Italienische Sommerglücksgefühle

Vorfreude auf den Sommer und eine große, nie zu stillende Italiensehnsucht – kaum eine Lektüre kann diese beiden Gefühle wohl so intensiv befeuern wie Axel Hacke’s wunderbares neues Buch „Ein Haus für viele Sommer“. Ein lichtdurchflutetes, freundliches und beseelendes Buch, das einen am liebsten sofort die Koffer packen und nach Italien aufbrechen lassen möchte.

Axel Hacke fährt seit über dreißig Jahren mit seiner Familie meist mehrmals im Jahr auf die Insel Elba in ein Ferienhaus, das er liebevoll den „Torre“ nennt und das sich im Familienbesitz befindet. Statt weite Fernreisen zu unternehmen und die entlegensten Winkel der Welt zu entdecken, zieht es ihn jeden Sommer immer wieder dorthin – an den immer gleichen Ort „in das immer gleiche Dorf und das immer gleiche Haus“ (S.33). Warum?

„Nirgendwo anders habe ich so ein deutliches Gefühl für das Verstreichen der Zeit gehabt wie hier im Dorf oder oben auf dem Ripidello, dem Hügel einige Kilometer außerhalb des Dorfes, wo du auf einer uralten Mauer sitzen kannst und zusiehst, wie ein Wind die Olivenblätter leise bewegt und wie die Zeit zusammen mit dem Wind durch die Bäume streicht und dabei langsam verstreicht.“

(S.8/9)

In zahlreichen Kapiteln, Geschichten und Anekdoten erzählt Hacke, was die Magie für ihre ausmacht: die Landschaft, das Meer, das Essen, das Wetter, die Ruhe … aber vor allem und am allermeisten die Menschen.
Sie sind das Herzstück seiner Episoden: und so dürfen wir seine italienischen Freunde, ob Barbesitzer, Handwerker, Automechaniker, Rettungsschwimmer, Maler, Dichter, Lebenskünstler und Philosophen kennenlernen.
Aber wir treffen auch auf Dante’s Ziegen, die einen unersättlichen Appetit haben, auf wasserdurchlässiges Mauerwerk im Torre, das schwer abzudichten ist, erfahren einiges über die Mysterien bzw. die höhere Wissenschaft der italienischen Müllentsorgung und einen alten Cinquecento, der sich als wahre Diva entpuppt.

Zudem hat wohl noch kaum jemand die Magie der Olivenernte und das Pressen des Öls mit solcher Begeisterung und Faszination beschrieben, wie Axel Hacke das in diesem Buch getan hat. Der Stolz auf das erste Öl aus Oliven – von den eigenen Bäumen und von Hand geerntet – sprüht aus jeder Zeile und leuchtet einem entgegen wie das „grüngelbgoldene“ Lebenselixier aus den sorgfältig abgefüllten Flaschen, die als wertvoller Schatz mit nach Deutschland gebracht werden.

Es ist ein Buch über ein Lebensgefühl und über eine lebenslange Liebe, aber zwischen den Zeilen auch über Werte, Haltung und darüber was wirklich wichtig ist im Leben. Themen, die den Autor auch schon in anderen Werken wie „Wozu wir da sind“ oder gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo in „Wofür stehst Du? Was in unserem Leben wichtig ist“ beschäftigt haben.

Axel Hacke ist ein grandioser Geschichtenerzähler, der mit unverwechselbarem Charme, warmherzigem Humor und einer ganz großen Liebe zu den Menschen und zum Leben, Momente und Anekdoten zu Papier bringt, die mitten aus dem Leben gegriffen sind. Er verbindet tiefgründige, philosophische Gedanken mit einem selbstironischen, pointierten und intelligenten Witz, der große Freude macht und zum Schmunzeln, Lächeln und Lachen bringt.

Die Lektüre ist gleichsam eine Liebe auf den ersten Blick. Die ersten Sätze, die ersten Absätze, die ersten Seiten – und schon ist man der Erzählkunst Hacke’s und dem italienischen Zauber verfallen. Man möchte sich sofort ins Auto setzen, genau wie er in dieses Dorf auf dieser Insel fahren und die Menschen kennenlernen. Mit ihnen in der Bar sitzen, einen Espresso oder ein Glas Wein trinken, sich die Sonne auf die Nase scheinen lassen und das Leben genießen.

