Gefühlsstürme und Naturgewalten

Eine lange, interessante Reise durch das Norwegen des 14. Jahrhunderts geht mit dem dritten Teil der nobelpreisgekrönten Trilogie von Sigrid Undset „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“ für mich nun zu Ende. Noch einmal habe ich mich durch die flüssige, stimmige und zeitgemäße Übersetzung von Gabriele Haefs in den Bann ziehen und in eine längst vergangene Zeit entführen lassen.

„Erlend hatte das alles nie von ihr verlangt. Er hatte sie nicht geheiratet, um sie in Not und Mühsal zu führen, er hatte sie geheiratet, damit sie in seinen Armen schlafen könnte.“

(S.38)

Der dritte Band meint es nicht gut mit Kristin. Nachdem sich ihr Gatte Erlend von ihr zurückgezogen hat und nun alleine auf einem einsamen Bergbauernhof getrennt von ihr und den zahlreichen Söhnen haust, muss sie alleine auf dem Hof zurechtkommen. Es kriselt gewaltig in der Ehe, die einst aus einer stürmischen Liebesbeziehung entstanden war und sich gegen alle Widerstände durchgesetzt hatte. Die Trennung und die damit verbundene Schmach in der Öffentlichkeit machen ihr schwer zu schaffen.

„Er, der ewig Ruhelose, schien nun immer ruhig zu sein. Wie ein Bach, der irgendwann auf einen steilen Felshang stößt und sich beugen lässt, in Moor und Grasschwaden schließlich versickert.“

(S.23)

Es gibt das geflügelte Wort: Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen. Dies trifft in „Das Kreuz“ auch auf Kristin und ihre Söhne zu. So muss sie zusehen, wie sich Geschichte wiederholt und akzeptieren, dass sie es ihren Kindern nicht ersparen kann, teilweise die selben Fehler zu machen wie sie selbst.
Und auch ihr einstiger Verlobter, lebenslanger Beschützer und Freund Simon Andressohn, der dieses Mal einen großen Part im Roman bekommt, macht ihr Sorgen.

„Und jetzt begriff die Tochter, dass der Sinn ihrer Mutter vollgeschrieben gewesen war mit Erinnerungen an die Tochter, Erinnerungen an Gedanken über das Kind aus der Zeit, als es ungeboren war, und aus den Jahren, von denen Kinder nicht mehr viel wissen, Erinnerungen an Furcht und Hoffnung und Träume, von denen Kinder niemals wissen, dass sie für sie geträumt worden sind, ehe ihre eigene Zeit kommt, um insgeheim zu fürchten und zu hoffen und zu träumen.“

(S.464/465)

Das zentrale Motiv, das für mich bei der Lektüre besonders deutlich zu Tage trat, ist das des Loslassens. Kristin muss zusehen, wie ihre Söhne flügge werden, ihre eigenen Wege gehen, eigene Fehler machen und sie muss lernen, dass sie ihre Kinder nicht vor allem beschützen kann. Die Löwenmutter muss ihre Jungen selbstständig in die Welt ziehen lassen – ein schmerzhafter Prozess, der ihr besonders schwer fällt. Und zweifelsohne ein vollkommen zeitloser Gedanke, den auch heutige Eltern sicherlich gut nachvollziehen können.

„In ihrer Jugend hatte sie sich der Welt hingegeben, und je mehr sie in den Netzen der Welt gezappelt hatte, um so fester hatte sie sich an diese Welt gebunden und dort gefangen gefühlt.“

(S.208)

