte strahlen Ruhe aus und sind geprägt von genauem Beobachten und einem ausgezeichneten Blick für Details. Für mich sind sie getragen von einer positiven Grundstimmung sowie einer tiefen Dankbarkeit und Achtsamkeit für die Natur und die Welt, die uns umgibt.

Langer spielt souverän mit der Sprache und eindrucksvollen Bildern. So entstehen ausdrucksstarke Wortschöpfungen wie „Tapetengebete“, „wimpernschwer“, „Lichtfeder“ oder „Amselmond“, welche die Fantasie bei der Lektüre anregen und den Geist in Bewegung setzen.

In manchen Gedichten greift sie kurze Zitate bzw. einzelne Zeilen berühmter Dichter auf, wie z.B. Rimbaud, Hebbel, Fontane oder Hölderlin, umrahmt diese mit ihren eigenen poetischen Gedanken und schafft so daraus ihre ganz eigenen Kunstwerke.

Es lohnt sich, sich ganz bewusst an dieser sprachlichen Schönheit zu erfreuen und das lyrische Ich, das in einigen Gedichten zu Wort kommt und sich manchmal auch an ein „Du“ wendet, auf dem Weg durch die Natur, die Jahres- und Tageszeiten und die Momente des Lichts, der Dämmerung und der Dunkelheit zu begleiten.

Das Körperhaus trägt mich ins Offene der Nacht“

(aus „Nächtliche Korrespondenz mit dem Schreibtisch“, S.20)

Vor kurzem habe ich in einem Interview mit Elke Heidenreich gehört, dass sie, die ja umgeben von Büchern in jedem Raum ihres Zuhauses lebt, ihre Lyrikbände im Schlafzimmer aufbewahrt. Ein schöner Gedanke wie ich finde. Schließlich haben Gedichte etwas Intimes, denn jeder Mensch liest und versteht sie anders. Kaum eine literarische Gattung lässt so viel Raum für Interpretation, Identifikation und Gefühle. Gedichte können etwas Tröstliches, Beruhigendes und Entschleunigendes haben – Poesie ist persönlich, Poesie ist Herzenssache.

Das Licht noch mehr lieben, wenn es fehlt.“

(aus V. Traumnuancen – Übungen im poetischen Sprechen Nr. 39, S.94)

Vielen fällt es gerade in diesen Zeiten schwer, das Gedankenkarussell abzustellen und zur Ruhe zu kommen, doch diese wunderbaren Gedichte in ihrer sprachlichen Eleganz und Natürlichkeit machen es einem ganz leicht.

Christine Langer’s Gedichte des Bands „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ sind sehr sinnlich, ästhetisch und lenken die Aufmerksamkeit auf Schönes, auf die Natur, auf Lichtstimmungen und Jahreszeiten. Poetische Achtsamkeit, die helfen kann zu entspannen, runterzukommen, den Alltag eine Weile auszublenden – gleich einer geistigen Yogaeinheit. Balsam für die Seele.

Weil der Tag noch auf den Schultern liegt,
Sinken wir mit der blauen Stunde
In die Dämmerung. (…)“

(aus V. Traumnuancen – Übungen im poetischen Sprechen Nr. 1, S.67)

Der wunderbare Band wird wohl die nächste Zeit weiterhin auf meinem Nachtkästchen liegen, denn wir können in diesen dunklen Zeiten alle etwas wohltuende Schönheit gebrauchen. Warum also nicht den Tag mit etwas Positivem in Form von Poesie und einem feinen Gedicht beschließen, schließlich handelt es sich hier um traumhaft schöne Lyrik!

Gebet

Der Duft der Linde hält die Fensterläden
Über Nacht geöffnet,
Sterne fallen vom Himmel,
Scheiteln deine Träume.

Dein Atem pendelt sich
In den Takt rauschender Blätter,
Ich halte einen
Schatten fest, bevor er zu Stein wird


(Christine Langer aus „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“)

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 2) auf der Liste: Ich möchte einen Lyrikband lesen. Die zauberhaften Gedichte von Christine Langer waren für mich höchster sprachlicher und literarischer Genuss. Gedichte zum immer wieder lesen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Mein Dank geht auch an die Autorin Christine Langer dafür, dass ich das „Gebet“ in voller Länge hier präsentieren darf. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Christine Langer, Ein Vogelruf trägt Fensterlicht
Kröner
ISBN: 978-3-520-76501-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christine Langer’s „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“:

Für den Gaumen:
Der einzige kulinarische Anklang, den ich in den Gedichten entdecken konnte ist etwas ganz Elementares, Einfaches, Gutes – aber auch Paradiesisches: Äpfel.

Zum Weiterschauen:
Die schöne Gestaltung des Buches mit einem Werk des Maler’s Paul Klee auf demTitel: „Landschaft mit gelben Vögeln“ (1923) – macht dieses kleine, feine Büchlein auch optisch zu einem wunderbaren Geschenk für liebe Menschen. Das fröhliche, farbenfrohe Bild passt nicht nur perfekt zum Titel „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“, sondern auch zu Langer’s positiver Lyrik, sowie ihren häufig gewählten Motiven aus der Natur: wie Vögel, Bäume, Pflanzen – aber auch durch die klaren Hell-Dunkel-Kontraste zum großen Thema „Licht und Schatten“.

