In den Fängen des Tintenfischs

Venedig im Mai 2020 – die Stadt befindet sich auf dem behutsamen Weg heraus aus dem ersten, strengen Lockdown. Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo haben mit ihrem zweiten Band der Morello-Reihe „Der Tintenfischer“ bereits einen Krimi vorgelegt, der in der Corona-Zeit spielt.

Und so ermittelt die venezianische Polizei unter anderem gegen eine Bande von Corona-Kriminellen, die alte Leute ausraubt, indem sie sich an der Haustür als Mitarbeiter des roten Kreuzes ausgeben, um die Wohnung zu desinfizieren.
Ansonsten ist die Stadt wie ausgestorben – die Gassen und Kanäle sind leer – es herrscht strenge Ausgangssperre. Commissario Morello, der zu seiner eigenen Sicherheit in den Norden versetzte Sizilianer fremdelt immer noch ein wenig mit der Lagunenstadt, doch als plötzlich ein Flüchtling sich medienwirksam filmt, als er in Selbstmordabsicht von einer Brücke springt, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, bleibt Morello und seiner Kollegin Anna Klotze nicht viel Zeit zu überlegen. Anna rettet ihn aus dem Kanal und der junge Nigerianer erzählt ihnen nach und nach die Geschichte seiner Flucht.

Er ist auf der Suche nach einer jungen Frau, in die er sich während seiner Flucht verliebt hat und die er aus den Augen verloren hat. Er vermutet sie in der Gewalt von Menschenhändlern, die sie zur Prostitution zwingen.
Schon bald führen die Ermittlungen Anna und Morello auf eine abenteuerliche Reise nach Sizilien, wo sie das Mädchen aufspüren wollen. Jedoch birgt jeder Besuch in der alten Heimat für den Commissario, der von der Mafia gesucht wird, große Gefahr.

Nach dem ersten Band „Der freie Hund“ ist „Der Tintenfischer“ der zweite Fall des sizilianischen Commissario’s Morello, welcher in Venedig ermittelt. Das Autorenduo Schorlau und Caiolo haben einen routinierten, spannenden Italien-Krimi geschrieben, der hochaktuell auch schon die Corona-Thematik behandelt. Die neue Bedrohung, für die sich gerade in der Stadt Venedig der Vergleich mit der Pest anbietet – in der Stadt in der sich im Karneval immer noch Menschen mit Masken als Pestärzte verkleiden und in der die Seuche unauslöschliche Spuren hinterlassen hat.
In diesem Krimi beschreiben die Autoren nun die Plagen der neuen Zeit.

Gespenstisch die Atmosphäre des ausgestorbenen Venedig – sofort hat man die Bilder aus dem letzten Jahr im Kopf: ein menschenleerer Markusplatz – bis zur Coronakrise unvorstellbar.

„Der Tintenfischer“ ist spannend und liest sich schnell. Schorlau und Caiolo greifen auf ein bewährtes Krimi-Kochrezept zurück: viel Lokalkolorit, ein kantiger, eigenwilliger Commissario, der gerne und viel kocht, italienische Musik hört und eine Prise Liebesknistern in einem spannenden Kriminalfall. Das alles geschieht auf stimmigem und intellektuell hohem Niveau und lässt sich süffig lesen. Lediglich einige wenige Szenen, in welchem Kollegin Anna fast als Reiseführerin agiert und Morello Venedigs Sehenswürdigkeiten erklärt, fand ich persönlich ein wenig zu konstruiert. Der Szenenwechsel von Venedig nach Sizilien jedoch bereichert und schafft Atmosphäre.

Der Roman greift ernste, brisante Themen auf: die Situation der Flüchtlinge, die Mafia, politische Verwicklungen – das ist für mich die große Stärke dieses Krimis. Die Autoren trauen sich, auch schwierige Inhalte anzupacken und zu vermitteln. Der Tintenfisch mit seinen Tentakeln, die sich überall hineinschlängeln, ist ein gelungenes Bild für die kriminellen und politischen Verstrickungen in Italien und ein gut gewählter Titel.

„Diese Stadt greift nach mir, denkt er. Wie ein Tintenfisch greift sie nach mir mit tausend Armen und zieht mich immer weiter hinein in die Lagune und in ihre Kanäle.“

(S.68)

Um so interessanter fand ich, dass die Autoren auch Venedig mit einem Oktopus vergleichen, der auf vielfältige Art und Weise den Commissario immer mehr verführt und in Beschlag nimmt. Ob er dort doch noch heimisch werden wird? Weitere Fälle werden es hoffentlich noch zeigen.

Seit der Lektüre weiß ich, wie man einen Tintenfisch fängt – eine Fähigkeit, die der Sizilianer Morello von seinem Vater gelernt hat. Zudem bietet das Buch zahlreiche kulinarische, literarische und musikalische Inspirationen, die ich immer gerne aufnehme. Vielleicht – aber das tat dem Lesegenuss keinen Abbruch – fehlte mir persönlich der ultimative, würzige Pfiff zum ganz großen Wurf bzw. zum Abrunden des Geschmacks. Aber wer Pasta und Italien liebt, ist bei diesem Roman auf jeden Fall gut aufgehoben: die Zutaten stimmen, schmecken und machen Spaß und ich werde die Reihe sicherlich weiter verfolgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo, Der Tintenfischer
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00101-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Tintenfischer“:

Für den Gaumen:
In diesem Krimi wird viel gekocht und geschlemmt – gerne Pasta – und am Ende des Buches finden sich als Zugabe sogar die Lieblingsrezepte des Commissario zum selbst Nachkochen. Eines dieser Rezepte sind die berühmten Pasta alla Norma (mit Auberginen) und wer nicht so lange warten kann bis er den Krimi in Händen hält, findet hierzu auch ein schönes und gut beschriebenes Rezept auf dem vielseitigen Blog Arcimboldi’s World.

