Paris – Stadt der Bücherliebe

Ich liebe Bücher über Menschen, die Bücher lieben und in Veronika Peters’ Roman „Das Herz von Paris“ darf man gleich mehrere Vertreterinnen dieser Spezies kennenlernen. Schauplatz ist die legendäre Buchhandlung Shakespeare and Company im Herzen von Paris im Jahr 1925 und der Roman beschert nicht nur eine wunderbare Zeitreise in die Stadt der Liebe der Zwanziger Jahre, sondern kann zugleich als Hommage an Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes gelesen werden.

„Sehr gut. Ich bin Sylvia. Kommen Sie herein, drinnen sind noch mehr zornige Frauen. Lassen Sie uns gemeinsam einen Tee trinken und das richtige Buch für Sie finden.“

(S.19)

Ann-Sophie von Schoeller – junge Ehefrau aus gutem Berliner Hause – verschlägt es gegen ihren Willen an der Seite ihres Ehemanns nach Paris. Sie hat sich fest vorgenommen, diese Stadt nicht zu mögen, in welcher ihr Mann als Anwalt in der Kanzlei seines Onkels Karriere machen möchte.
Widerstrebend fängt sie daher erst spät damit an, mit einem Baedeker bewaffnet die Stadt zu erkunden – schließlich wird es irgendwann doch langweilig in der kleinen Wohnung den ganzen Tag auf den Gatten zu warten. Bei einem ihrer Spaziergänge landet sie plötzlich zufällig in der Rue de L’Odéon. Vor einem englischen Buchladen namens Shakespeare and Company steht eine charismatische Frau in Männerkleidung und lädt sie ein hereinzukommen. Für Ann-Sophie ein Schritt in eine völlig andere Welt, der ihr Leben verändern wird.

„Willkommen in Odéonia, der freien Republik der Bücherliebenden, dem wahren Herzen von Paris!“ sagte Adrienne. „Hier wird Literatur nicht nur verkauft, sondern auch verliehen, verlegerisch begleitet sowie in eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Zeitschriften gefeiert. (…)“

(S.25)

Im legendären Buchladen der Verlegerin von James Joyce’s „Ulysses“ Sylvia Beach trifft sie auf starke, unabhängige Frauen, die ihr Leben emanzipiert und selbstbestimmt leben. Da wird gelesen, geraucht, diskutiert und abends auch gemeinsam ausgegangen und der eine oder andere Drink genommen. Auch Ann-Sophie, die bald beginnt, als Aushilfe im Laden zu arbeiten, merkt schnell, dass mehr in ihr steckt und sie mehr möchte, als ausschließlich die fügsame Vollzeit-Gattin zu spielen.

„Frauen wie Sylvia, Dunja, Janet und Adrienne übten selbst Berufe aus, statt von ihren Vätern oder Ehemännern abhängig zu sein. Sie reisten autonom durch aller Herren Länder, verkehrten mit erfolgreichen Schriftstellerinnen und mysteriösen Poeten-Genies, sie organisierten skandalträchtige literarische Soireen, gingen abends in ein Café und betranken sich, wenn ihnen danach war.“

(S.46)

Veronika Peters ist es gelungen, eine Handlung und eine Atmosphäre zu erschaffen, bei der man sofort selbst dabei sein möchte. Man will diese zauberhafte Buchhandlung und die starken, wunderbaren Frauen am liebsten selbst kennenlernen, mit ihnen über Bücher sprechen, ein Gläschen trinken und das französische, intellektuelle Savoir-Vivre genießen. Die Charaktere – viele entsprechen natürlich den realen, historischen Persönlichkeiten mit gewissen fiktiven Freiheiten – sind so sympathisch, dass einen die Geschichte sofort in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Schon parallel zur Lektüre war ich am recherchieren und Notizen machen, worüber ich mehr wissen will oder was ich weiter lesen möchte – eine wirklich inspirierende Lektüre.

„Du musst lesen! Literatur bestärkt und befreit eine geschundene Seele, führt ins Weite, bringt lang unterdrückte Emotionen an die Oberfläche, lässt uns über den eigenen beschränkten Horizont hinauswachsen!“

(S.54)

Sylvia Beach eröffnete die englischsprachige Buchhandlung Shakespeare and Company 1919 gegenüber dem Buchladen ihrer späteren Lebensgefährtin Adrienne Monnier und schloss diesen 1941 nach der Besetzung Paris’ durch die Deutschen im zweiten Weltkrieg. 1922 verlegte sie Ulysses von James Joyce und ihr Laden galt als Treffpunkt der Literatur- und Kunstszene. Im Roman begegnen wir ihr gemeinsam mit der Hauptfigur Ann-Sophie im Jahr 1925.

Auch wenn das eine oder andere im Roman vielleicht etwas idealisierend oder verklärt beschrieben wird, tut dies der Lesefreude keinerlei Abbruch. Es ist ein Buch über Emanzipation, über starke, unabhängige Frauen, über Selbstverwirklichung, Literatur und Schriftstellerei, sowie eine Welt im Wandel.

„Das Herz von Paris“ ist ein Herzensbuch für BücherliebhaberInnen – so trostspendend wie eine Badewanne voller Schaum oder die Lieblingskuscheldecke auf der Couch. Ein Buch zum Reinlegen und genießen. Beim Lesen fühlt man sich wie bei einem gelungenen Mädelsabend mit guten Freundinnen und es ist schade, wenn die letzte Seite umgeblättert und das Vergnügen schon wieder vorbei ist.
Eine herzerwärmende Hymne über Paris, den Zauber von Buchläden und die erstaunliche Kraft der Literatur, Menschen zu ändern.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 10) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Paris als Schauplatz lesen. Doch mein nächster literarischer Besuch in der französischen Hauptstadt wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen – es liegt schon weitere Paris-Lektüre auf meinem Stapel bereit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Veronika Peters, Das Herz von Paris
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30019-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Veronika Peters’ „Das Herz von Paris“ :

Für den Gaumen:
Einen ziemlich stilvollen, aber ordentlichen Absturz beschert den Damen und insbesondere Ann-Sophie der Genuss eines klassischen Pariser Cocktails – dem Monkey Gland. Laut Wikipedia ein „alkoholhaltiger Cocktail aus Gin, Orangensaft, Absinth und Grenadine“, der erstmals in den 1920er Jahren in Paris zubereitet wurde – das Rezept der International Bartenders Association findet sich ebenso bei Wikipedia.

