Februarbowle 2024 – Bonustag und Grauvertreib

Der Februar bescherte uns dieses Jahr einen Tag mehr: Schalttag, ein geschenkter Tag, ein Bonustag, ein Tag mehr Zeit. Wettertechnisch war gefühlt doch einiges an Grau angesagt, doch dafür gab es viele schöne kulturelle Erlebnisse und gute Bücher, um das Grau etwas aufzuhellen und zu vertreiben.

Ein wirkliches Glanzlicht und ganz zauberhaftes Theatererlebnis waren zweifelsohne die Drei Männer im Schneein der „Bühne am Schardthof“ in Essenbach, gespielt vom Theater Konrad. Und da Erich Kästner am 23. Februar seinen 125. Geburtstag gefeiert hätte, passte das ganz wunderbar und wer möchte, kann hier noch einmal nachlesen, wie sehr ich ins Schwärmen geraten bin.

Im Landestheater Niederbayern gab es mit Dieter Fischer einen echten Fernsehstar live zu bestaunen, der für die Komödie „Sahneschnitte“ wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrte. Denn seine Schauspiellaufbahn hatte er vor vielen Jahren am Landshuter Stadttheater begonnen, bevor es ihn dann zum Fernsehen zog.

Eine wundervolle Idee und zugleich sehr gut umgesetzt war auch das Kammerkonzert, das einige MusikerInnen der Niederbayerischen Philharmonie des Landestheaters auf die Bühne gebracht haben: „She Composed – Hommage an Komponistinnen“. Sieben MusikerInnen in unterschiedlichen Zusammensetzungen von Klavier, Flöte, Oboe, Horn, Violine, Viola und Cello spielten ausschließlich Werke von Frauen – von Clara Schumann über Johanna Senfter, Madeleine Dring bis hin zu Elisenda Fábregas. Ein sehr gelungener, feiner Konzertabend!

Für einen interessanten und zum Nachdenken anregenden Fernsehabend sorgte wieder einmal Ferdinand von Schirach mit „Sie sagt. Er sagt.“ (noch bis zum 15.02.2025 in der ZDF Mediathek abrufbar) – hochkarätig besetzt und definitiv sehenswert.

Meinen Lese-Februar werde ich als sehr vielfältig bzw. abwechslungsreich in Erinnerung behalten, denn ich habe viele wirklich qualitativ herausragende Bücher gelesen, die mich aus unterschiedlichsten Gründen fasziniert, begeistert, berührt und bereichert haben.

An den Sehnsuchtsort Gardasee in ein Häuschen am Hang entführte mich der großartige Roman von Bodo Kirchhoff Seit er sein Leben mit einem Tier teilt. Atmosphärisch, klug und sehr flüssig zu lesen, hat mich dieser kammerspielartige Roman wirklich stilistisch überzeugt und fasziniert, so dass ich zukünftig sicher gerne noch mehr von Kirchhoff lesen möchte.

Eine feine Wiederentdeckung einer – leider bereits verstorbenen – katalanischen Autorin war der Auftakt der Barcelona-Trilogie von Montserrat Roig „Die Frauen vom Café Núria. Sie beschreibt das Schicksal und die Lebenswege dreier Frauen über drei Generationen hinweg, die – so unterschiedlich die Zeiten und Umstände auch sein mögen – doch eins verbindet: der Wunsch nach einer erfüllten Liebe und einem selbstbestimmten Leben.

In die teils dunkle Vergangenheit der Insel Sylt während des zweiten Weltkriegs ließ mich Silke von Bremen in ihrem Debütroman Stumme Zeit eintauchen. Ein stimmiger und melodiöser Roman über das Verdrängen und Verschweigen, aber auch über Freundschaft und die Geschichte der beliebten Urlaubsinsel. Nicht nur für Sylt-Fans definitiv lesenswert!

Mit dem Lesekreis und Caroline Wahls preisgekröntem Bestseller und Lieblingsbuch der Unabhängigen 2023 „22 Bahnen“ ging es ins Schwimmbad und zu den Schwestern Tilda und Ida, die ihr Leben mit einer alkoholkranken Mutter gemeinsam meistern müssen. Kraftspender sind Geschwisterliebe, das Schwimmen und die Literatur:

Die Gewissheit, dass ich vieles verlieren kann, einen Vater, eine Mutter, eine normale Kindheit, dass nichts sicher und beständig ist, dass aber Bücher trotz allem bleiben, dass mir niemand diese Geschichten, diese Welten wegnehmen kann, in die ich zu flüchten vermag, beruhigte mich und machte mich unverwundbar.“

(aus Caroline Wahl „22 Bahnen“, S. 105/106)

Raffiniert und vielschichtig präsentierte sich auch wieder Maggie O’Farrell mit ihrem Roman „Hier muss es sein“. Eine erfolgreiche und weltberühmte Schauspielerin taucht plötzlich ab – sie ist verschwunden und die Öffentlichkeit rätselt. Sie hinterlässt einen Partner und Kinder ohne Nachricht über ihren Verbleib, zieht sich auf ein abgelegenes Anwesen in Irland zurück und lernt eines Tages einen neuen Mann kennen, bekommt weitere Kinder – doch die Beziehungen bleiben schwierig und die Vergangenheit wirft dunkle Schatten. Geheimnisvoll und rätselhaft!