Zum Weiterklicken:
Christine Langer ist 1966 in Ulm geboren und wird 2022 auch die künstlerische Leitung des Ulmer Lyriksommers übernehmen. Auf der Homepage der Autorin gibt es mehr über ihre Biografie, ihre Veröffentlichungen und Auszeichnungen nachzulesen.

Zum Weiterlesen:
Christine Langer hat bereits mehrere Lyrikbände veröffentlicht – unter anderem mit den schönen Titeln „Lichtrisse“, „Findelgesichter“ oder „Körperalphabet“ – besonders angetan hat es mir jedoch der Titel „Jazz in den Wolken“ – da beginnt der Geist schon vorher zu tanzen.

Christine Langer, Jazz in den Wolken
Klöpfer & Meyer
ISBN: 978-3863510978

Gerhahers Gedanken

Im letzten Sommer durfte ich einen Liederabend mit Christian Gerhaher im Landshuter Rathausprunksaal erleben und hatte auf meiner Kulturbowle darüber berichtet. Jetzt hat der weltberühmte Bariton ein sehr persönliches Buch veröffentlicht: „Lyrisches Tagebuch – Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“.

Darin gewährt er einen intimen Einblick in seine künstlerische Gedankenwelt und seine ganz persönliche Perspektive auf wichtige Werke und Stationen seiner Karriere als Sänger. So beschreibt er die Assoziationen, die er zu bestimmten Liedern aus seinem umfangreichen Repertoire hat ebenso wie detaillierte Überlegungen zur musikalischen und künstlerischen Interpretation der Werke.

„Und dann kann man mit den zur Verfügung stehenden Mitteln wie Artikulation, Dynamik, Intonation, Farbigkeit und Vibrato vielleicht sogar auf weit mehr als sechzig verschiedene Arten der Darstellung kommen, denn im Grunde ist ja jeder darzustellende Ton, jedes abzubildende Wort für einen Sänger und Schauspieler ein einmaliges, ein unvergleichliches klangliches Ereignis.“

(S.19)

Oft nähert er sich vom Text der vertonten Gedichte, die ebenfalls im Buch meist in voller Länge enthalten sind, interpretiert diese sprachlich und setzt sie in den musikalischen Kontext – erzählt von Lieblingsstellen, besonderen gesanglichen Herausforderungen und was ihm die Stücke – oft auch aus privaten Gründen – bedeuten.

„Auf die Frage, was Lieder wohl sein könnten, würde ich spontan antworten: Sie sind eine vokale Form der Kammermusik, und sie repräsentieren – wie die Oper das Drama und das Oratorium das Epische – die Lyrik, in der gesungenen Musik.“

(S.134)

Er verknüpft Autobiografisches, beschreibt Schlüsselszenen und -werke seiner Sängerkarriere und lässt die Leserschaft tief in seine persönliche Denkweise als Künstler und Sänger eintauchen. Sein tiefes Verständnis und seine umfassende Erfahrung gerade mit dem Liedrepertoire durchdringen das Werk und machen es zu etwas Besonderem – denn selten teilt ein Sänger so unmittelbar mit seinem Publikum, was im Vorfeld eines Konzerts, beim Zusammenstellen des Programms, den Proben und dem Üben im stillen Kämmerchen passiert.

Gerhaher beschreibt viele Werke, die für ihn von besonderer Bedeutung sind sehr ausführlich: vor allem zahlreiche Lieder und Liederzyklen von Schumann (wie z.B. die „Myrthen“), die ihm besonders am Herzen liegen, aber auch Schubert-Lieder, Modernes von Wolfgang Rihm und sogar einen Ausflug in die Opernwelt mit Mozart’s Don Giovanni, den er näher beleuchtet.

Gerade aber die autobiografischen Bezüge, mit denen er die Werke in seinen persönlichen Kontext setzt, machen für mich jedoch den besonderen Reiz des Buchs aus und hätten für meinen Geschmack gerne noch umfangreicher ausfallen dürfen. Ich finde es charmant, wenn der gebürtige Straubinger über sein Kinoerlebnis mit dem Film „Avatar“, seine Beziehung zu Gummibärchen oder die gemeinsame, langjährige Zusammenarbeit mit seinem Pianisten und Freund Gerold Huber erzählt. Auch die Beschreibungen herausragender Konzerte und Schlüsselerlebnisse in seiner Sängerkarriere sind faszinierend und hochinteressant zu lesen.

„Mein Schwur damals: Wenn überhaupt singen, dann nur gut; der Wille allein könne nicht zählen.“

(S.268)

Die Intimität und Intensität eines Liederabends und die besondere Herausforderungen für den Künstler, der sich ohne Maske, ohne Kostüm, ohne Kulissen hinter nichts verstecken kann, habe ich bei meinen Besuchen stets auch als Zuschauer als besondere Leistung empfunden.

