Julibowle 2025 – Kraftorte und Regenvariationen

Hieß es zu Beginn des Monats noch Schwitzen in Tropennächten, so war die zweite Hälfte dann geprägt von anderer Feuchtigkeit und präsentierte sich zunehmend regnerisch. Landregen, Dauerregen, kurze heftige Gewitterschauer, vom leisen Nieseln bis hin zum legendären österreichischen Schnürlregen war alles dabei.

Um so saftiger grün präsentierte sich dann dafür jedoch die Natur und das Wort Sommerfrische bekam doch noch einmal eine neue Bedeutung.

Im sonnigen Teil dieses Juli durfte ich eine ganz besondere Ausstellung besuchen: Im Rahmen von „Kosmos Koenig“ konnte das ehemalige Wohnhaus und Atelier bzw. der Lebensmittelpunkt des 2017 verstorbenen Künstlers Fritz Koenig in Ganslberg besichtigt werden. Eine seltene Gelegenheit, diesen einzigartigen Kunst- und Kraftort zu besuchen, der mich sehr berührt hat.

Die Fotos können den speziellen Zauber dieses Ortes sicherlich nicht ganz einfangen, aber einen Versuch ist es wert:

Zudem konnte ich in zwei Landshuter Konzerten Orgel- und Orchestermusik live erleben, bevor ich mir dann einen lang gehegten Wunsch erfüllen konnte:
Der „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal auf dem Salzburger Domplatz in der Inszenierung von Robert Carsen mit Philipp Hochmair in der Titelrolle.
Gänsehaut pur, Bilder, die sich für immer ins Gedächtnis brennen und ein unvergessliches Erlebnis – für mich ein absolutes Glanzlicht, bei dem mir auch nach Tagen immer noch die Worte fehlen, um ihm hier wirklich gerecht zu werden.

Der Stoff ist kostbar von dem Spiel
Dahinter aber liegt noch viel
Das müßt ihr zu Gemüt euch führen
Und aus dem Inhalt die Lehr ausspüren.“

(aus Hugo von Hofmannsthal „Jedermann“ , S.17)

Lektüretechnisch war dieser Juli für mich ein Fest und so reichhaltig und vielfältig wie der Regen während des Monats:
Bei Sarah Winmans „Still Life“ bin ich mir sehr, sehr sicher, dass es zu meinen Leseglanzlichtern in diesem Jahr zählen wird. Denn diese lichtdurchflutete und warmherzige Geschichte, die über weite Strecken in Florenz spielt und die Geschichte des jungen britischen Soldaten Ulysses erzählt, der während der Wirren des zweiten Weltkriegs in Italien die ältere Kunsthistorikerin Evelyn kennenlernt und wieder aus den Augen verliert, ist grandios. Erst viele Jahre später werden sich die Wege der Hauptfiguren erneut kreuzen… und heimlicher Star des Buches ist ein Papagei namens Claude…
Ein Roman voll menschlicher Wärme und Lebensfreude, eine Hymne auf Freundschaft, Kunst, Kultur und die Schönheit der Toskana, der ganz nebenbei geschickt auch geschichtliche Hintergründe mit einfließen lässt und den man sich als kunstaffiner Italien- bzw. Toskanafan wirklich nicht entgehen lassen sollte.
Begeistert war auch Sabine alias Bingereader, wie hier nachzulesen ist.
Der Titel ist auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Das Fenster zur Welt“ erhältlich.

But when I was in Italy, a woman cooked me spaghetti and I’d never tasted anything like it. Bit spicy. Rich tomato sauce. It meant everything to me.“

(aus Sarah Winman „Still Life“, S.95)

Und um noch ein bisschen länger in Bella Italia zu verweilen und noch etwas dolce Vita aufzusaugen, ging es gleich auch noch weiter nach Rom mit dem Auftakt einer neuen Krimi-Reihe: Enzo Maldini lässt in Der Tote am Tiber eine Barista aus Trastevere mit der Vespa durch die ewige Stadt flitzen und den Mord an einem Pensionsgast aufklären.

Mein Lesekreis hatte sich diesen Monat „Long Island“ von Colm Tóibín ausgesucht. Allerdings war für mich dann schnell klar, dass ich zunächst auch erst mal den Vorgänger „Brooklyn“ lesen möchte, um die Geschichte chronologisch in der richtigen Reihenfolge zu entdecken. Gedacht, getan und abgetaucht ins New York der Fünfziger und Siebziger Jahre und die Geschichte um die irische Auswanderin Eilis. Wer mehr wissen will, kann hierzu gerne beim Buchuhu nachlesen.

Und auch einen Abstecher nach Frankreich habe ich noch gemacht, mit Nadia Pantels informativem und äußerst kurzweiligen Sachbuch „Das Camembert-Diagramm“, in welchem sie anhand typisch französischer kulinarischer Köstlichkeiten auf unterhaltsame Weise über Politik, Gesellschaft und die Stimmung in unserem Nachbarland erzählt. Ich habe es verschlungen: hochinteressant und sehr zu empfehlen!

