Einsamkeit der Brennnessel

Brennnesseltage“ – was stellen wir uns darunter vor? Etwas Kratzendes, Störendes? Tage, die sich wörtlich genommen einbrennen und vorübergehend vielleicht gar schmerzhafte Spuren hinterlassen? Oder können solche Tage vielleicht auch etwas Heilsames haben? Eva M. Bauers neuer Roman trägt diesen Titel: „Brennnesseltage“ und nimmt die Leser mit an einen kargen, von Brennnesseln umwucherten Ort. Erzählt wird die Lebensgeschichte einer Bergbäuerin, welcher der Schmerz nicht fremd ist.

Ein einsam gelegener Hof in den Bergen des Inntals – Babett ist die Tochter des Altbauern auf dem Petererhof und sie ist schwanger. Doch sie erwartet ein „lediges“ Kind, denn einen Ehemann hat sie nicht und das Kind wird keinen Vater haben. Ihr Bruder und der designierte Hoferbe ist im Krieg und sie muss hart arbeiten, um den Betrieb am Laufen zu halten. Im Dorf wird sie schief angeschaut und auch der einst geliebte Kirchgang ist ihr kein Trost mehr, sondern wird zum Spießrutenlauf.

„Auch sie hat es immer sehr gemocht, das Singen und Beten vor der Kapelle. Früher einmal. Erhebend war das, mit dem Blick auf den Bergwald und die Felsspitzen darüber, unterm blau bespannten Septemberhimmel. Aber es ist nicht mehr wie früher.“ (S.22)

Doch als Tochter des Hofs ist sie kaum mehr als eine Dienstmagd, die für ihren Bruder die Stellung hält. Bei all der Schufterei ist kein Platz und keine Zeit für ein Kind. Und da die kinderlose Verwandtschaft unten im Dorf sich doch schon so lange Nachwuchs wünscht und sich der Kindersegen einfach nicht einstellen will, reift ein Gedanke. Vielleicht hat es der kleine Simon im Tal bei den Pflegeeltern ja besser.
Babett gibt ihren Sohn weg und ackert weiter.

„Warum nicht hier“, habe ich sie gefragt, als sie ihren ersten Sohn erwähnt hat, der unten im Dorf aufgewachsen ist. „Ja, mei“, hat sie gesagt und die Achseln gezuckt.“ (S.33)

Irgendwann kommt der Brief, dass der Bruder nicht aus dem Krieg zurückkehren wird und der Vater stirbt ebenfalls. Sie braucht männliche Hilfe auf dem Hof und als ein Fremder ins Dorf kommt und Arbeit sucht, stellt sie ihn als Knecht ein.
Der Franz kann zupacken, ist ihr eine Hilfe und sie gewöhnt sich an seine Anwesenheit auf dem Hof und im Haus.

„Sie hat die Zärtlichkeit einer Brennnessel, wenn er nicht aufpasst, bekommt er ihre Widerhaken zu spüren. Verbrennt sich mehr als nur die Finger. Dann bilden sich Blattern in seinem Inneren, die nachbrennen, oft tagelang. Blasen auf der Seele.“ (S.53/54)

Sie nimmt ihn zum Mann, bekommt einen weiteren Sohn mit ihm. Doch der Teufel Alkohol schleicht sich immer weiter in Franz’ Leben. Und schon bald gibt es mehr schlechte als gute Tage.

Viele Jahre später jedoch kommt der verlorene Sohn Simon wieder zurück auf den Hof und hat seine Freundin Luisa dabei, die sich Babetts Geschichte erzählen lässt und für die Nachwelt in Worte fassen wird.

Bauer beschreibt – aus der Perspektive Luisas – sehr eindringlich und einfühlsam dieses Leben der Babett, die sich als Frau weitgehend alleine durchs Leben kämpft. Die gegen alle Widrigkeiten ihren Weg geht und lernen muss, mit dem Schmerz um das weggegebene Kind, mit der Trauer um die Angehörigen und mit der Alkoholsucht ihres späteren Partners umzugehen.