„Heute ist ein Tag, an dem ich nichts tun will. Gar nichts. Ich stelle mir einen Stuhl vor den Torre, direkt neben den Eingang, wo es heute früh noch schattig ist. Und tue nichts.“

(S.145)

Und frei nach Albert Camus denke ich: Wir können uns Axel Hacke als glücklichen Menschen vorstellen. Mögen ihm daher also noch viele Sommer auf Elba in seinem Refugium beschieden sein und er uns weiterhin mit solch wunderbaren Büchern beglücken.

„Wir sitzen da und haben uns ausgelegt und lassen das Leben anbeißen.“

(S.153)

Wer sich nach Italien träumen möchte, eine Prise Glück im Leben gebrauchen kann und sich selbst etwas Gutes tun möchte, der sollte genau dieses Buch zur Hand nehmen, es lesen, genießen und die Zeit verstreichen lassen. Ein Buch das Licht, Helligkeit und Leichtigkeit schenkt, die italophile Seele zum Singen und Tanzen bringt und das man mehrfach und immer wieder lesen kann. Die wunderbare, hochwertige Aufmachung in strahlend azurblauem Leinen tut ein Übriges und bringt die Augen bibliophiler Menschen zum Leuchten.

Für mich sicherlich eines der absoluten Leseglanzlichter in diesem schicksalsschweren Jahr 2022, das mich wirklich restlos begeistert und glücklich gemacht hat.

Auch Elke Heidenreich hat das Buch von ganzem Herzen empfohlen, wie man in diesem knapp 5-minütigen WDR-Podcast nachhören kann.

Buchinformation:
Axel Hacke, Ein Haus für viele Sommer
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-483-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Axel Hacke’s „Ein Haus für viele Sommer“:

Für den Gaumen:
Was wären die Urlaube in Italien ohne kulinarische Köstlichkeiten? So schlägt ein italienischer Freund des Autors als Abendessen zum Beispiel „Spaghetti alla bottarga“ vor – Pasta mit Meeräschenrogen – ein Gericht, das ich persönlich noch nicht probiert habe. Oder doch lieber einen Branzino (Wolfsbarsch) vom Grill?

Zum Weiterhören (I):
Seit ich blogge und mir bewusst die musikalischen Querbezüge und Inspirationen meiner Lektüren notiere, bemerke ich, wie häufig in Italien-Büchern der Sänger Fabrizio De André auftaucht. Erst vor kurzem bei Gesuino Némus’ Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“ war er mir wieder untergekommen und jetzt also auch bei Axel Hacke: Er erwähnt und zitiert ein berühmtes Stück von ihm namens „Le nuvole“ – die Wolken.

Zum Weiterhören (II):
Wer gerne aus dem Munde des Autors selbst mehr über seine Beziehung zum Sommerhaus auf Elba, zu Italien und darüber hinaus erfahren möchte, was für Axel Hacke ein gelungenes Wochenende ausmacht, dem kann ich die Folge des ZEIT-Podcast „Was machst du am Wochenende“ sehr empfehlen, bei der er zu Gast war – eine kurzweilige, gutgelaunte Stunde gepflegte Unterhaltung, die auch Lust auf dieses Buch macht.

Zum Weiterlesen:
Axel Hacke gibt auch Anregungen auf weiterführende italienische Lektüre, so ist er ein bekennender Fan der Montalbano-Krimis des großen Andrea Camilleri, nimmt Bezug auf Giovannino Guareschi und seine berühmten Geschichten um „Don Camillo und Peppone“ und er weckte meine Neugier auf einen weiteren Roman, der sich mit dem Schicksal eines sardischen Jungen beschäftigt: Gavino Ledda’s Roman „Padre Padrone“.