Zum Weiterlesen (I):
Rimbaud’s „Le bateau ivre“ spielt im Roman ebenso eine Rolle wie die Werke von Colette oder James Joyce. somit ist der Roman über den legendären Pariser Buchladen natürlich voll von neuen Inspirationen und Leseanregungen.

Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff
Übersetzt von Paul Celan
Insel Bücherei 1300, Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-19300-5

Zum Weiterlesen (II):
Nach der Lektüre ist zudem ein ganz klares „Muss ich unbedingt lesen“-Buch auf meine Wunschliste gelangt: Sylvia Beach’s eigenes Buch über ihren Buchladen in Paris „Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris“. Ich möchte definitiv noch mehr über diesen legendären Buchladen, das Paris der Künstler und Schriftsteller und die Buchhändlerin und Verlegerin erfahren – eine spannende Persönlichkeit.

Sylvia Beach, Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris
Aus dem Amerikanischen von Lilly von Sauter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-37323-1

Französisches Dreiecksverhältnis

Meine literarische Europareise bzw. Europabowle führt mich heute in unser Nachbarland Frankreich und zwar mit einem stilistisch herausragenden Roman der Autorin Louise de Vilmorin aus dem Jahr 1954, der soeben in einer wunderbaren Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky erschienen ist: „Belles amours“. Ein Roman über eine komplizierte, unheilvolle Ménage a trois, die tief ins Seelenleben der Beteiligten blicken lässt.

M. Zaraguirre laviert sich bis kurz vor der Vollendung seines fünfundfünfzigsten Lebensjahres erfolgreich und mit einer gewissen Leichtigkeit durch zahlreiche Liebesgeschichten und -affären ohne es jemals zu ernst werden zu lassen.

„Ich gebe Ihnen alles, was Sie wollen, nur keine Versprechen“, pflegte er zu sagen, und wenn sie, der Ungewissheit müde und auf einen Beweis ihrer Macht erpicht, schließlich nach Juwelen verlangten statt nach Küssen, bestärkte er sie darin und ließ ihnen als Belohnung für so viel Weisheit einen Diamantring zukommen. Diesen verschenkte er als Souvenir, begleitet von ein paar schlichten Worten: „Der Solitär ist mein Wahrzeichen, ein tristes Wahrzeichen, das Sie sich nicht zu eigen machen sollten. Nehmen Sie ihn, vergessen Sie ihn, er ist als Abschiedskuss gedacht.“

(S.11/12)

Doch als er sich plötzlich in die Braut von Louis Duville – dem Sohn seines besten Freundes und um viele Jahre jünger als er – verliebt, nimmt das Unglück seinen Lauf. Schon zu Beginn des Romans ist klar, dass dieses Dreiecksverhältnis ein kompliziertes werden wird, und Louise de Vilmorin erzählt in Rückblenden, wie sich das Beziehungsgeflecht immer mehr verstrickt.

„Zunächst waren beide verblüfft, dann wurden sie ernst und verloren schließlich mehr und mehr die Bodenhaftung, von dieser angenehmen Verwirrung ergriffen, die stets auf gegenseitiger Anziehung beruht und zuweilen Liebe verheißt.“

(S.20)

Dabei hätte alles so schön sein können. Die Eltern Duville sind wohlhabend, der Vater führt mit dem Sohn ein florierendes Geschäft, man residiert auf einem schönen Landsitz namens Valronce und doch ist Paris nah, um hin und wieder Großstadtluft zu schnuppern. Als dann der Sohn sich – nach einer ausgiebigen Orientierungsphase – doch endlich ernsthaft in eine hübsche, junge Frau und Nichte eines Bekannten verliebt, scheint das Glück perfekt.

Keiner konnte ja ahnen, dass der zur Hochzeit eingeladene beste Freund des Vaters M. Zaraguirre sich nicht nur rettungslos in die Braut verliebt, sondern es ihm auch noch gelingt, dieser wirkungsvoll den Kopf zu verdrehen.

„Wenn ein Mann und eine Frau sich nie wirklich geliebt haben und nicht wirklich befreundet sind, haben sie einander nicht viel zu sagen.“

(S.164)

„Belles amours“ besticht für mich vor allem durch eine absolut außergewöhnliche stilistische Ästhetik. Da sitzt jede noch so spitze Formulierung perfekt – hier hat auch die Übersetzerin wirklich Großes geleistet – und die Sprache lässt sich einfach mit unbeschreiblichem Vergnügen lesen. Intelligent, scharfsichtig und mit einem unbestechlichen Auge für Feinheiten zeichnet Louise de Vilmorin exakte Charakterstudien, die tief ins Innere der Figuren blicken lassen.

Man taucht ab in diesen Roman, der vielleicht ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt und dennoch auf absolut zeitlose Art und Weise die großen Gefühle beschreibt: Liebe, Hass, Leidenschaft… de Vilmorin hat eine Gabe, das Zwischenmenschliche in allen Schattierungen mit wenigen, fein gesetzten Worten lebendig werden zu lassen. So viele Zitate und kluge Sätze aus „Belles amours“ wären es wert, hier erwähnt und ausgewählt zu werden, so dass es mir dieses Mal gar nicht so leicht gefallen ist, mich für einige wenige zu entscheiden.

