Ist das Kunst?

Wohl jeder von uns ist schon durch Museen oder Ausstellungen geschlendert und hat sich in Kunstwerke vertieft. Doch nicht immer findet man den richtigen Zugang sofort. Nicht alles empfindet man selbst als künstlerisch wertvoll. Oft spalten Kunstwerke die Geister und so manches Mal stellt sich vielleicht auch die Frage: Ist das Kunst? Oder was ist Kunst überhaupt?

In Franziska Hauser’s neuem Roman „Keine von ihnen“ erschummelt sich die junge Grafikerin Jef ein dreimonatiges Stipendium in einem Künstlerhaus. Ein leicht aufgemöbelter Lebenslauf ermöglicht ihr den Aufenthalt im Strand Haus, das in einem luxuriösen Urlaubsort in grandioser Bergkulisse liegt. Dort soll sie gemeinsam mit weiteren Stipendiaten aus anderen Kunstrichtungen Zeit und Muße haben, um Kunst zu schaffen, die am Ende bei einer großen Abschlussveranstaltung präsentiert werden soll. Doch Jef, die sich bisher mit schlichten Werbegrafiken und unterbezahlten Jobs mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hat, plagen das schlechte Gewissen und die Selbstzweifel, gar nicht in der Lage zu sein, Kunst von wirklichem Wert zu erschaffen.

„Künstlerin zu sein, wenn es niemand sehen kann, ist doch so unsinnig, wie ein Glas Wein in den See zu schütten.“

(S.186)

Als Lehrerkind, das stets unter der Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit und der Besserwisserei der Eltern gelitten hat und aus deren normierter Lebensplanung ausbrechen wollte, sehnt sie sich nach Liebe und Wertschätzung. Lediglich bei der mittlerweile verstorbenen Großmutter musste sie nicht funktionieren, sondern konnte unbeschwerte Momente in liebevoller Atmosphäre verbringen. Ein kreatives Leben als Künstlerin erscheint ihr – als Gegenentwurf zum Leben der Eltern – erstrebenswert.

„Dazu haben wir die Kunst, verstehst du? Zum Überleben, wenn wir nichts mehr haben. Wenn deine Umgebung ganz eng wird, dann wird dein Geist ganz weit.“

(S.147)

Jef befindet sich an einem Scheitelpunkt ihres Lebens, den man heute vermutlich als Quarter-Life-Crisis bezeichnen würde. Sie hadert mit sich und ihrem Leben, fühlt sich hilflos. Ihre bisherigen Beziehungen sind gescheitert, eine ihr besonders wichtige Freundschaft ist zerbrochen und beruflich hat sie nichts erreicht, auf das sie stolz wäre. Kann dieses Stipendium, das ihr eigentlich gar nicht zustehen würde, ihrem Leben eine neue Wendung geben oder wird ihre Gaunerei letztlich doch auffliegen? Wie lange kann sie den anderen glaubhaft vorgaukeln, in diese Kunstwelt zu gehören? Und wie in aller Welt soll sie jetzt kreativ sein und wahre Kunst erschaffen? Und was ist das überhaupt?

„Wir machen Kunst. Wir sehen mehr, als zu sehen ist. Wir sehen das Wesentliche. Wir legen unsere Seele mit dazu.“

(S.86)

Schon bald stellt sich im Haus so etwas wie Schullandheimatmosphäre ein. Die Stipendiaten kommen sich bei gemeinsamen Küchenabenden und Flaschendrehen näher. Da sind unter anderem Sunny, die Tänzerin, die beim Essen schmatzt und Oleksii, der nicht einmal weiß, wie man die Spülmaschine bedient. Doch wer ist diese mysteriöse, verwirrte, alte Frau, die hinter einer Schranktür zu hausen scheint, nachts Kuchen und Kekse bäckt, durch die Gänge geistert und von sich selbst offenbar nur in der dritten Person spricht?
Sie scheint wie Jef nicht dazu zu gehören und zwischen den Welten stecken geblieben zu sein. Jef spürt eine Verbindung und versucht dem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Fasziniert hat mich Franziska Hauser’s fließende Sprache – selten habe ich mir so viele Textstellen notiert, die zitierenswert wären und aus welchen ich letztlich nur ein paar auswählen konnte. Diese unkonventionelle, ausdrucksstarke Stilistik und die Freude der Autorin am Formulieren, machte für mich ganz klar den Zauber des Romans aus.

„Schwalben zerschlitzten die Luft mit fernen Schreien weit oben. Dieses abendliche Hochsommergeräusch über der ausrollenden Stadt gab Jef das Gefühl, dass es noch ein anderes Recht gab, auf der Welt zu sein, und das unabhängig war von ihrer Arbeitsleistung und ihrer Kaufkraft. Ein Einverständnis mit dem Leben (…)“

(S.234)

Auch dieser Roman hatte für mich etwas von einem Kunstwerk, das sich für mich schwer greifen und auch nicht sofort begreifen ließ. Ein herbes, sperriges und ungewöhnliches Buch über Außenseiter und gebrochene Herzen, das Rätsel aufgibt und wie Kunst auch eine Vielzahl an Aspekten und Deutungsmöglichkeiten für die Leserschaft eröffnet und bereithält. Literatur, die viel Raum für Interpretation und Projektion gibt. Ein Buch, das schwebt, kratzt, verstört und aus einer Welt erzählt, die so weit entfernt und ganz anders ist als meine persönliche Lebensrealität. Auch das kann Kunst sein.

Denn so wie Jef den Blick von außen braucht, brauchen wir vielleicht auch Literatur und Kunst, um unseren Horizont zu weiten und neue Perspektiven in unserem Leben zu erhalten.

„Warum braucht sie jemanden, der ihr zeigt, wie sie das Leben betrachten soll? Warum reicht ihr eigener Blick nicht?“

(S.155)

Einen weiteren Blick bzw. eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Bookster HRO.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Franziska Hauser, Keine von ihnen
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0112-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Franziska Hauser’s „Keine von ihnen“:

Für den Gaumen (I):
Kindheitserinnerungen verbindet Jef mit den Sommerferien bei der Großmutter und sie

„(…) aßen Brötchen, Kräuterquark, Bouletten und Erdbeeren.“

(S.20)

Oleksii – ihr Mitbewohner – scheint sich nahezu ausschließlich von „Schokocreme, Müsli und Bananen“ (S.126) zu ernähren.

Für den Gaumen (II):
So farbenfroh und bunt zusammengewürfelt wie die Künstlertruppe im Strand Haus ist offenbar auch der „Rainbow Cocktail“ (S.239), der bei einem gemeinsamen Barbesuch getrunken wird.

Zum Weiterlesen:
Während der Lektüre von Franziska Hauser’s Roman kam mir wieder in den Sinn, dass ich Julian Barnes’ Werk „Kunst sehen“ schon lange auf meinem Wunschzettel stehen habe. Gerade bei Kunst und Malerei, finde ich es stets auch spannend, über die Literatur noch einmal einen anderen Zugang zu erhalten und mehr Hintergrund zu erfahren.

Julian Barnes, Kunst sehen
Übersetzt von Gertraude Krueger
Kiwi Taschenbuch
ISBN: 978-3462002805

Frostiges Feuer

Tulla Larsen ist die Frau mit dem feuerroten Haar, die auf einigen Gemälden des norwegischen Expressionisten Edvard Munch zu sehen ist. Sie war sein „Sonnenscheingesicht“, über einen kurzen Zeitraum von 1898 bis 1902 seine Muse, sein Modell und seine Verlobte. Die Beziehung endet tragisch mit einem Pistolenschuss in Munch’s Sommerhaus, bei welchem er an der Hand verletzt wird.