Auch und gerade im letzten Band muss Kristin sich von vielen geliebten Menschen verabschieden, loslassen und trauern. Am Ende sucht sie Zuflucht im Glauben und im Kloster. Wie schon durch den Titel „Das Kreuz“ (Korset) erahnbar spielen religiöse Motive und Gedanken eine große Rolle in diesem Finale der Trilogie. Das Hadern mit Aberglaube und Glaube, dem Aufeinanderprallen von eher heidnisch geprägten Ritualen und dem katholischen Glauben mit dem spirituellen Zentrum im eindrucksvollen Nidarosdom: Sigrid Undset, die 1924 nach der Veröffentlichung ihrer Trilogie selbst zum katholischen Glauben übertrat, setzte sich in ihrem Leben und ihrem Werk intensiv mit dem Thema Religiosität und Glaube auseinander. Dies wird bei der Lektüre von „Das Kreuz“ nochmals sehr deutlich und bewusst. Auch Kristin durchlebt schwere Zeiten und erfährt viel Leid. Sie verliert liebe Menschen, Weggefährten und sogar Kinder – so trägt sie gerade im letzten Band ihr ganz persönliches Kreuz, dem sie sich durch Zuwendung zum Glauben zu stellen versucht.

Während der Lektüre hat mich ein Gedanke immer wieder mit voller Wucht getroffen und begleitet: Welches Glück wir doch in vielen Aspekten haben, im Hier und Jetzt und in der heutigen Zeit leben zu dürfen. In einer Zeit, in der moderne Errungenschaften das Leben erleichtern, Medikamente Krankheiten heilen und kurieren können, die früher starke Schmerzen, großes Leid und sogar den Tod bedeutet haben. In einer Zeit, in welcher der medizinische Fortschritt die hohe Sterblichkeit bei Kindern und gebärenden Frauen deutlich reduziert hat. In einer Zeit, in der Frauen andere Möglichkeiten haben und andere Lebensentwürfe leben können. Das Mittelalter und das 14. Jahrhundert waren eine archaische Zeit, in der Naturgewalten und Seuchen wie die Pest sowie Hungersnöte Lebensläufe geprägt haben – Sigrid Undset’s Trilogie führt das sehr klar vor Augen.

Und doch gibt es in den Romanen auch zeitlose, immerwährend aktuelle Werte und Motive wie Freundschaft, Liebe, Trennungen, Familienbande und Elternschaft, Krankheit, Tod und Trauer. Die Gefühlswelt, die Undset beschreibt, ist heute keine andere als damals und Blut ist immer noch dicker als Wasser. Die Menschheit ist immer noch und wieder stark zunehmend Naturgewalten und -katastrophen ausgesetzt. Gerade deshalb ist die Lektüre der Geschichte von Kristin Lavranstochter auch heute noch empfehlens- und lohnenswert.

Und so blicke ich nach drei Bänden jetzt dankbar zurück auf eine hoch interessante, literarische Reise durch das mittelalterliche Norwegen, die mir sprachlich und literarisch durch die feine, moderne Übersetzung von Gabriele Haefs großen Genuss und zudem einige wertvolle Denkanstöße beschert hat.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner 22 für 2022erfüllt – Punkt Nummer 21) auf der Liste: Ich möchte ein dickes Buch (lt. Definition von Nordbreze > 500 Seiten) lesen. Auch wenn Sigrid Undset als Literaturnobelpreisträgerin sich auch für Punkt 16) auf meiner Liste geeignet hätte (hier habe ich aber noch ein paar andere Pfeile im Köcher bzw. ein paar Bücher auf meinem Stapel), habe ich mich aufgrund der über 560 Seiten doch für diese Kategorie entschieden. Denn das Buch ist schon ein richtiger Schmöker und hat mich eine Weile beschäftigt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Das Kreuz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62301-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“:

Für den Gaumen:
Bei den beschriebenen Festen und Gelagen scheint der Fokus meist mehr auf den Getränken gelegen zu haben, denn da fließt häufig „Bier und Met (…) in Strömen“ (S.460).