„Und ich, der ich solche Armut nur aus Büchern kenne, erzähle, dass ich gerade Padre Padrone von Gavino Ledda gelesen habe. Auch die Verfilmung durch die Gebrüder Taviani habe ich gesehen. Die Geschichte eines Jungen, der kaum dass er ein paar Tage in der Schule gewesen ist – vom Vater dort abgeholt wird, weil der ihn als Ziegenhirte braucht, und weil der Alte das, was der Junge in dieser Schule lernt, als nutzloses Zeug verachtet.“

(S.263)

Gavino Ledda, Padre Padrone
Aus dem Italienischen von Heinz Riedt
dtv
ISBN: 978-3-423-13121-6

Tatort Tessin

Urlaubsreif? Eine kleine Auszeit gefällig? Ihr wart schon oder wolltet unbedingt immer schon mal eine Reise ins Tessin machen? Dann ist Mascha Vassena’s Regional-Krimi „Mord in Montagnola“ genau das Richtige. Mit Moira Rusconi, die als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, stellt sie uns eine interessante, neue Ermittlerpersönlichkeit vor, die für frischen Wind sorgt.

Moira Rusconi ist alleinerziehende Mutter einer Teenager-Tochter und hat sich gerade frisch von ihrem Partner getrennt. Vor vielen Jahren ist sie von einem längeren Auslandsaufenthalt in Peru zurückgekehrt und lebt seitdem in Deutschland, wo sie als Übersetzerin von Fachliteratur und Bedienungsanleitungen arbeitet, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Ihr Vater – ein pensionierter Literaturprofessor – lebt alleine und schon lange geschieden von Moira’s Mutter im Tessin, wo Moira auch aufgewachsen ist. Als dieser nach einem Schlaganfall ihre Hilfe benötigt, fährt sie zu ihm, um ihm zu helfen – es wird für sie eine Reise in die Vergangenheit, in ihre Jugend.

„Elfriede? Süßer Name!“
„Süß? Etwas Respekt vor diesen einzigartigen Kreaturen bitte! Die da sind: Herta, Ingeborg, Luise – und Marlen mit einem E.“
Ambrogio deutete nacheinander mit dem Zeigefinger auf jede der Genannten. Herta war die Graugetigerte, Ingeborg die große Schwarze, Luise der rote Blitz und Marlen die blaugraue Kartäuser.
„So hast du deine Lieblingsautorinnen immer um dich. Sind es wirklich alles Kätzinnen?“

(S.28)

Der Vater lebt in einem urigen, gemütlichen Haus zwischen Bücherstapeln mit fünf Katzen, die er nach seinen Lieblingsschriftstellerinnen benannt hat. Moira beschließt, dass sie auch eine Weile vom Tessin aus arbeiten kann, um dem Vater beizustehen, zumal sich auch die Großmutter in Deutschland eine Weile um ihre Tochter kümmern kann.

Als plötzlich in einer Nevèra, einem historischen Tessiner Eiskeller, der zum Konservieren der Lebensmittel verwendet wurde, bevor es Kühlschränke gab, von deutschen Wanderurlaubern eine Leiche gefunden wird, braucht die örtliche Polizei eine Dometscherin und bittet spontan Moira um Unterstützung.
Und schon ist sie mittendrin in einem Mordfall und da ihre große Jugendliebe Luca auch noch der zuständige Gerichtsmediziner des Kantons ist, wird es nicht nur bei den polizeilichen Ermittlungen, sondern auch in ihrem Gefühlsleben aufregend und turbulent.

Im schönen, malerischen Tessiner Ort Montagnola, der langjährigen Wahlheimat Hermann Hesse’s wird schnell klar, dass sich das Opfer weit mehr als nur einen Feind gemacht zu haben scheint. Moira beginnt in ihrer Rolle als Übersetzerin mit unkonventionellen Methoden zunehmend die Polizistin Chiara zu unterstützen und findet mehr und mehr Gefallen an ihrer neuen Aufgabe.

Mascha Vassena ist ein sinnlicher, harmonischer Regiokrimi in idyllischer Urlaubsatmosphäre und ein gelungener Auftakt für ihre Hauptfigur Moira Rusconi geglückt, der wirklich Lesefreude bereitet, gute Laune macht und geradezu nach einer Fortsetzung verlangt.

