Februarbowle 2022 – Frühlingsboten und Alltagsfluchten

Zu Beginn des Monats hoffte man auf länger werdende Tage und die ersten Frühlingsboten. Doch der Februar war nicht nur stürmisch, sondern je heller die Tage wurden und je mehr Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem Boden spitzten, um so dunkler und bedrückender wurde es leider.
Trost, Zuflucht und Ablenkung suchte ich bei Theaterbesuchen und in Büchern – kleine Alltagsfluchten und etwas Eskapismus waren ebenso Teil des Februars.

Die große Bandbreite, die Theater und Schauspiel bieten kann, durfte ich mit zwei großartigen Stücken am Landestheater Niederbayern erfahren.
Vom sehr ernsten, schwermütigen, eindrucksvollen und unter die Haut gehenden Fassbinder-Stück „In einem Jahr mit dreizehn Monden“ mit einem grandiosen Joachim Vollrath in der Hauptrolle der Elvira zur luftig-leichten Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster-Dinner“, die mir zwei Stunden Lachen und gute Laune bescherte. Theaterabende wie sie unterschiedlicher kaum sein können und genau das macht aus meiner Sicht die Faszination aus.

Einen guten Film habe ich auch gesehen im Februar:
Akte Grüninger“ (2014), der noch bis zum 04.03.22 in der 3Sat-Mediathek zur Verfügung steht. Basierend auf einer wahren Begebenheit erzählt der Film, wie Im Jahr 1938 der Schweizer Polizeihauptmann Paul Grüninger jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland zur Flucht in die Schweiz verhalf, indem er ihre Einreisevisa vordatierte.

Doch Bücher spielten definitiv wieder die größere Rolle und für den kürzesten Monat des Jahres war mein Lesepensum dieses Jahr mit zwölf Büchern ziemlich erstaunlich.
Gleich zu Beginn des Monats konnte ich eine wirkliche Krimiperle und eine für mich neue Autorin entdecken, die mich sehr begeistert hat: Josephine Tey und ihren Kriminalroman „Nur der Mond war Zeuge“. Faszinierend wie ein Krimi aus dem Jahr 1948, der schon weit über 70 Jahre auf dem Buckel hat, nichts an Spannung eingebüßt hat.

In seinem autobiografischen Werk „Am Ende der Via Condotti“ beschreibt der Ungar Sándor Lénárd, wie er als jüdischer Flüchtling 1938 aus Wien nach Rom kam und sich dort ein völlig neues Leben aufbaute, die Sprache lernte, die Stadt und die Menschen kennenlernte. Zugleich beobachtet er mit scharfem Blick, wie Italien zunehmend in die Diktatur abgleitet. Ein Buch, das mich bewegt und berührt hat – und mich zugleich ein paar Stunden in die ewige Stadt entführen konnte.

Von Rom nach Berlin: Maxim Leo’s neuer Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ erzählt, wie schnell aus einer kleinen Unwahrheit ein großes Lügengebäude entstehen kann. Ein Hochstaplerroman, der mit viel Augenzwinkern und einer gehörigen Prise satirischem Witz eine deutsch-deutsche Geschichte 30 Jahre nach dem Mauerfall erzählt.

Hochspannend und packend war Hartmut Palmer’s Roman „Verrat am Rhein“, der vom gescheiterten Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 handelt. Interessante Hintergründe aus der Feder eines langjährigen, erfahrenen politischen Journalisten über gekaufte Stimmen, Geheimdienste und Spionage verwoben mit einer fiktiven Familiengeschichte – fesselnde Literatur über ein bislang literarisch wenig behandeltes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Etwas mehr erhofft hatte ich mir persönlich von Tim Finch’s Roman „Friedensgespräche“. Ein erfahrener Diplomat, der auf die Vermittlung bei Friedensverhandlungen spezialisiert ist, sinniert bei einem Einsatz in einem abgeschiedenen Hotel in verschneiten Bergen über Musik, Literatur, das Leben und die Liebe. Er trauert um seine vor kurzem verstorbene Frau und so bekommt der Titel eine besondere Doppeldeutigkeit, denn er sucht nicht nur nach einem Weg zum Frieden zwischen den verfeindeten Delegationen, sondern auch nach seinem persönlichen, inneren Frieden. Neben schönen, poetischen Szenen finden sich auch einige Abschnitte, die auf mich eher befremdlich wirkten – so war für mich das Werk über die Trauerarbeit und das Hadern der Hauptfigur, nicht gemeinsam mit seiner Frau alt werden zu dürfen, letztlich leider nicht ganz rund.
Eine ausführliche Rezension gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.