Zudem wird beschrieben, dass es auch bei der Versorgung mit Nahrung gute und schlechte Zeiten gab:

„Auch zu Kristins Zeit war es vorgekommen, dass die Leute Hering essen mussten, der sauer geworden war, Fleisch so gelb und zäh war wie Kienspäne, und auch verdorbenes Fleisch. Aber damals hatten alle gewusst, dass die Hausfrau das bei einer anderen Mahlzeit mit besonderen Leckerbissen wettmachen würde, mit Milchgrütze oder frischem Käse und mit gutem Bier, wie es das sonst im Alltag nicht gab.“

(S.473)

Zum Weiterlesen (I) bzw. vorher lesen:
Da es zwar möglich, aber nicht wirklich ideal ist, bei einer Trilogie mit dem letzten Band zu beginnen, empfehle ich interessierten Lesern definitiv mit dem ersten Teil zu starten: „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ – hier erfährt man, wie die stürmische Liebesgeschichte zwischen Kristin und Erlend ihren Anfang nimmt (und hier geht es zu meiner Rezension).

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

Zum Weiterlesen (II) bzw. vorher lesen:
Im zweiten Band „Kristin Lavranstocher – Die Frau“ erlebt Kristin die ersten Ehejahre, Geburten und Mutterschaft und übernimmt Verantwortung für ihr Leben und ihre Nachkommen (auch diesen Band habe ich auf der Kulturbowle vorgestellt):

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

Kreislauf des Lebens

Im Sommer hatte ich hier auf der Kulturbowle bereits Sigrid Undset’s (1882 – 1949) nobelpreisgekrönten Auftakt ihrer Kristin Lavranstochter-Trilogie vorgestellt: nach „Der Kranz“ (Kransen) folgt nun „Kristin Lavranstochter – die Frau“ (Husfrue), welches 1921 erschienen ist. Meine Neugier war durch den ersten Band geweckt und so habe ich mich gefreut, dass ich meine Lektüre jetzt in der wunderbaren und zeitgemäßen Neuübersetzung von Gabriele Haefs fortsetzen konnte. Denn schließlich wollte ich wissen, wie sich die Geschichte um Kristin und Erlend weiterentwickelt.

Sigrid Undset gelingt es erneut auf unnachahmliche Art und Weise, mich sofort in die Geschichte hineinzuziehen. Norwegischer Winter, klirrende Kälte – grandiose Naturschilderungen und detailgenaue Beschreibungen der Stimmung – zwei Seiten und ich bin mitten im Geschehen, sehe die Landschaft und die Figuren buchstäblich vor mir. Charlotte Gyth – die Mutter der Autorin – war Aquarellmalerin. Offenbar hat sie den Blick fürs Detail an die Tochter weitergegeben, die mit wenigen Worten gleich einem Pinselstrich ein eindrucksvolles Bild für ihre Leser zeichnet.

Nach der Trauung mit Erlend zieht Kristin zu ihm auf seinen Hof Husaby. Dass sie zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits schwanger war, hat sie verheimlicht und sie trägt schwer an dieser Last. Und auch der Start in Husaby ist alles andere als einfach: sie findet einen verwahrlosten und heruntergekommenen Hof vor, den Erlend sträflich vernachlässigt hatte, und macht sich zunächst daran, aufzuräumen und das Vertrauen des Personals zu gewinnen. Sie versucht, durch einen Bußgang nach Nidaros ihr Gewissen zu erleichtern, sucht Trost und Kraft in Gesprächen mit dem Geistlichen Gunnulf – Erlend’s Bruder – und im Glauben.

Fernab von ihrer Familie – und vor allem getrennt von ihrem geliebten Vater – muss sie ihre Frau stehen: sie wird mehrfache Mutter, durchleidet schwere Geburten und ihr Gatte lässt sie – verwickelt in politische Intrigen und Machtspiele – immer mehr allein. Auch das komplizierte Familiengeflecht – heute würde man dies wohl als Patchworkfamilie bezeichnen – und das Verhältnis zu Erlend’s Kindern aus einer anderen Beziehung vor ihrer Ehe sorgen für Konflikte.

„Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht die Messe hört. Und Sira Eiliv, unser Priester, den du gesehen hast, der liest uns aus frommen Büchern vor – das mag er am liebsten, gleich nach Leckereien und Bier, das Vorlesen, meine ich. Und die armen Leute kommen zu Kristin, wenn sie Rat und Hilfe suchen – ich glaube, sie küssen sogar die Zipfel ihres Gewandes (…)“

(S.164)

Religion, Glaube und Katholizismus spielten in Sigrid Undset’s Leben und auch in ihrem Werk eine große Rolle. Auch in diesem zweiten Band bekommt dieser Aspekt zunehmend Gewicht. So nimmt Gunnulf, der Bruder Erlends, Priester und Mönch, mehr Raum in der Erzählung ein und auch das Motiv des Pilgerns bzw. des Bußgang’s nach Nidaros (im heutigen Trondheim) wirft sicherlich bereits Schatten auf den letzten Band der Trilogie: „Das Kreuz“ (Korset) voraus.

„Tief in ihrem Herzen ahnte Kristin, warum ihr Vater sich solche Mühe gab, um Gott nah und immer näher zu kommen. Aber sie wagte nicht, sich diese Gedanken wirklich bewusst zu machen. Sie wollte sich auch nicht eingestehen, dass sie sehen konnte, wie sehr sich der Vater verändert hatte.“

(S.304)

Undset behandelt in diesem Band die ganz großen Themen des Menschseins, gleichsam den Kreislauf des Lebens: Geburt und Tod, Werden und Vergehen, Liebe zu den Eltern, zum Partner, zu den Kindern. Kristin reift zur Frau, wird vielfache Mutter und muss sich von der ungestümen Wildheit der Jugend, der Unbekümmertheit und unüberlegten Entscheidungen verabschieden. Sie muss Verantwortung für sich, ihr Leben und ihre Kinder übernehmen und doch flackert in den Auseinandersetzungen mit Erlend auch das Feuer und das Temperament der jungen Tage wieder auf. Sie durchleidet die Schmerzen der Geburt ebenso wie sie sich leidvoll von geliebten Menschen verabschieden muss.

Sigrid Undset ist eine Meisterin der Atmosphäre und sie erforscht die Gefühlswelt ihrer Figuren mit einer Tiefgründigkeit und Genauigkeit, die ihresgleichen sucht. Sie hat die besondere Gabe, Emotionen unmittelbar in Bilder aus der Natur zu übertragen. Gefühle und Natur verschmelzen und werden eins:

„Als sie ihn damals kennengelernt hatte, war das Leben für sie wie ein reißender Fluss geworden, der über Stock und Stein strömte. In diesen Jahren auf Husaby hatte sich das Leben ausgebreitet, hatte weit und geräumig wie ein See dagelegen und alles um sie herum gespiegelt.“

(S.446)

Ein reifes und gesetztes Werk, das die Autorin im Alter von gerade einmal 39 Jahren veröffentlicht hat. Ein Roman über elementare und archaische Themen: Leben und Tod, Geburt und Sterben, Schuld und Sühne, Untreue und Eifersucht, Glaube und Liebe, Familienbande und Muttergefühle. Undset zeichnet authentische Menschen mit allen Stärken und Schwächen. Das ruhige Tempo und ihre großartige Erzählkunst, die ohne jede Effekthascherei auskommt, lassen die Lektüre zu einem intensiven, wehmütigen und lebensklugen Leseerlebnis werden.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Die Frau“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch werde ich leider mit den norwegischen Spezialitäten des Mittelalters nicht so recht warm. Folgendes, geschilderte Festmahl überlasse ich daher gerne Kristin und ihrem Priester und Beichtvater Sira Eiliv, denn es gibt:

„(…) einen Spieß mit jungen Schneehühnern im feinen Speckmantel oder ein Gericht aus Rentierzungen in französischem Wein und Honig“

(S.193)

Zum Weiterlesen (I) bzw. vorher lesen:
Es lohnt sich unbedingt, den ersten Band „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ vorweg zu lesen, denn die Geschichte baut aufeinander auf und knüpft nahtlos an. Wer also dabei sein möchte, wenn sich Erlend und Kristin verlieben und die Hintergründe der Familiensaga verstehen möchte, dem sei der Auftakt der Reihe wärmstens ans Herz gelegt:

