Septemberbowle 2020 – Altweibersommer und Theatermagie

Der September verwöhnte uns noch mit herrlichstem Wetter und einem wunderbaren Altweibersommer. Ein warmer, sonniger Spätsommer, den man noch in vollen Zügen genießen und viel Zeit im Freien verbringen konnte, bevor man jetzt mit gemischten Gefühlen bei steigenden Infektionszahlen in den bevorstehenden Pandemieherbst und – winter übergeht.

Meine Lektüre im September konnte mich nahezu durchgängig überzeugen, oft begeistern und hatte stellenweise sogar etwas Magisches. Zudem war ich überglücklich, dass auch die Theatersaison 2020/2021 trotz aller Schwierigkeiten und unter besonderen Vorsichts- und Hygienemaßnahmen beginnen konnte. Endlich wieder Livetheater! Und so spiegelte sich meine Freude am und aufs Theater auch in meiner Buchauswahl wieder.

Den Auftakt machte jedoch ein „Regalschlummerer“, d.h. ein Roman, der schon eine Weile in meinem Regal auf den richtigen Moment gewartet hatte, gelesen zu werden: „Unter der Drachenwand“ aus dem Jahr 2018 von Arno Geiger, dem Gewinner des ersten Deutschen Buchpreises 2005 (für „Es geht uns gut“). Eine eindrückliche und stimmungsvolle Geschichte, die das Jahr 1944 und die Endphase des zweiten Weltkriegs aus der Sicht junger Erwachsener beleuchtet, die im österreichischen Mondsee gemeinsam das Ende des Krieges ersehnen und sich einfach nur etwas Normalität und kleines bisschen Glück im Leben wünschen. Ein ruhiges, sehr atmosphärisches Buch, das mich sehr berührt hat.

Ein ziemlicher Kontrast war danach der Thriller „Dunkel“ von Ragnar Jónasson, der den Auftakt zur vielgerühmten Hulda-Trilogie bildet, die mittlerweile mit den folgenden Teilen „Insel“ und „Nebel“ vervollständigt wurde. Eine düstere Kriminalgeschichte aus Island mit einer charismatischen Hauptfigur namens Hulda, die als Kriminalpolizistin kurz vor der Zwangspensionierung noch in einem gefährlichen Cold Case ermittelt. Durch den Kniff, die Handlung chronologisch rückwärts vom Ende her zu erzählen, definitiv spannend und sehr flüssig zu lesen, aber insgeheim hatte ich mir bei den zahlreichen Vorschusslorbeeren noch etwas mehr versprochen.

Hochgradig spannend und packend fand ich „Das Verschwinden des Dr. Mühe“ von Oliver Hilmes – einem Autor, den ich aufgrund seiner bisher erschienenen, großartigen Biographien (u.a. „Witwe im Wahn“ oder „Herrin des Hügels“) ohnehin verehre. Dieses Mal entführte er mich ins Berlin der 30er Jahre und schilderte einen mysteriösen Kriminalfall – basierend auf einer wahren Begebenheit – der mich sofort in seinen Bann zog: detailreich, atmosphärisch und hervorragend recherchiert ein fesselndes Stück deutscher Zeitgeschichte.

Mein Liebling des Monats – obwohl das bei dieser starken Konkurrenz wirklich sehr schwer festzulegen ist – war aber wohl „Herzfaden“ von Thomas Hettche. Zu Recht steht dieser Roman auf der Shortlist des diesjährigen deutschen Buchpreises, der am 12. Oktober verliehen wird. Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste und der Gründerfamilie des Marionettentheaters war für mich magisch und versetzte mich gedanklich zurück in meine Kindheit. Ein Buch, in das ich abgetaucht bin und das mich fasziniert, unterhalten und bezaubert hat. Ganz große Literatur über Väter und Töchter, die Nachkriegszeit, die Kraft der Kunst und der Fantasie und über Theater und Theatermacher!