Sehr ästhetisch – und somit dem Schreibstil der Autorin ebenbürtig – ist auch die wunderschöne Gestaltung in Leinenbindung in einem leuchtend frischen türkis, die der Dörlemann Verlag für das Werk gewählt hat. So wird die Lektüre auch optisch und haptisch zum Genuss.

Louise de Vilmorin (1902 – 1962), die eine umfassende Ausbildung genoss, Literatur studierte und mehrere Fremdsprachen beherrschte, stammte aus französischem Adel – insofern kennt sie die Welt und den Menschenschlag, die sie in „Belles amours“ beschreibt genau. Sie veröffentlichte Gedichte und mehrere Romane, wie z.B. „Liebesgeschichte“, „Julietta“ oder „Madame de“, der 1953 von Max Ophüls verfilmt wurde.

„Wer unglücklich ist, gestaltet die Vergangenheit, mit deren Folgen er leben muss, in Gedanken immer wieder um.“

(S.213)

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark, Rumänien, Griechenland, in die Schweiz, nach Spanien und Slowenien geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Dörlemann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Louise de Vilmorin, Belles amours
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Dörlemann Verlag
ISBN: 978-3-03820-102-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Louise de Vilmorin’s „Belles amours„:

Für den Gaumen (I):
Wisst Ihr, was Liebesbrunnen sind?
Ich wusste es nicht, aber was passt wohl besser zu einem Roman der „Belles amours“ heißt, als diese kleinen Köstlichkeiten aus der Konditorei. Gemäß Recherche handelt es sich um kleine Gebäckstücke auf Brandteig-Basis, die mit Chiboust-Creme garniert sind und anschließend im Ofen karamellisiert werden.
Bei Lapaticesse gibt es ein Rezept.

Für den Gaumen (II):
Doch es gibt noch weiteres im Roman zu erschmecken: zum Beispiel „Brioche und heiße Schokolade“ (S.49) – das scheint mir ebenfalls eine sehr seelentröstende Kombination zu sein, die gerade auch im Moment vielleicht gut tun könnte.

Zum Weiterlesen (I):
Louise de Vilmorin war mit Antoine de Saint-Exupéry verlobt, den sie während ihres Literaturstudiums kennenlernte, doch sie löste die Verlobung. Nichtsdestotrotz wäre dies – gerade jetzt in schweren Zeiten – vielleicht ein willkommener Anstoß, das bekannteste Werk des französischen Autors wieder einmal zu lesen – eines der wenigen Bücher, die man wirklich immer wieder lesen kann: „Der kleine Prinz“.

Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz
Aus dem Französischen von Grete und Josef Leitgeb
Karl Rauch Verlag
ISBN: 978-3-7920-0024-3

Zum Weiterlesen (II):
Frankreich ist der Spitzenreiter, was die Anzahl der Literaturnobelpreisträger betrifft: Stolze 15 hat unser Nachbarland Stand heute bereits vorzuweisen: Sully Prudhomme, Frédéric Mistral, Romain Rolland, Anatole France, Henri Bergson, Roger Martin du Gard, André Gide, François Mauriac, Albert Camus, Saint-John Perse, Jean-Paul Sartre, Claude Simon, Gao Xingjian, Jean-Marie Gustave Le Clézio und Patrick Modiano.
Persönliche Leseerfahrungen habe ich bisher nur mit einigen wenigen gemacht. Unter anderem vor vielen, vielen Jahren mit Albert Camus’ „Der Fremde“.

Albert Camus, Der Fremde
Aus dem Französischen von Uli Aumüller
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 9783499221897

Florale Wundertüte

Leif Karpe’s neuer Kriminalroman „Die Göttin, die von Blüten träumte“ – der zweite Fall für Peter Falcon – ist ein sinnliches, überbordendes und verspieltes Lesevergnügen, das mit unzähligen Querverweisen zu Kunst, Malerei, Literatur, Musik und Kulinarik exakt meinen Geschmack getroffen hat. Die Lektüre war für mich helle Freude und wahrer Genuss.

Peter Falcon betreibt in New York einen kleinen Comic- und Plattenladen. Dort in seinem eigenen Kosmos besucht ihn Giovanna, die Vertreterin eines großen, weltweit agierenden Auktionshauses, denn er ist ihr Mann für besondere Fälle. Er hat eine spezielle, übersinnliche Gabe: Bilder, Kunstwerke und die Künstler sprechen zu ihm.

„Oft hatte er diese merkwürdige, so schwer zu definierende Gabe verflucht und doch hatte sie ihm immer wieder atemberaubende Einblicke in die Kunst gewährt.“

(S.93)

Eine Wissenschaftlerin, die an einem neuen Verfahren zur Datierung von Kunstwerken arbeitet, ist verschwunden, während sie an einer berühmten Wachsbüste – der Flora von Leonardo da Vinci – forschte.

Falcon soll helfen, sie aufzuspüren und die Hintergründe zu verstehen. Als dann auch noch die Büste selbst aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen wird, überschlagen sich die Ereignisse und Falcon begibt sich auf eine turbulente Suche und Reise, die ihn nach Paris, Berlin, die Isle of Wight und letztlich nach Florenz – die Wiege der Renaissance – führt.

„Sie haben sich auf die Straße der Renaissance begeben, das ist ein Weg, auf dem man sich leicht verirren kann.“

(S.107)

Ein Krimi über Kunstraub, die Göttin Flora, Umweltskandale, Glyphosat, die Renaissance und das Lächeln der Mona Lisa – nicht umsonst erinnert die reizvolle Auftraggeberin Giovanna schon namentlich an „La Gioconda“ von Leonardo da Vinci. Das hört sich nach einer gewagten Mischung an? Ist es und doch hat mich diese Vielfalt und Mixtur von Themen gepackt und so flog ich geradezu durch die Seiten.