Zum Weiterhören:
Aktuell begegnet mir in der Literatur immer öfter der italienische Cantautore (Liederdichter) Fabrizio de André (1940-1999) – war es in einem Sardinien-Krimi vor kurzem der Song „Geordie“, so wird in „Der Tintenfischer“ sein Lied „Preghiera in Gennaio“ erwähnt.

Zum Weiterlesen (I):
Ich finde es immer spannend, wenn Romanfiguren selbst zu Büchern greifen. Schorlau und Caiolo lassen ihren Commissario Morello – der selbst leidenschaftlich gegen die Mafia kämpft – Leonardo Sciascia’s Mafiaroman „Der Tag der Eule“ lesen. Kein Wunder, dass dieser jetzt auch auf meine (immer länger werdende) Leseliste gewandert ist – zumal ich diesen Klassiker der sizilianischen Kriminalliteratur bisher noch nicht kenne:

Leonardo Sciascia, Der Tag der Eule
Aus dem Italienischen von Arianna Giachi
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2619-1

Zum Weiterlesen (II) oder vorher lesen:
Im letzten Frühjahr war der erste Teil der Krimi-Reihe „Der freie Hund“ eines der Bücher, die mich im ersten Lockdown ablenken konnten und gedanklich nach Italien entführten. Wer also erfahren möchte, wie es den sizilianischen Commissario nach Venedig verschlagen hat und wie er sich nach anfänglichem Widerwillen dieser Stadt doch annähert, der sollte vor der Lektüre des Tintenfischers zum ersten Fall der Reihe greifen, in welchem unter anderem der Overtourism und die großen Kreuzfahrtschiffe in der Lagunenstadt thematisiert werden.

Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo, Der freie Hund
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00147-1

Dunkle Machenschaften in der Serenissima

Christian Schnalke hat mit „Die Fälscherin von Venedig“ eine opulente und farbenfrohe Fortsetzung seines „Römischen Fieber“ vorgelegt und erzählt die Geschichte von Franz Wercker spannend weiter. Aus Rom musste der Schriftsteller aus dem ersten Band überstürzt aufbrechen und hat nun den Auftrag, verdeckt als vermeintlicher Kunsthändler in Venedig einen großen Kunstraub aufzuklären.
Venedig, das am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert hat, ist literarisch immer eine Reise wert und auch dieser historische Roman lässt die Lagunenstadt vor den Augen der Leser lebendig werden.

„Wie knüpft man an einen Traum an, fragte er sich. Ob man diese Kunst beherrschen kann? Natürlich, er lächelte. Man nennt sie Lesen: Wenn Du ein Buch wieder aufschlägst, träumst du genau da weiter, wo du zuvor aufgehört hast…“

(S.20)

Da ich inhaltlich nicht zu viel verraten will – und auch potenziellen Lesern, die den ersten Band „Römisches Fieber“ noch nicht kennen, nicht die Spannung nehmen möchte – versuche ich mich kurz zu fassen:
Franz Wercker, der in Rom nur durch großes Glück knapp dem Tod entronnen ist und sich von seiner geliebten Clara trennen musste, die nach Hause ins ferne Weimar abgereist ist, hat sich nun in Venedig mit einer delikaten Angelegenheit herumzuschlagen: Er soll als angeblicher Kunsthändler einen groß angelegten Kunstraub aufdecken. Doch allein seine Fassade als Kunstexperte aufrecht zu erhalten, bereitet ihm einiges Kopfzerbrechen und letztlich stellt sich schnell heraus, dass er ohne Hilfe seinem Auftrag nicht gerecht werden kann.

Denn Venedig und die dortige Gesellschaft sind eigenwillig – man braucht profunde Kenntnisse oder ortskundige Hilfe, um zu recht zu kommen – und schon bald verstrickt Wercker sich in ein komplexes Konstrukt aus Vortäuschung falscher Tatsachen, Lügen und Spionage. Können ihm ein paar Gassenjungen und die junge Malerin Ira – die selbst ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheint – helfen? Und welches Spiel spielen die gut betuchte, venezianische Adelige Rafaela und ihr mysteriöser Sohn?

„Wie kann man die Oper nicht kennen? Ihr Deutsche seid doch seltsam! Wir Italiener saugen den Gesang und die Oper mit der Muttermilch auf!“

(S.193/194)

Zwischen dem Opernhaus La Fenice, den Kirchen, den Palazzi und Kanälen gerät Franz Wercker gemeinsam mit seinen neuen Vertrauten schnell wieder selbst in höchste Gefahr.
Die Schilderungen der Stadt, ihrer Bewohner, der Geräusche und Gerüche sind so lebensecht und intensiv, dass man sich wirklich ins Venedig des 19. Jahrhunderts versetzt fühlt. Das ist eine der großen Stärken Christian Schnalke’s, der es aber – als erfahrener und erfolgreicher Drehbuchautor (u.a. von „Die Patriarchin“ oder „Katharina Luther“) – auch versteht, stimmige Dialoge und spannende Szenen zu schreiben.