Schön auch, dass in diesem Krimi mal richtig Frauenpower angesagt ist: die ermittelnde Polizistin, die Staatsanwältin, die IT-Expertin – Mascha Vassena hat viele Schlüsselstellen in diesem Roman mit interessanten und starken Frauen besetzt.
Der Gerichtsmediziner und Hobbywinzer im Nebenberuf, der zugleich Moira’s erste große Liebe war, sorgt für die gewisse amouröse Note, die natürlich auch nicht fehlen darf.

Mascha Vassena hat viel Liebe in ihre Charaktere und die positive, wohlige Atmosphäre in diesem Buch gesteckt – schöne, liebevolle Details, die stimmig sind und ein rundum harmonisches Leseerlebnis schaffen. Die sympathischen Figuren, das südliche Flair und der Charme trösten vollkommen über kleinere Unplausibilitäten hinweg – schließlich soll und ist dies kein True Crime-Band, sondern ein stimmungsvoller Regio-Krimi, der zweifelsohne Lust und Laune auf das Tessin macht.

Eine wohltuende Lektüre, bei der einem das Herz aufgeht. Bei mir hat die Autorin definitiv die richtigen Knöpfe gedrückt und meinen Nerv getroffen: als Buchliebhaberin, die hin und wieder gerne einen Regio-Krimi liest, mag ich vor allem die intellektuellen Figuren: den Literaturprofessor, der umgeben von seinen Büchern und Katzen lebt und die Übersetzerin, die weltoffen ist und sich trotzdem auch wieder ihrer Wurzeln besinnt. Wenn dann noch in einer urigen, rustikalen Osteria gute Gespräche bei einem Glas Wein und exquisitem Essen geführt werden, dann ist das eine literarische Welt, in die ich gerne abtauche. Schönster Eskapismus – kurzweilig und unterhaltsam.

Urlaubsgefühle und Fernweh sind bei dieser Lektüre definitiv vorprogrammiert. Ein perfektes, charmantes Buch für einen lauen Abend auf dem Balkon oder der Terrasse mit einem Gläschen Wein – so kann und darf der Sommer kommen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mascha Vassena, Mord in Montagnola
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0102-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mascha Vassena’s „Mord in Montagnola“:

Für den Gaumen (I):
Kulinarisch hat dieser Krimi wirklich viel zu bieten:
Denn Moira hat unter anderem einige Jahre in Peru gelebt und wenn sie die Sehnsucht nach Lima überkommt, kocht sie „Lomo saltado“ – ein peruanisches Pfannengericht mit mariniertem Rindfleisch, Zwiebeln, Tomaten und Chilis.
Und danach vielleicht den peruanischen Cocktail „Pisco sour“?

Für den Gaumen (II):
Doch auch die Tessiner Küche Gabriella’s in der besten Osteria Montagnola’s, lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen:

„Gabriellas brasato – stundenlang gekochtes Rindfleisch mit Gemüse und Rotwein – war so zart, dass es auf der Zunge schmolz. Als Beilage gab es Polenta, den traditionellen Brei aus Maisgries, den ein Automat stundenlang in einem großen Kessel im offenen Kamin rührte.“

(S.36)

Oder doch vielleicht ein „hausgemachtes saltimbocca mit frischem Salbei aus dem Garten (…)“ und „eine Flasche vom besten Primitivo aus dem Keller“ (S.61)?

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
Der berühmteste Bewohner Montagnola’s – dem dort in der Nähe seines ehemaligen Wohnhauses ein eigenes Museum gewidmet ist – war wohl Hermann Hesse.
Dort entstanden viele seiner bekanntesten Werke, wie zum Beispiel „Narziss und Goldmund“, „Siddharta“ oder „Das Glasperlenspiel“ – zudem malte Hesse selbst wunderbare Gemälde der Tessiner Landschaft und der idyllischen Orte.

Zum Weiterlesen (I):
Eines der Werke Hermann Hesse’s, das ebenfalls in Montagnola entstanden ist und für mich einen außergewöhnlichen Zauber und eine besondere Bedeutung hat, ist die Novelle „Klingsors letzter Sommer“ (1919) über den Maler, der vor seinem Tod noch in einen Schaffensrausch verfällt.

