Fallada’s letzter Roman

Ein Roman über einen Roman: Oliver Teutsch hat mit „Die Akte Klabautermann“ genau einen solchen vorgelegt. Doch sein Werk ist weit mehr als das: Es ist ein Roman über Hans Fallada’s letztes Lebensjahr und seinen späteren Weltbestseller „Jeder stirbt für sich allein“, aber eben auch über die Nachkriegszeit, über Suchterkrankung und Drogenabhängigkeit, über eine Ehe am Abgrund, über Berlin und über ein zerstörtes Land zur Stunde Null, das nicht nur die Trümmer auf den Straßen beseitigen muss, sondern auch wieder ein Kulturleben aufbauen möchte.

Berlin in den Jahren 1945/1946 – der zweite Weltkrieg ist vorbei. Die Stadt liegt in Trümmern, die Menschen haben Tote zu beklagen und oft alles verloren. Der Alltag ist geprägt von Armut und Hunger.
Auch das Ehepaar Ditzen – Rudolf Ditzen, besser bekannt als Hans Fallada, und seine zweite Frau Ulla – lebt in Berlin ärmlich zur Untermiete. Die letzten großen, einträglichen Erfolge liegen bereits einige Zeit zurück. Das Geld ist knapp und wird größtenteils durch die stetige Beschaffung des Morphiums verschlungen, nach welchem beide süchtig sind.

„Becher musterte den großen Romancier mit einer gewissen Verwunderung. Dieses eingefallene Männchen mit dem etwas abgetragenen Anzug hatte so großartige Bücher geschrieben.“

(S.136)

Doch Johannes R. Becher bemüht sich um Fallada und möchte ihn wieder zum Schreiben bewegen. Er organisiert einen gut dotierten Journalistenjob bei der Täglichen Rundschau für ihn und versucht, ihn dafür zu begeistern, den ersten großen antifaschistischen Roman der Nachkriegsära zu schreiben.

Selbst den potenziellen Romanstoff liefert Becher Fallada in Form der „Akte Klabautermann“ bereits frei Haus. Eine wahre Begebenheit über ein einfaches Berliner Ehepaar aus dem Arbeitermilieu, das sich in den Widerstand begibt, in Form von anonymen Postkarten gegen das Hitlerregime Stellung nimmt und letztlich gefasst und hingerichtet wird.
Doch Fallada wird nicht so recht warm mit diesem Stoff. Er fremdelt damit und kann sich zunächst nicht zum Schreiben motivieren.

„Stattdessen schielte er wieder einmal nur nach dem Geld und mußte sich jetzt mit diesem trübseligen Arbeiterehepaar befassen. Zwei ältliche Leute, ohne Anhang, ohne Kinder, ohne Freunde. Sie schrieben zwei Jahre lang nur Postkarten, wurden dann erwischt und hingerichtet. Was soll das für ein Roman sein?“

(S.296)

Der Alltag in der zerbombten Stadt, die schwierige Ehe mit der schwer suchtkranken Ulla, die Trennung von seinen Kindern aus erster Ehe, Zukunftsängste und Geldsorgen, die auch ihn selbst immer tiefer in die Abhängigkeit von Morphium stürzen. All das sind keine förderlichen und fruchtbaren Umstände für die Kreativität eines Schriftstellers. Die Schreibblockade hält an.

„Ditzen war gerne unter Leuten, aber nicht, weil er gesellig war. Ditzen erzählte in Gesellschaft nicht viel, er beobachtete lieber.“

(S.168)

Doch Becher hat sich bereits weit für ihn aus dem Fenster gelehnt, glaubt an ihn und hält an ihm fest – auch gegen zunehmenden Widerstand in Kreisen des Kulturbundes, welcher sich gerade neu formiert.
Es folgen Zusammenbrüche und Klinikaufenthalte – die Lage im Hause Ditzen eskaliert mehr und mehr und der Gesundheitszustand des Autors verschlechtert sich dramatisch. Kurz vor seinem Tod schreibt Fallada dennoch in gerade einmal 24 Tagen wie im Rausch seinen letzten Roman, der zum Weltbestseller werden wird.

„Im Schreibrausch vergisst Fallada die frostigen Temperaturen, seine starren Hände und seine angeschlagene Gesundheit. Die Geschichte wächst, seine Gesundheit schwindet. Er merkt es nicht in seiner rauschenden Euphorie. Er hat immer geschrieben, um zu vergessen.“

(S.304/305)

Eine Geschichte, die viele Literaturbegeisterte und interessierte Leserinnen und Leser sicherlich in den Grundzügen kennen und doch ist es spannend und bewegend sie von Oliver Teutsch in Romanform erzählt zu bekommen.
Denn man taucht selbst ab in die Atmosphäre des Nachkriegsberlin, in welchem der Schwarzmarkt blüht, Lebensmittel knapp sind, so dass jedes freie Fleckchen Erde zum Gemüseanbau genutzt wird und doch auch das kulturelle Leben wieder zu sprießen beginnt. Theater, die wieder öffnen, der Kulturbund, der sich dafür einsetzt, emigrierte Schriftsteller wieder zurück nach Deutschland zu holen – all das findet sich in Teutsch’s Roman und macht ihn lesenswert.

