Der Freischütz – ein Volltreffer

Damit die Kulturbowle coronabedingt im Februar nicht zur reinen Bücherbowle wird, möchte ich heute wieder einmal einen erstklassigen Opernabend empfehlen. Und das Schöne ist, dieser ist noch bis zum 15. März 2021 als kostenloses Video-On-Demand für jedermann zu erleben: Carl Maria von Weber’s „Der Freischütz“ in einer Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper unter der Regie von Dmitri Tcherniakov und der musikalischen Leitung von Antonello Manacorda. Ein in jeder Beziehung sehens- und hörenswertes Opernerlebnis, das mich absolut begeistert hat.

Nach der Online-Matinée, welche die Bayerischer Staatsoper für die Premiere und Neuinszenierung der Oper „Der Freischütz“ zur Einführung veranstaltet und im Netz gestreamt hatte, war ich einigermaßen ratlos, was mich denn wohl erwarten würde. Nur wenig wurde verraten und vor allem der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov hielt sich sehr bedeckt, was seine Inszenierung anbelangt. Heutig, modern und nicht volkstümlich-romantisch sollte sie sein – innere Dämonen statt des Samiels in persona – aber das konnte ja auch noch vieles heißen. Somit war ich sehr gespannt auf den Opernabend, der wieder einmal zu Hause auf meiner Couch stattfand. Kurz nochmal vorneweg: es war ein wahrer Opern-Leckerbissen, den ich da frei Haus geliefert bekam – wunderschöne Musik, erstklassige Sänger*innen und eine für mich sehr stimmige und wunderbar anzuschauende Inszenierung.

Für alle, die noch nie in das Vergnügen eines „Freischütz“ des Komponisten Carl Maria von Weber gekommen sein sollten, nur ein paar Worte zur Handlung:
Max liebt Agathe, aber um sie heiraten zu können, muss er einen Probeschuss absolvieren. Um sein Ziel nicht zu verfehlen, lässt er sich in der Wolfsschlucht auf einen Pakt mit dem Teufel (Samiel) ein, welcher ihn mit unfehlbaren Freikugeln ausstattet.

Uraufgeführt im Jahre 1821 in Berlin ist „Der Freischütz“ ein deutscher Opernklassiker – ein traditionsreiches Stück zwischen Märchen und Gespenstergeschichte. Kann es einem russischen Regisseur gelingen, diese Geschichte in ein stimmiges Hier und Jetzt zu holen – weg von Wolfsschlucht, Jägerchor und Naturromantik? Absolut – Tcherniakov ist dies für meinen Geschmack fulminant gelungen.

Schauplatz ist bei Tcherniakov nicht der Wald und die Schlucht, sondern eine für Hochzeitsfeierlichkeiten dekorierte Hotelsuite in einem Luxushotel der heutigen Zeit. Kuno ist ein knallharter und erfolgreicher Geschäftsmann und Max wird als ein wenig zaudernd-zögerlicher Softie in grüner (vermutlich als einziger Anklang an den Jäger in ihm) Strickjacke unter reichen und schönen Geschäftsleuten und Hochzeitsgästen charakterisiert. Ein unaufdringliches und variables, ästhetisches Bühnenbild – sehr heutig und funktional, so dass sich selbst die Wolfsschluchtszene als psychologischer Kulminationspunkt sehr gut darstellen lässt und den vollen Fokus und Hauptaugenmerk auf die Darsteller lenkt. Sehr gelungen.

Absolut bemerkenswert ist vor allem aber auch die Weltklasse-Besetzung, welche in München auf die Bühne geholt wurde: Mein absoluter Liebling und großer Star des Abends Golda Schultz als Agathe, die mit unnachahmlicher Leichtigkeit die höchsten Höhen so gefühlvoll meistert, dass es mir mehrfach Gänsehaut bescherte – ihre wunderschöne Arie „Leise, leise fromme Weise“ ist so Genuss pur. Aber auch im Duett mit Ännchen Anna Prohaska – die im eisblauen Business-Anzug und mit Annie Lennox-Perücke eine kühle, geschäftsmäßige Eleganz ausstrahlt – ein herrlich harmonischer Klang der beiden Frauenstimmen, der berührt. Zwei großartige, sympathische Sängerinnen ihrer Zeit, die sich nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch und mimisch wunderbar ergänzen. Bei den männlichen Rollen ragte für mich vor allem Bassbariton Kyle Ketelsen heraus, der einen fantastisch düsteren, rachlustigen und gesanglich großartigen Kaspar verkörperte.

