Herzbowle – Drei Männer im Schnee

Aus gegebenem Anlass – zumindest wenn ich die letzten zwei Tage so aus dem Fenster schaue – gibt es heute ein Winterbuch, ein Schneebuch und seit langem wieder mal einen Beitrag in meiner Kategorie Herzbowle – und zwar den dritten. Aller guten Dinge sind drei und was könnte da passender sein als Erich Kästners herrliche Erzählung „Drei Männer im Schnee“ aus dem Jahr 1934.

Herzbowle bedeutet für mich, dass ich Bücher wiederlese und vorstelle, die für mich wahre Herzensbücher sind und in meiner Lesebiografie eine besondere Bedeutung haben. Es gibt Bücher, die sind wie Medizin und helfen in allen Lebenslagen gegen Kummer, Sorgen, schlechte Laune und tun einfach gut. Dazu zählen für mich schon seit meiner Kindheit die Bücher von Erich Kästner – zunächst seine Kinderbücher, später auch die für Erwachsene und seine Gedichte.
Erich Kästner war in meinem Leseleben einfach immer da und wenn man mich nach LieblingsautorInnen fragt, dann zählt er zweifelsohne dazu und rangiert ganz weit oben.

Wie oft ich „Drei Männer im Schnee“ in meinem Leben schon gelesen habe, kann ich nicht mehr sagen. Oft, sehr oft. Dieses Mal habe ich es an Silvester zu lesen begonnen und am Neujahrstag beendet – ich wollte literarisch gut und wohlbehütet ins neue Lesejahr hinüberrutschen und wie immer wurde ich nicht enttäuscht.
Denn für mich ist „Drei Männer im Schnee“ das buchgewordene Wintermärchen schlechthin und entfaltet bei jeder Lektüre erneut seinen Zauber.

„Nur der arme Mann stand auf dem alten Fleck. Er blickte zum Himmel hinauf, lächelte kindlich den glitzernden Sternen zu, holte tief Atem, hob den Spankorb auf die linke Schulter und marschierte die Dorfstraße entlang. Es gab weder Fußsteig noch Fahrweg, es gab nichts als Schnee.“

(S.54)

Zum Inhalt muss ich vermutlich nicht viel erzählen, denn die reizende Verwechslungkomödie ist wohl allseits bestens bekannt (falls nicht literarisch, so zumindest aus Film und Fernsehen):
Der reiche Firmenbesitzer Tobler veranstaltet ein Preisausschreiben für eine Werbekampagne, bei welchem er selbst getarnt als Hr. Schulze einen der ersten Preise gewinnt: einen Winterluxusurlaub im alpinen Grandhotel Bruckbeuren. Doch er reist inkognito und gibt sich als einfacher Mann aus, um so eine unverstellte, frische Sicht auf die Welt und die Mitmenschen zu bekommen. Mit ihm reist – ebenso in Maskerade als reicher Reeder – sein Butler Johann Kesselhuth, dem das Theaterspielen zunächst sichtlich schwerfällt. Da die besorgte Hausdame Kunkel vorab dem Hotel gesteckt hat, dass ein Millionär sich als einfacher Mann ausgeben möchte, und das Personal schließlich den Gewinner des ersten Preises – und tatsächlich arbeits- und mittellosen Werbeexperten – Herrn Hagedorn für diesen hält, nimmt die Komödie ihren Lauf. Denn er wird plötzlich – aus ihm unerklärlichen Gründen – mit siamesischen Katzen auf dem Zimmer, Massagen und teurem französischen Cognac empfangen – Annehmlichkeiten, die dem anderen Gewinner Herrn Schulze (alias Millionär Tobler) in seiner ungeheizten Dachkammer vorenthalten bleiben.

Die drei Herren freunden sich schnell an und erleben einen besonderen Urlaub in den winterlichen Bergen, auf der Eisbahn, der Skipiste und im Grandhotel – bis sich schließlich das Schneegestöber lichtet, die sprichwörtlichen Masken fallen und die Wahrheit ans Tageslicht tritt.

Ich liebe Kästners Sprache, seine Herzenswärme und seine Liebe zu Menschen und seinen Figuren, die das Herz am rechten Fleck haben. Auch seine Gabe witzige, zeitlos-komödiantische Szenen zu erschaffen, die sich für immer einprägen, ist bewundernswert. Wer einmal die leicht beschwipsten Männer beim Schneemann bauen vor Augen hat, wird sie in all ihrer kindlichen Freude und ihren Kasimir wohl nicht mehr vergessen.