Wie kann ein kultureller Wiederaufbau eines Landes nach der Stunde Null aussehen und gelingen? Auf welche Künstler kann und will man setzen?
Die Auseinandersetzung mit den Kriegsfolgen, Entnazifizierung und die Haltung, welche man im Krieg eingenommen hatte: war man aktiv im Widerstand gewesen? Stummer Mitläufer oder doch aktives Parteimitglied gewesen?
Auch diese Überlegungen klingen im Roman an, so dass „Die Akte Klabautermann“ einen deutlich größeren Bogen spannt, als lediglich Einblicke in Fallada’s Leben und Schaffen zu gewähren, die man aber selbstverständlich auch bekommt.

Einfühlsam und eindringlich zeichnet Teutsch das Portrait eines Schriftstellers in der letzten Lebensphase, der durch die Zeit und die Lebensumstände schwer gezeichnet und letztlich durch die Drogenabhängigkeit todkrank geworden ist. So dass er 1947 im Alter von lediglich 53 Jahren starb.

Und so wird Teutsch’s flüssig lesbarer, kurzweiliger Roman gleichzeitig zu einem Stück deutscher Literatur- und Kulturgeschichte. Mich haben diese letzten Lebensmonate von Hans Fallada und die Hintergründe zur Entstehung von „Jeder stirbt für sich allein“ sehr berührt und auf jeden Fall die Lust geweckt, dieses einzigartige Werk irgendwann noch ein zweites Mal zu lesen – dann sicher mit einem anderen und geschärften Blick.

Fallada-Fans, Literaturbegeisterte und Geschichtsinteressierte werden anregende und aufschlussreiche Lesestunden mit Oliver Teutsch’s „Die Akte Klabautermann“ verbringen und den Menschen Rudolf Ditzen alias Hans Fallada noch einmal aus einer anderen Perspektive kennenlernen.

„Erich Kästner hat mal über mich gesagt, ich sei ein ewiger Gymnasiast. Ich habe nicht verstanden, was er da meinte, aber wahrscheinlich hatte er recht, irgendetwas in mir ist nie richtig fertig geworden, so daß ich kein richtiger Mann bin, sondern nur ein alt gewordener Mensch.“

(S.270)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Axel Dielmann Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Oliver Teutsch, Die Akte Klabautermann
Axel Dielmann Verlag
ISBN: 978-3-86638-343-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Oliver Teutsch’s „Die Akte Klabautermann“:

Für den Gaumen:
Die Nachkriegszeit war auch die Zeit der Armut und des Hungers. Als Untermieter bei der resoluten Berlinerin Frau Pesoke werden die Ditzen’s mit „Fusselsuppe“ bekocht – eine in heißes Wasser geriebene Kartoffel.
Dagegen sind die Bockwürste mit Kartoffelsalat, die es als Weihnachtsessen bei der Feier im Hause Becher gibt, ein wahres Festessen.

Zum Weiterlesen (I) oder Weiterschauen (I):
Gleich zu Beginn des Romans bei eben jener „Fusselsuppe“ sitzen die Ditzen’s mit einer blonden Schauspielerin bei Frau Pesoke am Esstisch. Ohne dass der Name genannt wird, kann man sich ihre Identität erschließen: Es handelt sich um die junge Hildegard Knef, die Ensemblemitglied des Schlosspark Theaters ist und gerade ihren Text für eine Rolle in „Hokuspokus“ von Curt Goetz lernt.
Das beliebte Bühnenstück wurde mehrfach verfilmt, u.a. 1953 mit Curt Goetz selbst und seiner Ehefrau Valérie von Martens in den Hauptrollen, 1966 dann mit Heinz Rühmann und Liselotte Pulver.

Zum Weiterschauen (II):
Im Jahr 1976 spielt genau jene Hildegard Knef nach einer überstandenen Krebserkrankung die Hauptrolle der Anna Quangel in der Verfilmung von „Jeder stirbt für sich allein“.
Nach dem großen Erfolg der 2011 neu erschienenen ungekürzten Originalfassung des Romans, die zum Weltbestseller wurde, übernahm 2016 Emma Thompson die Rolle der Anna Quangel in einer weiteren Verfilmung.

Zum Weiterlesen (II):
Ich habe „Jeder stirbt für sich allein“ 2011 gelesen und war fasziniert. Die gebundene Ausgabe hat einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal und es zählt zu den Büchern, die ich sicherlich irgendwann noch einmal lesen werde. „Die Akte Klabautermann“ weckt definitiv die Lust, sich noch mal aus einer anderen Perspektive erneut mit Fallada’s letztem Werk zu beschäftigen.

Hans Fallada, Jeder stirbt für sich allein
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-2811-0

9 Gedanken zu “Fallada’s letzter Roman

  1. […] „Und so wird Teutsch’s flüssig lesbarer, kurzweiliger Roman gleichzeitig zu einem Stück deutscher Literatur- und Kulturgeschichte. Mich haben diese letzten Lebensmonate von Hans Fallada und die Hintergründe zur Entstehung von „Jeder stirbt für sich allein“ sehr berührt und auf jeden Fall die Lust geweckt, dieses einzigartige Werk irgendwann noch ein zweites Mal zu lesen – dann sicher mit einem anderen und geschärften Blick.“ – Barbara Pfeiffer bei „Kulturbowle“ […]

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    • Liebe Anna! Das freut mich, wenn ich Deine Neugier geweckt habe. Auch wenn ich Deinen selbstauferlegten Buchkaufstopp natürlich nicht sabotieren möchte. 🙂 Aber Wunschliste ist ja fürs Erste auch schon mal eine gute Alternative. 🙂 Herzliche Grüße! Barbara

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