Sommerlicht im Duett

Bei Temperaturen jenseits der 30-Grad-Grenze und Sommersonne pur ist mir auch literarisch nach echten Sommerbüchern zumute, die – gemütlich an einem schattigen Platz und mit einem gut gekühlten Getränk genossen – für südliche Urlaubsstimmung und eine kleine Prise Fernweh sorgen. Und zwei wunderbare Exemplare dieser Gattung möchte ich heute vorstellen. Seid Ihr bereit? Der gedankliche Koffer gepackt? Es geht in die Toskana mit Andrew Sean Greers Roman „Villa Coco“ und in die Provence mit Lucy Steeds Debütroman „‚The Artist – Die Farben des Lichts“.

Villa Coco“ ist der neueste Roman des US-amerikanischen Pulitzerpreisträgers (für „Less“) und ich habe ihn im englischen Original gelesen. Zu einer deutschen Übersetzung konnte ich leider bislang in den Weiten des Internets nichts finden.
Schon das Cover der (für deutsche Gewohnheiten überformatigen) Softcover-Ausgabe macht einfach gute Laune und ich hatte schon kurz überlegt, den Beitrag über „Villa Coco“ mit dem Titel „Von Möpsen und Mardern“ zu versehen. Denn erstere genießen bei der Hausherrin einen besonderen Status und gegen letztere wird ein geradezu verzweifelter Kampf geführt. Aber der Reihe nach… worum geht es in „Villa Coco“?

Ein junger Amerikaner auf der Suche nach sich selbst und seinem Platz im Leben, bewirbt sich frisch vom College auf folgende Annonce:

„ADJUTANT DESIRED for owner of modest country house. Collection of books, objects, art such as a Picasso to be cataloged before Christmas. Duties: dictation, pruning, shopping, hunting martens. Italian desired. Stipend, travel, board, and room. Tuscany, Italy. Write to: Baronessa.“

(aus Andrew Sean Greer „Villa Coco“, S.6)

Die Baronessa ist Coco und Coco hat nicht nur ein Faible für Möpse, sondern auch für illustre Gäste und Spitznamen. Jeder Besucher bekommt einen verpasst, so auch der junge Mann aus Amerika, der ihren Hausstand und ihre Kunstschätze katalogisieren soll. Sie nennt in Giovedì – Donnerstag.

Für Giovedì wird der Sommer im toskanischen Landhaus der Baronessa zu einer außergewöhnlichen und unvergesslichen Erfahrung. Er lernt nicht nur nach und nach die italienische Sprache, sondern auch besondere Menschen kennen – wächst hinein in seine teils ungewöhnlichen Pflichten und den multikulturellen Haushalt seiner Dienstherrin, die nicht nur Personal aus diversen Ländern der Erde, sondern auch ein offenes Haus mit zahlreichen Gästen führt.

Wer Sarah Winmans „Still Life“ (deutscher Titel: „Das Fenster zur Welt“) mochte, der wird sicher auch an „Villa Coco“ seine Freude haben. Und wer wissen möchte, warum es Unglück bringt, einen Hut aufs Bett zu legen, welche kulinarische Ausnahme es bei der Regel „no cheese with fish“ geben darf oder was die Auswahl der Sfogliatelle (riccia oder frolla) über das Leben desjenigen aussagt, der sollte hier beherzt zugreifen.

Andrew Sean Greer versteht die Kunst, eine gute, herzerwärmende Geschichte zu erzählen. „Villa Coco“ ist ein lichtdurchflutetes Buch – Sommer, Sonne, Toskana.
Und am Ende bleibt die Quintessenz „Das Leben ist vergänglich“ und der Appell, im Moment zu leben und das Leben zu genießen.

„All that is for certain is we won’t be back. Not at this place, this moment. Not ever.“

(aus Andrew Sean Greer „Villa Coco“, S.209)

Kunst und Licht spielt eine noch größere Rolle im wunderbaren Debütroman der Britin Lucy Steeds „The Artist – Die Farben des Lichts“ der in der Provence des Jahres 1920 spielt.