„Denken Sie daran, es ist von wesentlich größerer Bedeutung, Fragen zu haben, als sich im Besitz aller Antworten zu wähnen.“

(S.124)

Die Kapitel tragen Filmtitel als Überschriften, Sandro Botticelli’s Flora aus seinem Gemälde „La Primavera“ scheint lebendig geworden zu sein, man wird Zeuge von Gesprächen mit längst verstorbenen Künstlern, die Falcon ihre Sicht der Dinge erklären. Und wenn man den Krimi gelesen hat, bekommt das Zitat Michelangelos’s, das Leif Karpe seinem Roman vorangestellt hat, plötzlich noch mehr Sinn und eine weitere Dimension – hat der Autor dieses als Motto nämlich geradezu wörtlich genommen und in spannende Literatur umgesetzt:

„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich leb’ in Euch und geh’ durch Eure Träume.“

(Michelangelo)

Es handelt sich um den zweiten Band mit Peter Falcon, den man jedoch – wie in meinem Fall – sehr gut auch unabhängig vom ersten lesen und verstehen kann. Bei mir hat er jedoch unweigerlich die Lust geweckt, auch den ersten Teil noch zu lesen, der sich um Vincent van Gogh und den Impressionismus dreht: „Der Mann, der in die Bilder fiel“ – den Umschlag ziert die „Sternennacht“ des niederländischen Malers.

„Die Göttin, die von Blüten träumte“ ist ein kunstvolles Kabinettstückchen, eine wahre Wundertüte voller Anspielungen, Querbezüge und Inspirationen zu Literatur, Film, Malerei und Kultur in allen Facetten – in dieser Dichte und Intensität habe ich das wohl noch nie gelesen. Das ist verspielt, überbordend, kreativ und strotzt voller Freude am Fabulieren und all das untermauert mit unzähligen kunstgeschichtlichen Details und Anekdoten. Herrlich – ein wilder Ritt durch Raum und Zeit – durch Länder, Museen und Kunstrichtungen. Eine großartige, literarische Spielerei mit flottem Tempo, schnellen Wechseln, so dass keine Sekunde Langeweile aufkommt und man zu tun hat, nicht den Überblick zu verlieren.

Ein gutlauniger – und doch mit kritischen Untertönen und einem brandaktuellen Thema versehener – Roman, der selbst einer Collage gleicht und alten Meistern und Künstlern vergangener Zeiten eine Stimme verleiht – ein Kunstgriff, der funktioniert, amüsiert und bestens unterhält. Ein Fest für die Sinne und alle, die Kunst, Kultur und fantasievolle, kluge Krimis lieben.

Eine weitere, schöne Besprechung findet man beim Buchbuben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Nagel & Kimche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Leif Karpe, Die Göttin, die von Blüten träumte
Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01238-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist einiges geboten: Neu war für mich die Cocktail-Kreation des „Floralia Gimlet“ – die beschrieben wird als Mix von Wodka und Honigwein. Interessant, aber wohl auch etwas gewöhnungsbedürftig – vermutlich nicht jedermanns Sache.

Zum Weiterschauen:
Schon allein der Umschlag des Buchs hat es mir angetan – zeigt er doch einen Ausschnitt aus Sandro Botticelli’s „La Primavera“, das in den Uffizien in Florenz hängt und auch auf der Website des Museums zu bewundern ist.
Das Gemälde und die Figuren spielen in Karpe’s Roman eine wichtige Rolle, daher lohnt es sich unbedingt, sich dieses wieder einmal genauer anzusehen.

Zu Weiterhören:
Auch musikalisch ist dieser Krimi voller Anregungen und Inspirationen – da werden Songs erwähnt, Texte zitiert – sei es der Bossa Nova-Klassiker „The Girl from Ipanema“ oder aber „The Sounds of Silence“ von Simon and Garfunkel. Da stellt sich die Frage, was der größere Ohrwurm ist.

Zum Weiterlesen:
In den letzten Monaten wurde aufgrund der Pandemie wieder viel über Giovanni Boccaccio’s Klassiker „Das Dekameron“ gesprochen und geschrieben. Dieses Werk über die jungen Menschen, die sich auf der Flucht vor der Pest in Florenz in ein Landhaus außerhalb zurückziehen und sich die Zeit damit vertreiben, sich Geschichten zu erzählen. Der stattliche Umfang von ca. 900 Seiten hat mich bisher die Lektüre noch nicht in Angriff nehmen lassen, aber Leif Karpe hat mir dieses Versäumnis wieder ins Gedächtnis gerufen:

Giovanni Boccaccio, Das Dekameron
Übersetzt von: Karl Witte
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90006-0

Im Duett: Lazare und Lacroix

Sommerzeit ist Krimizeit und wer zumindest durch die Lektüre ganz ohne Infektionsrisiko nach Frankreich verreisen möchte, der hat mit den zwei Kriminalromanen, die ich heute vorstellen möchte, eine sehr gute Gelegenheit.

Bei Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ handelt es sich um den zweiten Band seiner Reihe um den in Südfrankreich ermittelnden Kommissar Lazare. Alex Lépic hat mit „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“ mittlerweile den vierten Band der Commissaire Lacroix-Reihe vorgelegt.

Beide Krimis spielen in Frankreich, beide wurden von deutschen Autoren verfasst, die jedoch auch seit längerem Teile ihres Lebens in Frankreich verbringen oder verbracht haben und somit wissen, worüber sie schreiben. Und dennoch könnten sie auch kaum unterschiedlicher sein, denn während Hültner einen eher düsteren, sozialkritischen und hochbrisanten, aktuellen Krimi verfasst hat, so ist der neue Lacroix von Alex Lépic (dem Pseudonym, hinter welchem sich Alexander Oetker verbirgt) eine sommerlich-leichte Krimiunterhaltung, die auf sympathische Weise fast aus der Zeit gefallen wirkt.
Und auch die Schauplätze zeigen Frankreich in seiner Diversität: Lazare ermittelt im südfranzösischen Ort Sète, der auch als Venedig Südfrankreichs gilt und Lacroix verschlägt es dieses Mal ausgehend von seiner Heimatstadt Paris ins malerische Giverny in der Normandie.