„Kasimir ist ein schöner, stattlicher Mensch“, meinte Schulze hingerissen.
„Kunststück!“ rief Kesselhuth. „Er hat ja auch drei Väter!“
„Zweifellos einer der beachtlichsten Schneemänner, die je gelebt haben“, sagte Hagedorn.
„Das ist meine ehrliche Überzeugung.“

(S.98)

Wie man dem Beitragsfoto entnehmen kann, ist „Drei Männer im Schnee“ eines der wenigen Bücher – wenn nicht sogar das einzige – von dem ich zwei Ausgaben im Regal stehen habe. Meine dtv-Ausgabe (von 1998), die noch den DM-Preis ausweist und eine Bertelsmann Lesering-Ausgabe von 1960, die irgendwann später antiquarisch ihren Weg zu mir gefunden hat, mit einer charmanten Illustration der Schneemannszene auf dem Titel.

Natürlich hat der Text und die Lektüre mittlerweile nach knapp 90 Jahren etwas Nostalgisches, aus der Zeit gefallenes, aber vielleicht ist das – zumindest für mich – auch Teil des Zaubers.

„Sie schwiegen meist und hätten jede Tanne umarmen mögen. Das Glück lastete auf ihren Schultern wie viele Zentner Konfekt.“

(S.183)

„Drei Männer im Schnee“ ist ein Buch, das auf seine Weise zuckersüß ist und glücklich macht – und das ganz ohne die Kalorien von zentnerweise Konfekt – ein typischer Kästner eben.
Wer sich also nach etwas heiler Welt sehnt und für ein paar unbeschwerte Stunden dem Alltag entfliehen möchte, dem kann ich im Winter „Drei Männer im Schnee“ wirklich ans Herz legen. Für mich ist jede Lektüre wie nach Hause kommen – wie die Freude auf die wohlig-warme Stube nach einem langen Winterspaziergang durch Eis und Schnee. Nostalgisch, herzerwärmend, wohltuend und Balsam für die Seele.
Es ist beruhigend, diese Medizin (ähnlich Kästners „Lyrischer Hausapotheke“) im Regal stehen zu haben und sie jederzeit zur Hand nehmen zu können.

Wer meine Herzbowle noch nicht kennt oder neu auf meine Kulturbowle gestoßen ist: hier geht’s zur ersten Folge mit Astrid Lindgrens sommerlichem Schärenroman „Ferien auf Saltkrokan“ und hier zur zweiten mit Helene Hanffs „84, Charing Cross Road“.

Mit Erich Kästners „Drei Männer im Schnee“ habe ich zudem wieder einen weiteren Punkt meiner „23 für 2023“ erfüllt – Punkt Nummer 19) auf der Liste: Ich möchte ein Winterbuch lesen. In meinen Augen gibt es kaum ein Werk, das ich mehr mit dem Begriff Winterbuch verbinde, als diesen Kästner-Klassiker. Daher darf ich diesen Punkt hiermit wohl guten Gewissens als erfüllt betrachten.

Buchinformation:
Erich Kästner, Drei Männer im Schnee
dtv
ISBN: 3-423-11008-2

Meine Ausgabe ist – wie beschrieben – schon etwas älter, aber aktuell ist die Erzählung in einer Ausgabe des Atrium Verlags erhältlich:

Erich Kästner, Drei Männer im Schnee. Inferno im Hotel
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-03882-016-1

Herzbowle

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Erich Kästners „Drei Männer im Schnee“:

Für den Gaumen:
Während es bei Hagedorns zu Hause auch aus Gründen des Geldmangels bodenständige Hausmannskost wie „Sülze und Bratkartoffeln“ (S.32) gibt, mag es Millionär Tobler aus anderen Beweggründen einfach – „Nudeln mit Rindfleisch“ (S.42) machen ihn glücklich, so dass die besorgte Hausdame Frau Kunkel diese für ihn im Grandhotel gleich einmal vorbestellt.

Zum Weiterschauen:
Viele werden – auch wenn sie das Buch vielleicht noch nicht gelesen haben – die legendäre Schwarz-Weiß-Verfilmung aus dem Jahr 1955 mit Paul Dahlke, Günther Lüders, Claus Biederstädt und Nicole Heesters kennen. Erich Kästner schrieb hierfür nicht nur höchstpersönlich das Drehbuch, sondern fungierte auch als Sprecher.