„Und ich dachte wie immer, wenn ich in Liederabenden Zuhörer bin: Mein Gott, ist das schwierig – wie kann man sich zutrauen, so einen ganzen Abend mit sich selbst zu sein, wie kann man da ruhig stehen, wie kann es sein, dass einem nicht die Knie so wackeln, dass man keinen geraden Ton herausbringt…“

(S.90)

Die Lektüre hat mir jedoch die Augen geöffnet, wie viel Vorbereitung in einem Liederabend steckt: in den Überlegungen zur Zusammenstellung des Programms, in der musikalischen Ausgestaltung – über welche Feinheiten, Interpretationsmöglichkeiten und Nuancen sich Christian Gerhaher und Gerold Huber Gedanken machen, bevor sie sich zu zweit auf die Bühne begeben.
So werde ich zukünftige Liederabende sicherlich noch einmal mit anderen Augen und unter anderen Gesichtspunkten sehen und noch mehr zu schätzen wissen.

Christian Gerhaher hat sich mit seinem Lyrischen Tagebuch sicherlich nicht an eine breite Masse von Leserinnen und Lesern gewendet, vielmehr richtet sich sein tiefgründiges, anspruchsvolles, intelligentes Werk an Fachleute oder ein musikinteressiertes Publikum mit gewisser Vorbildung und dem Interesse für musikalische und künstlerische Hintergründe.

Das Sachbuch enthält zahlreiche Notenbeispiele und fundierte Anmerkungen. Das verwendete Fachvokabular und manche Formulierungen erfordern konzentriertes Lesen. Als passionierte Musikliebhaberin – jedoch Laiin ohne Musikstudium – hat mich die Lektüre gefordert – an manchen Stellen zugegebenermaßen auch überfordert – doch auch wenn ich sicherlich nicht alles verstanden habe, möchte ich die Lektüre nicht missen. Denn die Ausführungen haben meinen Horizont erweitert, mir klar gemacht, wie Kunst entsteht und haben mir Einblick in eine neue Gedankenwelt gewährt.

Kaum ein Sänger hat sich in den letzten Jahrzehnten mit solcher Hingabe und über einen solch langen Zeitraum hinweg so intensiv dem Liedgesang gewidmet wie Christian Gerhaher – mit dem lyrischen Tagebuch teilt er nun seine ganz persönliche Sicht und seine umfassende Erfahrung mit der geneigten Leserschaft. Ein Geschenk, das dazu einlädt ins Konzert zu gehen, sich Lieder anzuhören, bestimmte Stellen und Passagen nachzuhören und im Buch mitzulesen und nachzuschlagen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Christian Gerhaher, Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-78423-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Christian Gerhaher’s „Lyrisches Tagebuch: Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm“:

Für den Gaumen:
Gummibärchen scheinen für Christian Gerhaher eine Versuchung darzustellen. Denn auch in einem Fragebogen des C.H.Beck Verlags beantwortet er die Frage: Was nehmen sie sich immer wieder vor? mit „Keine Gummibärchen mehr“.

Zum Weiterhören:
Auf meine persönliche „Das möchte ich mir mal genauer anhören“-Liste sind vor allem die „Myrthen“ von Robert Schumann gewandert – der Liederzyklus, den der Komponist seiner Braut Clara Wieck widmete und zur Hochzeit schenkte.

Zum Weiterschauen:
Christian Gerhaher beschreibt seinen Kinobesuch der 3D-Version von „Avatar“ als ganz besonderes Ereignis und Erlebnis – die eindrucksvollen Bilder haben offenbar viele Assoziationen ausgelöst.

Zum Besichtigen bzw. für einen Ausflug:
Christian Gerhaher stammt aus Straubing. Er beschreibt im Buch, dass die Gemälde in der Totentanz-Kapelle (Seelenhaus-Kapelle) auf dem Straubinger Friedhof St. Peter eine besondere Bedeutung für ihn haben. Auf der Website der Pfarrei gibt es Fotos, die einen ersten Eindruck vermitteln. Unter anderem auch genau von jenem Gemälde, das Gerhaher beschreibt:

„In meiner Heimatstadt Straubing gibt es auf dem Friedhof St. Peter eine gotische „Totentanz-Kapelle“ – raumgreifend barock ausgemalt, nur mit Totentanz-Themen, eine kunsthistorische Einmaligkeit. (…) Am eindrücklichsten war dabei für mich, wie dem Bauern, der mit der Sense das reife Korn mäht, der Knochenmann, gleichfalls mit der Sense, von hinten das Bein abzuschneiden im Begriff ist.“

(S.113)

Zum Weiterlesen:
Eines der Bücher, die Gerhaher in seinem Lyrischen Tagebuch erwähnt, ist ein Werk Adalbert Stifters: „Die Mappe meines Urgroßvaters“. Ich persönlich kannte und kenne das Werk, das 1841 erschienen ist, bisher nicht.

