Die Zeit fliegt und es wird höchste Zeit, endlich meinen August-Monatsrückblick zu schreiben. Denn schließlich ist mittlerweile sogar der September schon fast wieder zur Hälfte vorbeigerauscht und ich hänge wieder mal hinterher. Der August war nochmal extrem heiß und doch konnte man gegen Ende des Monats auch schon so manches Anzeichen für den Übergang zum Herbst entdecken. Zum Beispiel aus kulinarischer Sicht: Wenn es Zwetschgenkuchen gibt und auf einmal Appetit auf das erste Shepherd’s Pie der Herbstsaison aufkommt oder beim Stammitaliener seit langem wieder einmal Primitivo statt Lugana bestellt wird. Oder aber auch, wenn das erste explizite Herbstbuch der Saison (das diesen sogar schon im Titel trägt) auf den Gelesen-Stapel wandert, sowie schon die Termine für die neue Theatersaison nach und nach den Kalender füllen und die Vorfreude auf die neue Spielzeit größer wird.
Doch im August wurde traditionell erst einmal der Bowlengeburtstag gefeiert – mit einer alkoholfreien Melonen-Feigen-Rosmarin-Bowle und vielen lieben Glückwünschen, Rückmeldungen und Kommentaren, die mich sehr gefreut haben.
Zudem habe ich mich intensiver mit Richard Wagners „Rienzi“ auseinandergesetzt, der dieses Jahr zum ersten Mal auf dem Grünen Hügel aufgeführt wurde und sicher aufgrund der Werks- und Rezeptionsgeschichte einer kritischen Einordnung und näheren Auseinandersetzung bedarf. Die Bayreuther Inszenierung des Regieteams Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka fand ich persönlich äußerst gelungen, die musikalische Leitung von Nathalie Stutzmann großartig und wer möchte, kann dies selbst noch bis zum 31.12.2026 in der ARD Mediathek nachsehen.
Den Fernseher habe ich im August so gut wie gar nicht eingeschaltet, aber die vorletzte Folge „München Mord – Die Stadt, die es nicht gibt“, die noch vor dem unerwarteten und zu frühen Tod von Alexander Held (im Mai 2026) abgedreht worden war, habe ich mir dann doch mit einer gehörigen Prise Wehmut angesehen.
Der August war – wie so oft – aufgrund pausierender Freizeitaktivitäten in der Ferienzeit, freier Abende und der Hitze ein quantitativ brillanter Lesemonat. Zudem waren neben manch sommerlich leichtem Lesefutter aber wirklich auch qualitativ einige grandiose Bücher und sicherlich das eine oder andere Jahreshighlight dabei.
Insgesamt ist so eine interessante Mischung aus spannenden Neuerscheinungen, leichten Sommerkrimis und so manchem älteren Titel, der schon lange auf meinem Ungelesen-Stapel gewartet hatte, entstanden. Angesichts der Menge versuche ich, mich kurz zu fassen.
Vollkommen anders als „The Circle“, aber nicht minder großartig fand ich Dave Eggers neuen Roman „Contrapposto“, der Lust macht auf Kreativität und eine wundervolle Geschichte über Kunst, Freundschaft und Liebe erzählt.
Eine feine und begeisterte Besprechung gibt es bei der Klappentexterin.
„Am Ende betrachtete er sein Werk und fand, besser hätte er diesen Tag nicht verbringen können. Der war nämlich vorbei, aber seine Zeichnung würde bleiben, für immer. Kunst schaffte Erinnerungen, hielt fest, was war. Er hat einen Tag damit verbracht, einen Tag festzuhalten, und so die Zeit eingefroren.“
(aus Dave Eggers „Contrapposto“, S. 158)
Bereits viel besprochen und in Bloggerkreisen im Grunde durchgängig – und vollkommen zu Recht – gelobt wurde Annett Gröschners „Schwebende Lasten“, das letztes Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Ich kann mich da jetzt nach meiner Lektüre nur anschließen, es ist wirklich lesenswert!