Hermann Hesse, Klingsors letzter Sommer
Insel-Bücherei 1431
ISBN: 978-3-458-19431-6

Zum Weiterlesen (II):
Auch letztes Jahr weilte ich literarisch für eine Weile im schönen Tessin und zwar mit Hannah Arendt in Tegna, in Hildegard E. Kellers wunderbarem Roman „Was wir scheinen“, der letztes Jahr zu meinen Lesehöhepunkten zählte:

Hildegard E. Keller, Was wir scheinen
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0066-5

Zu weit weg vom Meer

Dank Gesuino Némus’ zweitem Sardinien-Krimi „Süße Versuchung“, der nun auf deutsch erschienen ist, konnte ich wieder in das Dörfchen Telévras zurückkehren, das ich im letzten Jahr in „Die Theologie des Wildschweins“ schon ins Herz geschlossen hatte. Der zweite Fall wartet mit einem Zeitsprung auf, denn wir befinden uns nicht mehr im Sommer 1969, sondern in der Gegenwart.

Und auch die Hauptakteure sind jetzt andere:
In der Bar hat ein Generationenwechsel stattgefunden und so steht jetzt Barista Samuele Baccanti – Tore’s Sohn – hinter dem Tresen und bewirtet seine meist ausschließlich einheimischen Gäste.

Womit wir beim Problem wären: Wie kann es gelingen, dass Telévras mehr Touristen anzieht? Dieses sardische Dörfchen, das einfach „zu weit weg vom Meer“, etwas abgeschieden in den Bergen liegt und doch so dringend auf das Geld der Urlauber angewiesen wäre. Der vielleicht kleinste Heimatverein Italiens soll sich darum kümmern, Ideen zu entwickeln. Doch als dieser plötzlich ohne Vorstand völlig führungslos zu sein scheint, gleichsam ein Machtvakuum im Dorf entsteht und dann auch noch zwei rätselhafte Todesfälle im Ort für Aufsehen sorgen, bekommt Telévras plötzlich mehr mediale Aufmerksamkeit und Publicity als man sich hätte erträumen können.

Die Dorfbewohner und Charaktere sind weiterhin kauzig, kantig und eigenwillig. So stehen dieses Mal unter anderem ein Renn-Jockey im Ruhestand mit ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexen, ein Dorfdichter und ein suspendierter Polizist im Zentrum des Geschehens.

„Ach, Lyrik kann lustig sein?“, erkundigte sich Marzio leidenschaftslos.
„Alles kann lustig sein, es kommt nur auf den Standpunkt an.“

(S.115)

Und was um Himmels willen hat das alles mit Elvis, Kurt Cobain oder Prince zu tun? Das wird nicht verraten, lasst Euch überraschen, denn Gesuino Némus, der im richtigen Leben Matteo Loci heißt und auf Sardinien geboren ist – sorgt dieses Mal für einige aberwitzige Wendungen und Wirrungen.

Ich mag die Erzählmelodie von Némus und den Humor, der so trocken ist, wie die sardische Erde nach acht Monaten ohne Regen und so schwarz wie der Espresso aus Samuele’s Kaffeemaschine in der Dorfbar.

„Der Tod ist die Art und Weise, mit der das Leben dir deine Entlassung erklärt. Ich erinnere mich nicht mehr, von wem diese Worte stammen, aber es muss ein kluger Kopf gewesen sein, (…)“

(S.118)

Der sardische Lokalkolorit kommt natürlich auch nicht zu kurz – so bewegt man sich zwischen Nuraghe – den prähistorischen Turmbauten auf der Insel – Kloster und Dorfbar, speist „Fritto Misto“ und trinkt ein Gläschen rubinroten Cannonau.
Und während der Schirokko bläst, zwielichtige Investoren ihr Unwesen treiben und der Heimatverein sich Gedanken über den Inhalt des nächsten Werbeflyers macht, gibt es für den Dorfdichter viel zu erzählen…

„Er hielt sich gut an dem Geländer fest und ging zu dem kleinen Platz, und kurz vor seinem Haus blieb er verzaubert stehen – die Sonne schien auf das Meer, vor ihm lag das verschneite Tal und am Horizont tiefblaues Wasser. Bei dem Anblick beruhigte er sich. Die Natur half ihm, wie so oft.“

(S.259/260)

Allzu gerne würde man sich selbst vor die Dorfbar in die Sonne setzen, eine schöne Tasse Espresso und ein Cornetto genießen und den schrulligen Bewohnern und ihrem wilden Treiben in Telévras zusehen.