Adalbert Stifter, Die Mappe meines Urgroßvaters
Reclam
ISBN: 978-3150079638

Italiensehnsucht in Wort und Bild

Manchmal fügt es sich und es tritt der Glücksfall ein, dass sich Lektüre und Kunstgenuss auf wunderbare, ideale Weise ergänzen. Man hört ein Musikstück und verbindet dies mit einem bestimmten kulinarischen Genuss oder man sieht ein Bild und hat sofort ein Gedicht im Kopf – genau diese Momente der Inspiration sind es, welche für mich die Kulturbowle ausmachen sollen. Eine solche Symbiose durfte ich vor kurzem mit den Gemälden der Ausstellung „Italiensehnsucht!“ und dem kleinen, aber sehr feinen Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ des jungen Dichters Marius Tölzer erleben, der in seinen wunderbar durchkomponierten und an Goethe oder Hölderlin erinnernden Gedichten sofort leuchtende Bilder vor meinem Auge entstehen ließ. Da zeichnet er südliche, italienisch anmutende Stimmungen von plätschernden Brunnen, blühenden Gärten und Parks, belebten Märkten und abendlichen Festen im Freien.

Seine Gedichte verbinden urbane Impressionen (z.B. Glockenläuten, Katzen auf den Dächern) mit Eindrücken aus der Natur (Mandelblüten, Efeublätter etc.) und alle atmen für mich das gewisse Etwas der italienischen Lebensfreude, der südlichen Wärme und kombinieren eine gewisse Leichtigkeit mit dem tiefgründigen Ernst großer Emotionen.

So klingen seine „Viterbeser Lieder“ (die Stadt Viterbo liegt in Mittelitalien 77km nördlich von Rom) für mich nach einem stimmungsvollen Sommerabend in Italien und mit seiner bildhaften, klangvollen Sprache zaubert er mich weg aus dem verschneiten Deutschland in den sonnigen Süden. Italiensehnsucht pur!

Er greift sogar selbst auf die italienische Sprache zurück und so enthält der Band auch ein bzw. zwei italienische Gedichte – in dieser herrlichen Sprache, die in ihrer tänzerischen Melodiösität ohnehin kaum zu übertreffen ist.

Tölzer schreibt klassisch-romantisch inspirierte Gedichte mit viel Gefühl und großen Emotionen – es geht um Liebe und Trauer, Abschied und Trost. Er wechselt und spielt gekonnt und frei mit Form und Rhythmus – da gibt es ein Sonett, Lieder oder aber auch kurze Vierzeiler. Man spürt, dass er sich intensiv mit der Poesie von Hölderlin, Goethe und Novalis auch im Rahmen seines Studiums und seiner Promotion auseinandergesetzt hat und doch findet er inspiriert von den großen Meistern in seinen Gedichten seinen eigenen Ton, den man mit großem Genuss liest. Für mich hatten diese klugen, klangvollen Gedichte etwas ungemein Friedliches, Beruhigendes und Tröstliches – Worte voller Schönheit, die Balsam für die Seele sein können und die beim Lesen und Wiederlesen immer wieder etwas Neues in einem zum Klingen bringen. Das vermag so intensiv wohl nur Lyrik und Poesie!

Die gemalten Bilder zu diesen eindrucksvollen Gedichten konnte ich dann in der digitalen Version und im Katalog zur Ausstellung „Italiensehnsucht!“ (Kulturspeicher Würzburg) genießen und bewundern. Mediterranes Flair eingefangen durch deutsche Künstler, die sich den Traum erfüllten, eine Zeit in Italien zu leben und zu arbeiten. So entstanden Werke mit jenem typisch südlichen, warmen Licht und teils unbeschwerter Urlaubsatmosphäre – eingefangen und entstanden in den Jahren 1905 bis 1933, u.a. von Künstlern, die Stipendien in der Villa Romana in Florenz oder der Villa Massimo in Rom erhalten hatten oder sich auch privat in Italien eingerichtet hatten: August Macke, Max Pechstein, Dora Hitz, Max Beckmann, Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Anita Rée, um nur einige zu nennen. Der liebevoll gestaltete und grafisch sehr ansprechende Katalog enthält neben den Bildern und Kunstwerken der Ausstellung auch interessante Artikel zu den beiden Künstlerakademien und den Künstlern, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf Goethes Spuren in Italien wandelten und dort ihre Inspirationen in Kunst umsetzten. Italien war und ist Sehnsuchtsort für deutsche Künstler und Reisende.

In Zeiten wie diesen, in welchen es nicht möglich ist, nach Italien zu reisen, waren die Gedichte Tölzer’s und die Kunstwerke der Ausstellung eine schöne Möglichkeit, sich zumindest literarisch und künstlerisch dorthin zu träumen und ein wenig in der Sehnsucht zu schwelgen, die schon Goethe mit uns teilte.

