Septemberbowle 2022 – Herbsteln und Lichtspiele

Die Kastanien fallen von den Bäumen, der September brachte den lange fehlenden Regen und präsentierte sich eher feucht und kühl. Es herbstelte allerorten. Die Blätter färben sich und man holt die warme Kleidung aus dem Schrank.
Viel Gelegenheit, es sich mit einer Tasse Tee und einem guten Buch gemütlich zu machen und auch das kulturelle Leben hat nach der Sommerpause wieder an Fahrt aufgenommen:

Im Haus der bayerischen Geschichte in Regensburg sind aktuell zwei interessante Sonderausstellungen zu sehen: „Wirtshaussterben? Wirtshausleben!“ widmet sich der bayerischen Wirtshauskultur. Wie ist es um diese Institution bestellt? Eine schön gemachte Ausstellung, welche die Geschichte dieses Kulturguts auffächert und beleuchtet, warum die Zahl der traditionellen bayerischen Gasthäuser seit Jahrzehnten zurück geht und warum es sich doch lohnt, dieses Erbe zu schätzen und zu pflegen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 11.12.2022.

In einem kleineren Bereich ist derzeit die Sonderausstellung „Bavaria und Olympia 1896 – 2022“ zu sehen (12.07.2022 – 15.01.2023), für welche bayerische Spitzensportler ganz besondere Andenken an ihre großen Olympiateilnahmen und -erfolge zur Verfügung gestellt haben: so ist neben Markus Wasmeiers Rennanzug der Goldrennen in Lillehammer, auch das Eishockeytrikot des Landshuter Olympiadritten von 1976 Alois Schloder und ein historischer Bob von Andreas Ostler (Olympiagold 1952) zu sehen.

Im Landshuter Röcklturm konnte ich Anfang September eine schöne Ausstellung der Künstlerin Angela Sobek-Kistner besuchen, die unter dem Motto „LICHT“ stand. Auf der Homepage der Künstlerin besteht die Möglichkeit, sich selbst einen Eindruck über ihr Werk (mit dem Schwerpunkt Aquarelle) zu verschaffen, das häufig mit Lichteinfall und besonderen Lichtstimmungen spielt.

Und auch eine Lesung, die bereits im Frühjahr hätte stattfinden sollen und coronabedingt verschoben wurde, konnte ich jetzt endlich besuchen: Thomas Ecker und Lisa Gusel widmeten sich dem mysteriösen Mehrfachmord auf dem oberbayerischen Einödhof „Hinterkaifeck“ aus dem Jahr 1922, der sich im Frühjahr diesen Jahres zum hundertsten Mal jährte und der auch heute immer noch – man würde jetzt wohl von einem „True Crime“-Klassiker sprechen – Rätsel aufgibt. Abgerundet durch Live-Musik und eine mit Theaterrequisiten liebevoll gestaltete Bühne konnten die Besucher eine außergewöhnliche, szenische Lesung erleben, die hervorragend konzipiert und zugleich hochspannend war und sich dem Mythos „Hinterkaifeck“ aus unterschiedlichen Perspektiven genähert hat.

Und auch im Hinblick auf meine Lektüre war der September ein vielseitiger und abwechslungsreicher Monat: bewegende Lebensgeschichten, stimmungsvolle Romane und literarische Wiederentdeckungen interessanter Autorinnen – da war sehr viel Schönes und Bewegendes dabei.

Bezaubert und blendend unterhalten hat mich Lili Grüns Roman „Zum Theater!“ aus dem Jahr 1935, der die Geschichte der jungen Schauspielerin Loni Holl erzählt, die an einem kleinen Provinztheater ihr erstes Engagement bekommt und dort die Höhen und Tiefen des Theateralltags erlebt. Ein feiner Blick hinter die Kulissen, der mir große Lesefreude bereitet hat.

Eine weitere jüdische Autorin und ein außergewöhnliches Werk, das 1944/45 in einem Amsterdamer Versteck entstand und nun zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, ist Grete Weils „Der Weg zur Grenze“. Roman und Zeitdokument zugleich: Weil erzählt darin autofiktional über die Machtergreifung der Nationalsozialisten, den Verlust ihres Mannes, der in einem Konzentrationslager ermordet wurde und ihre Flucht aus Deutschland.

Heinz Strunks „Ein Sommer in Niendorf“ war meine allererste Lektüre für einen Lesekreis und ohne diesen Anlass hätte ich den Roman, der auch auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises stand, wohl nicht gelesen. Ein Buch, mit dem ich persönlich nicht warm geworden bin, das jedoch zweifelsohne genug Stoff für Diskussionen bietet. Eine ausführliche Besprechung findet man zum Beispiel auf Alexander Carmeles Blog Kommunikatives Lesen.

