Paris – Rue de L’Odéon

Die Rue de L’Odéon war in den Zwanziger und Dreißiger Jahren wohl DER literarische Treffpunkt in Paris. Die Buchhändlerinnen Adrienne Monnier und Sylvia Beach schufen mit ihren legendären Läden „La maison des amis des livres“ und „Shakespeare and Company“ ein künstlerisches Zuhause für AutorInnen und Intellektuelle wie James Joyce, Colette, Walter Benjamin, Ernst Hemingway oder Simone de Beauvoir und viele andere mehr. Uwe Neumahr widmet sich nun in seinem neuen Buch „Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940 – Zuflucht und Widerstand“ einem bisher weniger bekannten Aspekt in der Lebensgeschichte der beiden Frauen und beleuchtet vor allem die Zeit des Zweiten Weltkriegs, des besetzten Paris und die Widerstandsaktivitäten der Frauen, die immer wieder versuchten, befreundeten, jüdischen und verfolgten FreundInnen und KünstlerInnen zu helfen.

Doch natürlich erzählt Uwe Neumahr auch die Lebensgeschichten der beiden Frauen, ihrer Buchhandlungen und lässt die Leserschaft zunächst auch eintauchen in die lebendige, inspirierende und vor Energie vibrierende Atmosphäre, welche Monnier und Beach schufen. Die beiden Buchhändlerinnen, welche über viele Jahre auch ein Liebespaar waren, hatten die Gabe, begabte LiteratInnen und KünstlerInnen – auch aus Musik und Malerei – anzuziehen und ihnen ein kreatives Zuhause zu schaffen. Dieser Kreis der „Potassons“ entwickelte sich zu einer familienähnlichen Gruppe, die später während des Nationalsozialismus auch zu einer Schicksalsgemeinschaft wurde.

„Sie nannten sich „Potassons“ und meinten damit eine besondere Spielart der menschlichen Spezies. Freundlichkeit, Gutmütigkeit und der Sinn für das Schöne zeichneten die Potassons aus, Literatur, Musik, Kunst, aber auch die Freude an gutem Essen waren essenzielle Bestandteile ihres Lebens.“

(S.27)

Neumahr porträtiert im Buch nicht nur Adrienne Monnier und Sylvia Beach, sondern beschreibt auch ihre zahlreichen Kontakte und starke Vernetzung mit KünstlerInnen und wichtigen Persönlichkeiten der damaligen Zeit, welche sie auch in schwierigen Zeiten zu nutzen verstanden, um Hilfe zu organisieren.

„Sylvia und Adrienne waren geistesverwandt in ihrer Liebe zur Literatur, ihrem Humor und ihrer Ungezwungenheit. Sie ignorierten die starren konventionellen Trennwände zwischen Erfahrung und Unerfahrenheit, zwischen Alter und Jugend, männlich und weiblich. Beide Frauen wollten ein unabhängiges Leben außerhalb der traditionellen Ehe führen, beide setzten sich dafür ein, die zeitgenössische Literatur in Frankreich bekannt zu machen.“

(S.68/69)

Denn selbst während der Zeit der Besatzung hielten sie den Ladenbetrieb so lange wie möglich aufrecht, waren Zufluchtsort und Anlaufstelle für Hilfsersuchen diverser Art. So versuchten sie, Freunden wie zum Beispiel Walter Benjamin zunächst aus dem Internierungslager heraus und dann zur Flucht zu verhelfen.
Adrienne Monnier kümmerte sich tatkräftig auch um die schnelle Freilassung von Sylvia Beach, die als Amerikanerin selbst für einige Zeit in ein Internierungslager verbracht wurde.

Eindrücklich sind auch die Schilderungen aus der französischen Hauptstadt während der Besatzungszeit, die dramatischen Folgen des Hungerwinters und bewundernswert, wie sich die Frauen trotz widrigster Umstände ihre Mitmenschlichkeit bewahrten und versuchten zu helfen, wo immer es ihnen möglich war.
Der Autor beschreibt Hilfsaktionen, Fluchtwege und Schicksale der Exilanten und schildert Scheitern und Erfolge.
Für Adrienne und Sylvia wird letztlich in Person von Ernest Hemingway die Rue de l’Odéon ihren ganz persönlichen Befreier finden.