Das schwung- und temperamentvolle Dirigat von Antonello Manacorda ließ die eingängigen Melodien auf wunderbare Weise voll zur Geltung kommen und bot den Sängern die Möglichkeit zu brillieren.
Wunderschöne Orchesterklänge, große Gefühle, zauberhafte Arien – dieser neue Münchner „Freischütz“ hat alles, was eine richtig große Oper auszeichnet und ein solches Werk auf diesem künstlerischen Niveau erleben zu dürfen, ist ein Privileg.
Musikalisch und ästhetisch war dieser Abend für mich ein Gesamtkunstwerk und etwas ganz Besonderes. Eine wahre Opernsternstunde, die Trost spenden und die Zeit bis zum nächsten realen Opernbesuch zumindest verkürzen kann.

Gesehen am 13. Februar 2021 als Livestream aus dem Münchner Nationaltheater (Bayerische Staatsoper)

Der Freischütz“ ist als kostenloses Video-on-Demand noch bis zum 15. März 2021 auf der Homepage der Bayerischen Staatsoper (Staatsoper TV) verfügbar.

Für den Gaumen:
Dem Münchner Lokalkolorit Rechnung tragend sind Bierflaschen einer einheimischen Brauerei mit dem traditionellen Bügelverschluss ein nicht unwesentliches Requisit in der Inszenierung. Im Libretto von Johann Friedrich Kind erfährt man allerdings, dass es in manchen Situationen wohl doch etwas Stärkeres braucht:

„Bier hast du? Das taugt nicht zum Sorgenbrecher“

(Libretto „Der Freischütz“ – Johann Friedrich Kind)

Zum Weiterschauen (I):
Auch das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz bietet in der kommenden Zeit, solange noch nicht wieder vor Publikum gespielt werden kann, erneut einen weiteren Livestream im Internet an:
Am 20. Februar 2021 – 19.00 Uhr: Straus & Strauss & Co. – Höhepunkte aus Opern und Operetten von Oscar Straus, Richard Strauss und vielen mehr

Zum Weiterschauen (II):
Auf Operavision ist aktuell vom 12.02.21 bis zum 12.03.21 Massenet’s „Manon Lescaut“ mit Elsa Dreisig in der Titelrolle zu erleben – ein Stream aus der Staatsoper Hamburg, der auch noch ganz oben auf meiner Liste steht. Von Elsa Dreisig war ich bereits im Rahmen der „Così fan tutte“ der Salzburger Festspiele im letzten Jahr richtig fasziniert – die Rezension hierzu war einer meiner ersten Beiträge auf der „Kulturbowle“ im August 2020.

Sehnsuchtsoperette

Als großem Theaterfreund fehlen mir die Live-Erlebnisse in Theatern und Opernhäusern mittlerweile sehr und daher bin ich dankbar und freue mich, dass mittlerweile viele Häuser ein sehr umfangreiches und sehenswertes Streamingangebot auf die Beine gestellt haben.

Auch das Staatstheater am Gärtnerplatz, das bereits 1865 als „volksnahes Musiktheaterhaus“ in München eröffnet wurde, bietet seinem Publikum derzeit ein buntes und vielseitiges Programm und so konnte ich am 23. Januar in den Genuss einer Operette kommen, die ich bisher meiner Erinnerung nach noch nie live gesehen hatte: Paul Abraham’s Revueoperette „Viktoria und ihr Husar“.

Dieses Werk, das 1930 uraufgeführt wurde und in die „silberne Ära“ der Operette fällt, d.h. in die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, hat alles, was es für einen schwungvollen, amüsanten und kurzweiligen Theaterabend braucht und die liebevolle und aufwändige Inszenierung des Gärtnerplatztheaters aus dem Jahr 2016, die jetzt als Wiederaufnahme zu sehen war, hat mir einen sehr vergnüglichen Abend zu Hause auf meiner Couch bereitet.