Mehr dazu findet ihr zum Beispiel bei Glasperlenspiel13, Bookster HRO, Zeichen&Zeiten, Literaturreich und Kommunikatives Lesen.
„Wäre Hanna eine Blume gewesen, dann am liebsten eine Hortensie. Nach der Blüte in der Vase getrocknet, blieb sie noch jahrelang schön.“
(aus Annett Gröschner „Schwebende Lasten“, S.193)
Einen kulinarischen und kulturellen ersten Einblick auf die geschichtsträchtige Stadt an der Adria gibt das schmale Büchlein „Triest – Stadt der Winde“ von Veit Heinichen und Ami Scabar.
Meine hohen Erwartungen erfüllen konnte auf jeden Fall der neue Roman von Eva Menasse „Alleinruhelage“, der es wohl bestimmt unter meine Top 10 des Jahres schaffen wird und den ich schon hier auf dem Blog ausführlicher besprochen habe.
Für den Krimihunger zwischendurch gab es den historischen Kriminalroman bzw. eine Kreuzfahrt im Jahr 1929 mit Cay Rademacher und „Die Passage nach Maskat“.
Wer mehr darüber wissen möchte, wird beim Kaffeehaussitzer fündig.
Regelrecht verschlungen und wirklich großartig fand ich das Sachbuch „Dear Britain“ der ehemaligen Großbritannien-Korrespondentin Annette Dittert. Kurzweilig, witzig und doch auch hochgradig informativ – eine große und ausdrückliche Empfehlung für alle, die mehr über die britische Bevölkerung, die Insel und London erfahren und über so manch kuriose Anekdote schmunzeln wollen.
Überzeugt hat mich auch der leise, gut beobachtete und mit feiner Figurenzeichnung ausgestattete Roman „Wirf einen Schatten“ von Elena Fischer. Er besticht durch Intensität und Menschlichkeit und kommt unprätentiös ohne großes Getöse daher. Berührend.
„Joseph staunte, wie dünn die Schicht war zwischen Planlosigkeit und Plan, zwischen Nicht-Wissen und Wissen, vielleicht auch zwischen einer Ahnung und einer Gewissheit. Anscheinend brauchte es nur ein Detail, und diese Schicht zerbrach, löste sich auf.“
(aus Elena Fischer „Wirf einen Schatten“, S.116)
Nicht wirklich erreicht hat mich hingegen leider Anna Katharina Fröhlich „Kream Korner“. Da war ich den vielen kreativen Wendungen und inhaltlichen Wirbeln in diesem heißen August offenbar nicht gewachsen.
Mit Eberhard Hilscher „Maestros Himmel- und Höllenfahrt“ habe ich mich auf eine intensive Reise zu Robert Schumann und – so schließen sich manchmal Kreise – auch zu Richard Wagners Rienzi und der Revolution 1848/49 begeben. Hier geht es zu meiner ausführlichen Besprechung, die ich bereits hier auf dem Blog veröffentlicht habe.
Sehr gefreut habe ich mich, dass es Peggy Mädlers „Selbstregulierung des Herzens“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026 geschafft hat. Es ist mit Sicherheit eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe – definitiv eines meiner Jahreshighlights und eine ganz große Empfehlung! Klug, berührend und sprachlich einfach wunderbar. Ohne dass ich die anderen Bücher der Shortlist gelesen habe, würde ich ihr den Preis von Herzen gönnen.