„Die beiden Frauen trauten ihren Augen nicht, als sie sahen, wer sich unten befand. Im Überschwang der Gefühle lief Sylvia die Treppe hinunter und Hemingway direkt in die Arme. Adrienne folgte kurz darauf. Die Freude des plötzlichen Wiedersehens mitten im Krieg – jahrelang hatten sie nichts voneinander gehört – war riesig.“

(S.266)

Sowohl Sylvia Beach als auch Adrienne Monnier haben nach dem Krieg Bücher über ihre Lebenserinnerungen verfasst, die ihre jeweils persönliche Sicht auf ihre Geschichte, ihre Buchläden und die Menschen um sie herum,vermitteln.
Doch haben beide in ihren Werken auch unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, so manches verschwiegen, verdrängt oder bewusst Leerstellen gelassen.
Neumahr versucht nun mit fundierter Recherche, diese Lücken und Auslassungen, für welche die beiden Frauen sich wohl bewusst (auch aufgrund von Verletzungen und Schmerzhaftigkeit) in ihren Büchern entschieden hatten, zu füllen. So erzählt er unter anderem über zerbrochene Beziehungen, menschliche Tiefschläge, aber eben auch über Verdienste und Leistungen, die von den beiden selbst nicht hervorgehoben oder entsprechend gewürdigt wurden.
So machte Adrienne Monnier zeit ihres Lebens kein großes Aufheben über ihre Hilfsaktivitäten bzw. ihre Akte des Widerstands, um so schöner, wenn Neumahr diese nun ins rechte Licht setzen kann.

„Das Erbe einer kulturellen Tradition, die Frauen abverlange, sich klein zu machen, mag eine Rolle gespielt haben für Adriennes Schweigen. Dass sie eine Retterin war und sich für Verfolgte einsetzte, war der menschenfreundlichen Potasson aber vor allem eine humanistische Notwendigkeit und eine Selbstverständlichkeit. Es entsprach ihrem Selbstverständnis, zumal das „Haus der Bücherfreunde“ immer ein Refugium der internationalen Brüderlichkeit und Toleranz gewesen war.“

(S.270/271)

„Die Buchhandlung der Exilanten“ kann nicht nur einen großartigen ersten Einblick in die Welt von Adrienne Monnier und Sylvia Beach und ihr Wirken geben, sondern bietet auch LeserInnen, die sich schon näher mit den beiden befasst haben, interessante neue Perspektiven und Einblicke in die Hilfs- und Widerstandsaktivitäten der Frauen während des Krieges. Informativ, glänzend recherchiert und hochspannend zu lesen, fühlt man sich bei der Lektüre dieses Sachbuchs den beiden Frauen sehr nah und würde sich gerne einreihen in die Riege der mit ihnen befreundeten „Potassons“.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uwe Neumahrs „Die Buchhandlung der Exilanten“:

Zum Weiterlesen (I):
Bereits vor einiger Zeit habe ich gleichsam die Originalquellen gelesen bzw. die Erinnerungsbücher der beiden Buchhändlerinnen: Sylvia Beachs „Shakespeare and Company“ und Adrienne Monniers „Aufzeichnungen aus der Rue de L’Odéon“. Beide habe ich sehr gerne gelesen, es damals nur leider zeitlich nicht geschafft, einen Blogbeitrag zu schreiben. Schön, dass die Frauen und die Bücher jetzt noch im Rahmen dieses Beitrags eine Würdigung bzw. die verdiente Erwähnung finden.

Sylvia Beach, Shakespeare and Company. Ein Buchladen in Paris
Aus dem Amerikanischen von Lilly v. Sauter
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-37323-1

Adrienne Monnier, Aufzeichnungen aus der Rue de L’Odéon
Aus dem Französischen von Nicolaus Bornhorn
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-68314-8

Zum Weiterlesen (II):
Ebenfalls mit dem Jahr 1940 und der Fluchthilfe, die in Frankreich für zahlreiche Exilanten geleistet wurde, beschäftigt sich Uwe Wittstocks großartiges Buch Marseille 1940 – Die große Flucht der Literatur. Es befasst sich näher mit der Gruppe um Varian Fry und ich habe es bereits hier auf dem Blog vorgestellt und empfohlen.

Uwe Wittstock, Marseille 1940 – Die große Flucht der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-81490-7

Zum Weiterlesen (III):
Und wer noch mehr vom Autor Uwe Neumahr lesen möchte, dem kann ich auch sein Buch über das Presse Camp während der Nürnberger Prozesse im Faber Schloss – Das Schloss der Schriftsteller – sehr ans Herz legen, das ich ebenfalls hier auf dem Blog vorgestellt habe.

Uwe Neumahr, Das Schloss der Schriftsteller
Nürnberg ’46 – Treffen Am Abgrund
C.H.Beck
ISBN: 978-3-406-79145-1

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