Die norwegische Autorin Lene Therese Teigen hat mit „Schatten der Erinnerung“ nun einen niveauvollen Roman über die Frau und Künstlerin Tulla Larsen geschrieben und erzählt die tragische Liebes- und Lebensgeschichte erstmals aus ihrer Perspektive.

„Manch einer hat einen so starken Willen, dass der Wille anderer pulverisiert wird. Die anderen verlieren nicht nur das kleine bisschen Talent, das sie besitzen, sie verlieren auch den Glauben. Einige erhalten die Erlaubnis, Hauptpersonen zu sein. Andere ziehen sich stillschweigend zurück.“

(S.26/27)

Die dominante Persönlichkeit und die Hauptperson in der Beziehung zwischen den beiden war stets der von Selbstzweifeln geplagte Edvard Munch, der als kränkelnder und völlig auf seine Kunst fixierter Mensch seine ganz eigene Vorstellung hat, wie die Beziehung auszusehen hat und Tulla durch sein Verhalten quält und zunehmend in die Isolation und Verzweiflung treibt.

Es ist eine zutiefst unglückliche, leidvolle Beziehung, die sich zwischen den beiden entspinnt und die Tulla schließlich sogar zu einem Selbstmordversuch treibt – ein verzweifelter Hilferuf, der weitgehend ungehört ebenso verhallt, wie alle ihre Versuche, dem Mann Edvard Munch nahe zu sein.

„Weder Tränen noch Schreie. Mein Schrei verschwand, er hatte ihn gestohlen. Hinein in die Bilder damit: Du bist so und so, genau so bist du. Er hat meine Persönlichkeit gestohlen, sie zu etwas umgeformt, das er brauchte, um seine Vorstellungen davon zu bestätigen, wie die Welt zusammenhängt.“

(S.37)

Nach dem plötzlichen Ende der Beziehung – dem legendären Pistolenschuss in Munch’s Sommerdomizil 1902 – und der Lösung der Verlobung, wird Tulla später ihr Glück in zwei anderen Ehen suchen. Teigen erzählt im Roman auch über diese späteren Phasen ihres Lebens und wie die Zeit mit Munch – heute würde man wohl von einer toxischen Beziehung sprechen – sie im Grunde lebenslang gezeichnet und geprägt hat – bis zu ihrem Tod 1942 im Alter von 72 Jahren.

Der Text schwebt, mäandert, er wirkt stellenweise wie ein Fiebertraum, wahnhaft, ein stetes Gedankenkarussell, das sich im Kreis dreht. Der Roman ist daher eine anspruchsvolle, fordernde und hin und wieder auch sperrige Lektüre.
Es schmerzt zu lesen, wie Tulla unter der Beziehung leidet, immer mehr dem Alkohol zuspricht und doch auch immer wieder die Schuld bei sich sucht. Als Leser begleitet man sie bei ihrem Ringen um ihre Rolle als Frau, der Suche nach ihrem Platz im Leben und dem Wunsch nach Bestätigung als Künstlerin. Es fällt ihr schwer, sich von der Vergangenheit und der Person Edvard Munch zu lösen.

Keine leichte Kost, die Lene Therese Teigen, die in Norwegen bekannt ist für ihre fundiert recherchierten Theaterstücke, die oft auch das Thema Gleichberechtigung behandeln, hier der Leserschaft serviert.
Dieser Roman führt ein Exempel eines Paares vor Augen, das gerade nicht gleichberechtigt und nicht auf Augenhöhe agierte; ein Beziehung, die letztlich beiden Leid und Schmerz zufügte. Der Leser wird Zeuge der Qualen und des Scheiterns.

„Damals verstand sie nicht, dass derjenige, der sich hätte verändern müssen, damit eine Beziehung daraus hätte werden können, er war.“

(S.160/161)

Edvard Munch (1863 – 1944) ist weit mehr als nur der Schöpfer seines berühmtesten Werkes „Der Schrei“. In Oslo wurde am 22.10.2021 das große neue Munch-Museum eröffnet, welches den Nachlass Munch’s und insgesamt eine Sammlung von 42.000 Objekten verwaltet.

Tulla Larsen war bisher lediglich eine meist verkannte Randfigur in den Biografien über Edvard Munch und ein Modell, das er auf seinen Gemälden verewigte.
In der bisherigen historischen Aufarbeitung und den Munch-Biografien wurde Tulla Larsen oft negativ dargestellt und auf den Selbstmordversuch und die Episode „des Schusses“ reduziert. Lene Therese Teigen möchte sie daher mit „Schatten in Erinnerung“ jetzt differenzierter betrachten, sie gleichsam aus dem übergroßen, verdunkelnden Schatten Munch’s holen und sie als Frau und eigenständige Persönlichkeit ins rechte Licht rücken.

Hier ist gerade auch das Nachwort sehr interessant, das noch einmal verdeutlicht, dass Tulla Larsen selbst über künstlerische Begabungen verfügte und z.B. Radierungen anfertigte und eben keineswegs die Frau war, die Munch’s Leben zerstören wollte.

Wer in der aktuellen Situation nach Wohlfühllektüre sucht, für den ist „Schatten der Erinnerung“ sicher nicht das Richtige. Wer sich jedoch stark genug fühlt, auch einem schmerzhaften, leidvollen Text standzuhalten, der findet in diesem fordernden Werk zweifelsohne eine intensive Charakterstudie einer Frau in einer dysfunktionalen Beziehung im Schatten einer großen Künstlerpersönlichkeit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag ebersbach & simon, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Lene Therese Teigen, Schatten der Erinnerung
Aus dem Norwegischen von Daniela Stilzebach
ebersbach & simon
ISBN: 978-3-86915-254-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Lene Therese Teigen’s „Schatten der Erinnerung:

Für den Gaumen:
Tulla Larsen’s Vater führte in Kristiania – dem heutige Oslo – einen erfolgreichen Wein- und Spirituosenhandel. Sherry Oloroso und Port stehen auch bei Tochter Tulla hoch im Kurs, nur leider belässt sie es im Roman in der Regel nicht bei einem Gläschen zum Genuss.

Zum Weiterhören:
Tulla spielt gerne Klavier, die Musik scheint ihr gut zu tun:

„Allein am Flügel kann ich mich jetzt noch völlig vergessen und einfach nur sein.“

(S.34)

Besonders gerne spielt sie das Adagio aus Mozart’s Klavierkonzert Nr.23 in A-Dur (KV 488). Ein wunderbares Stück – zum Beispiel in der Aufnahme von Hélène Grimaud.

Zum Weiterschauen:
Auf der Seite des vor kurzem neu eröffneten Munch-Museums in Oslo findet man einige der Gemälde, die Edvard Munch von Tulla Larsen gemalt hat – unter anderem ein schönes Ölgemälde aus den Jahren 1898-1899.
Ein Selbstportrait aus dem Jahr 1905, das Edvard Munch gemeinsam mit Tulla Larsen zeigt, fällt nicht mehr so freundlich aus – und wurde später nach dem Ende der Beziehung sogar vom Künstler in zwei Teile geteilt.

Zum Weiterlesen:
Tulla Larsen war befreundet mit dem norwegischen Dramatiker Gunnar Heiberg (1857-1929) – der bei uns jedoch weitestgehend unbekannt ist und dessen Werke aktuell nicht auf deutsch verlegt werden, sondern nur in Bibliotheken zu finden sind.