Mir persönlich hat auch der Wechsel zwischen den Schauplätzen Venedig und Weimar gefallen, wo sich Franz’ Geliebte Clara aufhält und sich mit Herrn von Goethe über die Italiensehnsucht austauscht, die sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland ebenso sehr plagt, wie die Sorge um ihren Franz. Werden die beiden am Ende wieder zu einander finden?

„Die Fälscherin von Venedig“ ist nicht nur ein spannender historischer Roman, sondern auch ein großartiges Porträt der damaligen Zeit und ihrer Künstler, erzählt fast im Vorbeigehen von Gemälden, bildender Kunst und den Schriftstellern dieser Zeit.

„Für mich ist jede einzelne Zeichnung etwas Einmaliges. Nichts gegen Gemälde, aber sind diese Blätter nicht wie Handschriften? Steckt nicht in jedem einzelnen Strich der ganze Mensch?“

(S.207)

Man spürt die Liebe Schnalke’s zur Kunst, zu seinen Figuren und zum Detail und so ist es eine wahre Freude, das Buch zu lesen – man fiebert mit und schließt die Charaktere ins Herz.
Christian Schnalke hat einen überbordenden, fabulierfreudigen und prächtigen historischen Roman geschrieben, der mir große Lesefreude bereitet hat. Ein wunderbarer Schmöker, für den man ausreichend Zeit einplanen sollte, um ihn richtig genießen zu können. Eine Venedigreise auf knapp 500 Seiten, die einen immer mehr in ihren Bann zieht und sich als sehr bereichernd herausstellt.

Eine weitere Besprechung des Werks findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Fälscherin von Venedig“:

Für den Gaumen:
Eine typisch italienische Nachspeise, die im Buch erwähnt wird, ist Panna Cotta – die „gekochte Sahne“. Auf dem von mir sehr geschätzten und gerne empfohlenen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ findet man das passende Rezept. Buon appetito!

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Venedig hat am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert und wird noch das ganze Jahr über mit unterschiedlichen Veranstaltungen dieses Jubiläum würdigen. Auf der offiziellen Website der Stadt gibt es hierzu nähere Informationen, schöne Bilder und Videos.

Zum Weiterlesen (I):
Wer sich noch näher mit der Stadt Venedig beschäftigen möchte, hat die Möglichkeit sich von einem wahren Italienkenner und -liebhaber literarisch durch die Serenissima führen zu lassen. Hanns-Josef Ortheil hat mit „Venedig – Eine Verführung“ der Stadt ein Denkmal gesetzt und nimmt den Leser mit auf einen sinnlichen Bummel durch die Gassen und Kanäle.

Hanns-Josef Ortheil, Venedig – Eine Verführung
insel taschenbuch 4482
ISBN: 978-3-458-36182-4

Zum Weiterlesen (II) oder besser vorher lesen:
Obwohl „Die Fälscherin von Venedig“ auch unabhängig und ohne Vorwissen gelesen werden kann, kann ich es dennoch wirklich empfehlen vorab auch den Vorgängerroman „Römisches Fieber“ zu lesen, welcher die Vorgeschichte von Franz Wercker und seinem Romaufenthalt erzählt. Alle Italienfans und Freunde guter historischer Romane kommen auch da voll auf ihre Kosten und haben so den doppelten Genuss.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Tizians Venus

Lea Singer ist eine Autorin, die mich bereits seit längerem begleitet und deren Bücher über Künstler – Musiker, Dichter oder Maler – mich immer begeistern und faszinieren. Auch der neueste Roman „La Fenice“ ist wieder ein literarisches Glanzlicht, das ich mit großem Interesse gelesen und als sehr bereichernd empfunden habe.

Angela del Moro – auch genannt „La Zaffetta“ oder die Tochter des Spitzels – weiß schon früh, dass sie sich nicht in das übliche Schicksal einer venezianischen Frau als Gattin, Mutter und Untergebene des Mannes fügen will. Sie will sich lösen vom Elternhaus und ihr Ziel ist es, frei und unabhängig zu sein. Sie möchte ihr eigenes Geld verdienen, unverheiratet bleiben und als Weg dorthin wählt sie es, eine Kurtisane zu werden. Bereits mit 16 Jahren lässt sie sich von „Mentor“ Aretino ausbilden, denn auch die käufliche Liebe im Venedig des 16. Jahrhunderts ist ein hart umkämpftes Geschäft und nur gebildete, gepflegte und schöne, junge Damen verdienen gutes Geld mit der gehobenen, reichen und oft adeligen Kundschaft. Sie zählt schnell zu den Gefragtesten in ihrem Metier, allerdings begeht sie dann einen verhängnisvollen Fehler: sie lehnt einen sehr einflussreichen und mächtigen Mann ab, stößt ihn vor den Kopf und zieht seine unerbittliche Rache auf sich.

Er lässt sie auf einer abgelegenen Insel vor den Toren Venedigs brutal vergewaltigen – ein sogenannter „Trentuno“, d.h. eine Massenvergewaltigung durch 31 Männer, die sie nur knapp und schwer verletzt überlebt. Diese rohe, überbordende Gewalt und der darauf folgende Rufmord, der ihr jegliche Basis entzieht, bringen sie an den Abgrund ihrer Existenz.