„Wir sind im tiefen Wesen unergründlich
Begegnen uns in der Unendlichkeit
Erfinden uns und sind doch unerfindlich
Und Träumen meint uns Möglichkeit.“


(Marius Tölzer, aus „Ein rätselschönes Schweigen“)

Am morgigen Sonntag, den 21. März ist der „Welttag der Poesie“, welchen die Unesco im Jahre 2000 ins Leben gerufen hat. Daher nehmt Euch Zeit für Poesie, Lyrik und Gedichte, träumt ein wenig und genießt die Schönheit der Sprache!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar des Gedichtbands zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Marius Tölzer, Ein rätselschönes Schweigen
Hrsg.: edition tas:ir, Andres Miklaw
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-5-8

Italiensehnsucht. Auf den Spuren deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler 1905–1933
Katalog zur Ausstellung im Museum im Kulturspeicher, Würzburg, Museum August Macke Haus, Bonn und Max Pechstein Museum, Zwickau 2020/2021
herausgegeben von Martina Padberg, Klara Denker-Nagels, Henrike Holsing, Petra Lewey
Wienand Verlag
ISBN: 978-3-86832-590-4

© Wienand Verlag

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Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich „Ein rätselschönes Schweigen“ und „Italiensehnsucht!“:

Für den Gaumen:
Eines der Bilder der Ausstellung, welches der Kulturspeicher in Würzburg als Titelbild des Internetauftritts gewählt hatte, ist Theo van Brockhusen’s „Blick von der Villa Romana auf die Silhouette der Stadt Florenz“ (1913): da gibt es Rotwein, frisches Obst und Gemüse und vor allem frische Wassermelone – da bekommt man nicht nur Italiensehnsucht, sondern auch Sommersehnsucht…

Zum Weiterklicken:
Wer mehr über den Dichter und Philosophen Marius Tölzer (*1991) erfahren möchte, kann gerne auf seiner Homepage weiterstöbern und dort zusätzliche Information zu Vita und Werk erhalten.

Zum Weiterschauen oder für den Museumsbesuch:
Die „Italiensehnsucht!“-Ausstellung in Würzburg ging leider ohne Besucher zu Ende, hatte aber ein schönes digitales Angebot zusammengestellt, das ich sehr genossen habe. Die Ausstellung zieht jetzt weiter und macht vom 27. März bis zum 30. Mai 2021 im Max Pechstein-Museum in Zwickau Station, danach geht es weiter nach Bonn im Museum August Macke Haus (18.06.2021–19.09.2021). D.h. vielleicht bekommt jetzt doch noch der eine oder andere eine Chance, diese schöne Ausstellung zu besuchen und sich ein wenig nach Italien zu träumen.

Zum Weiterhören:
Perfekt zur Italiensehnsucht und zur Rom-Romantik passen für mich die sinfonischen Dichtungen von Ottorino Respighi „Fontane die Roma“, „Pini di Roma“ und „Feste romane“, die im Bereich der klassischen Musik für mich die italienische Stimmung und Klangwelt hervorragend einfangen.

Zum Weiterlesen:
Wer beim Schmökern im Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ Lust darauf bekommen hat, mehr über die Villa Massimo in Rom zu erfahren, in welcher Stipendiaten aus den Bereichen Literatur, Musik (Komposition), bildende Kunst, Architektur die Möglichkeit bekommen, sich von der ewigen Stadt inspirieren zu lassen, der kann in Hanns-Josef Ortheil’s Buch einen intensiven Eindruck von seiner Zeit in der Villa bekommen:

Hanns-Josef Ortheil, Rom, Villa Massimo
btb
ISBN: 978-3-442-71427-8

Januarbowle 2021 – Schneetage und Winterstimmung

Der erste Monat in 2021 ist bereits wieder Geschichte und was in Erinnerung bleiben wird, sind zahlreiche Spaziergänge durch eine oft verschneite Landschaft – das Knirschen des Schnees unter den Stiefeln, das friedliche Weiß, das alles zudeckt, freundlich lächelnde Schneemänner und zu Beginn des Jahres eine gewisse Stille und Ruhe. Zudem blieb einiges an Lesezeit für eine bunte Mischung an Büchern unterschiedlichster Art.

Der Auftakt war musikalisch und huldigte noch einmal dem Jubilar des vergangenen Jahres: Ludwig van Beethoven. Christian Thielemann’s „Meine Reise zu Beethoven“ brachte mir vor allem die unterschiedliche Symphonien in ihrer Vielfalt wieder näher und offenbarte einen Blick hinter die Kulissen und in die spannende Gedankenwelt eines Dirigenten mit musikalisch-künstlerischen Fragestellungen zu Tempi, Sitzordnungen des Orchesters, Raumakkustik, Plattenaufnahmen und vielen weiteren Aspekten, mit welchen man sich als Hörer in der Regel nicht befasst.

Düster und ungemütlich wurde es dann mit dem Sturmflut-Thriller „Dammbruch“ von Robert Brack, der im Hamburg des Jahres 1962 die Erlebnisse und den Überlebenskampf einiger Krimineller schildert, deren dunkle Machenschaften und Verbrechenspläne von der gewaltigen Sturmflut und Orkan Vincinette regelrecht weggespült werden.