Für einen Theaterbesuch:
Seit 2019 (Uraufführung am 31.01.2019) gibt es im Münchner Gärtnerplatztheater auch immer wieder einmal die wunderbare Revueoperette „Drei Männer im Schnee“ von Thomas Pigor zu erleben, die ich ebenfalls wärmstens empfehlen kann. Wer da keine gute Laune bekommt…

Zum Weiterlesen:
Von Erich Kästner könnte ich noch so viel empfehlen und ihm noch viele Folgen meiner Herzbowle widmen (vielleicht kommt da auch nochmal die eine oder andere, wer weiß), daher ist es für mich jetzt schwierig, mich für ein weiteres Werk hier zu entscheiden, zumal ja die meisten seiner Bücher ohnehin so bekannt sind, dass sie für sich sprechen. Ein Werk, an welches man jedoch vielleicht nicht sofort denkt, ist der Roman „Die verschwundene Miniatur“ aus dem Jahr 1935, welcher den Berliner Fleischermeister Oskar Külz auf ein Abenteuer nach Kopenhagen führt:

Erich Kästner, Die verschwundene Miniatur
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-03882-002-4

16 Kommentare zu „Herzbowle – Drei Männer im Schnee

  1. Moin, Barbara,
    ich liebe, nicht nur im Winter, Schneebücher. „Drei Männer im Schnee“ ist großartig. Mit Schneemann Kasimir sind es sogar vier Männer. Viel Herz, viel Atmosphäre, eben Kästner. Ich lese es immer wieder gerne, ebenso, wie das berühmte Schneekapitel aus dem „Zauberberg“, mit dem es, zugegeben, eine ganz und gar andere Bewandtnis hat. Gruß aus dem schneefreien Hamburg, Hartmut

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    1. Moin, Hartmut,
      schön, dass es noch mehr solche Kästner-„Wiederholungstäter“ wie mich gibt. Tja, mit dem „Zauberberg“ habe ich persönlich immer noch eine Rechnung offen: mehrfach gestartet, aber bisher noch nie ganz bis zum Ende geschafft. Mal sehen, wann ich nochmal einen Anlauf nehme. Vielleicht nächstes Jahr zum 100-jährigen Jubiläum. Herzliche Grüße aus dem leise vor sich hinflockenden Niederbayern, Barbara

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    1. Danke, Bettina. Ich freue mich sehr, wenn ich mit meiner Herzbowle bzw. einem meiner Lieblingsbücher ein wenig Seelenbalsam spenden konnte. Herzliche Wintergrüße aus Niederbayern nach Ostdeutschland, Barbara

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  2. Danke für die schöne Würdigung, liebe Barbara.
    Vor einigen Jahren konnte ich mal das Erich Kästner Museum in Dresden besuchen.
    Zuletzt mochte den Gedicht-Zyklus „Die 13 Monate“. Reizende dtv-Ausgabe mit Graphiken von Celestino Piatti.
    Herzliche Grüße
    Bernd

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    1. Danke, Bernd. Das Erich Kästner-Museum steht auf meiner Wunschliste auch ganz weit oben, zumal ich es bei meinem letzten Dresden-Besuch leider nicht dorthin geschafft habe. Ganz zauberhaft finde ich in diesem Zusammenhang seine Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war“ – da wird Dresden und vor allem auch seine geliebte Mutter gebührend gewürdigt. Herzliche Grüße nach Nürnberg und einen schönen Sonntagabend, Barbara

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    1. Von der Kulturbowle zur „Feuerzangenbowle“ ist der Assoziationsweg auch gar nicht so weit 😉 – ein Film, zu dem ich auch eine ganz besondere Beziehung habe. Viele Grüße und einen wunderbaren Sonntagabend!

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  3. Liebe Barbara,
    Erich Kästner ist mein großes Idol, und das Buch „Drei Männer im Schnee“ mag ich wirklich sehr. Ich habe es nach der Lektüre deines Beitrags aus dem Bücherregal gefischt und werde es in meinen Winterurlaub mitnehmen. Das sind auch sehr schöne Zitate, die du ausgewählt hast, besonders das mit dem Glück. Danke, dass du mich daran erinnert hast, was es für ein lesenswertes Buch ist.
    Herzliche Grüße, Sophie

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    1. Oh, wie schön. Vielen lieben Dank, Sophie. Es ist immer wunderbar, wenn man vielleicht mit einem solchen Beitrag einen kleinen Stups oder etwas Inspiration geben kann, so dass ein so menschenfreundliches und liebenswertes Wert wieder ein wenig ins Bewusstsein rückt. Ich freue mich riesig und wünsche Dir ganz viel Freude und Vergnügen im Winterurlaub und bei der Lektüre! Herzliche Grüße, Barbara

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    1. Ich mag Kästner auch in allen Facetten, liebe die Kinderbücher, aber eben auch „Drei Männer im Schnee“ oder „Der kleine Grenzverkehr“ sowie die anderen Romane. Seine Gedichte sind für mich auch etwas ganz Besonderes. Wird daher wohl auch nicht mein letzter Kästner in 2023 gewesen sein.
      Einen schönen Abend und viele Grüße aus dem stürmisch-verregneten Niederbayern! Barbara

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