Ein herrlicher Schmöker und eine berührende Geschichte, in die sich wunderbar abtauchen lässt war Eva Ibbotsons „Was der Morgen bringt“ – ein Roman aus den Neunziger Jahren, der die Wiederentdeckung unbedingt lohnt. Liebenswürdige Charaktere und eine großartig komponierte Geschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der die Jüdin Ruth nur mittels einer Scheinehe mit einem britischen Professorenkollegen ihres Vaters fliehen und nach London in Sicherheit gelangen kann. Herzerwärmende, romantische Lektüre zum Einkuscheln!

Ebenfalls eine Wiederentdeckung und ein literarischer Geheimtipp ist Víctor Català bzw. Caterina Albert i Paradís mit ihrem Roman Ein Film (3000 Meter) aus dem Jahr 1926. Ihre Geschichte über den Gauner Nonat, der seinen Lebensunterhalt mit zunehmend illegalen Methoden bestreitet, spielt in Barcelona und war seiner Zeit stilistisch und erzählerisch ohne Zweifel weit voraus. Hierzu in Kürze sicherlich noch mehr…

Seit ich „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ von Uwe Wittstock gelesen und hier auf der Bowle vorgestellt habe, verfolge ich mit Spannung, ob es Neues von ihm gibt. Und jetzt ist es soweit: Marseille 1940 – Die große Flucht der Literatur“. Eindrucksvoll, fesselnd und hochspannend erzählt er in seinem Sachbuch, das sich geradezu wie ein Krimi liest, über zahlreiche Literaten, die sich vor den Nationalsozialisten nach Frankreich geflüchtet hatten und nun dort erneut eingeholt werden, so dass sie nach einer weiteren Fluchtmöglichkeit suchen müssen. Er setzt dem Amerikaner Varian Fry ein literarisches Denkmal, der Persönlichkeiten wie Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger, Alma Mahler-Werfel und Franz Werfel oder Heinrich Mann bei der Flucht behilflich war. Erneut ein großartiges, wichtiges und eindrucksvolles Buch, das ich bald näher vorstellen werde.

Und auch Anne Berests „Die Postkarte“ erzählt eine traurige Geschichte aus Frankreich während des zweiten Weltkriegs. Es handelt sich um die Familiengeschichte der Autorin, die Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren, die zum Teil in Konzentrationslagern ermordet wurden. Sie recherchiert und deckt nach und nach die Wahrheit über ihre verschollenen und verstorbenen Familienmitglieder auf – ebenfalls eine Geschichte von Verfolgung, Flucht, Vertreibung und Mord.

Die Sache mit der Mitte des Lebens erklärt auch die Hartnäckigkeit, mit der ich diese Nachforschungen betrieb, die mich monatelang Tag und Nacht beschäftigten. Ich hatte jenes Alter erreicht, in dem eine bestimmte Kraft einen drängt zurückzuschauen, weil der Horizont der eigenen Vergangenheit jetzt weiter und geheimnisvoller ist als der, der vor einem liegt.“

(aus Anne Berest „Die Postkarte“, S.221)

Eine ausführliche Rezension gibt es unter anderem bei Literaturreich oder zum Hören bei Deutschlandfunk Kultur.

Es ist nicht nur Kästner- sondern auch Kafka-Jahr und nachdem es mir der Autor Kafka bisher nie wirklich leicht gemacht hat, dachte ich mir, ich nähere mich ihm erst einmal über einen – zugegeben schönen und leichter lesbaren – Umweg: Michael Kumpfmüllers Roman „Die Herrlichkeit des Lebens“ beschreibt Kafkas letzte große Liebe zu Dora Diamant und seine letzten Monate bis zum Tod am 3. Juni 1924, der sich dieses Jahr zum hundertsten Mal jährt.
Ab dem 14. März 2024 kommt übrigens eine Verfilmung dieses Romans in die deutschen Kinos – Sabin Tambrea spielt Franz Kafka und Henriette Confurius schlüpft in die Rolle der Dora Diamant. Da ich das Buch jetzt gelesen habe, wäre ein Kinobesuch einer Überlegung wert.