Und dann gab es diesen Monat – aus Gründen – einen großen Salzburg- und Salzkammergut-Schwerpunkt in meiner Lektüreauswahl:
Lea Singer versetzte mich mit ihrem Roman „Vier Farben der Treue“ in die Festspielstadt Salzburg im Jahr 1935. Auf Schloss Leopoldskron gibt sich die Prominenz bei Festspielgründer Max Reinhardt die Klinke in die Hand: Arturo Toscanini, Kurt Weill, Alma Mahler-Werfel… die Künstlerwelt sieht sich zunehmend mit dem Erstarken der Nationalsozialisten konfrontiert.

Nein“, sagte Reinhardt so leise, dass alle um ihn her still wurden. „Er soll sagen, dass ich der große Träumer bin, der sein Paradies in der Kindheit sucht. Und das Theater ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt haben.“

(aus Lea Singer „Vier Farben der Treue“, S.83)

Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ ist seit der ersten Aufführung auf dem Salzburger Domplatz 1920 von dort nicht mehr wegzudenken und fixer bzw. zentraler Bestandteil der Salzburger Festspiele – zur Vorbereitung wollte der Text natürlich noch gelesen werden.

Die Rolle des „Jedermann“ in Salzburg zu verkörpern, ist in Österreich wohl DER Ritterschlag für jeden Schauspieler. Seit letztem Jahr ist es an Philipp Hochmair, das „Sterben des reichen Mannes“ auf die Salzburger Bühne zu bringen. Dass diese Rolle für ihn etwas ganz Besonderes ist, wird auch in der gerade erschienenen Biografie von Katharina von der Leyen und Philipp Hochmair „Hochmair wo bist du?“ deutlich.

Hochmair war unter anderem am Max Reinhardt-Seminar auch Schüler eines weiteren legendären Jedermann-Darstellers: Karl Maria Brandauer schlüpfte von 1983 bis 1989 in diese Rolle. Auch Christine Dössels Biografie „Klaus Maria Brandauer: Die Kunst der Verführung“ habe ich sehr gerne und mit großem Interesse gelesen.

Ich bin unterwegs zu mir selbst – und ich bin es gern.“

(Zitat von Klaus Maria Brandauer; aus Christine Dössel „Klaus Maria Brandauer: Die Kunst der Verführung“, S.269)

Brandauer ist im Ausseerland geboren und lebt seit vielen Jahren auch wieder in Altaussee. Und schon ist die Brücke geschlagen zum literarisch interessanten Kosmos Ausseerland:
Barbara Frischmuth (1941 – 2025) war Hotelierstochter aus Altaussee und lange Schirmherrin des dortigen Literaturmuseums. In ihrem Debüt „Die Klosterschule“ setzte sie sich mit der Zeit in einem katholischen Mädchenpensionat auseinander.

Elisabeth Reichart hat sich in „Komm über den See“ – angesiedelt in Gmunden am Traumsee – unter anderem mit dem Thema von NS-Widerstandskämpferinnen im Salzkammergut, aber auch mit Schweigen und Verdrängen beschäftigt.

Draußen ein einsames Segelboot, manchmal schien es zu fliegen, die Möwen nahmen es mit sich fort. Alles Gute kommt vom See her, dachte sie, während sie das Glas an ihre Lippen führte, das fremde Licht, der angenehme Wind, die sanften Geräusche, die unerwarteten Bilder.“

(aus Elisabeth Reichart „Komm über den See“, S.55)

Die Region näher gebracht hat mir auch der österreichische Autor Alfred Komarek (1945 – 2024), der nicht nur in seinen Büchern „Ausseerland“ und „Salzkammergut“ geschichtliche Hintergründe, Brauchtum und kulturelle Eigenheiten beschreibt, sondern auch in vier Bänden den Journalisten Daniel Käfer („Daniel Käfer – Alle Salzkammergut-Romane“ bestehend aus: „Die Villen der Frau Hürsch“, „Die Schattenuhr“, „Narrenwinter“ und „Doppelblick“) dem Charme dieses Fleckchen Erde erliegen ließ. In „Anstiftung zum Innehalten“ zeigte er sich von der ruhigen, nachdenklichen Seite:

Sollte ich also wirklich kein Talent für erfüllte Muße haben, für die kostbare Zeitlosigkeit zwischen zwei Pendelschwüngen? (…) Freiwillig und freudig muss es geschehen: ein zielloses Streunen und Mäandrieren, offen für alle denkbaren Ziele und für die undenkbaren erst recht, Zeit, die nicht mehr den Uhren gehört, Gedanken, die nichts müssen, aber alles dürfen, unverschämte Lust am Sein.“

(aus Alfred Komarek „Anstiftung zum Innehalten“, S.16)

Vom Fenster des Altausseer Literaturmuseums sieht man auf das ehemalige Domizil von Friedrich Torberg (1908 – 1979) – ein willkommener Anlass, endlich mal die schon lange geplante Lektüre von „Die Tante Jolesch“ anzugehen. Herrlich melancholisch und fein zu lesen, wer mehr dazu wissen möchte, kann u.a. bei Birgit Böllinger nachlesen.

