Julibowle 2021 – Sommerpausen und Festspielzeiten

Aktuell verabschieden sich viele Blogger in eine Sommerpause und nehmen sich eine Auszeit – auch die Theater gehen in die sommerliche Spielzeitpause, dafür beginnt anderenorts die Festspielzeit. So war der Juli eine Zeit des Übergangs, ein Wechselspiel aus Sommerpausen und Festspielhöhepunkten – ein Gehen und Kommen.

So konnte ich Anfang Juli noch einmal einen wunderschönen Freiluft-Theaterabend in Landshut genießen – der mich in Wiener Heurigenstimmung versetzte und „Zur fesch’n Wirtin“ entführte, bevor sich dann das Landestheater Niederbayern in die Sommerferien verabschiedete.

Doch kulturell war dank eines reichhaltigen Festspielangebots per Livestream wirklich viel geboten, so dass bislang kein spürbares Sommerloch entstanden ist:
So konnte ich die Neuinszenierung der Bayreuther Festspiele „Der fliegende Holländer“ als Stream genießen – mit einer umjubelten Asmik Grigorian als Senta und einem für mich überragenden Daland gesungen von Georg Zeppenfeld.
Zudem gab es auch Wagner aus München: „Tristan und Isolde“ als „Oper für alle“, die ebenfalls per Livestream zu sehen war. Anja Harteros und Jonas Kaufmann gaben ihr Rollendebüt an der Bayerischen Staatsoper – ein emotionaler Abschied auch für den scheidenden Intendanten Nikolaus Bachler und Kirill Petrenko, der bereits die Leitung der Berliner Philharmoniker übernommen hat. Sehr sehenswert und mit einem geradezu unfassbaren Staraufgebot versehen, war auch das Abschiedskonzert „Der wendende Punkt“.
Und auch Mozart war im Livestream zu erleben: Ebenfalls aus München gab es den „Idomeneo“ aus dem Prinzregententheater, der mich vor allem durch die großartigen Gesangsleistungen von Matthew Polenzani (Idomeneo), Emily D’Angelo (Idamante), Olga Kulchynska (Ilia) und Hanna-Elisabeth Müller (Elettra) überzeugte.

Doch auch zwei filmische Bildungslücken konnte ich im Juli dank des öffentlich-rechtlichen Fernsehens schließen: Marcus H. Rosenmüller’s Spielfilm über den legendären Torwart „Trautmann“ und den großartigen und völlig zurecht oscarprämierten Film „Green Book“.

Schön auch, dass man wieder einmal eine Ausstellung besuchen kann: In der Landshuter Heiliggeistkirche ist aktuell „Peter Mayer – Totems und Fabelwesen. Eine Reise ins Paradies“ zu sehen. Der 2009 verstorbene Schwandorfer Künstler hat aus den Materialien Ton und Bronze Werke geschaffen, die unter anderem auch durch Studienaufenthalte in den USA und seiner Begegnung mit der Kultur der Native Americans geprägt wurden.

Meine Lektüre im Juli hatte überwiegend sehr sommerlichen Charakter:
Mit Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ und Alex Lépic’s „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“ konnte ich zwei sehr unterschiedliche Frankreich-Krimis kennenlernen, die mir gut gefallen haben. Bei Gelegenheit werde ich hier noch näher berichten.

Inspiriert durch die Aktion „Würzburg liest ein Buch“ habe ich den Autor Max Mohr und seinen Roman „Frau ohne Reue“ aus dem Jahr 1933 für mich entdeckt. Eine intensive Lektüre, die es verdient, wieder ins Bewusstsein der Menschen geholt zu werden, da sie große Themen von zeitloser Gültigkeit behandelt.

Aus dem gleichen Jahrzehnt stammt das 2020 posthum veröffentlichte Werk der Verlegerin Helen Wolff: „Hintergrund für Liebe“. Ein grandioses Sommerbuch, das für mich der perfekte Beitrag zur Indiebookchallenge im Juli (#Sommerbuch) war, denn dieser Roman „schmeckt wirklich nach Sommer“. Sprachlich wunderschön – für mich ein ganz großer Lesegenuss!

Eine interessante Perspektive eröffnete Rolf Käppeli’s Roman „Vom Ende einer Rütlifahrt“, der die unterschiedlichen Haltungen und Stimmungen der Bevölkerung 1944 in der Schweiz beschreibt. Auf einem Raddampfer auf dem Vierwaldstätter See tauscht eine bunt gewürfelte Reisegesellschaft auf einem Betriebsausflug ihre Meinungen aus – da kann es durchaus hitzig werden.

Passend zur Festspielzeit ließ ich mich von Manfred Baumann’s Regionalkrimi „Salzburgsünde“ in die schöne Stadt an der Salzach entführen. Gerade das Salzburger Flair macht für mich den Reiz dieser Krimireihe um Kommissar Merana aus und so wanderte ich mit ihm dieses Mal auf den Kapuzinerberg und besuchte zumindest literarisch den „Parsifal“ im Großen Festspielhaus.

