Stachlige Alltagsblüten

Auf Katharina Adler’s zweiten Roman „Iglhaut“ war ich sehr gespannt, denn schon die Vorschauen hatten mich neugierig auf diese besondere Frau mit dem ungewöhnlichen Namen im Zentrum des Romans gemacht. Während der Lektüre hat mich die Schreinerin in der Münchner Hinterhofwerkstatt – gemeinsam mit den Menschen um sie herum – endgültig für sich eingenommen. Eine großartige, literarische Figur mit Ecken, Kanten und verborgenen Seiten, die Schritt für Schritt – wie beim Hobeln und Schleifen eines Stücks Holz – zum Vorschein kommen und nach dem Polieren zu glänzen beginnen.

„Leicht waren die Ferientage nicht für sie gewesen, alleinstehend unter Familien, Mittvierzigerin unter Pensionisten, Schattenfreundin unter Sonnenbränden, eine, die ein Buch las zwischen lauter Telefonen.“

(S.10)

Das ist Iglhaut – eine Frau in den Vierzigern, alleinstehend mit einem Hund, der Kanzlerin heißt und die im Hinterhof eines Münchner Mietshauses eine kleine Schreinerwerkstatt betreibt. Dort hat sie auch an den Lebensschicksalen ihrer Nachbarschaft – mal mehr, mal weniger freiwillig, aber immer unmittelbar – Anteil. Das Leben hat nicht nur ihren Nachbarn, sondern auch ihr selbst bereits ein paar Narben zugefügt. Als Scheidungskind bewegt sie sich ständig im psychologischen Minenfeld zwischen den getrennten Eltern und auch selbst konnte sie ihre bisherigen Liebesbeziehungen nicht aufrecht erhalten.

„Sie hatte sich noch nicht gesetzt, noch kein Getränk, noch kein Stück von der Käseplatte auf dem Esstisch genommen, da war sie nicht mehr Tochter, sondern Botschafterin in einem autokratischen Land, zur Rechtfertigung einbestellt. Ihre diplomatische Seite war gefordert. Umsichtig gewählte Worte, vielsagendes Schweigen und abwägendes Nicken zur rechten Zeit.“

(S.69)

Und so lernen wir nicht nur Iglhaut, sondern auch ihre Eltern – den überfürsorglichen Vater und eine esoterische Mutter – und ihre Nachbarschaft kennen.

Zwischen Münchner Mietshaus, ägyptischem Luxushotel und der Notfallambulanz entwickelt Katharina Adler Menschen, Lebensschicksale und Episoden, wie mitten aus dem Leben gegriffen. Der ganz normale Wahnsinn des täglichen Lebens in all seiner Buntheit, mit all seinen Facetten, Formen und Farben: Alltagsblüten.

Da ist die Klosterschwester Amalburga, die als Kundin eine Statue zur überzeugten Atheistin Iglhaut zur Restaurierung bringt und die so gerne einen Caffè Doppio im Café Alighieri um die Ecke trinkt oder der Pfleger Ronnie, der auf die medizinische Wirkung von Marihuana schwört. Oder die Mutter des Griechen um die Ecke, die so gerne auf ein Metallica-Konzert gehen würde und im Mietshaus das häufig lautstark streitende Ehepaar, die Schriftstellerin mit Schreibblockade, die mit ihrem zweiten Roman kämpft.

Da gibt es All Inclusive-Urlaub, Hochzeiten von Ex-Freunden, Rassismus, Flüchtlingsschicksale, Hausgeburten, Zahnarztbesuche, häusliche Gewalt und Geburtstagsfeiern – das Leben mit Höhen und Tiefen, Freude und Schmerz, Liebe und Leid.

Adler ist eine aufmerksame Beobachterin und trifft mit schlafwandlerischer Sicherheit und scheinbar mühelos den richtigen Tonfall. Viele Sätze treffen punktgenau ins Schwarze und sprechen einem geradezu aus der Seele. Sie hält der Gesellschaft und den Menschen den Spiegel vor und oft denkt man: Ja, genau so ist es. Genau so.

Sowohl von der Sprache der Autorin, die in München geboren wurde und jetzt nach Stationen in Leipzig und Berlin auch wieder dort lebt, als auch von den liebevoll gezeichneten Figuren war ich wirklich begeistert. Sarkastisch-zynisch schreibt sich Katharina Adler, deren Debütroman „Ida“ ich bisher noch nicht gelesen habe, was ich vermutlich aber bald ändern sollte, Seite um Seite mehr in mein Leserherz und überzeugt mich durch Stil, Wahrhaftigkeit und Authentizität.