„Um Ihretwillen, erzählen Sie gut!“

(Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda / Textfassung für das Staatstheater am Gärtnerplatz von Joseph E. Köpplinger)

In einem sibirischen Gefangenenlager nach Ende des ersten Weltkriegs entsteht zu Beginn des Stücks eine Situation, die in der Münchner Inszenierung an Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht erinnert: der inhaftierte Husarenrittmeister Koltay muss, um sein Leben und das seines Burschen Jancsi zu retten und frei zu kommen, die Geschichte seiner großen Liebe zu Viktoria erzählen.

Durch raffinierte Lichteffekte und mittels eines variablen und intelligenten Bühnenbilds, das gleich einem „Bild im Bild“ die unterschiedlichen Schauplätze der Erzählung im Gefangenenlager einbettet, beginnt nun die wilde Reise Koltay’s und Jancsi’s, um Viktoria zurückzuerobern. Viktoria, die in der Meinung ihre große Liebe Koltay sei im Krieg gefallen den amerikanischen Botschafter Cunlight geheiratet hat, ist mit diesem aktuell in Japan stationiert. So wird Japan die erste Station der Reise. Die Farbe Rot zaubert Wärme und asiatisches Flair ins Grau des Gefangenenlagers und so unterhaltsame Nummern wie „Meine Mama war aus Yokohama“ interpretiert von einer herrlich komödiantischen Julia Sturzlbaum als O Lia San reißen mit und heben mit Charlestonklängen und schwungvollen Tanzeinlagen sofort die Laune. Die Choreografie und tänzerische Leistung der Darsteller hat mich durchgängig begeistert – hohes Tempo, Tanz und Gesang – da zeigt sich erneut, dass Operette als vermeintlich „leichte Muse“ künstlerisch äußerst anspruchsvoll ist und den Sängerinnen und Sängern alles abverlangt.

Paul Abraham und seine Librettisten haben alle Sehnsuchtsorte und Klangwelten der damaligen Zeit in die Handlung eingebaut – der Wiener Walzer in „Pardon Madame“, russische Melodien, da der Weg Cunlight und seine Viktoria von Japan schließlich nach Russland führt und am Ende die ungarischen Csardasklänge, die so typisch für viele klassische Operetten sind.

Und doch merkt man dem Stück auch an, dass 1930 bereits auch schon modernere Elemente aus dem Jazz, Foxtrott und Charleston eingeflossen sind. Das ist frisch, quirlig und in Verbindung mit urkomischen Tanzeinlagen, die stellenweise fast schon Züge von Slapstick aufweisen – zum Beispiel im Duett des Buffopaars Jancsi und Riquette liefert Josef Ellers eine wahre Handtuchakrobatik ab – ganz große Unterhaltung.

„Es gibt auch Verlobungen, die gut ausgehen, aber die meisten enden doch mit einer Heirat.“ (Jancsi)

(Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda / Textfassung für das Staatstheater am Gärtnerplatz von Joseph E. Köpplinger)

Witzige Dialoge und drei stimmig besetzte Paare mit Koltay/Viktoria, Jancsi/Riquette und Ferry/O Lia San machten das Ganze zu einem rundum gelungenen Operettenabend.
Meine persönlichen Lieblinge der Besetzung waren vor allem der Grandseigneur des Gärtnerplatz’ Erwin Windegger als liebender Gentleman und verlassener Ehemann John Cunlight und die als weinselig-beschwipste Rauschkugel inszenierte O Lia San Julia Sturzlbaum, die urkomisch, frech und frisch über die Bühne wirbelt und auch bei hohem Tempo gesanglich absolut überzeugt.

Das Gärtnerplatz ist ohnehin meist ein Garant für gelungene und opulente Bühnenbilder und auch die Kostümabteilung hat für diese Inszenierung erneut wunderbare Arbeit geleistet. So entstehen eindrückliche Bilder, Musik und Optik werden harmonisch in Einklang gebracht.
Die Inszenierung vermittelt den Zauber der Exotik und die Sehnsucht der Gefangenen, sich in der Fantasie an andere Orte zu träumen – ein Stück, das gerade in der momentanen Lage unheimlich aktuell erscheint.
So wie der Husar im Gefangenenlager um sein Leben und für seine Freilassung erzählt, so spielen auch die Darsteller vor einem leeren Haus, um mit dem Publikum in Kontakt zu bleiben und nicht in Vergessenheit zu geraten.
So war für mich der Abend auch ein Loblied an die Kraft des Theaters, das Menschen für einige Zeit die Sorgen vergessen lässt, aus dem Alltag heraus in andere Welten entführen und die Fantasie beflügeln kann. Bravo!