Auch wenn die Lektüre etwas Konzentration erfordert und man sich nicht verwirren lassen darf: Dieser Krimi ist bittersüß, humorvoll, schräg und witzig und auf seine ureigene Art wieder etwas Besonderes. Allen Leserinnen und Leser, die also gerne mal die ausgetretenen Regionalkrimi-Pfade verlassen wollen und sich auf ein etwas spezielleres, sardisches Krimierlebnis einlassen möchten, kann ich nur empfehlen, sich von Némus nach Telévras entführen zu lassen – auch wenn es für Pauschaltouristen vielleicht „zu weit weg vom Meer“ liegt. Für sonnenhungrige, italienaffine Lesetouristen lohnt es sich auf jeden Fall.

Auf Italienisch sind bereits fünf Bände der Reihe erschienen und daher hoffe ich sehr, dass ich mich auch auf weitere Sardinien-Krimis von Gesuino Némus und Geschichten aus dem Örtchen Telévras in deutscher Übersetzung freuen darf. Denn von Büchern, die sich wie ein kleiner Kurzurlaub anfühlen und entspannte, sonnige Laune verbreiten, kann man bzw. ich nie genug bekommen.

Ein leuchtendes fröhliches Umschlagbild, eine launige Lektüre und eine wahrhaft „Süße Versuchung“, der ich gerne und mit großem Genuss erlegen bin.
Schließlich wusste schon Oscar Wilde: „Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!“

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Gesuino Némus, Süße Versuchung
Aus dem Italienischen von Juliane Nachtigal
Eisele Verlag
ISBN: 978-3-96161-132-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gesuino Némus’ „Süße Versuchung“:

Für den Gaumen:
Auch dieses Mal enthält das Buch nach dem „fil e ferru“ vom letzten Mal wieder eine hochprozentige kulinarische Empfehlung:

„Sie waren zum Du übergegangen, und der Dichter feierte dieses Ereignis, indem er s’axina asutt’e spiritu servierte, in Schnaps eingelegte weiße Weinbeeren.“

(S.117)

Zum Weiterhören (I):
Schon durch den ersten Fall von Gesuino Némus wurde ich auf den italienischen Sänger Fabrizio de André (1940 – 1999) aufmerksam. Dieses Mal wird explizit das posthum erschienene Album (Compilation) aus dem Jahr 2005 erwähnt: „In direzione ostinate e contraria“. Für eine Extraportion Italiengefühl einfach mal reinhören!

Zum Weiterhören (II) oder für einen Opernbesuch:
Samuele Baccanti, der Barbesitzer ist großer Opernfan und so sind seine Gäste gezwungen, die Saisoneröffnung der Mailänder Scala mit ihm im Fernsehen zu verfolgen, die in der Bar läuft: Giacomo Puccini’s „Madama Butterfly“ und die Arie „Un bel dì vedremo“ wird bald lautstark mitgesungen.
Eine herrliche Szene nach meinem Geschmack – mir würde Samuele da zweifelsohne eine große Freude machen.

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Der erste Band der Reihe war letztes Jahr eines meiner Lesehighlights (hier geht’s zu meiner Rezension). Der Fall, der im Sommer 1969 spielt, hat mich begeistert und wer noch mehr Lust auf Sardinien, Sonne und einen etwas ungewöhnlichen Krimi hat, dem kann ich „Die Theologie des Wildschweins“ wärmstens empfehlen:

Gesuino Némus, Die Theologie des Wildschweins
Aus dem Italienischen von Sylvia Spatz
Eisele
ISBN: 978-3-96161-098-3

Aller guten Dinge sind… an der Côte d’Azur

Heute gibt es zur Abwechslung mal mehrere Buchtipps auf einmal, denn aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei und ich weilte in der letzten Zeit literarisch gleich drei Mal an der sonnigen Côte d’Azur. Ausgehend vom frisch erschienenen Sachbuch Lutz Hachmeister’s „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, über einen Klassiker der Reiseliteratur von Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riviera“ aus dem Jahre 1931 zu einem Klassiker der Kriminalliteratur von Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“. Bereit für die Reise an die himmelblaue Küste? Los geht’s!