„Als sie am 16. Januar 1905 im Nationaltheater die Premiere von „Die Tragödie der Liebe“ besuchte, musste sie allerdings feststellen, dass Gunnar Heiberg sowohl ihr als auch Odas Leben als Material für sein Schauspiel verwendet hatte.“

(S.83)

Malerin und Modell

Bücher und Gemälde, Literatur und Kunst – genau diese inspirierenden Verbindungen zwischen verschiedenen, künstlerischen Disziplinen sind es, die ich mir für die Kulturbowle wünsche. So ist es nicht verwunderlich, dass mir auch Anne Stern’s Roman „Meine Freundin Lotte“ über die Malerin Lotte Laserstein und ihr Lieblingsmodell Traute Rose sofort ins Auge sprang.

Basierend auf der wahren Biografie der beiden lässt die Berliner Autorin in ihrem Roman die Frauen kapitelweise abwechselnd zu Wort kommen. Zwei Ich-Erzählerinnen, die jeweils ihre Sicht der Dinge, ihre Geschichte und die außergewöhnliche und besondere Beziehung zur jeweils anderen erzählen.

Zwei Lebensläufe, die sich in den Zwanziger Jahren in einer Berliner Suppenküche kreuzen und auch später über Landesgrenzen und große Entfernungen hinweg nie mehr trennen lassen werden.

„Ich glaube, wir sind wie ein Zopf, geflochten aus drei Strähnen – Lotte, die Kunst und ich. Ineinander verschlungen, untrennbar verwirrt, mit den Jahren immer struppiger, immer unlösbarer.“

(S.52)

Lotte Laserstein ist eine der ersten Frauen, die in Berlin für den Besuch der Kunstakademie zugelassen werden. Als Schülerin von Erich Wolfsfeld kann sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen, Malerin zu werden.
Der Roman begleitet sie auf diesem Weg und erzählt von ihrem Kampf um Anerkennung, ihren Selbstzweifeln, ihrem Ringen um den eigenen Stil und ihrer langsamen Art zu malen. Ihre Gemälde brauchen Zeit.

Doch das Buch erzählt in gleichem Maße auch die Geschichte von Traute Rose – der Frau, die auf vielen Gemälden Lotte Lasersteins zu sehen ist – ihr Lieblingsmodell, ihre Inspiration, ihre Muse. Wie ist es Modell zu sein, über Stunden still zu halten, für einen Akt zu posieren, sich selbst permanent auf der Leinwand zu sehen?

Anne Stern beleuchtet dieses besondere Verhältnis der beiden Frauen und gibt ihnen eine Stimme. Sie beschreibt das Kennenlernen der beiden, ihre gemeinsame Zeit in Berlin und die Momente, in welchen große Kunst entsteht.
Traute begleitet Lotte auf ihrem steinigen Weg zu den ersten erfolgreichen Ausstellungen, kennt ihr Hadern zwischen Kunst und Broterwerb. Als es für Lotte als Jüdin in Berlin immer gefährlicher wird und sie auch ihre Schüler nicht mehr unterrichten kann, um Geld zu verdienen, flieht sie vor den Nationalsozialisten 1937 ins schwedische Kalmar.

„Die Wirklichkeit und die Kunst sind keine Gegner, sondern Verbündete, und schon damals trug ich meine einzige Wirklichkeit im Malkasten mit mir herum. Das war auch dann noch so, als mir alles genommen wurde.“

(S.116)

Der Roman liest sich sehr flüssig und man freut sich und leidet mit den beiden Frauen in jeder Szene mit. Manche Stellen hätten für meinen Geschmack jedoch sprachlich etwas weniger blumig ausfallen können und auch die fast durchgängig sehr wehmütig-melancholische Stimmung hätte für mich ab und zu etwas weniger larmoyant sein dürfen.
Stark hingegen fand ich die Schilderung Berlins, des Zeitgeists, die Welt der Künstler und die atmosphärischen Beschreibungen der Zwanziger Jahre – dieser Funke ist definitiv übergesprungen.

„Dieses rastlose Berlin finde ich heute nur in alten Romanen wieder. Und in der Erinnerung an jene Tage, an denen ich mit Traute nach unserer Arbeit im Atelier durch Berlin lief. Vorbei an Litfaßsäulen mit Werbeplakaten für Theater und Varietés, vorbei am Drehorgelspieler, an Ständen mit Körben der ersten Pilzernte, an Zeitungskiosken, von denen uns die Schlagzeilen ansprangen wie übermütige Hunde.“

(S.205)

Lotte Laserstein blieb bis zu ihrem Tod 1993 in Schweden und lebte dort von Portraits und Landschaftsmalerei – sie veränderte ihren Stil. Ihre bekanntesten Werke, die der Neuen Sachlichkeit zugeordnet und als Höhepunkte ihres Schaffens gelten werden, entstanden in der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre in Berlin.

Anne Stern hat einen Roman über Schmerz und Verlust voller Wehmut und Melancholie geschrieben, aber sie hat auch eine große Frauenfreundschaft, die besondere Beziehung zwischen Malerin und Modell und die Entstehung von Kunst in den Mittelpunkt ihres Werks gesetzt.

Vor meiner Lektüre wusste ich nichts über Lotte Laserstein – jetzt habe ich das Gefühl, eine Künstlerin und ihre Lebensgeschichte auf unterhaltsame Weise kennengelernt zu haben. Ich durfte literarisch der Entstehung ihrer wichtigsten Werke beiwohnen, im Atelier Mäuschen spielen, ihre Freundin und Muse kennenlernen, in ihre Gedankenwelt eintauchen. Es ist immer wieder faszinierend, was Bücher bewirken können.

Eine spannende Künstlerpersönlichkeit mit einer bemerkenswerten Lebensgeschichte, über die es sich zu lesen lohnt und die mir sicher im Gedächtnis bleiben wird. Wenn ich irgendwann in einem Museum einem ihrer Gemälde gegenüberstehen werde, wird ihre Lebensgeschichte bestimmt sofort wieder präsent sein.

Buchinformation:
Anne Stern, Meine Freundin Lotte
Kindler
ISBN: 978-3463000268

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Anne Stern’s „Meine Freundin Lotte“:

Für den Gaumen:
Neben Erbsensuppe mit Pinkel wartet Anne Stern’s Roman für mich als Kulturbowlen-Gastgeberin kulinarisch doch tatsächlich mit einem sehr passenden Getränk auf:

„Wir zwängten uns an einen der schmalen Tische, bestellten Kaffee und in einem Anfall von Übermut je ein Glas Pfirsichbowle, die auf der Karte angeboten wurde.“

(S.206)

Zum Weiterschauen (I):
Das Gemälde „Abend über Potsdam“ gilt als das bekannteste Gemälde Lotte Lasersteins – es befindet sich seit 2010 im Besitz der Nationalgalerie Berlin und auf der Homepage des Museumsportals Berlin kann man sich selbst einen Eindruck verschaffen.
Auf diesem Bild ist Traute Rose übrigens auch zu sehen – sie ist die Dame, die links am Geländer steht.

Zum Weiterschauen (II):
Im Roman besucht Lotte Laserstein das Kino und sieht dort den mittlerweile legendären Filmklassiker von und mit Charlie Chaplin „Der Vagabund“, der im Jahr 1916 erschienen ist.