Ein sehr schöner Abend, das Streaming eine Möglichkeit dem Theater verbunden zu bleiben und dennoch sehne ich auch um so mehr den Tag herbei, an dem ich wieder live Künstler auf der Bühne erleben darf.

Gesehen am 23. Januar 2021 als Livestream aus dem Staatstheater am Gärtnerplatz

Zum Weiterschauen (I):
Das Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz bietet in der kommenden Zeit, solange noch nicht wieder vor Publikum gespielt werden kann, weitere Livestreams im Internet an:

– Am 31. Januar 2021 – 19.00 Uhr: Sinfonische Lyrik
Don Juan oder „Der steinerne Gast“ (Musik von Christoph Willibald Gluck)

– Am 06. Februar 2021 – 18.00 Uhr:
„La Cenerentola“ – Komische Oper von Gioachino Rossini

Zum Weiterschauen (II):
Wer meine Kulturbowle schon eine Weile verfolgt, kann sich vielleicht noch erinnern, dass ich begeisterte Kritiken zu zwei Aufführungen des Landestheater Niederbayern verfasst habe, die ich im September und Oktober noch live im Theater erleben durfte. Jetzt stehen beide Inszenierungen auch in der Mediathek des Landestheater Niederbayern kostenlos (oder gegen eine freiwillige Spende) zur Verfügung:

Kunstvolles Verwirrspiel

Ein Kriminalfall im Kunstmilieu und eine Detektei, die auf diese Art von Verbrechen spezialisiert ist – seit dem Fall Gurlitt oder dem Raub im Dresdner Grünen Gewölbe war dieses Genre literarisch überfällig. Mit der Kunstdetektei von Schleewitz und dem ersten Fall „Der Turm der blauen Pferde“ hat Bernhard Jaumann diese Nische des Kunst-Krimis für sich entdeckt und einen unterhaltsamen und spannenden Auftakt mit einem Ermittlerteam geschaffen, welches das Zeug dazu hat zu beliebten Serienhelden zu werden.

Im Zentrum des Romans steht Franz Marc’s weltberühmtes Gemälde „Der Turm der blauen Pferde“ aus dem Jahr 1913, das seit 1945 als verschollen gilt, nachdem es 1937 aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ entfernt wurde und Hermann Göring es vereinnahmte.

„Köpfe und Kruppen von vier blauen Pferden drängten sich in- und übereinander, als wären sie eins, ein zugleich kraftvolles wie scheues Wesen. Stilisiert und doch lebendig, hart in den Konturen und doch in weichen, wie vor Energie schwingenden Rundungen sich selbst beseelend. Zu einem Turm aus geballtem Leben schichteten sich die Pferde auf, zu einem tiefblauen Leben, das sich selbst genügte und alle anderen Farben an den Rand drängte.“

(S.12/13)

Berchtesgaden Mai 1945 – zwei Bauernjungen entdecken in einem einsamen Eisenbahntunnel jede Menge Kisten, die sie zunächst für ein Munitionsdepot halten. Als die Neugier sie dazu treibt, eine davon zu öffnen, stoßen sie auf etliche Gemälde und eines davon fasziniert den jungen Ludwig so sehr, dass er es unbedingt besitzen will, obwohl es nicht dem nationalsozialistischen Ideal entspricht. Eine lange, dramatische Geschichte voll dunkler und blutiger Geheimnisse beginnt.

Im Jahr 2017: Rupert von Schleewitz betreibt in München gemeinsam mit seinen Kollegen Klara und Max eine kleine Kunstdetektei. Als plötzlich das verschollene Gemälde Franz Marc’s „Der Turm der blauen Pferde“ bei einem Großindustriellen auftaucht, das dieser unter seltsamen Umständen erwerben konnte, grenzt dies an eine Sensation. Um jegliche Zweifel an der Echtheit des Kunstwerks auszuräumen, beauftragt er die Detektei, die Herkunftsgeschichte des Bildes zu klären.

Doch wie lässt sich die zeitliche Lücke zwischen dem Verschwinden während des zweiten Weltkriegs und dem Jahr 2017 schließen? Eine schwierige Spurensuche beginnt, welche die Detektive quer durch Bayern, nach Berlin, sowie vom einfachen Bergdorf nahe Berchtesgaden, über die Münchner Schickeria auch in die zeitgenössische Kunstszene führt.