Robert Hültner’s „Lazare und die Spuren des Todes“ beginnt mit einem verschwundenen Mädchen. Eine junge Muslimin wird als vermisst gemeldet und während man zunächst von einer Radikalisierung und einem freiwilligen Verschwinden ausgeht, vermutet Lazare schon bald andere Gründe dahinter.
Als sich Lazare dazu entscheidet, dem Bauernhof La Farette in den Bergen einen Besuch abzustatten, den er geerbt hat und auf dem sein zunehmend kauziger Onkel immer noch lebt, überschlagen sich schon bald die Ereignisse.

„Der Schlüssel zu diesem Rätsel sei der Hofname, hatte er erklärt, La Farette deutete auf die Existenz eines mittelalterlichen Signalturms, in der Volkssprache Phare oder Fare genannt. Dieser war Teil eines an der Küste beginnenden Warnsystems mit Leuchtfeuern und Rauchsignalen, mit dem die Ankunft kriegerischer Sarazenen oder anderer feindlicher Truppen binnen kurzer Zeit bis tief ins Landesinnere übermittelt werden konnte.“

(aus Robert Hültner „Lazare und die Spuren des Todes“; S.164/165)

Denn in der näheren Umgebung scheint es zu einer mysteriösen, radioaktiven Verunreinigung von Böden gekommen zu sein – ein Bauer fühlt sich betrogen und steht vor dem Ruin. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig und Spuren führen unter anderem auch in den katalanischen Untergrund.

Hültner hat vieles an Themen in seinen Krimi hineingepackt und ein intensives, düsteres Szenario entworfen, das stellenweise geradezu kammerspielartig anmutet und spannend zu lesen ist, jedoch auch eine gewisse Konzentration erfordert.
Geschichtliche Hintergründe, eindrucksvolle Beschreibungen des Landstrichs und seiner Bewohner bereichern und machen diesen Krimi zu einer intelligenten Lektüre, die nicht nur unterhält, sondern auch bildet.
Nicht umsonst wurde Robert Hültner bereits mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis und auch dem Glauser-Preis ausgezeichnet.

Szenenwechsel in die sommerliche, sonnige und lichtdurchflutete Normandie und zu Alex Lépic’s „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“:
Es ist August: Paris liegt nahezu ausgestorben in der Sommerhitze, weil die Bewohner alle in den Urlaub gefahren sind und der Stadt den Rücken gekehrt haben. Für Lacroix würde dies eine ruhige Zeit bedeuten, wäre da nicht die mondäne, gut betuchte Society-Lady Madame de Touquet, die ihn in einer sehr persönlichen Gelegenheit um seine Hilfe bittet.

Sie hegt den unfassbaren Verdacht, dass jemand aus ihrer Familie sie mit geringen, aber regelmäßigen Dosen von Arsen vergiften möchte. Den finalen Showdown bzw. Giftanschlag erwartet sie beim großen, jährlichen Familien-Sommerfest im prachtvollen Sommerhaus in Giverny und lädt daher kurzentschlossen Lacroix mitsamt Gattin dazu ein. Er soll sie schützen und herausfinden, ob ihr Verdacht begründet ist und welches Familienmitglied ihr nach dem Leben trachtet.

Das idyllische Giverny, welches vor allem für das Haus und den Garten Claude Monet’s bekannt ist, in welchem der Seerosenteich ihn zu den weltbekannten Gemälden inspirierte, wird so zum Schauplatz einer Tragödie, denn schon bald gibt es ein Mordopfer und die Anzeichen deuten klar auf eine Arsenvergiftung hin…
Mord und Totschlag kommt offenbar auch in den besten Familien vor.

„Das Hupen der Taxis, das Klingeln der Busse, das Geplauder auf dem Trottoir um ihn herum – das alles gab ihm Kraft und hegte ihn ein wie ein vertrauter Kokon. Ja, Paris war Balsam für seine Seele. Wenn er Ruhe hatte, wenn die Tage lang waren, wenn er lesen und nachdenken konnte, war Giverny ideal, weil ihn dort der Ort belebte, befreite, erfrischte. Doch in Zeiten, in denen er in einem Fall ermittelte, wenn es in seinem Kopf raste, wenn er dringend Antworten finden musste, dann tauchte er lieber in Paris unter und fand dadurch genau die Inspiration, die am Ende den Ausschlag gab.“

(aus Alex Lépic „Lacroix und das Sommerhaus in Giverny“; S.137)

Dieser Krimi kann als eine Hommage an die traditionellen Krimis von Agatha Christie und Georges Simenon gelesen werden. Mit dem gewählten Setting (einer Familienfeierlichkeit in einem prunkvollen Sommerhaus), den auftretenden Figuren, die im engeren Familienkreis eine abgeschlossene und übersichtliche Gruppe von Verdächtigen bilden und der Wahl von Arsen als Mordwerkzeug, hat Lépic hier einen herrlich und auf liebenswürdige Art altmodischen Kriminalroman geschrieben, der Fans dieses Genres an gute alte Zeiten erinnert.
Eine leichte, vergnügliche und kurze Krimi-Lektüre für einen lauen Sommerabend auf dem Balkon oder der Terrasse.

Zwei Frankreich-Krimis, welche jedoch jeweils eine völlig andere Art des Kriminalromans verkörpern und so die Vielfalt und die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten dieses Genres aufscheinen lassen. Dass diese auch polarisieren können, nicht die selbe Klientel bedienen und daher unter Umständen nicht beide jedermanns Geschmack treffen werden, versteht sich von selbst. Mich haben beide jedoch blendend unterhalten.