„Wie viele Menschen dir im Leben nachhängen, auf dich einwirken und abfärben, dir im Kopf herumspuken, selbst wenn sie wie ein Land aus deinem Leben verschwunden sind. Welche Variationen deiner selbst möglich sind, je nachdem, wem du begegnest, auf welche Weise du mit einer Umgebung in Kontakt kommst.“
(aus Peggy Mädler „Selbstregulierung des Herzens“, S. 23)
Die Bergwelt nahe Rovereto im Jahr 1919 – das Land und die Menschen sind von den grausamen Schlachten und Folgen des ersten Weltkriegs gezeichnet. Eindrucksvoll und eindringlich beschreibt dies Caterina Manfrini in ihrem Debütroman „Bergjahre“. Die Geschichte um die Geschwister Adalina und Emiliano und den Bergbauernhof der Familie führt die Grausamkeit und den Schrecken des Krieges intensiv vor Augen und bewahrt sich letztlich doch einen Funken Hoffnung und Menschlichkeit.
„Siebenmal Wald, siebenmal Wiese“ lautete der Leitspruch, nach dem sie lebten. Das Leben war im Grunde ein Kreislauf. Letztlich wurde alles wieder so, wie es zuvor war, und nichts von dem, was sie besaßen, stand ihnen zu. Die Pflanzen, von denen sie sich ernährten, und der Boden, über den sie gingen, waren der Wandlung unterworfen, entzogen sich jedwedem Versuch der Kontrolle. Alles veränderte sich, durchlebte verschiedene Phasen und Jahreszeiten, wurde wieder so wie zuvor und begann von Neuem.“
(aus Caterina Manfrini „Bergjahre“, S.27)
Bereits seit einiger Zeit stand Alida Bremers „Träume und Kulissen“ bei mir im Regal – ein sehr unterhaltsamer und stimmungsvoller historischer Roman mit einer leichten Kriminote, der an der Adria bzw. im Split des Jahres 1936 spielt. Atmosphärisch mit historischen Hintergründen sowie ausgeprägten kulinarischen Querbezügen – ein Roman ganz nach meinem Geschmack.
Eine schöne Besprechung gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.
Unter die Haut geht Francesca Melandris „Kalte Füße“, in dem sie sich mit dem Krieg in der Ukraine befasst und dies geschickt mit der italienischen Geschichte und der ganz persönlichen Geschichte ihres Vaters verknüpft, der im zweiten Weltkrieg als italienischer Soldat in der Ukraine kämpfte. Eine kritische Auseinandersetzung der Tochter mit dem Leben des Vaters, aber zugleich auch mit dem generellen Umgang Italiens mit Vergangenheit und Geschichte. Kein Roman, wie man ihn von der Autorin gewöhnt ist, aber ein wichtiges und absolut lesenswertes Buch.
Spaß gemacht und gefesselt hat mich auch die Krimilektüre von David Hewsons „Das Borgia-Porträt“ – dem zweiten – und in meinen Augen stärkeren -Teil einer Reihe um den Archivar Arnold Clover in Venedig. Eine kurzweilige Mischung aus historischen Hintergründen, viel venezianischem Lokalkolorit und einem kunstsinnigen Krimi, die gut und in diesen Sommer passte und mich zwischendurch wirklich gut unterhalten hat.
„Ferragosto. (…) Kaum hatte ich das Wort gehört, sah ich nach, was es bedeutete. Wie so oft in Italien hatte es etwas mit antiker Geschichte zu tun. Der Ursprung geht auf den römischen Kaiser Augustus zurück, der dem Volk vor zweitausend Jahren die Feriae Augusti zu seinen Ehren schenkte. Eine mehrtägige Auszeit von den Strapazen der täglichen Arbeit zur heißesten Zeit des Jahres, Gelegenheit zum Ausruhen, für Feiern und für Pferderennen, von denen Sienas berühmter Palio dell’Assunta ein modernes Überbleibsel ist.“
(aus David Henson „Das Borgia-Porträt“, S.14)
Leichte Krimikost für laue Sommerabende, aber durchaus auch mit interessanten geschichtlichen Bezügen rund um den Gardasee, boten auch Lenz Koppelstätters erste zwei Bände der Reihe um die ermittelnde Journalistin Gianna Pitti „Was der See birgt“ und „Was am Ufer lauert“.