Zum Weiterlesen:
Die Kaffeehäuser Berlins sind immer wieder Schauplatz im Roman. Auch das weltberühmte Romanische Café am Kurfürstendamm gegenüber der Gedächtniskirche, welches als einer der Künstlertreffpunkte galt, darf da nicht fehlen.
Brigitte Landes hat mit ihrem Buch „Im Romanischen Café“ dieser Institution der Berliner Bohème und ihren illustren Gästen ein literarisches Denkmal gesetzt. So enthält der schön gestalte Band der Insel-Bücherei unter anderem Texte von Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Gabriele Tergit, Irmgard Keun, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und vielen anderen mehr.

Brigitte Landes, Im Romanischen Café. Ein Gästebuch.
Insel Bücherei
ISBN: 978-3-458-19472-9

Florale Wundertüte

Leif Karpe’s neuer Kriminalroman „Die Göttin, die von Blüten träumte“ – der zweite Fall für Peter Falcon – ist ein sinnliches, überbordendes und verspieltes Lesevergnügen, das mit unzähligen Querverweisen zu Kunst, Malerei, Literatur, Musik und Kulinarik exakt meinen Geschmack getroffen hat. Die Lektüre war für mich helle Freude und wahrer Genuss.

Peter Falcon betreibt in New York einen kleinen Comic- und Plattenladen. Dort in seinem eigenen Kosmos besucht ihn Giovanna, die Vertreterin eines großen, weltweit agierenden Auktionshauses, denn er ist ihr Mann für besondere Fälle. Er hat eine spezielle, übersinnliche Gabe: Bilder, Kunstwerke und die Künstler sprechen zu ihm.

„Oft hatte er diese merkwürdige, so schwer zu definierende Gabe verflucht und doch hatte sie ihm immer wieder atemberaubende Einblicke in die Kunst gewährt.“

(S.93)

Eine Wissenschaftlerin, die an einem neuen Verfahren zur Datierung von Kunstwerken arbeitet, ist verschwunden, während sie an einer berühmten Wachsbüste – der Flora von Leonardo da Vinci – forschte.

Falcon soll helfen, sie aufzuspüren und die Hintergründe zu verstehen. Als dann auch noch die Büste selbst aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen wird, überschlagen sich die Ereignisse und Falcon begibt sich auf eine turbulente Suche und Reise, die ihn nach Paris, Berlin, die Isle of Wight und letztlich nach Florenz – die Wiege der Renaissance – führt.

„Sie haben sich auf die Straße der Renaissance begeben, das ist ein Weg, auf dem man sich leicht verirren kann.“

(S.107)

Ein Krimi über Kunstraub, die Göttin Flora, Umweltskandale, Glyphosat, die Renaissance und das Lächeln der Mona Lisa – nicht umsonst erinnert die reizvolle Auftraggeberin Giovanna schon namentlich an „La Gioconda“ von Leonardo da Vinci. Das hört sich nach einer gewagten Mischung an? Ist es und doch hat mich diese Vielfalt und Mixtur von Themen gepackt und so flog ich geradezu durch die Seiten.

„Denken Sie daran, es ist von wesentlich größerer Bedeutung, Fragen zu haben, als sich im Besitz aller Antworten zu wähnen.“

(S.124)

Die Kapitel tragen Filmtitel als Überschriften, Sandro Botticelli’s Flora aus seinem Gemälde „La Primavera“ scheint lebendig geworden zu sein, man wird Zeuge von Gesprächen mit längst verstorbenen Künstlern, die Falcon ihre Sicht der Dinge erklären. Und wenn man den Krimi gelesen hat, bekommt das Zitat Michelangelos’s, das Leif Karpe seinem Roman vorangestellt hat, plötzlich noch mehr Sinn und eine weitere Dimension – hat der Autor dieses als Motto nämlich geradezu wörtlich genommen und in spannende Literatur umgesetzt:

„Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume, ich leb’ in Euch und geh’ durch Eure Träume.“

(Michelangelo)

Es handelt sich um den zweiten Band mit Peter Falcon, den man jedoch – wie in meinem Fall – sehr gut auch unabhängig vom ersten lesen und verstehen kann. Bei mir hat er jedoch unweigerlich die Lust geweckt, auch den ersten Teil noch zu lesen, der sich um Vincent van Gogh und den Impressionismus dreht: „Der Mann, der in die Bilder fiel“ – den Umschlag ziert die „Sternennacht“ des niederländischen Malers.

„Die Göttin, die von Blüten träumte“ ist ein kunstvolles Kabinettstückchen, eine wahre Wundertüte voller Anspielungen, Querbezüge und Inspirationen zu Literatur, Film, Malerei und Kultur in allen Facetten – in dieser Dichte und Intensität habe ich das wohl noch nie gelesen. Das ist verspielt, überbordend, kreativ und strotzt voller Freude am Fabulieren und all das untermauert mit unzähligen kunstgeschichtlichen Details und Anekdoten. Herrlich – ein wilder Ritt durch Raum und Zeit – durch Länder, Museen und Kunstrichtungen. Eine großartige, literarische Spielerei mit flottem Tempo, schnellen Wechseln, so dass keine Sekunde Langeweile aufkommt und man zu tun hat, nicht den Überblick zu verlieren.

Ein gutlauniger – und doch mit kritischen Untertönen und einem brandaktuellen Thema versehener – Roman, der selbst einer Collage gleicht und alten Meistern und Künstlern vergangener Zeiten eine Stimme verleiht – ein Kunstgriff, der funktioniert, amüsiert und bestens unterhält. Ein Fest für die Sinne und alle, die Kunst, Kultur und fantasievolle, kluge Krimis lieben.

Eine weitere, schöne Besprechung findet man beim Buchbuben.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Nagel & Kimche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Leif Karpe, Die Göttin, die von Blüten träumte
Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-01238-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist einiges geboten: Neu war für mich die Cocktail-Kreation des „Floralia Gimlet“ – die beschrieben wird als Mix von Wodka und Honigwein. Interessant, aber wohl auch etwas gewöhnungsbedürftig – vermutlich nicht jedermanns Sache.

Zum Weiterschauen:
Schon allein der Umschlag des Buchs hat es mir angetan – zeigt er doch einen Ausschnitt aus Sandro Botticelli’s „La Primavera“, das in den Uffizien in Florenz hängt und auch auf der Website des Museums zu bewundern ist.
Das Gemälde und die Figuren spielen in Karpe’s Roman eine wichtige Rolle, daher lohnt es sich unbedingt, sich dieses wieder einmal genauer anzusehen.

Zu Weiterhören:
Auch musikalisch ist dieser Krimi voller Anregungen und Inspirationen – da werden Songs erwähnt, Texte zitiert – sei es der Bossa Nova-Klassiker „The Girl from Ipanema“ oder aber „The Sounds of Silence“ von Simon and Garfunkel. Da stellt sich die Frage, was der größere Ohrwurm ist.