Ein absolut beeindruckendes und außergewöhnliches Debüt durfte ich mit Mattia Insolia’s „Die Hungrigen“ lesen. Wahrlich keine leichte Kost über zwei junge Männer in Süditalien, die in armseligen Verhältnissen und ohne jede Zukunftsperspektive leben. Eine herzzerreißende Geschichte über zwei Brüder, die es nie gelernt haben, ihre Gefühle zu zeigen und die sich in einem Strudel von Armut, Gewalt und Kriminalität verlieren.

Sybille Bedford war eine Reisende und sie war eine wahre Europäerin: in ihrem autobiografischen Werk „Treibsand“ erzählt sie über ihr Leben zwischen Sanary-sur-Mer, Rom, Paris, London und Neapel und ihre Liebe zu Kunst, Kultur, gutem Essen und Literatur. Sie war Zeitgenossin und unter anderem befreundet mit Aldous und Maria Huxley, Klaus und Erika Mann – sie führte ein schillerndes Leben als Journalistin und Schriftstellerin, das viel Erzählstoff bietet.

Eine schöne Überraschung war Gianna Milani’s Krimi „Commissario Tasso auf dünnem Eis“, den ich bei Mona’s Krimiliteraturquiz auf ihrem Blog „Tintenhain“ gewonnen habe. Glück bei der Verlosung und viel Freude bei der Lektüre dieses charmanten Südtirol-Krimis, der in den Sechzigern spielt und ebenfalls eine herrliche Alltagsflucht in die verschneite italienische Bergwelt bietet – was will man mehr?

Mit Amanda Cross’ „Die letzte Analyse“ konnte ich einen weiteren Krimiklassiker entdecken, der gerade eine Renaissance erlebt. Die Literaturprofessorin Kate Fansler schlittert eher zufällig in ihren ersten Fall, als eine ihrer Studentinnen auf der Couch des Psychoanalytikers ermordet wird, den sie ihr persönlich empfohlen hat. Ein Kriminalfall im New Yorker Intellektuellenmilieu aus dem Jahr 1964. Unterhaltsam!
Es gibt bereits sehr schöne Besprechungen bei Anna auf buchpost, bei Leseschatz, Letteratura oder literaturleuchtet, die einen ausführlichen Einblick geben.

Eine weitere Zeitreise – allerdings ins Wien der Fünfziger Jahre – schenkte mir Elisabeth de Waal’s Buch „Donnerstags bei Kanakis“. Atmosphärisch dicht wird erzählt, wie ein jüdischer Wissenschaftler aus der Emigration in den USA in seine alte Heimat Wien zurückkehrt. Doch schnell wird klar, dass er sein altes Leben nicht zurückbekommt – zu viel hat sich zwischenzeitlich verändert. Und auch die junge Amerikanerin mit österreichischen Wurzeln Marie-Theres wird im Nachkriegsösterreich nicht glücklich. Ein authentisches Zeit- und Sittengemälde!

Dass er auch schon vor zehn Jahren ein grandioser Geschichtenerzähler war, konnte ich bei der Lektüre von Ewald Arenz’ Roman „Das Diamantenmädchen“ aus dem Jahr 2011 feststellen. Ein funkelndes Schmuckstück aus dem glitzernden Berlin der Zwanziger Jahre mit sympathischen Figuren, das ich regelrecht verschlungen habe – hier möchte ich bald noch ausführlicher berichten.