„Der Phönix steigt aus seiner eigenen Asche empor. Und in unserer Sprache, sagte Aretino, ist der Vogel Phönix bekanntlich weiblich.“

(S.183)

Doch wie ein Phönix erarbeitet sie sich Schritt für Schritt ihre eigene Wiederauferstehung und erkämpft sich ihr Leben und ihre Würde zurück.
Mit 23 Jahren wird sie zum Modell des berühmten und erfolgreichen Malers Tizian und wird seine „Venus von Urbino“ – dem bekannten Gemälde, das heute zu den Höhepunkten in den Florenzer Uffizien zählt. Und das Leben voller Höhen und Tiefen hält noch eine wahrhaftige Liebe als Überraschung für sie bereit.

„Dem Sänger, der bei einem Begräbnis singt, dürfen nicht die Tränen kommen, ein Narr, der für seine Späße bezahlt wird, darf nie über sich selber lachen. Eine verliebte Käufliche wurde unverkäuflich.“

(S.226)

Ich schätze die sinnliche und atmosphärische Art zu Schreiben, die Lea Singer auch in „La Fenice“ wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt, außerordentlich. Die Düfte, die Geschmäcker, die Geräusche Venedigs sind so lebendig geschildert, dass man sich selbst fröstelnd in der nebligen Lagunenstadt wiederzufinden scheint. Ein pralles Bild der Serenissima in der Zeit der Renaissance, das die Lektüre erleben lässt – auch in aller Brutalität und Dunkelheit, denn gerade für Frauen oder Außenseiter der Gesellschaft war diese Zeit auch geprägt von Unterdrückung, Willkür und unmenschlicher Gewalt. Singer beschreibt das düster, sehr realistisch und drastisch – da muss man schon mehr als einmal schlucken und kann erleichtert sein, als Frau im Heute leben zu dürfen.

Der Kampa Verlag hat für „La Fenice“ eine puristisch-edle und sehr elegante, schlichte Aufmachung in Leinenbindung gewählt, die sehr schön anzusehen ist und das Herz eines bibliophilen Lesers höher schlagen lässt. Auch durch diese sehr gelungene Optik und Haptik ist es eine Freude, das Buch zur Hand zu nehmen.

Singer’s Romane sind stets unterhaltsam und spannend zu lesen, aber vermitteln zugleich auch immer geschichtliche Hintergründe und fundiertes Wissen über Epochen und Lebensläufe von berühmten Künstlern. Für mich ist das eine perfekte Kombination und macht ihre Bücher so attraktiv – lesend unterhalten werden und auch gleichzeitig noch etwas Neues lernen. Leserherz, was willst Du mehr?

Ein informatives, intelligentes, inspirierendes und großartig recherchiertes Buch, das man mit großer Neugier und Wissbegier nur allzu schnell verschlingt und das zugleich emotional bewegt und berührt. Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für Kunst, Geschichte und die italienische Renaissance interessieren.

Buchinformation:
Lea Singer, La Fenice
Kampa
ISBN: 978 3 311 10027 0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „La Fenice“:

Für den Gaumen:
Im Buch neu begegnet sind mir die Castraure, die ich bisher noch nicht selbst probieren konnte, was ich aber gedenke nachzuholen, sobald sich die Gelegenheit einmal bieten sollte. Castraure sind die jungen, ersten, lilafarbenen Knospen der Artischocken, die zurückgeschnitten werden, um den Ertrag der Pflanzen zu optimieren und wohl zart bitter schmecken. Die venezianische Gemüseinsel Sant’ Erasmo ist bekannt dafür.

Zum Weiterschauen:
Auch wenn die Uffizien derzeit pandemiebedingt geschlossen haben, lohnt sich ein Besuch der Website, um sich Tizians „Venus von Urbino“ anzusehen. Ich hatte vor einiger Zeit das große Vergnügen, das Gemälde in Florenz „live“ zu sehen und von einem hervorragenden Kunsthistoriker erklärt zu bekommen. Ein unvergessliches Erlebnis und für mich auch ein weiterer Grund, Lea Singer’s Buch sofort lesen zu wollen, als ich davon erfahren habe.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das ich allen, die gerne über Venedig, aber vor allem auch gerne etwas über Künstler, Musiker und Komponisten lesen – so wie ich – empfehlen kann, ist Peter Schneiders „Vivaldi und seine Töchter“. Im barocken Venedig arbeitete der „prete rosso“ an einem Waisenhaus und förderte musikalisch begabte Mädchen. Ein spannendes Kapital aus Vivaldi’s Leben und zugleich sehr gut erzählt.

Peter Schneider, Vivaldi und seine Töchter
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05229-9

Europäische Nostalgie

Ilja Leonard Pfeijffer stand mit seinem Roman „Grand Hotel Europa“ monatelang an der Spitze der niederländischen Bestsellerliste. Ein umfangreiches, gewaltiges und vielschichtiges Buch, das sich mit Witz, Zynismus und Ironie literarisch geschickt mit dem aktuellen Zustand und den Perspektiven unseres Kontinents Europa befasst.