Zum Weiterlesen:
In den letzten Monaten wurde aufgrund der Pandemie wieder viel über Giovanni Boccaccio’s Klassiker „Das Dekameron“ gesprochen und geschrieben. Dieses Werk über die jungen Menschen, die sich auf der Flucht vor der Pest in Florenz in ein Landhaus außerhalb zurückziehen und sich die Zeit damit vertreiben, sich Geschichten zu erzählen. Der stattliche Umfang von ca. 900 Seiten hat mich bisher die Lektüre noch nicht in Angriff nehmen lassen, aber Leif Karpe hat mir dieses Versäumnis wieder ins Gedächtnis gerufen:

Giovanni Boccaccio, Das Dekameron
Übersetzt von: Karl Witte
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-90006-0

Auszeit im Künstlerrefugium

Wer kennt das nicht? Den Wunsch, einmal alles hinter sich zu lassen, sich einen Tapetenwechsel zu gönnen und eine kreative Auszeit zu nehmen – bevorzugt an einem schönen, inspirierenden Ort und gerne auch in angenehmer Gesellschaft. Gerade im 19. und 20. Jahrhundert erfüllten sich viele Künstler unterschiedlichster Disziplinen diesen Traum – Andreas Schwab nimmt in seinem neuen Sachbuch „Zeit der Aussteiger – Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità“ die Leser mit zu zehn solchen Schauplätzen und beschreibt das Phänomen Künstlerkolonie.

Was machte die magische Anziehungskraft dieser Orte aus, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede und welche Künstler prägten die jeweiligen Refugien? Schwab hat eine interessante und aufschlussreiche Kulturgeschichte verfasst, welche die besondere Faszination dieser außergewöhnlichen Zentren der Kreativität ergründet und erfahrbar macht.
Der Autor stellt in seinem Buch folgende Künstlerkolonien vor – manche sehr bekannt, manche vielleicht etwas weniger: Barbizon, Pont Aven, Skagen, Capri, Altaussee, Taormina, Tanger, Korfu, Worpswede und Monte Verità. So führt die abwechslungsreiche Reise quer durch Europa sogar bis nach Marokko.
Gelungen finde ich auch die Idee, dass die Kapitel zu den jeweiligen Orten immer durch Abschnitte verbunden sind, die einer Künstlerin oder einem Künstler gewidmet sind, welche bzw. welcher an beiden Orten gelebt und gewirkt hat und so als Brückenbauer fungieren. So reist er gleichsam mit einer Künstlerpersönlichkeit, welche beide Orte besuchte, von einem Schauplatz zum nächsten.
Er beschreibt die Atmosphäre, die Geschichte und die Entwicklung der jeweiligen Orte und selbstverständlich jeweils auch die wichtigsten, prägendsten Künstler der verschiedenen Disziplinen.
So trägt jede Kolonie auch eine leicht andere Färbung: waren Barbizon und Skagen stark von der Malerei dominiert, so zog Capri verstärkt auch Schriftsteller und Literaten an und in Altaussee trafen sich auch Musiker und Komponisten.

Die beschriebenen Künstler und ihre Werke aufzuzählen, die im Buch Erwähnung finden, würde zu weit führen, daher möchte ich beispielhaft nur einige wenige nennen, die ich besonders spannend finde: der dänische Maler P.S. Krøyer und seine unverwechselbaren Skagen-Bilder, John Singer Sargent, der mir bereits in Julian Barnes „Der Mann im roten Rock“ begegnete, Alma Mahler-Werfel und Arthur Schnitzler, Kaiserin Elisabeth und ihr Achilleion auf Korfu bis zu Truman Capote in Taormina und Paula Modersohn-Becker in Worpswede.

„Doch die Künstlerfeste entwerfen geradezu ein programmatisches Idealbild des eigenen Lebens – eines befreiten Lebens, das sich von den bürgerlichen Zwängen gelöst hat. Als Laboratorium der kreativen Geselligkeit stehen die Feste für das Streben nach kultureller Erneuerung.“

(S.84)

Während der Lektüre versuchte ich immer wieder Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen den Orten zu finden. Was zog die Künstler genau dorthin? Ein paar Punkte konnte ich ausmachen:
Naturnähe und Naturverbundenheit – in der Regel siedelten sich die Künstler an abgeschiedenen Orten abseits der Großstädte an und suchten vor allem Ruhe und unberührte Natur. Auch wenn die großen Metropolen häufig der Mittelpunkt und auch der Handelsplatz für ihre Werke waren, so suchten sie doch die Ruhe und die besonderen, ländlichen oder maritimen Motive abseits des städtischen Trubels.
Gesellschaft Gleichgesinnter – die Künstlerrefugien übten eine große Anziehungskraft auf andere kreative Köpfe aus und wurden so oft zu einem Ort des lebhaften Austauschs und der gegenseitigen Inspiration. So schaute man sich von den Kollegen das eine oder andere ab und bei Gesprächen oder gemeinsamen Festen entwickelten sich neue Gedanken und Ideen. Wobei wir schon beim nächsten Punkt wären:
Feste und Feiern – wie Andreas Schwab beschreibt, wurden in den Künstlerkolonien gerne auch opulente und ausschweifende Feste gefeiert. Sie waren Orte der Lebensfreude und die Künstler verstanden sich darauf, das Leben zu genießen und zu zelebrieren.
Besonderes Licht – gerade für die Malerei spielt das Licht eine entscheidende Rolle und so wird oft die Magie und der Zauber des Lichts an den Orten explizit erwähnt – sei es in Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinander treffen oder in Capri mit seiner weltberühmten blauen Grotte.
Liebeswirren – bei vielen kreativen Menschen, die an schönen Orten aufeinandertreffen, entwickelt sich zwangsläufig die eine oder andere Liebesbeziehung. Dass es hier auch zu komplizierten Konstellationen kam, war daher wohl ebenfalls unvermeidlich.
Einfaches Leben – finanziell war es um die Künstler in den Kolonien nicht immer bzw. häufig nicht zum besten bestellt. Oft konnte man sogar von geradezu prekären, ärmlichen Verhältnissen und einem sehr einfachen, minimalistischen Lebensstil mit der Besinnung aufs Wesentliche sprechen.
Fortschrittliche Ideen und neue Lebensstile – in den Künstlerrefugien, die fernab sozialer Kontrolle viele Freiheiten zuließen, wurden auch neue Lebensstile entwickelt und möglich: was damals noch als neu und unerhört galt, hat mittlerweile längst Einzug in die Gesellschaft gefunden: Emanzipation der Frau, offen gelebte Homosexualität, vegetarische Ernährung – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

„Der eigenartige Doppelcharakter der Künstlerkolonien besteht darin, dass sie einerseits eindeutig auf einer Landkarte lokalisierbar sind. Doch andererseits sind sie genauso starke Projektionsflächen: Sie rühren an die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ihre Intensitäten ergeben sich besonders daraus, dass sie Tummelplätze für wilde Ideen sind. Die Weltverbesserer, Anarchisten und Künstlerinnen, die diese ersonnen, ausgestaltet und ausgelebt haben, verdienen es, dass man sich ihrer erinnert, an ihre Visionen wie auch an ihr Scheitern.“

(S.293)

Mir gefiel diese fundierte, literarische Reise zu den lichtdurchfluteten Orten voll überbordender Kreativität und ich habe bei der Lektüre viel Neues erfahren und zahlreiche Anregungen zur weiteren Lektüre bekommen. Wer sich für Kunstgeschichte, Malerei, Literatur im Allgemeinen und Künstlerkolonien im Besonderen interessiert, der hat hier ein schönes Werk, das einen guten Einstieg in die Thematik bietet ohne zu sehr ins Detail zu gehen, schöne Abbildungen und Bildbeispiele enthält und sich sehr flüssig lesen lässt, ohne trocken zu sein.