Der Januar war für mich auch der richtige Moment, ein neues Leseprojekt auf meinem Blog einzuläuten: meine „Literarische Europareise“ oder „Europabowle“. Nach und nach möchte ich ein Werk aus jedem europäischen Land lesen und vorstellen (beginnend mit den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union – und später offen für eine Erweiterung auf die Nicht-Mitgliedsstaaten). Die Autorin oder der Autor sollte aus dem jeweiligen Land stammen und die Romanhandlung sollte in diesem Land angesiedelt sein. Demnächst ist eine eigene Übersichtsseite zur „Europabowle“ geplant – die Gesamtübersicht aller Rezensionen nach Schauplätzen findet man aber auch ohnehin bereits jetzt unter „Die Welt erlesen“.

Gestartet habe ich meine Reise im hohen Norden – in Finnland. Tommi Kinnunen’s wehmütiger, melancholischer Familienroman „Das Licht in deinen Augen“ war ein literarisch würdiger Auftakt, der mich sehr berührt hat. Die Geschichte der blinden, jungen Frau, die sich in den Fünfziger Jahren ihre Selbstständigkeit hart erkämpfen muss und ihres Neffen, der vierzig Jahre später als Homosexueller ebenfalls um seinen Platz in der Gesellschaft ringen muss, macht deutlich, was es bedeutet, einer Minderheit anzugehören, diskriminiert und an den Rand gedrängt zu werden. Ein Buch, das beim Lesen schmerzt.

Ähnlich bewegend und tiefgründig war auch der Roman und die Hauptfigur meiner zweiten Station der Reise: „Nora Webster“ von Colm Tóibín. Eine Witwe, die im Irland der frühen Siebziger Jahre nach dem Krebstod ihres Mannes ihr Leben als Alleinerziehende mit vier Kindern, Geldsorgen und einem Halbtagsjob in einer erzkonservativen Gesellschaft meistern muss. Eine starke, unkonventionelle Frauenfigur, die am Ende lernt loszulassen, sich selbst findet und gestärkt aus der Krise hervorgeht. Ein stilles, eindringliches Buch, das lange nachhallt.
Weitere Stationen der literarischen Europareise werden folgen und ich freue mich bereits jetzt über die positive Resonanz.

Auch ein Krimi durfte im Januar nicht fehlen und mit Bernhard Jaumann’s „Der Turm der blauen Pferde“ konnte ich Krimilust und den kulturellen Aspekt meiner „Kulturbowle“ wunderbar verbinden. Ein Kriminalfall, in welchem eine Kunstdetektei nach dem Verbleib und der Provenienz eines verschollenen Franz Marc-Gemäldes fahndet – das war hervorragende, spannende Unterhaltung und ganz nach meinem Geschmack. Ich bin bereits jetzt gespannt auf die Fortsetzung, die im Mai erscheinen wird („Caravaggios Schatten“).

Neuland im neuen Jahr habe ich mit meiner ersten Rezension zweier Lyrikbände betreten: Die wunderbaren Haiku-Bände „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“, sowie „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ haben mich sehr begeistert und den Wunsch geweckt, im Leben wie auf dem Blog „mehr Poesie zu wagen“. Die Gedichte der Autorinnen Janette Bürkle und Petra C. Erdmann in der japanisch inspirierten Form des Dreizeilers sind durch ihre schwebende, sinnliche und atmosphärische Sprache ein wahrer Lesegenuss.

Harter Tobak war danach dagegen Thomas Mullen’s „Darktown“. Der Autor thematisiert in seinem Kriminalroman den Rassismus im Atlanta des Jahres 1948. Im Mittelpunkt steht die erste Einheit des Police Departments, welche farbige Polizisten beschäftigt, die ihm Viertel „Darktown“ mit überwiegend farbiger Bevölkerung ihren gefährlichen und schwierigen Dienst versehen.

Mit Francesca Melandri’s „Über Meereshöhe“ habe ich nun auch das Werk der italienischen Autorin gelesen, das mir bisher noch fehlte, und die mich bereits mit „Alle außer mir“, aber vor allem auch mit „Eva schläft“ absolut begeistert hatte. Die Geschichte von Luisa und Paolo, die beide ihre inhaftierten Familienangehörigen auf einer Gefängnisinsel besuchen, entwickelte für mich erneut einen ganz besonderen Sog. Zudem habe ich viel über ein Kapitel der italienischen Geschichte und eine Zeit erfahren, die als „bleierne Zeit“ bezeichnet wird und mir bisher noch weitestgehend unbekannt war.

Mit großer Vorfreude und Neugier habe ich den ersten Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen „Kindheit“ erwartet und dann auch sofort verschlungen. Die dänische Autorin, die aktuell wieder entdeckt und in 16 Sprachen übersetzt wird, beschrieb 1967 im ersten Teil ihre Kindheit im Kopenhagen der Zwanziger Jahre. Hier werde ich sicher bald ausführlicher berichten.