„Mitte der 1920er Jahre waren in Juan-les-Pins die Dämme gebrochen. Die gesamte Pariser und US-amerikanische Künstler- und Literatenbohème kam im Gefolge von Picasso, den Murphy’s und Cole Porter nach „Juan“. Zur Verwunderung der eingesessenen Antiboas wurde das seit drei Jahrzehnten vor sich hin dämmernde Projekt „Juan-les-Pins“ zu einem Welterfolg.“

(aus Lutz Hachmeister „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, S.45)

Ausgehend von der Geschichte des legendären, mondänen „Hôtel Provençal“ – einem großen, weißen Luxushotel in Juan-les-Pins – erzählt Lutz Hachmeister, wie die Côte d’Azur zu dem künstlerischen und touristischen Zentrum wurde, das es gerade in den Dreißiger Jahren war und wie sich der Tourismus über die Jahrzehnte bis heute an einer der berühmtesten Küsten der Welt weiterentwickelte.

Das weltberühmte Hotel, das 1927 vom reichen Amerikaner Frank J. Gould eröffnet wurde, entwickelte sich schnell zum renommierten und glamourösen Luxushotel in Juan-les-Pins. Hachmeister schildert die bewegte Familiengeschichte des Hotelgründers und widmet sich aber auch ausführlich den Künstlern, Malern, Literaten, Filmemachern, den Stars und Sternchen der Zwanziger und Dreißiger Jahre, die als Gäste nach Juan und in die Nachbarorte kamen. Man liest über den sonnengebräunten Picasso am Strand, die kurze und heftige Liebesaffäre Charlie Chaplin’s mit der jungen Tänzerin Mitzi Müller und über Marlene Dietrich, die samt Entourage an der Küste logierte.

Doch Hachmeister schildert auch den zunehmenden Ausverkauf der Küste, die Ära der Betonbauten und die negativen Entwicklungen über die Jahrzehnte. So steht das Provençal als Tourismusruine schon seit Jahrzehnten leer und Immobilienentwickler suchen immer wieder nach lukrativen Lösungen für das Objekt.

Eine interessante, vielseitige und flüssig zu lesende Kulturgeschichte, die mir einen interessanten und stimmungsvollen Einblick in die wechselhafte Geschichte dieser sonnenverwöhnten Region im Süden Frankreichs und seiner illustren Gäste gegeben hat.
Eine ausführliche, lesenswerte Besprechung zum Buch erschien vor kurzem in der ZEIT.

In den Dreißiger Jahren weilten auch die Geschwister Erika und Klaus Mann an der Côte d’Azur und verfassten einen persönlichen Reiseführer der anderen Art: „Das Buch von der Riviera“. Dieses Büchlein aus dem Jahre 1931 liest sich auch heute noch sehr spritzig, witzig und lebt von seiner amüsanten Ironie, die nichts an Charme eingebüßt hat. Auch wenn so manches Hotel und Restaurant mittlerweile nicht mehr existiert und die Preise für Mahlzeiten und Hotelzimmer noch in Währungen angegeben werden, die ebenfalls schon Geschichte sind, spürt man immer noch die sonnige, unbeschwerte Urlaubsatmosphäre, welche die beiden dort in Künstlerkreisen, in den Bars, Restaurants und am Strand erlebten.

„Was die Läden angeht, in denen wir das Geld ausgeben, das wir nicht mehr haben wollen, so gibt es hübsche Ledersachen zum Beispiel (…)“

(aus Erika und Klaus Mann, „Das Buch von der Riviera“, S.30)

Ein Buch, das auch heute noch die Chance bietet, sich eine Auszeit vom Alltag und einen literarischen Kurzurlaub mit Sonne und französischem Savoir-Vivre zu gönnen. Raus auf den Liegestuhl, ein schönes Getränk und dieses Buch – voilà, fertig ist der zweistündige Urlaub an der azurblauen Küste!
Eine umfassendere, sehr schöne Besprechung findet man auch bei Birgit Böllinger.