Zu Beginn des Romans bezieht der Autor ein Zimmer im „Grand Hotel Europa“ – ein bereits in die Jahre gekommenes, baufälliges Luxushotel mit einem etwas verblichenen Charme – und lernt dort den jungen Pagen Abdul kennen, der ihn gemeinsam mit dem rührigen Majordomus Montebello in Empfang nimmt. Bei einer gemeinsamen Zigarette kommen Pfeijffer und Abdul ins Gespräch und nach und nach erzählt der junge Flüchtling seine abenteuerliche Geschichte, die ihn an diesen Ort geführt hat.

Der niederländische Autor möchte sich im Hotel in Ruhe der Arbeit an seinem neuesten Romanprojekt widmen. Frisch getrennt von seiner großen Liebe Clio will er jetzt über seinen Liebeskummer hinwegkommen und in Abgeschiedenheit seinen Roman über den Tourismus in Europa und die Geschichte seiner zerbrochenen Beziehung schreiben. So entspinnt sich ein vielschichtiges Geflecht an Schauplätzen, Zeitebenen und Erzählsträngen. Rahmenhandlung bilden die Geschehnisse im Grand Hotel Europa, Abdul erzählt über seine Flucht und Pfeijffer schreibt über die Recherche zu seinem Romanprojekt über den Tourismus und die damit verbundenen Reisen sowie über seine und Clio’s Liebesgeschichte.

Nicht umsonst ist Clio die griechische Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung, denn einer der großen Grundgedanken in diesem Roman ist, dass Europa sich viel zu sehr auf die Vergangenheit konzentriert und in Nostalgie schwelgt, statt sich auf die Zukunft zu fokussieren. Personifiziert wird dieser Kontrast durch Abdul, den Flüchtling, der seine Vergangenheit am liebsten komplett verdrängen und vergessen und nur noch in eine positive Zukunft nach vorne schauen möchte und dem Autor auf der anderen Seite, der selbst seine persönliche und die europäische Entwicklung des Tourismus rückwärts blickend in einem Roman gleichsam als „Geschichtsschreibung“ verarbeiten will.

„Ich bin froh, dass noch so viel Vergangenheit zu erzählen bleibt, denn ich habe keine Ahnung, welche Zukunft ich für mich erfinden soll, wenn ich meine Aufgabe erfüllt haben werde.“

(S.77)

Europa ist für Pfeijffer zu einem Freilichtmuseum und historischem Themenpark verkommen, dessen einzige Zukunft darin besteht, als Tourismusziel zu dienen. Er beschreibt zynisch und bissig in zahlreichen Episoden und Szenen die dramatischen Folgen und negativen Auswüchse dieser Entwicklung. Der Massentourismus mit all seinen Schattenseiten und Problemen, die er unweigerlich mit sich bringt, ist ein weiteres großes Schlüsselthema in diesem Roman.

Es ist aber auch ein Buch über Kunst und strotzt vor Querbezügen zu Malerei und bildender Kunst – so ist es ein beliebtes Spiel zwischen Clio und Ilja geworden, gemeinsam an unterschiedlichsten Orten in Europa nach einem verschwundenen Bild Caravaggios zu suchen. Er spannt aber beispielsweise auch den Bogen zur Gegenwartskunst von Damien Hirst, der sich unter anderem ebenfalls mit dem Thema der Vergänglichkeit auseinandersetzt.

Pfeijffer hat ein intelligentes und kluges Buch geschrieben, das überzeichnet und satirisch dem europäischen Leser den Spiegel vorhält. Er führt den Irrsinn und die Probleme des Kontinents vor Augen und beleuchtet die Lage Europas und die Zukunftsaussichten kritisch. Gleichzeitig beweist er mit seiner Romanerzählung genau die Stärken des alten Europas – er verwebt umfangreiches Wissen über Kunst und Geschichte in seine Erzählung.

Ein mächtiger Roman, der sehr vielseitig ist und sich trotz der Fülle an Themen sehr flüssig, unterhaltsam und mit Spannung lesen lässt. Auch wenn es Stellen im Buch gibt, die irritieren und vielleicht so manchem Leser auch etwas zu weit gehen, bietet es doch zahlreiche Denkanstöße, die einen im Anschluss länger beschäftigen und viel Stoff zum Nachdenken bieten.

Welche Chance hat dieses Europa, das gleichsam dem Grand Hotel im Buch aufgrund der Vergangenheitsfixierung wohl etwas in die Jahre gekommen ist? Wie kann eine glückliche und lebenswerte Zukunft aussehen?

„Ich will nicht wie das Hotel, in dem ich zu Gast bin, oder wie der Kontinent, nach dem es benannt wurde, zu dem Schluss kommen müssen, dass meine beste Zeit hinter mir liegt und mir in Zukunft nicht viel mehr bleiben wird, als mein Heil in der Vergangenheit zu suchen.“

(S. 52)

Weitere Besprechungen zum Buch gibt es unter anderem bei Letteratura, Buchpost und Buch-Haltung.

Buchinformation:
Ilja Leonard Pfeijffer, Grand Hotel Europa
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
Piper
ISBN: 978-3-492-07011-9

© Piper Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Grand Hotel Europa“:

Für den Gaumen:
Vielleicht eine Tasse Kaffee, um im übertragenen Sinne wach und offen zu bleiben für Veränderung, um vor lauter Vergangenheit die Zukunft nicht außer Acht zu lassen.

Zum Weiterschauen:
Die Gemälde Caravaggios spielen im Buch eine zentrale Rolle. Es lohnt sich daher im Zusammenhang mit der Lektüre auch wieder ein paar Gemälde dieses Künstlers der Barockzeit anzusehen, der vor allem für sein „Chiaroscuro“, d.h. die Hell-Dunkel-Malerei bekannt ist.