Buchinformationen:
Rober Hültner, Lazare und die Spuren des Todes
btb
ISBN: 978-3-442-75659-9

Alex Lépic, Lacroix und das Sommerhaus in Giverny
Kampa
ISBN: 978 3 311 12540 2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Frankreich-Krimis:

Für den Gaumen:
Während Hültner’s Lazare auf bodenständige Küche und sehr regionaltypische Produkte, die auf dem Wochenmarkt gehandelt werden, wie zum Beispiel „auf die in Vergessenheit geratenen Crochu-Bohnen, auf gelbe und schwarze Tomaten, auf Erdbeerspinat und alte Rüben- und Kohlsorten“ (S.45/46) Bezug nimmt, so erfährt man bei Alex Lépic’s Lacroix, dass es sich bei einer „Piscine“ um den Frevel eines geeisten Champagners handelt und speist „Paris-Brest-Törtchen“ (ein Rezept und die Geschichte dazu findet man auf dem Blog Typisch Französisch! von Véronique).

Zum Weiterschauen (I):
Kommissar Lacroix und seine Gattin weilen gerne im Örtchen Giverny, das weltbekannt ist durch das Haus und den Garten von Claude Monet. Das berühmteste daran? Vermutlich der Seerosenteich und die dadurch inspirierten Gemälde des großen Impressionisten. Eins der Seerosen-Gemälde Monets ist auf der Website der Münchner Pinakotheken zu sehen.

Zum Weiterschauen (II):
Alex Lépic’ Lacroix-Krimi und das im Roman verwendete Arsen starteten bei mir sofort ein regelrechtes Kopfkino. In der Spielzeit 2018/2019 spielte mein Heimattheater – das Landestheater Niederbayern – eine großartige Inszenierung der Boulevardkomödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ – ich sehe daher sofort die beiden tollen Darstellerinnen der mordlustigen, alten Damen Abby und Martha vor meinem inneren Auge. Herrlich! Aber da das Stück leider nicht mehr gespielt wird, kann man natürlich auch auf die Konserve bzw. den Filmklassiker aus den Vierziger Jahren mit Cary Grant zurückgreifen.

Für einen Lesungsbesuch:
Robert Hültner wurde vor allem auch durch seine Inspektor Kajetan-Krimis bekannt. Seit Jahren tourt der bekannte Schauspieler und Tatort-Kommissar Udo Wachtveitl immer mal wieder mit der Lesung „Mörderisches Bayern“ (hier geht es zur Website der Reihe – die aktuellsten Termine sind leider Corona zum Opfer gefallen). Sollte aber die Gelegenheit bestehen, sich das anzusehen und anzuhören – unbedingt zuschlagen: ich durfte es vor vielen Jahren live erleben und es lohnt sich sehr!

Zum Weiterlesen:
Wer das Bayern der Räterepublik dem Frankreich von heute vorzieht und in die Welt von Inspektor Kajetan zunächst einmal lesend abtauchen möchte, der sollte mit dem ersten Band der Reihe „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“ beginnen. Die Krimis spielen im München und Oberbayern der 1920er Jahre, sind intelligent, sehr atmosphärisch und großartig zu lesen.

Robert Hültner, Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski
btb
ISBN: 978-3-442-72144-3

Barnes‘ Gemälde der Zeit

Ein Museumsbesuch kann inspirieren, eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnen und im Falle von Julian Barnes sogar der Auslöser für ein ganzes Buch werden. Als er im Jahre 2015 in der Londoner National Portrait Gallery das Gemälde „Dr. Pozzi at home“ des amerikanischen Künstlers John Singer Sargent sieht, wird er neugierig auf die Geschichte des Porträtierten. „Der Mann im roten Rock“ erzählt die Lebensgeschichte des Gynäkologen Dr. Samuel Pozzi (1846-1918), der im Paris der Jahrhundertwende aufgrund seiner innovativen Behandlungsmethoden als Arzt, aber auch als Fein- und Freigeist zum „Who is who“ oder besser zur „Haute volée“ zählte. Sein Leben und die Menschen in seinem Umfeld bieten den Rahmen, der es Barnes ermöglicht, ein opulentes, detailverliebtes und großes, literarisches Zeit- und Sittengemälde der Pariser „Belle Époque“ oder auch des „Fin de siècle“ zu schaffen.

„Die Belle Époque: der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer etablierten High Society, bevor dieses kuschelige Fantasiegebilde – mit einiger Verspätung – vom metallischen zwanzigsten Jahrhundert hinweggefegt wurde, dem man nichts vormachen konnte und das die eleganten, launigen Toulouse-Lautrec-Poster von leprösen Wänden und stinkenden vespasiennes riss.“

(S.34/35)

Auf Du und Du mit den Größten seiner Zeit verkehrte Dr. Pozzi in den Salons der besten Pariser Gesellschaft, kannte Reiche, Schöne und auch die Künstler der damaligen Zeit persönlich: Sarah Bernhardt – schillernde Schauspielerin und Weltstar – ebenso wie John Singer Sargent, Colette, André Gide, die Brüder de Goncourt – um stellvertretend nur wenige Beispiele für die führenden Maler, Schriftsteller und Komponisten im Paris der Jahrhundertwende zu nennen. Gemeinsam mit den Aristokraten Prinz Edmond de Polignac und Graf Robert de Montesquiou-Fezensac bereiste er im Jahre 1885 auch London für eine illustre und „intellektuelle Einkaufstour“ – und so lässt Barnes auch immer wieder süffisante Bemerkungen über das Verhältnis zwischen Engländern und Franzosen einfließen.

Es ist die Zeit der Dandies und Duelle, der Weltausstellungen, des großen technischen und medizinischen Fortschritts. Barnes zeichnet ein detailliertes Bild einer Welt im Umbruch und einer Zeit, in welcher sich für die gehobenen, reichen Kreise große Freiheiten und Möglichkeiten eröffneten.