Für mich war die Lektüre ein erfrischender Kurzurlaub der anderen Art und somit ebenfalls eine schöne Auszeit mit kreativen Ideen und bereichernden Querbezügen zu Kunst und Kultur. So mancher Ort wäre sicher auch interessant und lohnend für einen Besuch – zumal an einigen auch Museen entstanden sind, welche die bewegte Geschichte erzählen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H. Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Andreas Schwab, Zeit der Aussteiger
C.H. Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-77524-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andreas Schwab’s „Zeit der Aussteiger“:

Für den Gaumen:
Die vorwiegend vegetarische Küche am Monte Verità stieß nicht bei allen Besuchern auf Begeisterung, so beschwerte sich unter anderem Erich Mühsam, es gäbe ständig nur Salat.

„Der Tessiner Journalist Angelo Nessi schlägt mit seinem hochironischen Bericht über den Monte Verità in die gleiche Kerbe wie Mühsam. Amüsiert beschreibt er, dass sein Abendessen einzig aus zwei Orangen, zwanzig Kirschen, acht Nüssen und sechs Datteln bestanden habe.“

(S.263)

Zum Weiterschauen (I):
Eine zentrale Figur in der Künstlerkolonie Worpswede war Paula Modersohn-Becker. In diesem Zusammenhang sei der Film „Paula“ von Christian Schwochow aus dem Jahr 2016 sehr empfohlen. Er erzählt das Leben und Schaffen der Malerin in ihrer Worpsweder und Pariser Zeit bis zu ihrem frühen Tod.

Zum Weiterschauen (II):
Sollte man die Gelegenheit haben, nach Kopenhagen zu reisen, kann ich einen Besuch in der dänischen Nationalgalerie SMK (Statens Museum for Kunst) sehr empfehlen. Hier ist unter anderem ein Hauptwerk Peder Severin Krøyer’s zu sehen, das auf die Zeit in Skagen zurückgeht: Badende drenge en sommeraften ved Skagens strand“ (1899), das auch auf der Website des Museums zu finden ist.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das eine andere Art der Künstlerzusammenkunft, aber unter anderen, traurigen Vorzeichen, beschreibt, ist Volker Weidermann’s „Ostende 1936, Sommer der Freundschaft“: 1936 trafen im belgischen Badeort viele Schriftsteller aufeinander, die sich im Deutschland des Nationalsozialismus nicht mehr zu Hause fühlten: Irmgard Keun, Stefan Zweig, Joseph Roth etc.

Volker Weidermann, Ostende 1936, Sommer der Freundschaft
btb
ISBN:  978-3442748914

Inspirierendes Siena

Die meisten Menschen haben Sehnsuchtsorte. Orte, die aus ganz bestimmten, individuellen Gründen eine besondere Bedeutung oder Faszination für die- oder denjenigen besitzen. Für den in England lebenden libyschen Autor Hisham Matar ist dies Siena. Er hat sich den Wunsch eines längeren Aufenthalts in dieser Stadt erfüllt und lässt mit „Ein Monat in Siena“ seine Leserinnen und Leser an dieser intensiven Erfahrung teilhaben.

Die meisten Touristen und Toskanaurlauber haben für Siena einen Tag oder gar nur wenige Stunden Zeit, um sich einen Eindruck von dieser geschichtsträchtigen Stadt machen zu können und über den fächerförmig angelegten Campo zu schlendern.

„Die Piazza zu überqueren heißt, an einer jahrhundertealten Choreographie teilzunehmen, die alle einsamen Wesen daran erinnern soll, dass es weder gut noch möglich ist, ganz allein zu existieren.“

(S.22)

Hisham Matar, der sich nach Abschluss eines fordernden Buchprojekts dazu entschlossen hat, eine Auszeit zu nehmen und sich einen langgehegten Traum zu erfüllen, verbringt einen ganzen Monat in Siena, um sich der Stadt mit Haut und Haar widmen zu können.

Bereits seit seiner Jugend üben die Kunstwerke der Sienesischen Schule, d.h. italienischer Künstler des 13. bis 15. Jahrhunderts wie zum Beispiel Duccio die Buoninsegna oder Ambrogio Lorenzetti, eine ganz besondere Faszination auf ihn aus.
Er kann sich stunden- und tagelang in Museen in ein und das selbe Werk vertiefen, sich darin verlieren und jedes Detail in sich aufnehmen. Schlendern viele Museumsbesucher häufig nur uninspiriert an den Gemälden vorbei, so verinnerlicht er diese und macht sie sich ganz zu eigen.

Er teilt mit dem Leser seine Sicht und Begeisterung für die Kunstwerke und erläutert Hintergründe, setzt Akzente und vermittelt, was ihn persönlich besonders bewegt. Man spürt beim Lesen, welch hohen Stellenwert die Malerei und die Auseinandersetzung mit diesen Werken für ihn hat.

„Liegt das wahre Vergnügen nicht darin, das Ziel ins Visier zu nehmen, statt es zu erreichen?“

(S.39)

Die Zeit in Siena wird für ihn auch zu einer Reise zu sich selbst und einer intensiven Erfahrung, die neben dem Kunstgenuss auch von der Begegnung mit Menschen, dem Knüpfen von Freundschaften und anregenden Gesprächen lebt.
Er schreibt, was es bedeutet, allein zu reisen, sich treiben zu lassen und sich vollständig auf einen Ort einzulassen, sich Zeit zu nehmen für das Reiseziel und sich selbst.

Natürlich erfährt man auch einiges über die Geschichte der Stadt, die Künstler, den legendären Palio und die Contraden, die eine so große, auch soziale Bedeutung im Stadtleben spielen, aber dieses Buch ist so viel mehr als ein Reise- oder Kunstführer. Es ist das Erzählen über eine einzigartige Reise, einen außergewöhnlichen Monat und eine Lebenserfahrung, die Matar anreichert mit philosophischen Gedanken. Ein sehr persönliches Werk, das tief in die Gedankenwelt des Autors und seine Lebensgeschichte blicken lässt – verfasst in einer Sprache, die in ihrer Klarheit und Schönheit dazu einlädt, immer wieder innezuhalten und Sätze erneut zu lesen und so auch ein zweites oder drittes Mal zu genießen.

„Wie ungeheuerlich es ist, am Leben zu sein, dachte ich. Es erfüllte mich mit Begeisterung und einem düsteren Stolz auf meine Art, darauf, wie tapfer und heldenhaft wir mit der unleugbaren Tatsache umgehen, dass unser Leben nicht zu erhalten ist und alles, ganz gleich, welche Rüstung wir wählen, vergeht.“

(S.75)

Matar hat ein Buch über Kunst und die Kunst, Bilder zu betrachten und zu beschreiben, geschrieben. Aber auch darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein und zu leben: über Trauer, Einsamkeit und Freundschaft. Ein zutiefst menschliches, philosophisches und intelligentes Buch, das mich vollkommen begeistert und inspiriert hat. Das Buch ist auch optisch und haptisch ein Genuss, denn es ist hochwertig gestaltet mit farbigen Abbildungen der Gemälde, auf welche sich Matar bezieht. Selten habe ich ein Buch gelesen, das so von Kunst durchdrungen ist und Lust auf Kulturgenuss und Museumsbesuche weckt.

Wenn die letzte Seite gelesen ist, verspürt man den Wunsch, gleich wieder von vorne zu beginnen. Ein wunderbares Werk voller Weisheit und kluger Gedanken, das bereichert, inspiriert und zum Nachdenken einlädt.
Eine literarische Entdeckung und eine Einladung, die große Lust auf mehr und natürlich auch auf eine Reise nach Siena macht.