Zum Weiterlesen:
Für alle die sich auf leichtfüßige, humorvolle und unterhaltsame Art und Weise mit dem Thema „Vergangenheit trifft Gegenwart“ und dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen beschäftigen möchten, kann ich Herbert Rosendorfers Klassiker aus dem Jahr 1983 „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ empfehlen.

Herbert Rosendorfer, Briefe in die chinesische Vergangenheit
dtv
ISBN: 978-3-423-10541-5

Augustbowle 2020 – Reisen durch Bücher

Ein außergewöhnlicher August geht zu Ende – ein weiterer merkwürdiger Monat in einem Jahr, das aus der Reihe fällt und uns alle vor neue Fragen, Sorgen, Herausforderungen und Entscheidungen gestellt hat. Viele Blogger pflegen das Ritual des monatlichen Rückblicks und des „Revue passieren-Lassens“. Meine Kulturbowle ist noch jung – noch nicht mal einen Monat alt, aber ich versuche mich einfach mal an einem „halben“ Monatsrückblick, da ich am 14. August meinen Blog im Netz gestartet habe. Ob sich dieses monatliche Format bei mir regelmäßig etablieren wird, wird wie so vieles die Zeit zeigen.

Eine der Entscheidungen, welche die Corona-Pandemie uns abverlangt hat, war die Frage nach dem Sommerurlaub: Verreisen – ja oder nein? Ich habe mich für ein Nein zum Reisen und im Gegenzug für ein Ja zu diesem Blog entschieden. Die Idee, die Umsetzung und der Start fallen in meine Urlaubszeit – die Kulturbowle ist mein Sommer- bzw. Urlaubsprojekt 2020.

Und somit habe ich mein ganz persönliches, neues Abenteuer begonnen und ich habe mich vor allem auch in meiner Lektüre auf Reisen begeben. Schon seit meiner Kindheit liebe ich es, mich durch das Lesen von Büchern in andere Länder, Städte, andere Zeiten und andere Milieus entführen zu lassen. Reisen im Kopf, in der Fantasie – das ist die Macht der Bücher, die dies vermag und die mich immer wieder aufs Neue fasziniert, wenn ich abtauche in ein neues Buch, eine andere Welt.

„Wenn ein Kind lesen gelernt hat und gerne liest, entdeckt und erobert es eine zweite Welt, das Reich der Buchstaben. Das Land des Lesens ist ein geheimnisvoller, unendlicher Erdteil.“

(Erich Kästner, aus „Als ich ein kleiner Junge war“)

Wohin führte mich meine Buchauswahl im August bzw. seit Mitte des Monats? Zunächst ins wunderbare Salzburg, die Stadt der Nockerl und der Kugeln und die Stadt Mozarts und der Musik. So habe ich mich inspiriert durch die tolle „Così fan tutte“ der diesjährigen Festspiele, mit Vergnügen in die Lektüre von Rolando Villazóns „Amadeus auf dem Fahrrad“ gestürzt und wurde nicht enttäuscht. Dass der Opernsänger auch einen kurzweiligen und amüsanten Roman schreiben kann, der mit viel Augenzwinkern und südlichem Temperament verfasst ist, hat er für mich klar unter Beweis gestellt. Eine schöne, leichte Sommerlektüre, die vor allem das Warten auf die nächste Theatersaison und Besuche von Live-Veranstaltungen ein wenig verkürzen konnte.

Danach fand ich mich dann mit Robert Seethalers neuem Roman „Der letzte Satz“, der kurz danach auch den Weg auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 gefunden hat, auf einem Ozeandampfer wieder und begleitete den todkranken Komponisten Gustav Mahler auf seiner letzten Reise über den Atlantik nach Hause. Wellenrauschen und Seeluft inklusive. Obwohl der Roman in Bloggerkreisen durchaus kontrovers beurteilt wird, ist er für mich ein wunderbares Stück Literatur und hat meinen Nerv definitiv getroffen. Für mich das richtige Buch zur richtigen Zeit und sowohl sprachlich als auch thematisch (Musik, Kunst und Kultur) genau meine Wellenlänge.

Ohne mich danach lange in ein Flugzeug setzen zu müssen, reiste ich danach sofort zurück nach New York und verschlang in relativ kurzer Zeit die 496 Seiten von Elizabeth Gilberts „City of Girls“. Vierziger Jahre im Big Apple, eine bunt gewürfelte Theatertruppe und eine junge Frau, die sich zunächst im schillernden Nachtleben der Stadt austobt, um dann schmerzlich festzustellen, was wirklich wichtig ist im Leben. Ein leichtfüßiger Schmöker, der sich süffig liest und mich aufgrund der Schilderung des Theaterlebens (vor und hinter der Bühne) und der warmherzig gezeichneten Figuren sehr gut unterhalten hat.

August ist Poznanski-Jugendbuch-Zeit und im neu erschienenen „Cryptos“ nimmt die österreichische Autorin ihre Leser mit auf einen wilden Ritt durch Raum und Zeit und in eine Vielzahl unterschiedlichster Welten. Wenn man mal zu lesen anfängt, kann man das Buch schwer wieder weglegen, daher ist die Urlaubszeit hierfür ideal. Für mich interessant war vor allem, wie Ursula Poznanski das Thema Klimakatastrophe anpackt, für junge Leser greifbar macht und wie sie hier die sich bereits abzeichnenden Entwicklungen und Probleme gedanklich weiterspinnt.