Den Abschluss meiner Januar-Lektüre bildete dann der neue Julian Barnes: „Der Mann im roten Rock“ – ein opulentes und pralles, literarisches Zeitgemälde der Belle Époque – Kunst, Literatur, Lebensart und die Geschichte eines der erfolgreichsten Gynäkologen seiner Zeit, des Dr. Pozzi. Ein wahres Füllhorn an kunst- und literaturgeschichtlichen Bezügen, sowie ein vielschichtiges Kaleidoskop der Pariser Gesellschaft und der Bohème des Fin de Siècle, das der Brite hier für seine Leser auffächert.

Ein Lesemonat, der mir viel Abwechslung bescherte und eine bunte Mischung aus Poesie, Kunst, Musik, tiefgründigen Familiengeschichten, aber auch packender Krimiunterhaltung geboten hat – eine Bowle mit unterschiedlichsten Zutaten.

Und es blieb sogar noch Zeit für ein paar digitale, kulturelle Erlebnisse in Form von Livestreams, u.a. aus dem Münchner Gärtnerplatztheater („Viktoria und ihr Husar“) oder meinem Heimattheater – dem Landestheater Niederbayern („Geliebte Aphrodite“).

Die Tage werden bereits wieder spürbar länger und neben den liebgewonnenen Spaziergängen werde ich auch im Februar versuchen, die Zeit mit guten Büchern, schöner Musik und ein paar digitalen Theater- und Opernbesuchen zu bereichern.
So freue ich mich zum Beispiel auf einen gestreamten „Freischütz“ aus der Bayerischen Staatsoper am 13.02.21 (19.00 Uhr) und lektüretechnisch unter anderem auf den zweiten und dritten Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen.

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Januar:
Nach den süßen Naschereien der Weihnachtszeit, gab es im Januar mal ein Gebäck der herzhaften Art: Käsefüße.


Musikalisches im Januar:
Eine musikalische Neuentdeckung war für mich diesen Monat Christoph Willibald Glucks Ballettmusik „Don Juan“ aus dem Jahr 1761, die ich in einem Livestream des Münchner Gärtnerplatztheaters erleben durfte – ergänzt durch Texte von Lorenzo Da Ponte, Tirso de Molina, Christian Dietrich Grabbe, E. T. A. Hoffmann und Molière, welche von Jutta Speidel vorgetragen wurden, war dies ein rundes und kurzweiliges Konzerterlebnis.

Der Abend
Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
wunderbar mit allen Bäumen,
was dem Herzen kaum bewußt,
alte Zeiten, linde Trauer,
und es schweifen leise Schauer
wetterleuchtend durch die Brust.

(Joseph von Eichendorff)

Mehr Poesie wagen

Die beiden wunderbaren Haiku-Bände „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“ sowie „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ des Autorinnenduos Janette Bürkle und Petra C. Erdmann aus dem Mirabilis Verlag boten mir eine sehr schöne Gelegenheit, mich einmal wieder der Lyrik-Lektüre zu widmen und ich wurde reich belohnt.

Wenn ich so auf meine Lektüre der letzten Jahre zurückblicke, fällt auf, dass die Lyrik in der Regel zu kurz kommt und ich nur sehr selten – viel zu selten – zu Gedichten greife. Warum ist das so? Und warum nicht öfter wieder Gedichte lesen? Warum nicht mehr Poesie wagen im Leben?
So mancher hat wohl leider bereits nach der Schulzeit und der letzten, verfassten Gedichtanalyse mit dem Thema Lyrik abgeschlossen. Gedichte haben bei vielen Menschen im Alltag keinen Platz. Liegt das am mangelnden Interesse? An der Schnelligkeit und Hektik des täglichen Lebens und dass man sich die Zeit, Ruhe und Muße, die man für das Lesen von Gedichten braucht, einfach nicht nimmt oder nehmen will? Warum greifen auch die meisten Vielleser nahezu ausschließlich zu Prosa, Romanen, Krimis und Thrillern?

Abschließende Antworten auf diese Fragen habe ich nicht, aber nach der Lektüre der herrlichen, melodiösen Haiku von Frau Bürkle und Frau Erdmann kann ich alle, die sich für eine schöne, intensive und ausdrucksstarke Sprache begeistern können, nur ermutigen, der Lyrik wieder häufiger eine Chance zu geben.

zitronenfalter
sonnendurchflutet und fein
dein dasein ein spiel

(Petra C. Erdmann – aus „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“)

Die kurze Definition eines Haiku, die dankenswerterweise einem der Bände vorangestellt ist, lautet: „Das Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform und die kürzeste Form der Dichtkunst. Knapp und geschlossen, in der Regel mit aus drei Zeilen bestehender Silbenstruktur von 5-7-5, zeichnet es ein minimalistisch poetisches Bild bis ins kleinste Detail.“ (Zitat aus dem Vorwort zu „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“)