Buchinformation:
Hisham Matar, Ein Monat in Siena
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87618-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hisham Matar’s „Ein Monat in Siena“:

Für den Gaumen:
Eine Spezialität, die im Buch Erwähnung finden, sind fritelle – „in Zucker getauchte gebackene Reismehlbällchen mit Orangenschale“ (S.79) – das klingt nach Italien, Sommer, Urlaub und lässt einem sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zum Weiterschauen:
Eines der Schlüsselbilder, auf welche Hisham Matar im Buch explizit eingeht, ist Ambrogio Lorenzetti’s „Allegorie der guten Regierung“ – zu sehen ist das Werk im Palazzo Pubblico von Siena – ein Muss für jeden Siena-Besucher.

Zum Weiterlesen:
Hisham Matar wurde für „Die Rückkehr – Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ mit dem Pulitzerpreis und dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Nach dieser inspirierenden und eindrucksvollen Lektüre von „Ein Monat in Siena“ ist jetzt auch sein preisgekröntes Memoir auf meine Wunschliste gewandert, das ich bisher noch nicht gelesen habe:

Hisham Matar, Die Rückkehr
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87422-7

Barnes‘ Gemälde der Zeit

Ein Museumsbesuch kann inspirieren, eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnen und im Falle von Julian Barnes sogar der Auslöser für ein ganzes Buch werden. Als er im Jahre 2015 in der Londoner National Portrait Gallery das Gemälde „Dr. Pozzi at home“ des amerikanischen Künstlers John Singer Sargent sieht, wird er neugierig auf die Geschichte des Porträtierten. „Der Mann im roten Rock“ erzählt die Lebensgeschichte des Gynäkologen Dr. Samuel Pozzi (1846-1918), der im Paris der Jahrhundertwende aufgrund seiner innovativen Behandlungsmethoden als Arzt, aber auch als Fein- und Freigeist zum „Who is who“ oder besser zur „Haute volée“ zählte. Sein Leben und die Menschen in seinem Umfeld bieten den Rahmen, der es Barnes ermöglicht, ein opulentes, detailverliebtes und großes, literarisches Zeit- und Sittengemälde der Pariser „Belle Époque“ oder auch des „Fin de siècle“ zu schaffen.

„Die Belle Époque: der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer etablierten High Society, bevor dieses kuschelige Fantasiegebilde – mit einiger Verspätung – vom metallischen zwanzigsten Jahrhundert hinweggefegt wurde, dem man nichts vormachen konnte und das die eleganten, launigen Toulouse-Lautrec-Poster von leprösen Wänden und stinkenden vespasiennes riss.“

(S.34/35)

Auf Du und Du mit den Größten seiner Zeit verkehrte Dr. Pozzi in den Salons der besten Pariser Gesellschaft, kannte Reiche, Schöne und auch die Künstler der damaligen Zeit persönlich: Sarah Bernhardt – schillernde Schauspielerin und Weltstar – ebenso wie John Singer Sargent, Colette, André Gide, die Brüder de Goncourt – um stellvertretend nur wenige Beispiele für die führenden Maler, Schriftsteller und Komponisten im Paris der Jahrhundertwende zu nennen. Gemeinsam mit den Aristokraten Prinz Edmond de Polignac und Graf Robert de Montesquiou-Fezensac bereiste er im Jahre 1885 auch London für eine illustre und „intellektuelle Einkaufstour“ – und so lässt Barnes auch immer wieder süffisante Bemerkungen über das Verhältnis zwischen Engländern und Franzosen einfließen.

Es ist die Zeit der Dandies und Duelle, der Weltausstellungen, des großen technischen und medizinischen Fortschritts. Barnes zeichnet ein detailliertes Bild einer Welt im Umbruch und einer Zeit, in welcher sich für die gehobenen, reichen Kreise große Freiheiten und Möglichkeiten eröffneten.

„Die Belle Époque war eine Zeit unermesslichen Wohlstands für die Wohlhabenden, der gesellschaftlichen Macht für die Aristokratie, des hemmungslosen und ausgefeilten Snobismus, des ungezügelten Strebens nach Kolonialbesitz, des künstlerischen Mäzenatentums und des Duells, dessen Brutalität oft eher ein Gradmesser der persönlichen Erregung als der verletzten Ehre war.“

(S.152)

Barnes zeichnet aber auch das Bild eines weit gereisten, weltmännischen, charismatischen Mannes, sowie eines erfolgreichen und einfühlsamen Arztes. Er zeigt Pozzi als Vater einer Tochter, deren Beziehung zu ihm Licht und Schatten aufweist und als Ehemann in einer weitestgehend lieb- und glücklosen Ehe, aus welcher er sich in Affären mit anderen Frauen und in eine länger währende, leidenschaftliche Beziehung zu einer ebenfalls verheirateten Frau flüchtet, mit welcher er regelmäßig Europa bereist. Theater- und Opernbesuche in Bayreuth, München, Venedig stehen auf ihrem Programm – gemeinsam verstehen sie es, die Kunst und das Leben zu genießen.

„Ein Maler schafft ein Abbild, eine Version oder eine Interpretation, die die porträtierte Person zu Lebzeiten feiert, nach dem Tod in Erinnerung bewahrt und beim Betrachter vielleicht noch Jahrhunderte später Neugier weckt.“

(S.229)

Ich habe einiges aus der Lektüre mitgenommen, wenn auch die Vielzahl der erwähnten Personen, Namen und Anekdoten stellenweise einiges an Konzentration erfordern. Doch dank der gelungenen Illustration durch die Sammelbildchen der „Célébrités Contemporaines“, welche den Schokoladentafeln des Chocolatiers Félix Potin beigegeben waren – offenbar hatte man es damals geschafft, wenn man auf diesen „Schokoladenbildern“ verewigt wurde – bekommt man ein stimmiges Bild und einen guten Eindruck der damaligen Persönlichkeiten.

Für Kunstsinnige, Liebhaber von Malerei, Kunstgeschichte, Literatur und historischen Hintergründen ist dieses Buch genau das Richtige. Wer aber einen Roman im Stile von Barnes’ „Der Lärm der Zeit“ erwartet, der irrt und wird gegebenenfalls auch wenig Gefallen an „Der Mann im roten Rock“ finden. Denn Barnes hat dieses Mal ein Sachbuch verfasst, wenn auch ein sehr lebendiges und kunstvolles, das sich für Kultur- und Geschichtsinteressierte sehr kurzweilig lesen lässt. Die hochwertige Aufmachung und die zahlreichen, teils farbigen Abbildungen der Gemälde, Kunstwerke und Portraits der Akteure machen es zu einem Buch, das man gerne zur Hand nimmt: man liest, schaut, genießt und freut sich im Stillen vielleicht auch schon auf einen zukünftigen Museumsbesuch, sobald dies wieder möglich sein wird.

Weitere Besprechungen des Werks finden sich bei Bücheratlas oder Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann im roten Rock“:

Zum Weiterschauen:
Für alle die das Buch nicht vor sich liegen haben und selbst darin blättern können, ist hier der Link zu dem Gemälde, das der Auslöser für Julian Barnes’ neuestes Werk war und das dem Buch seinen Namen gibt: John Singer Sargent’s „Dr. Pozzi at home“, das aktuell im Hammer Museum in Los Angeles zu Hause ist.