Einen Toten im Salzburger Mirabellgarten gab es in Manfred Baumanns Merana-Krimi „Todesfontäne“ – kurzweilige Krimikost mit ordentlich Salzburger Lokalkolorit für Zwischendurch. Und auch Daniel Glattauers neuesten Roman „In einem Zug“, in welchem eine junge Frau im Zug von Wien nach München einen Autor von Liebesromanen trifft und mit ihm ein Gespräch über die Liebe und das Leben führt, habe ich quasi fast in einem Rutsch gelesen. Mehr Österreich-Literatur in einem Monat geht kaum.

Was bringt der August?

In der 3Sat-Mediathek steht noch bis zum 25. August 2025 die diesjährige Bayreuther Neuinszenierung von „Die Meistersinger von Nürnberg“ zur Verfügung. Und Georg Zeppenfelds Rollendebüt als Hans Sachs will ich mir natürlich nicht entgehen lassen – was sich den Bildern entnehmen lässt, die ich bisher bereits gesehen habe, wird es da ziemlich bunt zugehen.

Zudem gilt es bald einen weiteren Kulturbowle-Geburtstag zu feiern… also wird es Bowle geben… same procedure as every year!

In Bayern kehrt jetzt die Ferienruhe ein und auch das Sommerwetter kommt nochmal zurück. In diesem Sinne wünsche ich allen, die noch urlauben oder Ferien haben, eine schöne Zeit und allen Daheimgebliebenen oder bereits Zurückgekehrten einen ebenso feinen August – vielleicht mit Besuchen in lauschigen Gastgärten oder laue Abende auf der heimischen Terrasse oder auf dem Balkon. Genießt erfüllte Muße mit guter Gesellschaft und feiner Lektüre und habt eine gute Sommerzeit!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Juli:
In einem österreichischen Traditionskaffeehaus einen Einspänner trinken. Da kann es draußen regnen, wie es will – das ist und bleibt ein wahrer Genuss.

Musikalisches im Juli:
Diesen Monat habe ich tatsächlich noch ein für mich völlig neues Instrument kennengelernt: den Oktobass, der in Gounods „Cäcilienmesse“ im Rahmen des Rheingau-Musikfestivals zum Einsatz kam.

In time, Cress hoped to lose his fear of poetry, especially the stuff that didn’t rhyme. Cress was a facts man, and facts were stone. Poetry, though, was sand. Ever compared to stars in its granular infinity. Ever shifting.“

(aus Sarah Winman „Still Life“, S.143)

Und daher gibt es auch im Juli wieder ein paar bebilderte Monats-Haikus aus eigener Feder:

Am Sommerabend
vorbei an goldenem Korn
durch Grillenzirpen

© Kulturbowle 2025

Wolkenspektakel
beschienen und angestrahlt
Himmelstheater

© Kulturbowle 2025

Radeln durchs Grüne
Flattern im Augenwinkel
Leichtigkeit in Fahrt

© Kulturbowle 2025

Prasseln und Tropfen
Regenvariationen
Lizenz zum Nichtstun

© Kulturbowle 2025

Wolkenverhangen
Gipfel in Watte gehüllt
Bergmelancholie

© Kulturbowle 2025

Blick über den See
mit Zeit zum Innehalten
und ruhig werden

© Kulturbowle 2025

Still im Kirchenraum
doch dann klingt Orgelmusik
schwebend von oben

© Kulturbowle 2025

9 Kommentare zu „Julibowle 2025 – Kraftorte und Regenvariationen

  1. Was für eine reiche Beute hier 🙂 Wunderschöne Bilder, Haikus, Literaturtipps und mehr – danke schön! Auch für die Verlinkung. Still Life ist wirklich ein großartiges Buch. Ganz liebe Grüße, Sabine

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    1. Dankeschön, Sabine.
      Und sehr gern geschehen, zumal ich leider nicht die Zeit gefunden habe, selbst eine ausführliche Rezension zu schreiben. Aber „Still Life“ ist wunderbar und ich habe auch die deutsche Fassung mittlerweile schon verschenkt. Ein echtes Herzensbuch! Viele Grüße und einen schönen August! Barbara

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    1. Sehr gern geschehen. Ich mag Colm Tóibíns unaufgeregte Art zu erzählen und mochte auch den Schauplatz New York und die Auswanderergeschichte. Also ja, ich hatte Freude, war aber definitiv froh vorab „Brooklyn“ gelesen zu haben und dann erst „Long Island“ für den Lesekreis. Herzliche Grüße und einen schönen August!

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    1. Dankeschön, liebe Nina. Das wünsche ich Dir auch – einen reichen, schönen und inspirierenden August! Bei mir wird er sicherlich andere Schwerpunkte und einen anderen Charakter bzw. Färbung haben wie der Juli, aber das macht es ja gerade spannend. Und bei der Hitze werde ich mich sicherlich auch gerne mit guter Lektüre an ein kühles Plätzchen zurückziehen. Ganz herzliche Grüße und eine gute Zeit! Auf bald! Barbara

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