„Er ist an die horizontlosen Sichtachsen einer grauen Stadt gewöhnt, nicht an diese Weite, an klare Luft und butterweiches Licht. Er tritt in den gesprenkelten Schatten einiger Platanen, deren Rinde sich in der Sommerhitze bereits löst, sucht sich seinen Weg durch einen Hain aus knorrigen Olivenbäumen, und dann endlich sieht er es: ein niedriges, weitläufiges Bauernhaus aus mattgelbem Stein, das in der Nachmittagssonne golden schimmert.“

(aus Lucy Steeds „The Artist – Die Farben des Lichts“, S.15)

Und auch in diesem Roman kommt ein junger Mann – dieses Mal ein Brite – mit einer Mission in ein Sommerhaus bzw. ein Künstlerdomizil in Südfrankreich.
Joseph Adelaide soll für ein Kunstmagazin einen Artikel bzw. eine Dokumentation über den berühmten Maler Édouard Tartuffe verfassen, der dort seit langer Zeit zurückgezogen gemeinsam mit seiner Nichte lebt. Ein schwieriges Unterfangen, denn der exzentrische Tartuffe meidet die Öffentlichkeit und ist ein launischer Choleriker, der sich nur äußerst widerwillig in seinem künstlerischen Schaffen stören bzw. beobachten lässt.
Doch langsam gewinnt Joseph nicht nur das Vertrauen der rätselhaften Ettie, die ihrem Onkel den Haushalt führt und ohne deren Unterstützung und Rückhalt er seine Kunstwerke nicht schaffen könnte, sondern auch das des Künstlers.

Nach den Grauen des ersten Weltkriegs verbringt Joseph eine intensive Zeit in der provenzalischen Sonne und kann als Journalist und Autor eindrucksvoll über den Alltag eines Künstlers berichten. Doch es ist schwer, den Zauber von Kunst bzw. eines Gemäldes in Worte zu fassen, so wie auch jede Buchrezension lediglich einen subjektiven Eindruck vermitteln kann.

„The Artist“ ist ein Buch über Kunst, aber auch über das Machtgefälle zwischen Mann und Frau – im Leben wie in der Kunstwelt. Es ist ein Buch über Wunden des Krieges, über die Liebe und das ganz besondere Licht Südfrankreichs, das unzählige Künstler zu großartigen Werken inspiriert hat.

„Die wichtigste Lektion, die ihm seine Mutter beigebracht hatte, war, sich nicht damit zu quälen, Kunst verstehen zu wollen. „Lass sie einfach auf dich wirken“, pflegte sie zu sagen. „Frag nicht nach ihrer Bedeutung. Schau einfach nur, und dann nimm dir davon das, was du brauchst.“

(aus Lucy Steeds „The Artist – Die Farben des Lichts“, S.37/38)

Atmosphärisch, sinnlich und von der Sonne beschienen, ist Lucy Steeds Roman wie geschaffen für den Sommer und die Lektüre im Liegestuhl. Ideal für KunstliebhaberInnen, MalerInnen und Provence-Fans oder für alle, die einen gut erzählten, spannenden Roman mit etwas historischem Hintergrund zu schätzen wissen.

Das Buch war 2025 nominiert für den Women’s Prize for Fiction und gewann den Waterstones Debut Fiction Prize im selben Jahr.

Der Blick auf die Wetterprognosen verheißt weiterhin hochsommerliche Tage und auch meine Bücherstapel haben noch so manches Sommerbuch zu bieten. Die literarische Reise vom gemütlichen Schattenplatz zu Hause aus wird für mich also erst einmal weitergehen und ich werde zu gegebener Weise berichten. Kommt gut durch die heißen Tage, nehmt euch das, was Ihr braucht und lasst Euch von guten Büchern erfrischen!