Deutlich mehr Vergnügen hatte ich bei der Lektüre einer Krimi-Wiederentdeckung von Josephine Tey aus dem Jahr 1951: „Alibi für einen König“. Einst von der englischen Crime Writers’ Association zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt, hat auch mich das ungewöhnliche Setting und die innovative Grundidee des Krimis fasziniert: wer käme schon auf die Idee aus dem Krankenbett heraus ein längst vergangenes Verbrechen zu untersuchen und in Erfahrung zu bringen, ob der legendäre König Richard III. wirklich der Bösewicht war, für den ihn so viele halten?

Eine stimmungsvolle und atmosphärische Zeitreise durfte ich auch mit Uta-Maria Heims neuem Roman „Albleuchten: Eine Herbstreise 1790“ antreten. Sie entführt den Leser auf eine Wanderung über die Schwäbische Alb von Tübingen nach Ulm und zwar mit keinen geringeren Wandergefährten als Hölderlin, Hegel, Schelling, Karoline von Günderrode und dem Theologen und Autoren Friedrich August Köhler. Eine philosophische und geschichtlich hoch interessante Reise, die durch die herbstliche Stimmung perfekt zur aktuellen Jahreszeit gepasst hat.

Ein eindrucksvoller und intensiver Debütroman einer spannenden, neuen Stimme aus Dänemark durfte ich mit Emeli Bergmans „Die andere Seite des Tages“ entdecken. Mit klarer Sprache erzählt sie von Anna, die als Au-pair in Paris in wechselnden Familien nach ihrem Glück sucht und doch stets außen vor und einsam bleibt. Eine eindringliche, tiefgründige Charakterstudie einer jungen Frau, die am Rande der Gesellschaft steht und ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hat.

Ich hatte schon länger keine Autobiografie mehr gelesen und bei Gunilla Palmstierna-Weiss’ „Eine europäische Frau“ machte mich zunächst vor allem der Titel neugierig. Die Lektüre entpuppte sich dann als eine interessante Reise durch die schwedische Kultur- und Theatergeschichte, ein faszinierendes Porträt einer starken, vielseitigen Künstlerin und Frau, das zugleich einen Blick erhaschen ließ auf das Leben und Werk ihres Ehemannes und Schriftstellers Peter Weiss. In Kürze werde ich hierzu ausführlicher berichten.

Regelrecht verschlungen habe ich – last but not least – Shelly Kupferbergs „Isidor: Ein jüdisches Leben“. Kupferberg, die als Autorin und Journalistin (u.a. für Deutschlandfunk Kultur) arbeitet, hat ihrem Großonkel Dr. Isidor Geller, ein wunderbares Denkmal gesetzt. Eine jüdische Familienbiografie, die von der Pracht und dem kulturellen Glanz Wiens ebenso erzählt wie Lebensgeschichten der jüdischen Bevölkerung, die durch den Anschluss 1938 ein jähes und oft tödliches Ende fanden.

Was bringt der Oktober?
Für mich einige Theaterbesuche, auf die ich schon sehr neugierig bin und mich sehr freue – so stehen zwei Komödien auf dem Programm des Landestheater Niederbayern: Marc Camolettis Boulevardkomödie „Boeing Boeing“ und worauf ich als Shakespeare-Fan besonders gespannt bin „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“. Der Oktober verspricht theatertechnisch amüsant und unterhaltsam zu werden.

Und auch auf eine Lesung mit der von mir sehr geschätzten Kammerschauspielerin Ursula Erb bin ich sehr gespannt: „Ein deutsches Leben“ von Christopher Hampton.

Zudem liegen schon wieder einige Bücher bereit, bei welchen ich kaum erwarten kann sie zu lesen und auch die nächste Lesekreis-Lektüre ist bereits besorgt.

Ich wünsche allen einen schönen, friedlichen Oktober mit guten Büchern und literarischen sowie kulturellen Lichtblicken! Unterstützt die Kreativen und Kulturschaffenden, die es brauchen können und sich nach Publikum sehnen: Also geht ins Theater, ins Konzert oder eine schöne Lesung! Bleibt gesund und passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight September:

Auch kulinarisch wurde der Herbst mit einem ersten Kürbisgericht eingeläutet: einer Kartoffel-Kürbis-Lasagne mit Babyspinat und Champignons. Lasagne ist ein wärmendes, nahrhaftes Essen für die Seele, gerade wenn es draußen nass, dunkel und ungemütlich wird.

Musikalisches im September:
Das Herbert Pixner Projekt hat ein neues Album herausgebracht: „SCHÏAN!“ (im Südtiroler Dialekt das Wort für schön) und es ist auch wirklich schön, zumal sich die Formation – für meinen Geschmack – wieder auf ihre Stärken besinnt und sich wieder natürlicher (mit weniger verzerrenden und E-Effekten) präsentiert als in der letzten Zeit. Es lohnt sich reinzuhören, zum Beispiel in das zauberhafte Stück „Liebele“.