Und last, but not least ein Werk aus Frankreich: Louise De Vilmorin „Belles amours“. Der Roman aus dem Jahr 1954 über eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit ausdrucksstarken, feinen Charakterzeichnungen in einer Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky – ein ästhetischer, intelligenter Lesegenuss – auch hierzu gibt es sehr bald einen ausführlichen Beitrag.

Was bringt der März?
Im Landestheater Niederbayern freue ich mich ganz besonders auf die Premiere des Musicals „Me and my girl“ (Musik von Noel Gay). Schon das erste Reinhören in ein paar Songs und auch die Werkeinführung war sehr vielversprechend und so hoffe ich auf einen unterhaltsamen, fröhlichen Theaterabend, der mit wunderbarer Musik aus den 30er Jahren hoffentlich die Sorgen für ein paar Stunden vergessen und die Seele tanzen lässt.

Die Bayerische Staatsoper bietet voraussichtlich am Sonntag, den 06.03.22 um 18.00 Uhr auf Staatsoper TV einen Videolivestream aus dem Münchner Nationaltheater von Benjamin Britten’s „Peter Grimes“ in einer Neuinszenierung von Stefan Herheim an. Die Titelrolle singt Stuart Skelton und Rachel Willis-Sørensen ist als Ellen Orford zu sehen.

Für Opernfans könnte aber auch die Ausstrahlung der „Aida“ aus der Dresdner Semperoper auf ARTE am 13.03.22 um 16.25 Uhr ein besonderer Höhepunkt im März werden. Die Inszenierung ist von niemand geringerem als Katharina Thalbach und der von mir sehr geschätzte Georg Zeppenfeld gibt sein Rollendebüt als Ramfis. In den Hauptrollen sind Francesco Meli und Krassimira Stoyanova zu erleben.

Neugierig bin ich auch auf den Fernsehfilm „Honecker und der Pastor“, der am 18.03.2022 um 20.15 Uhr auf ARTE und am 21.03.22 um 20.15 Uhr vom ZDF ausgestrahlt wird. Edgar Selge spielt Erich Honecker und es geht um die zehn Wochen im Jahr 1990, in welcher Honecker und seine Frau beim evangelischen Pastor Uwe Holmer Zuflucht fanden.

Mein Bücherstapel – oder wohl besser meine Bücherstapel – bieten noch reichlich Stoff für etwas Eskapismus und weitere Alltagsfluchten bzw. literarische Reisen im März, von welchen ich auch weiterhin berichten möchte.

Hoffen wir also das Beste und ich wünsche allen einen guten, gesunden Start in den Frühling und den März! Passt auf Euch auf!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Februar:

Die kulinarische Neuentdeckung des Monats habe ich Nanni und ihrem Blog „Helden der Vorzeit“ zu verdanken: Es gab zum ersten Mal Tartiflette – allerdings eine vegetarische Variante ohne Speck: Kartoffeln, Zwiebeln, Weißwein und Reblochon, ein wenig würzen und ab in den Ofen… und relativ schnell hat man eine wunderbare, wohlige und würzige Mahlzeit.

Musikalisches im Februar:
Ein emotionaler, musikalischer Moment war in diesem Jahr erneut (wie auch schon in 2021) der Song „Halt mer zam“ der A-cappella-Band Viva Voce bei der Fastnacht in Franken im Bayerischen Fernsehen. Ein Stück, das auch nach einem Jahr nichts an Aktualität und musikalischer Qualität verloren hat.

„Ich mag die Bibliothek sehr und bin stolz darauf, dass ich unter Millionen Büchern stets den gesuchten Band finde. Ein wenig ist das so wie das Spiel auf einer Riesenorgel oder als ob jemand in einer Millionenstadt nach der für ihn bestimmten Frau sucht – Bücher haben ein Schicksal, so wie ihre Leser auch: Alles hängt davon ab, ob und wann sie sich begegnen.“

(aus Sándor Lénárd’s „Am Ende der Via Condotti“, S.290)

2 Gedanken zu “Februarbowle 2022 – Frühlingsboten und Alltagsfluchten

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