Buchinformationen:
Andrew Sean Greer, Villa Coco
Sceptre – Hodder and Stoughton
ISBN: 978-1-399-75729-4

Lucy Steeds, The Artist – Die Farben des Lichts
Aus dem Englischen von Hella Reese
dtv
ISBN: 978-3-423-28544-5

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Sommerlicht-Bücher:

Für den Gaumen (I):
Witzigerweise kann ich mich auch noch sehr gut an das erste Mal erinnern, als ich Spaghetti mit Pesto Genovese serviert bekommen habe. Die Köchin Nimali im Roman versteht es, diese Spezialität zuzubereiten und der Autor Greer, es poetisch zu beschreiben.

„No no no, it is not pesto if it is not from Genova. (…)
Perhaps it was Nimali’s special magic with the mortar (she stood watching us, hands on her hips like one of our employer’s amphorae) or indeed the provenance of the basil, but the dish was utterly unlike what I had tried before and certainly more than the sum of its humble ingredients (plant, pasta, potato). Layered with the last of the old olive oil, it was spicy as a North African market, somehow tasting both of roots in deep earth and leaves in the sun, the sauce sliding down the coils of pasta.“

(aus Andrew Sean Greer „Villa Coco“, S.145)

Für den Gaumen (II):
Obwohl der Maler Tartuffe die Speisen vor allem aufgrund der Textur und optischen Reize für seine Bilder auswählt, so sind sie für Joseph doch auch sinnlicher und geschmacklicher Genuss:

„Er versucht sich den Geruch der Kammer und der staubigen Olivenbäume einzuprägen, den behaglichen Duft aus der Küche. Er wird die Sonne auf seiner Haut vermissen. Die langen berauschenden Tage. Er wünscht sich nur eines: für den Rest seines Lebens auf der Terrasse Pfirsiche zu essen und Melonenscheiben, französischen Käse, Anchovis und Aprikosen.

(aus Lucy Steeds „The Artist – Die Farben des Lichts“, S.130)

Zum Weiterklicken:
Eines der bezauberndsten Sommer- und Künstlerdomizile ist die Liebermann-Villa am Wannsee – ein magischer und lichter Ort, den ich bereits hier auf dem Blog vorgestellt habe und der wirklich eine Reise und eine Besichtigung wert ist.

Zum Weiterlesen (I):
Eines meiner Allzeit-Lieblingsbücher, was Italien, den Sommer bzw. Sommerhäuser betrifft, ist Axel Hackes „Ein Haus für viele Sommer – wer es noch nicht kennt, darf sich glücklich schätzen, denn man hat ein herzerfrischendes Leseerlebnis vor sich, das für ein sonniges Gemüt sorgt. Hier geht es zu meiner begeisterten Rezension auf der Bowle.

Axel Hacke, Ein Haus für viele Sommer
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-483-7

Zum Weiterlesen (II):
Immer wieder mal nehme ich mir vor, den italienischen Klassiker von, Alessandro Manzoni „Die Verlobten“ (Originaltitel: „I promessi sposi“) aus dem Jahr 1827 zu lesen. Doch die über 800 Seiten haben mich bisher stets abgeschreckt. Giovedì hingegen kämpft sich – auf Anregung und Vorspiegelung falscher Tatsachen von Coco – jedoch durch:

„I made it through i Promessi Sposi with the difficulty of one forced to walk on foot along a route schoolchildren take by bus, only to discover that this was not the plot at all.“


(aus Andrew Sean Greer „Villa Coco“, S. 118)

Alessandro Manzoni, Die Verlobten
Aus dem Italienischen von Ernst Wiegand Junker
Suhrkamp
ISBN: 978-3-458-35089-7

14 Kommentare zu „Sommerlicht im Duett

    1. Sehr gerne, es war mir ein Vergnügen, Nina.
      Man bekommt beim Lesen richtig Lust, selbst zu Farben und Pinsel zu greifen.
      Daher kann ich mir sehr gut vorstellen, dass „The Artist“ sehr gut zu Dir passt.
      Herzliche und entspannte Sonntagabendgrüße! Barbara