Der bereits 2015 erschienene erste Band „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“ – stilvoll ergänzt durch harmonische Illustrationen Florian L. Arnolds – fächert einen vollständigen Jahresverlauf von den ersten frostigen Nächten um Neujahr bis zum „Silvesterkater“ zum Jahresausklang auf. Die Autorinnen zaubern durch die literarisch ausdrucksstarken Miniaturen atmosphärische Bilder von Landschaften und Jahreszeiten voller Farben, Klänge und Emotionen. Es ist faszinierend, wie mit einigen wenigen – oft sehr positiv besetzten – Worten sofort Erinnerungen hochkommen. Beispiele? Zitronenfalter, Brandungswelle, Seidenduft, Mittagssonne… – wenn man sich diese Worte auf der Zunge zergehen lässt, bekommt man sofort gute Laune. Die Haiku setzen Gedanken in Gang und lassen den Leser träumen. Mit großer Sinnlichkeit, Leichtigkeit und wunderbaren Wortkreationen wie „sonnenstrahlknistern“, „eisknospenbukett“ oder „vorwitzchen“ erschaffen die Künstlerinnen einen schwebenden und sehr sinnlichen Lesegenuss.

ein stück vom himmel
barfuß auf wolken gehen
bis der schleier fällt

(Janette Bürkle – aus „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“)

Der zweite Band „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“, der erst vor kurzem im Dezember 2020 erschienen ist, schlägt erdigere, dunklere und wärmere Töne an. Wenn man den ersten Band als luftig-leichtes „Dur“ bezeichnen möchte, ergänzt der zweite mit einem wunderbar harmonischem, wärmendem „Moll“ das Duett, das man ohnehin am besten gemeinsam genießen sollte. Natürlich spielen auch hier wieder Naturbeobachtungen eine große Rolle, doch findet sich jetzt auch der eine oder andere Anklang an urbanes Leben (z.B. durch Worte wie Dächer, Gebälk, Holzjalousien oder Schlauchboot) in den kurzen Gedichten.

Den Bänden gemeinsam sind humoreske Anklänge, aber vor allem auch die intensive, expressive und gefühlvolle Sprache der beiden Autorinnen, denen es gelingt, in drei Zeilen ganze Welten, Bilder und Stimmungen von elementarer Schönheit zu erschaffen. Emotionale Gedichte, die inspirieren und anregen, die Gedanken fließen zu lassen, die Phantasie beflügeln und alle Sinne ansprechen.

Vielleicht ist die Kunst der Lyrik-Lektüre im Alltag, sich Zeit zu nehmen, zu genießen, nicht zu viel zu analysieren, sondern einfach den Zauber der Sprache auf sich wirken zu lassen. Für mich war es beglückend, während draußen leise der Schnee fiel, mit einer Tasse Tee neben mir, mich in diese kleinen literarischen Meisterwerke zu versenken, den Wechsel der Jahreszeiten literarisch zu durchlaufen und schon wieder ein wenig vom nächsten Sommer zu träumen.

Und so bleibt neben einem zufriedenen und glücklichen Lesegefühl auch der Wunsch, zukünftig mehr Gedichte zu lesen und wieder häufiger auch der Lyrik Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Mehr Poesie wagen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise die beiden Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt hat und bei Birgit Böllinger, die mich auf die Bücher aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension der Bücher hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf die Titel gibt es nähere Informationen zu den Autorinnen und Büchern auf der Seite des Verlags.

Buchinformationen:
Janette Bürkle, Petra C. Erdmann,
der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9816674-2-4

Janette Bürkle, Petra C. Erdmann,
goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-947857-09-8

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Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Haiku-Bände:

Für den Gaumen:
Für die passende Stimmung und den vollkommenen Genuss sorgt bei mir ein japanischer grüner Tee. Sorgfältig zubereitet und bewusst genossen, können ein schöner Sencha oder gar ein Gyokuro, der für ca. 3 Wochen im Vollschatten aufgezogen wird und auch in Japan zu besonderen Anlässen getrunken wird, die Lektüre wunderbar abrunden.

Zum Weiterhören:
Musikalisch kam mir immer wieder die Instrumentalmusik des Herbert Pixner Projekts in den Sinn. Warum? Südtiroler Musik zu japanisch inspirierten Haiku? Für mich passt das zusammen. So wie die Haiku der Autorinnen Atmosphäre schaffen und Landschaften vor den Augen der Leser entstehen lassen, so versteht es Herbert Pixner mit seiner Musik, Bilder und Stimmungen beim Hörer hervorzurufen, die er selbst inspiriert durch Erfahrungen in der Natur in wunderbare Melodien verwandelt hat, wie zum Beispiel „Morgenrot“ oder „Antoni Schnee“. Lyrik und Musik helfen dabei, ein wenig zu träumen und die Gedanken fließen zu lassen.

Zum Weiterlesen:
Beide Autorinnen sind Mitglieder in der Deutschen Haikugesellschaft e.V.. Die Homepage der Gesellschaft bietet neben Erläuterungen und Definitionen auch zahlreiche Informationen rund um das Thema japanischer Dichtkunst im deutschsprachigen Raum. Zudem gibt die Gesellschaft vierteljährlich die Zeitschrift „Sommergras“ heraus. Alle, die mehr über Haiku erfahren wollen, haben hier eine gute Anlaufstelle.
Darüber hinaus bietet auch der Blog Schriftwechsel der Autorin Janette Bürkle Szalys eine Möglichkeit, einen ersten Eindruck ihrer Haikukunst zu bekommen.