Zum Weiterhören und Weiterschauen:
Eine weltberühmte Oper dieser Zeit – uraufgeführt in Paris 1902 – ist Claude Debussy’s „Pelléas et Mélisande“. Vom 19.02.21 bis zum 19.08.21 wird auf Operavision die Möglichkeit bestehen, sich kostenlos einen Stream der Oper aus dem Grand Théâtre de Genève anzusehen. Die musikalische Leitung hat Jonathan Nott und die berühmte Performancekünstlerin Marina Abramović zeichnet für das Bühnenkonzept verantwortlich. Angekündigt wird die Inszenierung als „kosmischer Traum“, d.h. man darf gespannt sein.

Zum Weiterlesen:
Wer auf unterhaltsame und spannende Weise etwas mehr über die Dreyfus-Affäre erfahren möchte, welche politisch prägend war für die Zeit der Belle Époque, der ist bei Robert Harris und seinem Roman „Intrige“ an der richtigen Adresse. Er versteht es wie kaum ein Zweiter, geschichtliche Stoffe in packende Spannungsliteratur zu verwandeln.

Robert Harris, Intrige
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne
ISBN: 978-3-453-43800-2

Tizians Venus

Lea Singer ist eine Autorin, die mich bereits seit längerem begleitet und deren Bücher über Künstler – Musiker, Dichter oder Maler – mich immer begeistern und faszinieren. Auch der neueste Roman „La Fenice“ ist wieder ein literarisches Glanzlicht, das ich mit großem Interesse gelesen und als sehr bereichernd empfunden habe.

Angela del Moro – auch genannt „La Zaffetta“ oder die Tochter des Spitzels – weiß schon früh, dass sie sich nicht in das übliche Schicksal einer venezianischen Frau als Gattin, Mutter und Untergebene des Mannes fügen will. Sie will sich lösen vom Elternhaus und ihr Ziel ist es, frei und unabhängig zu sein. Sie möchte ihr eigenes Geld verdienen, unverheiratet bleiben und als Weg dorthin wählt sie es, eine Kurtisane zu werden. Bereits mit 16 Jahren lässt sie sich von „Mentor“ Aretino ausbilden, denn auch die käufliche Liebe im Venedig des 16. Jahrhunderts ist ein hart umkämpftes Geschäft und nur gebildete, gepflegte und schöne, junge Damen verdienen gutes Geld mit der gehobenen, reichen und oft adeligen Kundschaft. Sie zählt schnell zu den Gefragtesten in ihrem Metier, allerdings begeht sie dann einen verhängnisvollen Fehler: sie lehnt einen sehr einflussreichen und mächtigen Mann ab, stößt ihn vor den Kopf und zieht seine unerbittliche Rache auf sich.

Er lässt sie auf einer abgelegenen Insel vor den Toren Venedigs brutal vergewaltigen – ein sogenannter „Trentuno“, d.h. eine Massenvergewaltigung durch 31 Männer, die sie nur knapp und schwer verletzt überlebt. Diese rohe, überbordende Gewalt und der darauf folgende Rufmord, der ihr jegliche Basis entzieht, bringen sie an den Abgrund ihrer Existenz.

„Der Phönix steigt aus seiner eigenen Asche empor. Und in unserer Sprache, sagte Aretino, ist der Vogel Phönix bekanntlich weiblich.“

(S.183)

Doch wie ein Phönix erarbeitet sie sich Schritt für Schritt ihre eigene Wiederauferstehung und erkämpft sich ihr Leben und ihre Würde zurück.
Mit 23 Jahren wird sie zum Modell des berühmten und erfolgreichen Malers Tizian und wird seine „Venus von Urbino“ – dem bekannten Gemälde, das heute zu den Höhepunkten in den Florenzer Uffizien zählt. Und das Leben voller Höhen und Tiefen hält noch eine wahrhaftige Liebe als Überraschung für sie bereit.

„Dem Sänger, der bei einem Begräbnis singt, dürfen nicht die Tränen kommen, ein Narr, der für seine Späße bezahlt wird, darf nie über sich selber lachen. Eine verliebte Käufliche wurde unverkäuflich.“

(S.226)

Ich schätze die sinnliche und atmosphärische Art zu Schreiben, die Lea Singer auch in „La Fenice“ wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt, außerordentlich. Die Düfte, die Geschmäcker, die Geräusche Venedigs sind so lebendig geschildert, dass man sich selbst fröstelnd in der nebligen Lagunenstadt wiederzufinden scheint. Ein pralles Bild der Serenissima in der Zeit der Renaissance, das die Lektüre erleben lässt – auch in aller Brutalität und Dunkelheit, denn gerade für Frauen oder Außenseiter der Gesellschaft war diese Zeit auch geprägt von Unterdrückung, Willkür und unmenschlicher Gewalt. Singer beschreibt das düster, sehr realistisch und drastisch – da muss man schon mehr als einmal schlucken und kann erleichtert sein, als Frau im Heute leben zu dürfen.

Der Kampa Verlag hat für „La Fenice“ eine puristisch-edle und sehr elegante, schlichte Aufmachung in Leinenbindung gewählt, die sehr schön anzusehen ist und das Herz eines bibliophilen Lesers höher schlagen lässt. Auch durch diese sehr gelungene Optik und Haptik ist es eine Freude, das Buch zur Hand zu nehmen.

Singer’s Romane sind stets unterhaltsam und spannend zu lesen, aber vermitteln zugleich auch immer geschichtliche Hintergründe und fundiertes Wissen über Epochen und Lebensläufe von berühmten Künstlern. Für mich ist das eine perfekte Kombination und macht ihre Bücher so attraktiv – lesend unterhalten werden und auch gleichzeitig noch etwas Neues lernen. Leserherz, was willst Du mehr?

Ein informatives, intelligentes, inspirierendes und großartig recherchiertes Buch, das man mit großer Neugier und Wissbegier nur allzu schnell verschlingt und das zugleich emotional bewegt und berührt. Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für Kunst, Geschichte und die italienische Renaissance interessieren.

Buchinformation:
Lea Singer, La Fenice
Kampa
ISBN: 978 3 311 10027 0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „La Fenice“:

Für den Gaumen:
Im Buch neu begegnet sind mir die Castraure, die ich bisher noch nicht selbst probieren konnte, was ich aber gedenke nachzuholen, sobald sich die Gelegenheit einmal bieten sollte. Castraure sind die jungen, ersten, lilafarbenen Knospen der Artischocken, die zurückgeschnitten werden, um den Ertrag der Pflanzen zu optimieren und wohl zart bitter schmecken. Die venezianische Gemüseinsel Sant’ Erasmo ist bekannt dafür.

Zum Weiterschauen:
Auch wenn die Uffizien derzeit pandemiebedingt geschlossen haben, lohnt sich ein Besuch der Website, um sich Tizians „Venus von Urbino“ anzusehen. Ich hatte vor einiger Zeit das große Vergnügen, das Gemälde in Florenz „live“ zu sehen und von einem hervorragenden Kunsthistoriker erklärt zu bekommen. Ein unvergessliches Erlebnis und für mich auch ein weiterer Grund, Lea Singer’s Buch sofort lesen zu wollen, als ich davon erfahren habe.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das ich allen, die gerne über Venedig, aber vor allem auch gerne etwas über Künstler, Musiker und Komponisten lesen – so wie ich – empfehlen kann, ist Peter Schneiders „Vivaldi und seine Töchter“. Im barocken Venedig arbeitete der „prete rosso“ an einem Waisenhaus und förderte musikalisch begabte Mädchen. Ein spannendes Kapital aus Vivaldi’s Leben und zugleich sehr gut erzählt.

Peter Schneider, Vivaldi und seine Töchter
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05229-9