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  1. Die Promessi Sposi habe ich in deutscher Sprache vor etwa zwanzig Jahren, schon in Italien lebend, gelesen, und es war kein Krampf, im Gegenteil, es gefiel mir. Du bringst mich auf die Idee, es nochmal rauszuholen. Dann kann ich wenigstens mit den Töchtern mitreden, die das Werk in der Schule besprechen. Und wenn wir bei den Klassikern sind: Den Faust wollte ich auch nochmal lesen, hatte ich damals bei der zweiten Schullektüre gedacht. Eine alte, stattliche Ausgabe, noch von meinen Eltern, steht hier im Bücherregal. Schluss mit den Ausreden! 😉
    Liebe Grüße aus dem heißen Norditalien! Anke

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    1. Den Faust habe ich tatsächlich schon mehrfach gelesen und vor allem auch einige Male im Theater gesehen. Aber vielleicht hast Du recht und ich sollte mir „Die Verlobten“ zumindest mal zulegen. Wenn sie dann mal im Hause sind, dann ist die erste Hürde zumindest schon mal genommen. 🙂
      Aber für 800 Seiten aus dem 19. Jahrhundert muss ich glaube ich schon in der richtigen Stimmung sein. Mal sehen.
      Gleiches gilt übrigens für den zweiten italienischen Klassiker „Il Gattopardo“, der auch schon länger auf meiner gedanklichen To Do- bzw. To Read-Liste steht.
      Herzliche Grüße aus dem vielleicht hat nur geringfügig weniger heißen Bayern über die Alpen! Barbara

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  2. Von Andrew Sean Greer habe ich vor Urzeiten „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“ gelesen und den Autor danach leider komplett aus den Augen verloren. Aber er hat seither ja offenbar eine ganze Reihe weiterer Romane veröffentlicht.

    Und an Axel Hackes „Ein Haus für viele Sommer“ denke ich auch an (fast) jedem dieser heißen Sommertage. Heute war es mir wieder einmal ein wenig zu heiß…

    Komm gut durch die Woche und die Wärme
    Christoph

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    1. Ja, genau den Max Tivoli hatte ich damals auch gelesen, der ist aber wohl irgendwann in den Bücherschrank gewandert.
      Und ja, auch ich bin keine Freundin dieser Temperaturen.
      Aber da ist jetzt leider in der nächsten Zeit vermutlich noch Durchhaltevermögen gefragt und Beschattung wo immer möglich.
      Dir auch Erfrischung und Abkühlung soweit als möglich und eine gute Woche!
      Herzliche Grüße, Barbara

      P.S.: das nächste Sommerhaus-Buch ☀️ wartet schon und ich werde bei Zeiten berichten.

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      1. Oh ja, Abkühlung und Beschattung spielen in den letzten Wochen eine große Rolle. Und spätestens, seitdem ich so gut wie keine Haare mehr auf dem Kopf habe, ist mein Verbrauch an Sonnencreme auch noch einmal deutlich gestiegen. 🙂

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  3. Lucy Steeds habe ich mir vor einer Woche gekauft und „Die Verlobten“ liegen zum Glück schon irgendwo im Regal 🙂 Das gut gekühlte Getränk würde ich dann jetzt auch nehmen 🙂 Liebe Grüße und weiterhin viel Freude bei der Auswahl der nächsten Sommerbücher! LG Anna

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    1. Dann bin ich sehr gespannt, wie Dir „The Artist“ gefällt. So wie ich Dich kenne, wirst Du ja das englische Original lesen vermute ich mal.
      Ich fürchte „Die Verlobten“ werden bei mir wohl noch etwas länger warten müssen. Für 800 Seiten ist es mir gerade zu warm.
      Erst mal ist weiter sommerliche Lektüre angesagt und jetzt geht es erstmal zum Kühlschrank. 🙂🍹
      Sommerliche Feierabendgrüße und eine gute Woche! Barbara

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    1. Sehr gerne, Sabine. Für mich waren die beiden perfekte Sommerlektüren und ich konnte auch so manche Parallele entdecken. Dass es auch viel um Malerei und Kunst geht, war zudem ganz nach meinem Geschmack. Herzliche Sommergrüße! ☀️ Barbara

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