„Das Wetter ist leidlich, es herbstelt. Wolken ziehen vorüber, dazwischen ein Streifen Blau, mal tränt ein Tropfen Regen, mal lacht ein Sonnenstrahl. Ein rasend hingehauchtes Licht.“

(aus Uta-Maria Heim „Albleuchten“ S.221)

10 Kommentare zu „Septemberbowle 2022 – Herbsteln und Lichtspiele

    1. Liebe Nanni, ja, der September war wirklich bunt und abwechslungsreich – ich bin selbst immer erstaunt, wenn ich am Monatsende für meine Bowle schaue, was alles so los war.
      Hier gibt es gerne den Link zum Rezept: https://schrotundkorn.de/rezepte/kartoffel-k%C3%BCrbis-lasagne-mit-spinat
      Dieses Mal habe ich wenig improvisiert und mich sogar relativ gut ans Rezept gehalten. 😉
      Viel Spaß beim Nachkochen und guten Appetit! Ich wünsche Dir ein schönes, langes Wochenende und sende herzliche Grüße! Barbara

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  1. Liebe Barbara,
    Du spendest wieder ein Füllhorn an kulturellen Impulsen mit Ausstellungen, Theater, Musik und Büchern, Fotos und Küche aus dem September.
    Gestern Morgen beim Blick aus dem Fenster der volle Herbstnebel. Zeit, in den Herbstgedichten zu blättern. Zu Deiner September-Bowle hier Eduard Mörike, 1828:

    „Septembermorgen

    Im Nebel ruhet noch die Welt,
    noch träumen Wald und Wiesen:
    bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
    den blauen Himmel unverstellt,
    herbstkräftig die gedämpfte Welt
    in warmem Golde fließen.“

    Herzliche Grüße und Wünsche für einen
    friedlichen und goldenen Oktober
    Bernd

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    1. Danke, Bernd, dass Du meiner September-Bowle noch diese schöne poetische Zutat hinzufügst und sie mit dem wunderbaren, stimmungsvollen Mörike-Gedicht bereicherst. Vielleicht zeigt sich ja der Oktober noch von seiner goldenen Seite – auch wenn es heute noch nicht danach aussieht. Herzliche Sonntagsgrüße aus dem regnerischen Landshut und morgen einen schönen Feiertag! Barbara

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  2. Die schöne fröhliche und gute Kulturbowle-Welt. Vielen Dank für deinen Blog. Palmstierna-Weiss‘ Biographie interessiert mich sehr. Von Peter habe ich eigentlich alles irgendwann mal gelesen. Freue mich sehr. Viele Grüße und Danke fürs Verlinken. Strunk ist meine Sache auch nicht 😀

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    1. Danke Alexander für die schöne Rückmeldung und das Verlinken war mir eine Freude. Zumal ich selbst keine ausführliche Rezension über Strunks Roman verfassen werde, kann gerne jeder bei Dir mehr über das Buch erfahren.
      Peter Weiss‘ „Die Ermittlung“ war bei mir vor vielen Jahren Schullektüre. Die Autobiografie seiner Frau, die selbst Künstlerin ist und Bühnenbild und Kostüme zu zahlreichen Theaterstücken schuf, fand ich hochinteressant und werde bald noch einen ausführlicheren Beitrag dazu schreiben.
      Und ja, ich versuche, auf meinem Blog in der Regel die schönen Seiten des Lebens in den Vordergrund zu stellen, gute Bücher und die Freude über schöne Kulturereignisse zu teilen – schlechte Nachrichten gibt es wahrlich genug.
      Schöne Sonntagsgrüße und morgen einen wunderbaren Feiertag! Barbara

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      1. Das mit den schönen Seiten gelingt dir wunderbar! Ich freue mich über jeden Beitrag. Ich werde mich wahrscheinlich noch häufiger bedanken 😀 Peter Weiss hat mich mein ganzes Studium über begleitet. Der Professor hat mit Palmstierna-Weiss zusammengearbeitet, die Notizbücher von ihrem Ehemann auszuwerten. Er hat sehr eindrücklich von ihr erzählt. Ich finde es toll, dass es nun eine Biographie von ihr gibt. Auch ein Grund für mich, vielleicht nochmals die Ästhetik des Widerstandes zu lesen. Einen geruhsamen Sonntagabend!

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      2. Ich habe zu danken und freue mich sehr über jede Rückmeldung, jeden Kommentar und jede Anregung. Gunilla Palmstierna-Weiss hat sich bei mir durch die Lektüre ihrer Autobiografie als starke Persönlichkeit eingeprägt und auch mein Interesse an den Werken ihres Ehemanns ist erneut geweckt. Einen schönen Feiertag morgen und herzliche Grüße!

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