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

Zum Weiterlesen (II):
Der dritte und letzte Band von Sigrid Undset’s preisgekrönter Trilogie „Kristin Lavranstochter – Das Kreuz“ erscheint im Frühjahr im Kröner Verlag und Gabriele Haefs hat somit ihre Neuübersetzung dieses Werks vervollständigt. Man darf sich also aufs Frühjahr freuen und die Wartezeit ist überschaubar:

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Das Kreuz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62301-0

Norwegischer Nobel-Klassiker

Klassiker lesen lohnt sich und im Falle von Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“ aus dem Jahr 1920 – dem ersten Teil der nobelpreisgekrönten Trilogie – ganz besonders. Die renommierte Übersetzerin Gabriele Haefs hat das Werk aus dem Norwegischen neu ins Deutsche übertragen – ein wunderbarer Anlass, wieder einmal ein großes Werk der Weltliteratur zur Hand zu nehmen.

14. Jahrhundert – Kristin wächst behütet als Lieblingskind ihres Vaters im norwegischen Gudbrandsdalen auf. Ihre Mutter ist schwermütig und kann die Verluste weiterer Kinder kaum verkraften, so dass sich der Vater verstärkt des Mädchens annimmt. Das Leben ist rau, schroff und arbeitsreich und doch verbringt Kristin eine weitgehend unbeschwerte, naturverbundene und freie Kindheit, bis sich die Schicksalsschläge häufen. Ihre kleine Schwester verletzt sich bei einem Unfall schwer und wird nie mehr vollständig genesen. Auch ihre Jugendliebe – der junge Arne aus der Nachbarschaft – stirbt unter tragischen Umständen.

Schon früh wird sie daher Simon, dem dominanten Sohn einer einflussreichen Familie, versprochen. Doch der Tod Arne’s, für den sie sich selbst die Schuld gibt, lässt sie für eine gewisse Zeit ins Kloster nach Oslo fliehen, um wieder Ruhe und Besinnung zu finden.

Eine völlig andere Welt – sie begegnet dem strengen Glauben der Schwestern im Orden, aber auch bei Besorgungsgängen dem quirligeren, bunten und lauten Stadtleben, das so anders ist als das bodenständige, einfache Leben in der kargen Natur ihrer Heimat. Und sie trifft auf Erlend – einen gutaussehenden, jungen Adeligen, dem ein zweifelhafter Ruf anhaftet, hat er sich doch in seiner Jugend einige Fehltritte geleistet, die ihn immer noch verfolgen. Und trotz alledem verliebt sich Kristin sofort in ihn.

„(…) doch sie hatte auch das Gefühl, dass alle Menschen sie anstarrten, als hätten sie durchschaut, dass sie als Lügnerin hier stand, mit dem goldenen Kranz in ihren offenen Haaren.“

(S.210)

Eine Ehe mit Simon kommt für sie nun nicht mehr in Frage und es kommt zur offenen Konfrontation mit dem Vater, der Erlend nicht als Schwiegersohn akzeptieren möchte. Kristin kämpft für ihre Liebe.

Steht der Kranz im Titel des Romans – der auch an den skandinavischen Mittsommer denken lässt – symbolisch für die Jungfräulichkeit, so stammt auch die Redewendung „unter die Haube kommen“ aus dem Mittelalter, da Frauen ab dem Zeitpunkt ihrer Heirat das Haar nicht mehr offen tragen durften, sondern unter einer Kopfbedeckung verbargen.