Das intensivste und packendste Leseerlebnis im Februar war für mich wohl Roberto Savianos biografischer Roman „Falcone“ über den 1992 von der Cosa Nostra ermordeten Juristen Giovanni Falcone. Obwohl man schon vieles gelesen, gehört und gesehen hat und das Ende kennt, ist das Buch dennoch unglaublich fesselnd und bewegend zu lesen, zumal es auch einfach großartig geschrieben ist. Ich habe viel gelernt, die ca. 540 Seiten in kürzester Zeit regelrecht verschlungen und konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Und last but not least – gab es auch noch Neues aus Venedig bzw. über Venedig zu lesen: Die französische Autorin Isabelle Autissier hat mit „Acqua Alta“ einen fiktionalen, dystopischen Untergang der Stadt geschildert. Wie sieht der Tag aus, an dem Venedig in den Fluten versinkt und wie reagieren die Venezianer darauf?

Was bringt der März?

Wie könnte es anders sein: natürlich Theater in meinem Landshuter Heimattheater und zwar zum einen große Oper mit Puccinis „La Bohème“, die ich vor vielen Jahren in München schon einmal erleben durfte, und einen Schauspiel-Klassiker von Arthur Miller „Tod eines Handlungsreisenden“, den ich noch nicht live gesehen habe.

Aus dem Fernsehprogramm habe ich mir einen Film über die britische Frauenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts herausgepickt, der am 6. März um 20.15 Uhr auf ARTE ausgestrahlt wird: Suffragette – Taten statt Worte“. Meryl Streep hat einen Gastauftritt als Emmeline Pankhurst – ich bin gespannt.

Der Lesekreis widmet sich im März Florian Illies’ „Zauber der Stille“, das ich im Januar bereits gelesen habe und bei dem ich mich nun entscheiden muss, ob ich es kurz vorher noch ein zweites Mal lese. Mal sehen.

Darüber hinaus freue ich mich auf den Frühling, das Vogelgezwitscher, die Knospen und Blüten, die sich der Sonne entgegen recken und das weitere Erwachen der Natur. Bleibt mir noch, allen einen schönen März und friedlichen Frühlingsbeginn zu wünschen mit Blühendem, Kulturellem, Literarischem und allem, was das Herz begehren mag!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Februar:
Der Februar stand nicht nur im Zeichen von Wiener Opernball und Nockherberg, sondern auch für süße Versuchungen: waren es zunächst die Faschingskrapfen schlossen sich dann in der Fastenzeit als klassische Fastenmehlspeise die Dampfnudel mit Vanillesauce an.

Musikalisches im Februar:
Eine zauberhafte Neuentdeckung diesen Monat durfte ich im Kammerkonzert des Landestheater Niederbayerns „She Composed – Hommage an Komponistinnen“ machen: Madeleine Drings „Trio für Flöte, Oboe und Klavier“ vor allem der zweite Teil 2. Andante Semplice hat mich sehr berührt. Wunderschöne Musik.

Winter

Weg und Wiese zugedeckt,
Und der Himmel selbst verhangen,
Alle Berge sind versteckt,
Alle Weiten eingegangen.

Ist wie eine graue Nacht,
Die sich vor den Tag geschoben,
Die der Sonne glühe Pracht
Schleierdicht mit Dunst umwoben.

Oder seid ihr alle tot:
Sonne, Mond und lichte Sterne?
Ruht das wirkende Gebot,
Das euch trieb durch Näh und Ferne?

Leben, lebst du noch ringsum?
Sind verschüttet alle Wege?
Grau und eng die Welt und stumm.
Doch mein Herz schlägt seine Schläge.

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

6 Kommentare zu „Februarbowle 2024 – Bonustag und Grauvertreib

  1. Caroline Wahls „22 Bahnen“ mochte ich auch. Ich mochte, wie sehr die Geschwister sich mögen, und wie sie mit den Problemen der Mutter klarkommen, ohne zu verzweifeln, und wie ein Weg der Freundlichkeit und Liebe sich am Ende öffnet. Solche Debüts mag ich. Viele Grüße!

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    1. Danke, Alexander. Ich fand es – gerade für ein Debüt – auch eindrucksvoll und reif trotz des jugendlichen Sounds, getragen durch die Liebe zur Literatur (die sich in dem Zitat sehr schön niederschlägt, wie ich finde). Es bleibt spannend, ob der Nachfolger „Windstärke 17“, der ja bald kommt, daran anknüpfen kann. Herzliche Sonntagsgrüße! Barbara

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