1932 – ein Jahr später als das Buch der Mann’s – erschien der Kriminalroman „Maigret in der Liberty Bar“ von Georges Simenon, in welchem er seinen pfeifenrauchenden Kultkommissar ebenfalls an der Côte d’Azur ermitteln lässt.

Maigret, dem die Hitze zu schaffen macht, der zunächst etwas schläfrig nach der langen Zuganreise und unmotiviert ist, kommt erst dann in die Gänge, als er feststellt, dass der Tote ihm verblüffend ähnlich gesehen hat. In Cannes führen ihn seine Ermittlungen in zwielichtige Kneipen und verruchte Etablissements und er stellt fest, dass es auch im luxuriösesten Urlaubsort Licht und Schatten gibt.

„Überall nur Weiß: riesige weiße Hotels, weiße Geschäfte, weiße Hosen, weiße Kleider, weiße Segel auf dem Meer. Als wäre das Leben ein Märchenspiel im Varieté, mit einem Bühnenbild in Weiß und Blau.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.37)

Diese Krimilektüre rundete meine literarische Stippvisite an der französischen Mittelmeerküste wunderbar ab. Die gerade mal 186 Seiten lasen sich kurzweilig, schnell und zeigten den großen Maigret einmal von einer anderen Seite.

Auch Simenon hatte ein untrügliches Auge für Milieus und Atmosphäre und verstand es, seine Leser in Urlaubsstimmung zu versetzen. Kein Wunder dass auch Maigret dieses Mal lieber Urlaub gemacht hätte, als diesen Fall zu lösen.

„(…) allmählich begriff er die Côte d’Azur: ein einziger, sechzig Kilometer langer Boulevard, der sich von Cannes bis nach Menton erstreckte, von Villen gesäumt, hier und da ein Casino und ein Luxushotel. Das berühmte blaue Meer, das Gebirge und all die Herrlichkeiten, wie die Prospekte sie verhießen: Orangenbäume, Mimosen, Sonne, Palmen, Pinien, Tennis, Golf, Teesalons und amerikanische Bars.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.130/131)

Buchinformationen:

Lutz Hachmeister, Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur
C. Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-10432-3

© C.Bertelsmann

Georges Simenon, Maigret in der Liberty Bar
Deutsch von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung
Kampa
ISBN: 978 3 311 13017 8

© Kampa Verlag


in meinem Fall eine Ausgabe der Büchergilde:

Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 9783763271962

© Büchergilde Gutenberg

oder:
Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-40715-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerten mich die drei literarischen Reisen an die Côte d’Azur:

Für den Gaumen:
In allen Büchern wird vor allem auch das stilechte Getränk thematisiert: Bei Hachmeister ist es unter anderem ein Vermouth-Cassis, Simenon lässt Maigret an der Côte einen Anis trinken und die Mann’s nahmen gerne einen „after-Dinner-Cognak“.

Zum Weiterschauen:
Bereits im Jahr 2001 war die ARTE-Dokumentation „Hotel Provençal – Aufstieg und Fall der Riviera“ von Lutz Hachmeister für den Grimme-Preis nominiert. Ein Thema, das ihn schon lange begleitet und das er nun auch in seinem Sachbuch verarbeitet hat.

Zum Weiterhören:
Juan-les-Pins ist ebenso berühmt für sein Jazz-Festival und war auch für Musiker stets ein Anziehungspunkt, so erfahren wir, dass Cole Porter („Anything goes“) und Ella Fitzgerald („Cricket Song“) gerne an der Küste weilten.

Zum Weiterlesen:
Gerade Lutz Hachmeister bietet in seinem Buch eine reiche Leseliste im Anhang und verweist immer wieder auf die künstlerischen Querbezüge zu Malerei, Filmen und Literatur. Neben den Mann’s und Georges Simenon stehen unter anderem auch Graham Greene, F. Scott Fitzgerald, Patrick Modiano und Ernest Hemingway auf der Literaturliste. Da gibt es viele Anknüpfungspunkte und Inspirationen zum Weiterlesen. Auf meine Merkliste gewandert ist ein Werk des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, das ich bisher noch nicht gelesen habe:

Patrick Modiano, Sonntage im August
Aus dem Französischen von Andrea Spengler
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-46620-9