„Vielleicht hatte er sich in diesem Jahr gar nicht so sehr verändert, aber in all den Jahren hatte sie ihn als den jungen, kräftigen, schönen Mann gesehen, auf den sie als kleines Kind so stolz gewesen war, weil sie ihn zum Vater hatte.“

(S.240)

Mich berührte vor allem die besondere, innige Beziehung zwischen Vater und Tochter. Undset zeichnet ein ganz besonderes, sehr liebevolles Band zwischen den beiden, das durch Kristin’s Brechen mit Regeln und Traditionen im Laufe des Romans einer starken Zerreißprobe unterzogen wird. Und doch springt selbst der starrköpfige Patriarch aus Liebe zu seiner Tochter in so manchem Punkt über seinen Schatten. Die ausdrucksstark charakterisierte Vaterfigur mutet im Vergleich zum erzkonservativen und herrschsüchtigen Verlobten Simon noch sehr verständnisvoll und weichherzig an und doch bricht ihm die unkonventionelle Entscheidung seiner Tochter nahezu das Herz.

Sigrid Undset hatte ein sehr feines Auge für Stimmungen, zwischenmenschliche Gefühle sowie eindrückliche Naturbeschreibungen und auch die Übersetzerin Gabriele Haefs hat hier einen sehr harmonischen sprachlichen Klang gefunden, der sich wunderbar liest.

In meiner Heimatstadt Landshut hat man aufgrund der „Landshuter Hochzeit 1475“ – einem historischen Fest, das alle vier Jahre (außer in Pandemiezeiten) nachgespielt wird – einen engen Bezug zum Mittelalter – wenn diese auch zeitlich etwas später liegt, als der Roman (14. Jahrhundert). Bei mir ließen die präzisen Beschreibungen der Norwegerin jedoch sofort ein mittelalterliches Kopfkino entstehen, das sich in punkto Kleidung, Schuhwerk oder Waffen bei mir natürlich schnell mit meinen persönlichen Erinnerungen des Landshuter Festes vermischte.

Man sollte keine Berührungsangst oder Scheu vor traditionsreicher, großer Literatur haben. Ganz im Gegenteil: es ist eine Bereicherung, wenn man diese Klassiker – die nicht umsonst zu solchen wurden – in einer derart gelungenen und zeitgemäßen Neuübersetzung für sich entdecken und genießen darf. Da ist nichts Antiquiertes oder Angestaubtes, sondern Undset hat mit Kristin Lavranstochter eine unvergessliche Frauenfigur des norwegischen Mittelalters zum Leben erweckt – eine interessante Frau aus Fleisch und Blut mit Stärken, Schwächen, Eigensinn und einem starken Willen.

Das Nobelpreiskomitee begründete die Vergabe des Preises 1928 an Sigrid Undset wie folgt und zeichnete sie „vornehmlich für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter“ (Quelle: Wikipedia) aus. Dem kann ich mich nur anschließen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kröner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt und bei Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Der Kranz
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62101-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Sigrid Undset’s „Kristin Lavranstochter – Der Kranz“:

Für den Gaumen:
Das mittelalterliche Festessen ist zumindest in Teilen für heutige Gaumen gewöhnungsbedürftig:

„Es gab Roggenmehlgrütze, gekochte Bohnen, weißes Brot und als Frischgericht Forellen, salzig und frisch, und fetten Weißfisch.“

(S.349)

Zum Weiterlesen (I):
Der zweite Teil von Sigrid Undset’s preisgekrönter Trilogie „Kristin Lavranstochter – Die Frau“ erscheint im Herbst im Kröner Verlag ebenfalls neu übersetzt von Gabriele Haefs. So kann die Klassiker-Lektüre schon sehr bald fortgesetzt werden.

Sigrid Undset, Kristin Lavranstochter – Die Frau
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Kröner
ISBN: 978-3-520-62201-3

Zum Weiterlesen (II):
Einer meiner ersten Beiträge auf der Kulturbowle war Lars Mytting’s „Die Glocke im See“ gewidmet, einem Roman, der ebenfalls im norwegischen Gudbrandsdalen spielt. Auch in Bezug auf das Erzählen einer Familiengeschichte, die Nähe zur schroffen Natur und der Kargheit des einfachen Lebens lassen sich durchaus Parallelen erkennen, auch wenn was die Handlung betrifft 500 Jahre dazwischen liegen, denn Mytting’s Roman spielt im 19. Jahrhundert.

Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3458364757