Mit Babett und Franz treffen sich zwei Außenseiter. Die gesellschaftlich geächtete Frau mit dem unehelichen Sohn und der Auswärtige, der in der Dorfgemeinschaft nie richtig dazugehören wird. Die Autorin schildert diese Ausgrenzung ebenso gekonnt wie die bitter-herbe Mischung aus Gottesfürchtigkeit und Scheinheiligkeit im Dorf.

„Einen Herrgottswinkel überm Stubentisch gab es noch. Aber auch hier kein Kreuz, stattdessen eine Frauengestalt in der oval geformten Wandnische. Eine Madonna aus Porzellan, weiß, mit blauem Band. Die Hände zum Gebet gefaltet und den Blick nach oben gerichtet. An ihrer Seite zwei Kerzenständer aus hellblauem Glas. Mehr nicht. Als könnte dieses Haus nur im Schutz einer Frau gedeihen.“ (S.26)

Eva M. Bauer, die als Lehrerin gearbeitet hat, in München aufgewachsen ist und jetzt als freie Journalistin und Schriftstellerin tätig ist, erzählt von einer starken Frau und einer harten Lebensrealität bzw. einem schweren Schicksal. Das Leben auf dem Bergbauernhof wird nicht verklärt oder romantisiert. Sie kennt die bayerische Mentalität und versteht es, diese stimmig einzufangen bzw. in Worte zu fassen. Manchmal sagt ein Stoßseufzer kombiniert mit einem „Ja, mei“ eben bereits alles.

„Brennnesseltage“ ist eine feinsinnige und tiefgründige Lektüre, die wie die Pflanze im Titel die schmerzhaften mit den heilsamen bzw. hoffnungsvollen Seiten verbindet. Trotz aller Härten ist es ein warmherziges und von tiefer Menschlichkeit durchflutetes Buch, das sich mit den elementaren und großen Themen des Lebens befasst. Eine lohnenswerte Lektüre, die klar macht, dass auch Brennnesseln ihren Schrecken verlieren können, wenn man sich mit ihnen vertraut macht.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag STROUX Edition, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Eva M. Bauer, Brennnesseltage
STROUX Edition
ISBN: 978-3-948065-41-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Eva M. Bauers „Brennnesseltage“:

Für den Gaumen (I):
Während des Kriegs ist der Speiseplan karg. Alles muss verwertet werden:

„Später steht sie am Küchenherd und bereitet eine Suppe zu. Sie schneidet die Zwiebel klein, dünstet sie in Butter und wischt sich immer wieder mit dem Handrücken über die Augen. Stäubt Mehl an, gießt mit Wasser auf und rührt fein gewiegte Brennnesselblätter dazu. (…) Es ist das Einzige in diesen Tagen, das für eine Kräutlsuppe taugt. Immerhin ist heute Gründonnerstag.“ (S.8)

Für den Gaumen (II):
Zur Bestechung dienen rare Leckereien:

„Sie zieht frisch gebackene Schmalznudeln und eine Handvoll echter Kaffeebohnen aus dem Rucksack. Verwandtenbesuch, wer mag was Schlechtes dabei denken.“ (S.29)

Zum Weiterlesen:
Durch den kargen Schauplatz Bergbauernhof fühlte ich mich immer wieder an zwei andere Bücher erinnert, bei welchen allerdings Männer die Hauptprotagonisten sind: Robert Seethalers „Ein ganzes Leben“, das ich sehr mochte und das wunderbare Buch von Fabio Andina „Tage mit Felice, das ich bereits hier auf dem Blog vorgestellt habe.

Robert Seethaler, Ein ganzes Leben
Goldmann
ISBN: 978-3-442-48291-7

Fabio Andina, Tage mit Felice
Aus dem Italienischen von Karin Diemerling
Piper
ISBN: 978-3-492-31759-7

7 Kommentare zu „Einsamkeit der Brennnessel

    1. Ja, das Buch beschreibt die damalige Zeit sehr stimmig und lebensecht.
      Sehr glaubwürdig und nachvollziehbar.
      Ich wünsche Dir auch einen wunderbaren, stimmungsvollen und besinnlichen ersten Advent!
      Herzliche Grüße! Barbara

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