„Die Belle Époque war eine Zeit unermesslichen Wohlstands für die Wohlhabenden, der gesellschaftlichen Macht für die Aristokratie, des hemmungslosen und ausgefeilten Snobismus, des ungezügelten Strebens nach Kolonialbesitz, des künstlerischen Mäzenatentums und des Duells, dessen Brutalität oft eher ein Gradmesser der persönlichen Erregung als der verletzten Ehre war.“

(S.152)

Barnes zeichnet aber auch das Bild eines weit gereisten, weltmännischen, charismatischen Mannes, sowie eines erfolgreichen und einfühlsamen Arztes. Er zeigt Pozzi als Vater einer Tochter, deren Beziehung zu ihm Licht und Schatten aufweist und als Ehemann in einer weitestgehend lieb- und glücklosen Ehe, aus welcher er sich in Affären mit anderen Frauen und in eine länger währende, leidenschaftliche Beziehung zu einer ebenfalls verheirateten Frau flüchtet, mit welcher er regelmäßig Europa bereist. Theater- und Opernbesuche in Bayreuth, München, Venedig stehen auf ihrem Programm – gemeinsam verstehen sie es, die Kunst und das Leben zu genießen.

„Ein Maler schafft ein Abbild, eine Version oder eine Interpretation, die die porträtierte Person zu Lebzeiten feiert, nach dem Tod in Erinnerung bewahrt und beim Betrachter vielleicht noch Jahrhunderte später Neugier weckt.“

(S.229)

Ich habe einiges aus der Lektüre mitgenommen, wenn auch die Vielzahl der erwähnten Personen, Namen und Anekdoten stellenweise einiges an Konzentration erfordern. Doch dank der gelungenen Illustration durch die Sammelbildchen der „Célébrités Contemporaines“, welche den Schokoladentafeln des Chocolatiers Félix Potin beigegeben waren – offenbar hatte man es damals geschafft, wenn man auf diesen „Schokoladenbildern“ verewigt wurde – bekommt man ein stimmiges Bild und einen guten Eindruck der damaligen Persönlichkeiten.

Für Kunstsinnige, Liebhaber von Malerei, Kunstgeschichte, Literatur und historischen Hintergründen ist dieses Buch genau das Richtige. Wer aber einen Roman im Stile von Barnes’ „Der Lärm der Zeit“ erwartet, der irrt und wird gegebenenfalls auch wenig Gefallen an „Der Mann im roten Rock“ finden. Denn Barnes hat dieses Mal ein Sachbuch verfasst, wenn auch ein sehr lebendiges und kunstvolles, das sich für Kultur- und Geschichtsinteressierte sehr kurzweilig lesen lässt. Die hochwertige Aufmachung und die zahlreichen, teils farbigen Abbildungen der Gemälde, Kunstwerke und Portraits der Akteure machen es zu einem Buch, das man gerne zur Hand nimmt: man liest, schaut, genießt und freut sich im Stillen vielleicht auch schon auf einen zukünftigen Museumsbesuch, sobald dies wieder möglich sein wird.

Weitere Besprechungen des Werks finden sich bei Bücheratlas oder Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann im roten Rock“:

Zum Weiterschauen:
Für alle die das Buch nicht vor sich liegen haben und selbst darin blättern können, ist hier der Link zu dem Gemälde, das der Auslöser für Julian Barnes’ neuestes Werk war und das dem Buch seinen Namen gibt: John Singer Sargent’s „Dr. Pozzi at home“, das aktuell im Hammer Museum in Los Angeles zu Hause ist.

Zum Weiterhören und Weiterschauen:
Eine weltberühmte Oper dieser Zeit – uraufgeführt in Paris 1902 – ist Claude Debussy’s „Pelléas et Mélisande“. Vom 19.02.21 bis zum 19.08.21 wird auf Operavision die Möglichkeit bestehen, sich kostenlos einen Stream der Oper aus dem Grand Théâtre de Genève anzusehen. Die musikalische Leitung hat Jonathan Nott und die berühmte Performancekünstlerin Marina Abramović zeichnet für das Bühnenkonzept verantwortlich. Angekündigt wird die Inszenierung als „kosmischer Traum“, d.h. man darf gespannt sein.

Zum Weiterlesen:
Wer auf unterhaltsame und spannende Weise etwas mehr über die Dreyfus-Affäre erfahren möchte, welche politisch prägend war für die Zeit der Belle Époque, der ist bei Robert Harris und seinem Roman „Intrige“ an der richtigen Adresse. Er versteht es wie kaum ein Zweiter, geschichtliche Stoffe in packende Spannungsliteratur zu verwandeln.

Robert Harris, Intrige
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne
ISBN: 978-3-453-43800-2

Schnee in Paris

Die ersten weißen Weihnachten in Paris seit dem Jahr 1962 und die Leser von Alex Lépic’ „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ dürfen dabei sein, wenn der Commissaire in den schneebedeckten Straßen der Weltstadt seinen dritten Fall löst. In der Regel bin ich nicht unbedingt ein Freund von Weihnachtskrimis, zumal diese häufig allzu klischeebehaftet und kitschig daherkommen. Aber irgendwie ist dieses Jahr vieles anders – und wenn sich schon die Adventszeit ausschließlich zu Hause abspielt, wollte ich zumindest literarisch ein wenig „weiße Weihnachtsatmosphäre“ aus anderen Gefilden genießen. Ein bisschen Romantik, Kulinarik und etwas Wärmendes für die Seele und so bin ich an diesem schmalen, schön gestalteten Band von Alex Lépic nicht vorbeigekommen, da ich im Sommer bereits die ersten beiden Fälle von Commissaire Lacroix mit einigem Vergnügen gelesen habe.

Zu Beginn langweilt sich der Commissaire schrecklich, denn in seinem Arrondissement scheint bereits der vorweihnachtliche Friede eingekehrt zu sein und es ist quasi nichts los. Kein Fall in Sicht, nichts zu ermitteln. Doch bei der gemütlichen Zeitungslektüre in seinem Lieblingslokal stößt er plötzlich auf eine Meldung, die ihn aus seiner Genussseligkeit (bei Ente und Rotwein) und seiner Lethargie reißt: Auf der beliebten Place de Tertre in Montmartre wurde doch tatsächlich die Weihnachtsbeleuchtung gestohlen. Wer macht so etwas? Und wie konnte dies unbeobachtet und unbemerkt geschehen?