„War sie, die Iglhaut, authentisch, weil sie nur zweimal in ihrem Leben umgezogen war?“

(S.91)

Iglhaut ist mir von Seite zu Seite mehr ans Herz gewachsen und für mich hätte das Buch gerne noch etwas länger als die 280 Seiten sein dürfen – so manche Figur oder Geschichte hätte sich noch gelohnt, näher beleuchtet und ausführlicher erzählt zu werden.

Ein tiefgründiger und zugleich witziger Roman mit ganz eigenem Charme und einem Zauber, der sich schwer in Worte fassen lässt: so stachlig, unkonventionell und direkt wie seine Hauptfigur – ein Buch so bunt wie das Leben!

„Ach, dachte die Iglhaut, nur ein paar Nächte in Frieden, mehr Wohlwollen und weniger Zahnschmerz und Zorn. Das wäre ein Leben. Und wenn sich dann noch vormalige Erlöser selber zur Wurmkur chauffierten. Mehr Paradies brauchte sie eigentlich nicht.“

(S.113)

Buchinformation:
Katharina Adler, Iglhaut
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00256-5

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Katharina Adler’s „Iglhaut“:

Für den Gaumen (I):
Schon der Klappentext verrät, dass Iglhaut eine Schwäche für Whiskey-Cocktails hat und zwar genaugenommen vor allem für den sogenannten „Old Fashioned“. Die Zutaten hierfür sind Whiskey, Zuckersirup, Bitter, Orangenzeste und natürlich Eis – ob Wasser reingehört oder nicht, da scheiden sich wohl die Geister.

Für den Gaumen (II):
Iglhaut’s Vater lebt seine Fürsorge gerne durch Bekochen und umfangreiche Verpflegungspakete aus:

„Der Vater konnte sich jetzt doch an seiner Tochter freuen. Das erste Stück Lasagne hatte sie fast verzehrt, nahm sich schon das zweite. Ob die Kinder fünf, fünfzehn oder fünfundvierzig waren, ein gesunder Appetit beruhigte die Elternseele. Solange der Nachwuchs aß, war noch nicht alles verloren.“

(S.40/41)

Zum Weiterlesen (I):
Schon bei den Worten „Münchner Schreinerwerkstatt im Hinterhof“ musste ich sofort an Meister Eder und seinen Pumuckl denken und es schossen mir Bilder von Gustl Bayrhammer hinter dem großen Glasfenster in seiner Hinterhofwerkstatt durch den Kopf. Ob die Fernsehserie des bayerischen Rundfunks aus den 80er Jahren, die Schallplatten oder die Bücher selbst: Pumuckl ist Teil meiner Kindheit.
Um so größer war dann die Freude, als ich doch tatsächlich bei der Lektüre von „Iglhaut“ auch noch eine kleine (ob bewusst oder unbewusst, kann ich nicht beurteilen) Hommage an die liebgewonnenen Figuren aus meiner Kindheit entdeckt habe:

„Einsam sitz ich in der Schaukel. Die Welt ist traurig und voll Gaukel. Ganz und gar, mögen andere dick und satt sein, ich will nichts vom Späneschwein.“
Während sie die Sätze aufsagte, sah sie so aufrichtig verwundert aus, da ging der Iglhaut das Herz schon wieder ein bisschen auf. „Kästner?“, tippte sie.
Jasmina schnippte die Späne weg. Sie lese prinzipiell nur Autor*innen, die sich als weiblich bezeichneten. Kaut sei das gewesen.“

(S.141)

Ellis Kaut, Meister Eder und sein Pumuckl
Franckh Kosmos Verlag
ISBN: 978-3440148204

Zum Weiterlesen (II):
Ein weiterer wunderbarer Roman, den ich vor einigen Jahren gelesen habe, ging mir während der Lektüre auch immer wieder durch den Kopf. Wer Gefallen an „Iglhaut“ findet, könnte sicherlich auch an „Die Eleganz des Igels“ der französischen Autorin Muriel Barbery seine Freude haben, denn auch die Pariser Concierge Renée ist eine außergewöhnliche Figur, die man nicht so schnell vergisst.

Muriel Barbery, Die Eleganz des Igels
Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder
dtv
ISBN: 978-3-423-13814-7

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