Bella Italia und in diesem Falle Venedig war das nächste Ziel meiner August-Lesereise. Der Roman „Margherita“ zeichnet die Lebensgeschichte der Großmutter des Ehemanns der Autorin Jana Revedin nach und macht sie somit literarisch unsterblich. Ihre Geschichte liest sich wie ein wahr gewordenes Märchen und so trifft Margherita, die als einfache Zeitungsverkäuferin einen einflussreichen Adeligen heiratet, in Paris und später in Venedig auf alle künstlerischen Größen ihrer Zeit: Pablo Picasso, Coco Chanel, Giacometti, Poulenc. Die schillernde Persönlichkeit Peggy Guggenheim wird zu einer ihrer engsten Freundinnen. Ein atmosphärisches Buch, das einen wirklich in die engen Gassen und Kanäle der Serenissima versetzt.

Da Deutschland als Reiseziel dieses Jahr ja besonders beliebt ist, stand dann auch noch die Insel Sylt auf meinem Leseplan. Susanne Matthiessen hat mit „Ozelot und Friesennerz“ ihrer Heimat und ihren Sylter Mitbürgern ein ganz persönliches Buch gewidmet, das sich witzig, bissig und kritisch mit der Entwicklung und Geschichte der Insel auseinandersetzt. Im Zusammenspiel mit ihrer Familiengeschichte und der Schilderung ihrer eigenen Kindheit als gebürtiger Sylterin im florierenden Pelzgeschäft ihrer Eltern, fächert sie ein buntes Bild der wilden Siebziger Jahre auf der Insel und in der Bundesrepublik auf und erzählt mit gewisser Wehmut von Einheimischen und Gästen und der Insel im Wandel der Zeit.

Die letzte Station meiner Reise führte mich noch in den hohen Norden ins wunderschöne Norwegen – genau genommen ins Gudbrandsdal. Lars Myttings „Die Glocke im See“ hat mich als stimmungsvoller und stiller Roman mit seiner Ruhe und Kraft tief beeindruckt und war ein absolut würdiger Abschluss meiner Reise durch Bücher – meiner Lesereise „im Kopf“. Die ausführliche Rezension folgt hier im Blog in Kürze.

Aufgrund der Urlaubs- und daher verfügbaren Lesezeit ist für einen halben Monat doch einiges zusammengekommen und mit Lesen, Bloggen und Reisen in der Fantasie, hatte ich auch keine Zeit, eine wirkliche Reise zu vermissen.
Wenn für den Einen oder Anderen ein attraktives Reiseziel bzw. eine lohnende und lockende Lektüre dabei ist, freut es mich, denn mir hat dieser Lesemonat August und der Auftakt zur „Kulturbowle“ großen Spaß gemacht.

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:
Natürlich die „Kulturbowle“ bzw. Erdbeerbowle, die speziell für das Fotoshooting der Bilder für die Website mit viel Liebe zubereitet wurde und dann in kleiner, gemütlicher Runde genossen wurde.

Musikalisches im August:
Viel Wagner und der „Ring des Nibelungen“ dank der öffentlichen Streaming-Angebote von 3sat und ARD Alpha und als Trost für die entfallenen Bayreuther Festspiele. Und natürlich die schöne „Così fan tutte“ und auch die „Elektra“ von den Salzburger Festspielen im Fernsehen zu Hause auf meiner Couch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Passend zum oben verwendeten Zitat, kann ich das folgende, wunderbare Buch von Erich Kästner empfehlen – er berührt mich immer wieder und spricht mir aus der Seele:

Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war
Atrium
ISBN: 978-3038820031

Margherita – Venedigs First Lady

Jana Revedin hat in ihrem Roman „Margherita“ der Großmutter ihres Mannes ein literarisches Denkmal gesetzt und den Lesern ein atmosphärisches, interessantes und anregendes Buch geschenkt. Wer Italien, Venedig, Kunst und Kultur liebt und sich für Zeitgeschichte interessiert, wird große Freude an der Lektüre haben.

Wir begegnen der jungen Margherita – einer einfachen Zeitungsverkäuferin, die jedoch eine gute Schulbildung genießen konnte – am Neujahrstag des Jahres 1920, also ziemlich genau vor 100 Jahren. Es beginnen die Zwanziger Jahre, so wie jetzt auch für uns wieder Zwanziger Jahre anbrechen. Damals ist gerade ein Weltkrieg und die schreckliche Welle der spanischen Grippe zu Ende gegangen. Margherita lebt in Treviso – einer Stadt im Veneto – mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern in einer einfachen Unterkunft, die einem Kloster angegliedert ist. Der Vater hat die Familie schon vor langer Zeit im Stich gelassen und die vier Damen haben sich mit dem von ihm hinterlassenen Zeitungsladen und den Schneiderarbeiten der Mutter eine eigene Existenz aufgebaut. Margherita, die Mittlere der Schwestern, liebt es, morgens die Zeitungen zu studieren und sich dann gepflegt und gewitzt mit ihren Kunden darüber auszutauschen. Einer dieser Kunden ist der adelige Conte Revedin – der Erbe einer trevisianischen Dynastie, dem das Schicksal Eltern und Geschwister genommen hat. Er genießt die Konversation mit Margherita, mit der er sich fundiert über Tagespolitik, Kunst und Kultur unterhalten kann und die ihm als frischer Wind aus dem Volk in der verkrusteten, konservativen Welt des italienischen Hochadels einfach „gut tut“, wie er es selbst ausdrückt.