Jaumann erschafft spannende Charaktere: Da ist Rupert von Schleewitz, Inhaber der Detektei und Frauenheld, der sich während der Ermittlungen von einer potenziellen Zeugin der Gemäldeübergabe den Kopf verdrehen lässt bis er sie aus den Augen verliert. Unterstützt wird er von Klara Ivanovic, der Kunstexpertin des Teams, aufgewachsen als Tochter eines exaltierten Künstlers, der ihre eigenen künstlerischen Ambitionen stets im Keim erstickte, so dass sie Kunstgeschichte studierte und um den sie sich mittlerweile aufgrund seiner fortschreitenden Parkinsonerkrankung verstärkt kümmern muss. Und da ist Max – stark geforderter Vollblutfamilienvater einer blockflötenden und einer pubertierenden Tochter – der für Detailrecherche jeglicher Art sowie Archivbesuche zuständig ist und der obwohl er ihn manchmal woanders hat, doch auch seinen eigenen Kopf durchsetzt. Ein kunterbunt zusammengewürfeltes Team, das gegensätzlicher nicht sein könnte und sich dennoch auch aufgrund der Vielseitigkeit gut ergänzt. Figuren mit Ecken, Kanten und kleinen Geheimnissen, die mit Sicherheit noch nicht auserzählt sind und so definitiv Stoff für weitere Episoden bieten.

Mir gefällt Jaumanns Tonfall, der sich flüssig und spritzig liest und mich auch mit den stellenweise satirischen Seitenhieben auf die Münchner Schickeria und die teils exzentrische Kunstszene köstlich amüsiert hat. Der Plot ist raffiniert und wartet mit einigen unerwarteten Wendungen auf, so dass man als Leser mitfiebern und -rätseln kann. Ein Leckerbissen für Hobbyschatzsucher und Krimifans der unblutigen Sorte, die idealerweise ein Faible für Geschichte, Kunst und Malerei haben und sich literarisch gerne mal wieder in die bayerische Hauptstadt und die nahegelegene Bergwelt begeben möchten.

Dieser Kunstkrimi mit seiner gelungenen Mischung aus Spannung, Lokalkolorit und geschichtlich-künstlerischem Hintergrund hat bei mir auf jeden Fall die Lust auf mehr geweckt und so freue ich mich bereits jetzt darauf, dass im Mai 2021 die Fortsetzung „Caravaggios Schatten“ erscheinen wird.

Eine weitere Besprechung des Kriminalromans findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Turm der blauen Pferde“:

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Bei der Lektüre ist auf jeden Fall das Münchner Lenbachhaus auf meine Wunschliste der Museen gewandert, die ich nach Normalisierung der Corona-Lage gerne besuchen würde. Die große Sammlung mit Werken der Künstler des Blauen Reiters beherbergt unter anderem auch Franz Marc’s „Blaues Pferd I“, welches dem verschollenen „Der Turm der blauen Pferde“ in der farblichen Gestaltung und in der Motivwahl sehr nahesteht.

Zum Weiterschauen:
2014 brachte George Clooney den Film „Monuments Men“ in die Kinos, in welchem er sowohl Regie führte, das Drehbuch schrieb als auch die Hauptrolle selbst übernahm. Basierend auf einer wahren Begebenheit handelt er von einer handverlesenen Gruppe von Kunstschutzsoldaten, die gegen Ende des zweiten Weltkriegs versuchten, Raubkunst sicherzustellen und Kunstschätze für die Nachwelt zu bewahren.

Zum Weiterlesen:
Kennengelernt habe ich Bernhard Jaumann bereits vor vielen Jahren durch seinen außergewöhnlichen und mit dem Glauser-Preis ausgezeichneten Krimi „Saltimbocca“. Ein Band aus seiner fünfbändigen Reihe, welche fünf Sinne und Metropolen in den Mittelpunkt stellt. Sein verblüffendes Verwirrspiel in der ewigen Stadt gespickt mit kulinarischen Leckereien der römischen Küche, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität immer mehr verschwimmen lässt, ließ mir damals das Wasser im Munde zusammenlaufen und das Krimiherz höher schlagen.

Bernhard Jaumann, Saltimbocca
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3041-0