Eine Auszeit der anderen Art verschaffte mir das Sachbuch „Zeit der Aussteiger“ von Andreas Schwab, in welchem er zehn Künstlerkolonien, ihre Geschichte und Entwicklung sowie die prägenden Künstlerpersönlichkeiten der jeweiligen Orte beschreibt. Eine aufschlussreiche Lektüre, die einen guten ersten Einstieg in die Thematik gibt und inspiriert, sich weiter mit dem Phänomen „Künstlerkolonien“ zu befassen.

Gefordert und beschäftigt hat mich auch Jaume Cabré’s Roman „Eine bessere Zeit“, den ich Euch demnächst auch noch näher vorstellen möchte. Schließlich steht die nächste Station meiner Europabowle bzw. literarischen Europareise vor der Tür: Spanien.

Was bringt der August?

Weitere Möglichkeiten, sich ein wenig Festspielflair nach Hause ins Wohnzimmer zu holen:
Auf den „Don Giovanni“ der Salzburger Festspiele am Samstag, den 7. August 2021 um ca. 22.00 Uhr auf ARTE (oder ORF2) bin ich schon sehr gespannt.
Eine weitere Da Ponte-Oper steht auf ARTE Concert noch bis zum 08.07.2022 zur Verfügung: „Le nozze di Figaro“ von den Opernfestspielen aus Aix-en-Provence .

Bald gibt es auch den ersten Geburtstag meiner Kulturbowle zu feiern – unglaublich wie die Zeit vergeht.

Ansonsten hoffentlich noch einige schöne Sommerabende, Zeit im Freien und mit Sicherheit auch wieder gute, spannende und vielseitige Lektüre, über die ich selbstverständlich berichten werde.
Ich wünsche weiterhin allen Lesern und Bloggerkollegen – ob mit oder ohne Urlaub oder Sommerpause – einen schönen August, entspannte Sommertage und eine gute Zeit mit Kulturgenuss und Bücherlust!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

***

Gaumen-Highlight Juli:
Die Tomaten werden reif – eine schöne, rote San Marzano aus eigenem Anbau, da schmeckt man doch den Sommer – auch wenn man dieses Jahr ein wenig Geduld haben musste.

Musikalisches im Juli:
Meine musikalische Neuentdeckung dieses Monats war sicherlich das koreanische Volkslied „Arirang“, das die Sänger des Passauer Musiktheaterensembles Heeyun Choi und Kyung Chun Kim beim Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ als überraschendes und berührendes Element einstreuten. Bis zu diesem schönen Abend im Landshuter Prantlgarten war mir das Lied nicht bekannt – nach der anschließenden Wikipedia-Recherche weiß ich nun, dass es von der UNESCO sogar in der Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit geführt wird und dass es bei internationalen Sportveranstaltungen für gesamtkoreanische Mannschaften sogar als Ersatz der Nationalhymne eingesetzt wurde.

„Licht meiner Hoffnung, leuchte neu!“

(aus dem Libretto von Richard Wagner’s „Der fliegende Holländer“)

6 Gedanken zu “Julibowle 2021 – Sommerpausen und Festspielzeiten

  1. Liebe Barbara,
    es ist immer wieder schön, den Überflug über ein oder mehrere Werke, die Sie gut unterhalten haben zu lesen. Bei „Green book“ stimme ich voll zu. Ein großartiger Film!
    Ihre Einschätzungen sind inspirierend, unterhaltsam und immer nehme ich etwas mit. Neulich den schönen Spruch aus „Was wir scheinen“ von Hildegard E. Keller: „Was wäre das Denken, ohne die Briefe an Freunde“. Dieses Buch werde ich meinem Mann, der Hannah Ahrendt Fan ist, zu Weihnachten schenken.
    Auch für Sie eine schöne Sommerzeit und alles Gute.
    Herzliche Grüße Bettina

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    • Liebe Bettina! Vielen herzlichen Dank für die schöne Rückmeldung. Das freut mich sehr und ist mir auch Ansporn, weiter hier auf dem Blog über Lektüren und kulturelle Erlebnisse zu berichten. Es ist schön zu wissen, dass man ab und zu jemanden inspirieren und seine Freude über ein gutes Buch, eine Film oder auch eine schöne Veranstaltung auf diese Weile teilen kann. Ebenfalls sehr herzliche Sommergrüße und eine gute Zeit! Barbara

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    • Lieber Bernd, dankeschön. Dein feines Auge hat auch die Ginkgos entdeckt – seit einem Besuch in Weimar vor einiger Zeit achte ich mehr darauf und freue mich, wenn ich dann auch in Landshut diese besonderen Bäume entdecke… Herzliche Grüße, Barbara

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  2. Deine Erwähnung von „Der fliegende Holländer“ weckt bei mir spontan die Assoziation mit dem Literaturklassiker „Die Bechtrommel“ von Günter Grass, dort gab es eine recht markante Szene, in der „das Oskarchen“ samt Famile die Oper besucht. XD

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    • Interessant, das war mir gar nicht so präsent – aber wenn ich es gerade richtig im Netz nachgelesen habe, weiß Oskar die Oper wohl nicht wirklich zu schätzen und zersingt stattdessen einen Scheinwerfer.

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