Und plötzlich nimmt ein wahres Märchen seinen Lauf, denn der Conte hält um Margheritas Hand an und sie wird hineinkatapultiert in ein Leben voller Kunst, Kultur und Annehmlichkeiten, das sie sich kaum hätte erträumen können. In Paris wird sie während ihrer Verlobungszeit in die hohe Gesellschaft eingeführt und schon bald verkehrt sie mit all den großen Künstlern ihrer Zeit – Giacometti, Poulenc, Coco Chanel, Cole Porter und Pablo Picasso. Sie findet in Eugenia Errázuriz, Jean-Michel Frank und der eigenwilligen und unangepassten Peggy Guggenheim wahre Freunde. Ein aufregendes Leben als „First Lady“ in Venedig beginnt und sie erobert sich an der Seite ihres Mannes einen Platz in der Gesellschaft am venezianischen Lido. Sie erlebt den touristischen Aufschwung Venedigs und trägt ihren Teil dazu bei, dass sich die Lagunenstadt zu einem kulturellen Mittelpunkt Europas entwickelt – als Kurort, Stadt der Biennale und der Künste und als Ort des weltberühmten Filmfestivals. Doch auch dieses Märchen verläuft nicht ohne Schicksalsschläge…

Die Lektüre der 300 Seiten verging für mich wie im Flug und auch wenn der Roman nicht besonders reich an Handlung ist, so habe ich es sehr genossen in diese Zeit, das Flair und den Zauber der „Serenissima“ Venedig einzutauchen. Man wünscht sich regelrecht, bei einem der rauschenden Feste der venezianischen Bohème dabei gewesen zu sein, welche die Autorin so sinnlich beschreibt. All die Anspielungen auf die Künstler, die verschiedenen Kunstrichtungen – von bildender Kunst über Musik und Oper bis zur Architektur – sind genau nach meinem Geschmack und auch die kulinarischen Aspekte kommen nicht zu kurz. Ich fand es spannend, mehr über die schillernde und unabhängige Persönlichkeit von Peggy Guggenheim zu erfahren – auch wenn sie nicht im Zentrum des Buches steht – und ich bin mit einem Füllhorn an Ideen und Inspiration aus der Lektüre herausgegangen, was man noch alles nachlesen, nachhören und weiterrecherchieren könnte. Also ein Buch wie für mich geschrieben, da man viel über Zeitgeschichte und auch die Stadtgeschichte Venedigs erfährt. Lesegenuss, etwas Neues erfahren und Inspiration, was will man mehr?

Explizit erwähnen möchte ich auch noch die wunderschöne Aufmachung des Buches. Der Aufbau Verlag hat hier eine herrliche Ausgabe mit Lesebändchen und einem sehr edel gestalteten Umschlag geschaffen, die man gerne zur Hand nimmt und die zu einem Schmuckstück im Bücherregal wird, welches jedem bibliophilen Leser Freude bereitet.

Der Roman gibt Einblicke in das „Who is who“ des italienischen Hochadels und die Welt der Großindustriellen und wird vor allem kunstsinnigen und zeitgeschichtlich interessierten Lesern gefallen, die sich für geschichtliche Hintergründe und verschiedene Kunstrichtungen interessieren. Wer jedoch nur auf der Suche nach einem einfachen, klassischen Liebesroman unter italienischer Sonne ist, der sollte lieber die Finger davon lassen. Für mich war diese Reise ins schöne Venedig jedoch eine wunderbare, erfrischende Urlaubslektüre, die mich abtauchen ließ ins Gewirr der Gassen und Kanäle und mich zumindest gedanklich einen Tag ans Meer, auf den Markusplatz und an den Strand am Lido entführt hat. Achtung: Fernweh inbegriffen.

Buchinformation:
Jana Revedin, Margherita
Aufbau
ISBN 978-3-351-03830-4

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Welche weiteren sinnlichen Genüsse passen zu „Margherita“:

Für den Gaumen:
Ein Espresso und ein „Veneziano“ (die italienische Variante des „Spritz“) – und falls man danach hungrig sein sollte, ein Teller mit herrlicher italienischer Pasta… denn Pasta macht glücklich.

Für Augen und Ohren – oder für den nächsten Opernbesuch:
Der Roman beginnt mit der Arie „Vissi d’arte“ aus Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ – eine der größten, italienischen Opern aller Zeiten. Ein Meisterwerk, das man immer wieder sehen und hören kann, das häufig auf den Spielplänen steht und hoffentlich auch nach der Corona-Pause wieder in den Opernhäusern zu erleben sein wird.

Für weiteren literarischen Genuss:
Wer jetzt Lust auf „mehr Italien“, „mehr Meer“ und „mehr Liebesgeschichte“ bekommen hat, dem lege ich folgenden wunderschönen und stimmungsvollen Roman ans Herzen – ein wahres Fest für die Sinne und wunderbar zu lesen:

Hanns-Josef Ortheil, Die große Liebe
btb
ISBN: 978-3-442-73964-6