Obwohl Montmartre nicht in seine Zuständigkeit fällt, lässt dieses hinterhältige Verbrechen Lacroix keine Ruhe und er eilt seiner Kollegin im Nachbarrevier zu Hilfe, mischt sich in die Ermittlungen ein. Als dann auch noch kurz darauf die große Weihnachtstanne bei Sacré-Cœur gefällt wird, scheint klar zu sein, dass es sich hier um eine Verbrechensserie eines Weihnachtshassers handeln muss. Was plant dieser als Nächstes und wird Lacroix den Täter noch vor dem Weihnachtsfest fassen?

„Lacroix hatte es bisher vielleicht zehnmal in seinem Leben erlebt: Schnee in Paris. Die Stadt versank dann im Chaos – aber sie war auch wunderschön.“

(S.35)

Ich gebe zu, dass ich das Buch nicht wirklich wegen des Kriminalfalls gelesen habe, sondern viel mehr wegen des ganzen „Drumherum“, des Flairs, der Atmosphäre, den Schilderungen von Restaurants und Bistros, den beschriebenen Mahlzeiten und Getränken und dem liebenswerten Kommissar und seiner wunderbaren Frau. Weiße Weihnachten in Paris: schneebedeckte Straßen, leckere Rotweine, feines Essen, touristische Attraktionen, die Künstler von Montmartre – kurzum der Lokalkolorit und das französische „Savoir vivre“ machen für mich den Reiz dieser Krimis von Alex Lépic aus und darin ist er großartig. Er stillt das Fernweh und ein wenig auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt, die man gerade jetzt in der Weihnachtszeit ja auch mal haben kann.

Die Figuren sind rundum liebenswert und wachsen einem sofort ans Herz: Lacroix – der Handyverweigerer und Flaneur, der seine Gattin, die Bürgermeisterin eines Pariser Arrondissements ist, auf Händen trägt und mit ihr gemeinsam das Leben zu genießen weiß. Die Wirtin seines Stammlokals mit Hündchen Idefix sind ebenso Sympathieträger wie der Bruder des Commissaires, der als Priester stets ein offenes Ohr für seinen Bruder bei der Polizei hat und teilweise auch beratend zur Seite steht.

Und so liest sich das Ganze sehr genussvoll und flüssig und man fliegt gerade so durch die Seiten, was mich zu einem kleinen Wermutstropfen bringt:
Ein wenig kurz ist dieser Weihnachtsfall für meinen Geschmack geraten, denn mit seinen lediglich 200 Seiten ist das gerade mal eine knackig-kurze Unterhaltung für einen Nachmittag oder einen Abend. Nichtsdestotrotz etwas fürs Herz (ein bisschen Kitsch durfte sein), mir wurde weihnachtlich und behaglich zumute und ich habe die Lektüre wirklich genossen. Mit Sicherheit kein Krimi für Freunde der blutrünstigen und härteren Gangart oder Fans atemberaubender Spannung, aber für alle, die gerne mal einem sympathischen, leicht schrulligen Kommissar in einer Weltstadt mit Flair beim Ermitteln zusehen und Gefallen an Lokalkolorit und viel kulinarischen Inspirationen haben, sind hier gut aufgehoben. Nicht umsonst wird Lacroix in den Romanen von seinen Polizeikollegen und der Presse immer wieder als der neue Maigret bezeichnet. Große Fußstapfen, aber die Richtung stimmt.

Wer ein bisschen Weihnachtsatmosphäre, Pariser Schneegestöber und Lichterglanz zelebrieren, einfach mal ein paar Stündchen abschalten und die Welt und die Sorgen draußen lassen möchte, der wird hier auf seine Kosten kommen. Joyeux Noël!

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kück Leselust.

Buchinformation:

Alex Lépic, Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
Kampa
ISBN: 978 3 311 12517 4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“:

Für den Gaumen (I):
Weihnachtszeit ist bei vielen Entenzeit und auch Commissaire Lacroix kann sich dafür begeistern:

„Die Ente war kross und die Soße aus Rotwein und Zwiebeln dunkel und glänzend. So hatte er es am liebsten. Dazu (…) weiße Bohnen aus Tarbes“

(S.11)

Für den Gaumen (II):
Lacroix ist einem guten Tropfen niemals abgeneigt und so kann man auch das eine oder andere über französische Weine lernen. Zu schade nur, dass man nicht gleich mitprobieren und verkosten kann. Sich nach einem winterlichen Spaziergang durch Paris in einem urigen Bistro wieder aufzuwärmen und sich zum Beispiel ein Gläschen Chinon von der Loire zu gönnen wie der Commissaire, da hätte wohl kaum jemand etwas dagegen.

Zum Weiterhören:
Wie für mich – gehört auch für Lacroix, dessen Bruder Priester ist – ans Ende des Weihnachtsgottesdiensts das traditionelle und wunderschöne „Stille Nacht, heilige Nacht“ – natürlich in seinem Fall mit französischen Text: „Douce nuit, Sainte nuit“.

Zum Weiterlesen:
Die Weihnachtsausgabe „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ ist bereits Commissaire Lacroix’ dritter Fall. Wer also gerne chronologisch liest und die Charaktere bereits mit ihrer Vorgeschichte kennenlernen möchte, sollte mit Band 1 (Lacroix und die Toten vom Pont Neuf) und 2 (Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain) beginnen, die ebenfalls lesenswert sind:

Alex Lépic, Lacroix und die Toten vom Pont Neuf
Kampa
ISBN: 978 3 311 12500 6

Alex Lépic, Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain
Kampa
ISBN: 978 3 311 12509 9