Felix Mitterers „Keiner von euch“ war danach eine Lektüre, die sich mit schwierigen Themen wie Rassismus, Ausgrenzung und einem Lebensschicksal beschäftigt hat, das verstörend und aufwühlend zu lesen war. Der österreichische Autor beschreibt in seinem ersten Roman die Geschichte Mmade Makés, der im 18. Jahrhundert in seiner afrikanischen Heimat entführt und bereits als Junge nach Europa verschleppt wurde. Als „Angelo Soliman“ verkehrt er später am Wiener Hof als Leibeigener eines Fürsten in höchsten Adelskreisen und der Freimaurerloge Mozarts. Doch am Ende seines Lebens geschieht das Unfassbare und er wird als präparierter Leichnam im Wiener Naturalienkabinett als „wilder Ureinwohner“ vor der Öffentlichkeit entwürdigend zur Schau gestellt. Eine wahre Geschichte, die schockiert und unter die Haut geht.

Das Ende meiner Septemberlektüre spannt wiederum einen Bogen zum Theater: „Judith und Hamnet“ erzählt die Geschichte der Familie des größten Dramatikers aller Zeiten – William Shakespeare. Die irisch-britische Schriftstellerin Maggie O’Farrell erzählt – basierend auf den wenigen Fakten, die bekannt sind – eine ruhige, eindringliche und zu Herzen gehende Geschichte über Shakespeares Frau Agnes und die Kinder Susanna, sowie die Zwillinge Judith und Hamnet. Ein historischer Roman, der ruhig und mit tiefgründiger Sprache eine neue Welt eröffnet, den Theaterverrückten Shakespeare als oft abwesenden Familienvater von einer anderen Seite zeigt und für den die Autorin mit dem Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet wurde.

Ein absoluter Höhepunkt für mich war in diesem Monat aber die erste Premiere der neuen Spielzeit im Landestheater Niederbayern mit dem „Urfaust“. Ich habe mich so sehr gefreut, endlich wieder ins Theater gehen und Schauspieler live auf der Bühne erleben zu können. Eine gelungene, moderne Inszenierung eines zeitlosen Klassikers, den ich zur Vorbereitung und Steigerung der Vorfreude auch nochmal gelesen hatte. Ein Abend, der Hoffnung und Kraft gegeben hat, um den weiteren Herausforderungen des anstehenden Herbsts und Winters im Zeichen der Pandemie mit Zuversicht begegnen zu können und ein eindrücklicher Beweis, das die Macht und der Zauber des Theaters ungebrochen ist.

Ein sonniger, erfüllender und vielseitiger Lese- und Kulturmonat September ist zu Ende und ich freue mich jetzt auf einen goldenen Oktober, der hoffentlich – wenn auch vermutlich mit herbstlicherem Wetter – wieder viel Anlass zu Freude, Lese- und Kulturgenuss geben wird. Es warten eine Operettenpremiere und mit Sicherheit wieder vielversprechende Bücher auf mich. Bleibt gesund und zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight September:
Zwetschgendatschi – kaum etwas schmeckt für mich so sehr nach diesen letzten, schönen warmen Sommertagen wie ein Stück von dieser süßen Köstlichkeit. Sonnengereifte, saftige Zwetschgen frisch vom Baum schreien gerade danach, zu diesem Kuchen verwandelt zu werden.

Musikalisches im September:
Ein Höhepunkt war für mich die TV-Übertragung der „Last night of the Proms“ aus der Royal Albert Hall in London auf NDR: das legendäre Konzert, das dieses Jahr zwar corona-bedingt vor einem leeren Zuschauerraum stattfand, aber dennoch eine ganz besonderen Zauber entfalten konnte. Vor allem die herausragende und äußerst sympathische Sopranistin Golda Schultz sowie die gelungene Programmzusammenstellung haben mich begeistert. Ausschnitte aus Mozarts „Le nozze di figaro“, das berührende Lied „Morgen“ von Richard Strauss oder aber das berühmte „You’ll never walk alone“ aus dem Musical „Carousel“ gesungen von Golda Schultz bescherten mir mehr als einen Gänsehautmoment.

„When you walk through a storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark
At the end of a storm
There’s a golden sky
And the sweet silver song of a lark“

(aus dem Musical „Carousel“, Text: Oscar Hammerstein II)