Den Wiener Schmäh und Humor von Vea Kaiser in „Rückwärtswalzer“ gepaart mit einer turbulenten, schrägen und doch auch stellenweise ernsthaften Auseinandersetzung mit der österreichischen Geschichte, habe ich gerne gelesen. Der kuriose Roadtrip der Hauptfigur im Auto gemeinsam mit den drei älteren Tanten und dem toten Onkel, um diesem den letzten – wenn auch illegalen – Wunsch einer Beerdigung in Montenegro zu erfüllen, wird mir im Gedächtnis bleiben.
Gewisse Parallelen lassen sich da durchaus auch in Martina Bogdahns zweitem Roman „Mirabellentage“ über die fränkische Pfarrersköchin entdecken, die ebenfalls den Wunsch des verstorbenen Pfarrer nach einer besonderen Beerdigung erfüllen möchte und der literarisch auch der humorvollen Gattung zuzuordnen ist.
Im Sachbuch „Freiheit, Rausch und schwarze Katzen: Eine Geschichte der Boheme“ setzt sich Andreas Schwab mit dem Begriff, den Zentren und den Vertreterinnen und Vertretern der Boheme auseinander.
Und den Leseherbst habe ich wie gesagt auch eröffnet und jetzt endlich – zeitlich passend – auch den vierten und letzten Teil des Jahreszeiten-Quartetts von Petra Hartlieb „Herbst in Wien“ gelesen.
Und für alle, die tatsächlich bis hier durchgehalten haben, gibt es erst Mal ein Kompliment für die Ausdauer und natürlich auch noch den Ausblick…
Was bringt der September?
Wie auch an der Buchauswahl des August unschwer zu erkennen ist, habe ich mich – aus Gründen – schon mal ein wenig auf Italien eingestimmt.
Wenn immer möglich steht auch alljährlich die „BBC – Last Night of the Proms“ auf meinem (natürlich vollkommen freiwillig gewählten) Pflichtprogramm – und da ich ja den August-Rückblick so spät schreibe: ich habe sie bereits gesehen und fand sie dieses Mal wirklich wieder großartig, gelungen und extrem abwechslungsreich. Lohnt sich und ist übrigens noch bis zum 11.10.2026 in der 3Sat Mediathek verfügbar!
Zudem habe ich mir einen Kinobesuch vorgenommen: den in Cannes mit einer goldenen Palme für die beste Regie gekürten Film „Vaterland“ mit Sandra Hüller und Hanns Zischler über den ersten Besuch Thomas Manns in Deutschland nach dem Krieg 1949.
Nach Urlaub und Übergangsphase wird auch wieder der Alltag einkehren.
Vor mir liegt daher ein intensiver und spannender September und ich wünsche allen – trotz allem, was um uns herum passiert – einen guten Start in den Herbst, einen bunten und abwechslungsreichen Monat mit schönen kulturellen Erlebnissen und guten Büchern!
„Mit dem Älterwerden empfand er den Wechsel der Jahreszeiten intensiver, während sich sein Körper dazu wie in einer Linie durch die Zeit bewegte, sich nicht jährlich erneuerte wie die Bäume und Sträucher in frischem Grün. Und zugleich war auch er, waren sie alle, eingebunden in eine zyklische Abfolge aus Leben und Tod.“
(aus Peggy Mädler „Selbstregulierung des Herzens“, S.189)
Die ausführlichen Rezensionen – soweit vorhanden – sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:
Eine echte Neuentdeckung – schnell, einfach und schmecken tut es auch noch – war die Baked Feta Pasta, die man hier bei der ZEIT (allerdings hinter einer Bezahlschranke) findet.
Musikalisches im August:
Wie schon erwähnt, war diesen Monat der „Rienzi“ von Richard Wagner das Werk, mit dem ich mich näher beschäftigt habe.








„Manchmal der Gedanke: Du hast ja nur dieses eine Leben.
Sich hineinwerfen wollen in dieses Leben.“
(aus Peggy Mädler „Selbstregulierung des Herzens“, S.161)