Eine Prise Leichtigkeit

Kafka’s berühmtes Zitat „ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ passt nicht zu Julia Mattera’s Roman „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“ – vielmehr könnte man es als einen Kochlöffel für die wärmende tröstliche Seelennahrung, die der Mensch von Zeit zu Zeit braucht, bezeichnen. Und mal ehrlich, was hat der Durchschnittsmensch häufiger in der Hand – einen Kochlöffel oder eine Axt?

„Nein, ich bin aus eigenem Antrieb gekommen. Ich fühle mich wohl hier. Und ich mag Menschen, die nicht sprechen, wenn sie nichts zu sagen haben.“

(S.44)

Schauplatz des Romans ist ein gemütlicher, kleiner feiner Gasthof im Elsass, der von Robert Walch und seiner Schwester Elsa in Familienhand geführt wird. Elsa kümmert sich um den Hotelbetrieb und die Gäste – und ist nebenbei alleinerziehende Mutter von äußerst lebhaften Zwillingen. Robert’s Reich hingegen ist die Küche und der Gemüsegarten – seine Gäste lieben seine herausragenden regionalen Gerichte. Am liebsten hat er jedoch seine Ruhe, kümmert sich um seine Pflänzchen und Schätze im Garten – im Sinne eines Möhrenflüsterers schwört er darauf, dass alles besser wächst und gedeiht, wenn er mit seinen Zöglingen spricht.

„Du hast mich gebeten, dir mein Geheimnis zu verraten. Und genau darin liegt es. Die Bewohner meines Gemüsegartens sind genauso empfindsam wie du und ich, wenn nicht noch um einiges mehr. Deshalb nehme ich mir die Zeit, mit ihnen zu reden, sie zu unterhalten und ihnen zu erklären, was für ein Glück sie haben, in meiner Küche zu landen…“

(S.66)

Zu anderen Menschen hingegen hat er meist keinen so guten Draht. Er ist eigenwillig, schrullig und zieht sich meist lieber in sich selbst zurück. Gerade einmal die zupackende Kinderfrau Fatima, die sich liebevoll um die Zwillinge seiner Schwester kümmert, und ihr Sohn Hassan finden nach und nach in kleinen Schritten einen Zugang zu Robert’s Welt.

„Ihre Kindheit war sicher alles andere als unbeschwert. Glückliche Kinder werden zu offenen Erwachsenen, aber Sie scheinen zu einer kindlichen Unschuld zurückkehren zu wollen, weil Ihnen dieses unbeschwerte Lebensgefühl so früh genommen wurde.“

(S.101)

Als dann plötzlich auch noch die quirlige, temperamentvolle Engländerin Maggie im Elsass auftaucht, wird Robert’s Alltag und Gefühlsleben gehörig durcheinander gewirbelt.

Julia Mattera hat ein lebensbejahendes, positives Buch über Toleranz, Freundschaft und Liebe geschrieben, das zugleich eine bezaubernde Hymne auf bewussten und bodenständigen, kulinarischen Genuss sowie die ehrliche, traditionelle und handwerklich gute Küche mit hochwertigen Produkten ist.
Es ist herzerwärmend zu lesen, wie sich der Einsiedler und Eigenbrötler Robert mehr und mehr für sein Umfeld öffnet und plötzlich auch Nähe zulassen kann und möchte.

Ist das Buch immer realistisch? Nein, will und soll es aber auch nicht sein. Denn manchmal tut es auch einfach gut, sich in eine andere, sonnige und wohltuende Umgebung entführen zu lassen und dem Alltag ein paar Buchseiten lang zu entfliehen.
Und das gelingt Mattera wunderbar dank sympathischer und warmherziger Figuren, einer gefühlvollen und zärtlichen Geschichte mit Leichtigkeit, Wärme und ganz viel Licht. Ab und zu fühlte ich mich an „Die fabelhafte Welt der Amelie“ erinnert – allerdings befinden wir uns nicht in Montmartre, sondern im schönen Elsass.

Das Buch romantisiert stark, vielleicht ist es für manche Leser auch ab und zu ein wenig zu zuckersüß – für mich persönlich hätte es an der einen oder anderen Stelle auch ein Hauch mehr Zartbitter statt Zuckerguss sein dürfen. Doch dies tut dem Lesegenuss keinen Abbruch, denn stilistisch ist es absolut stimmig und darf daher aufgrund des magischen, märchenhaften Charakters der Erzählung auch durchaus mal etwas dicker auftragen.

„Mir kommt es so vor, als wäre ich in einem Märchen gelandet“

(S.168)

Es ist ein wunderbar verträumtes Märchen für junggebliebene Erwachsene, die sich für ein paar Stunden nach etwas heiler Welt sehnen und einfach mal Probleme Probleme und Sorgen Sorgen sein lassen wollen. Vielleicht braucht man gerade auch in diesen Zeiten ab und an ein Stückchen positiven Eskapismus und Balsam für die Seele – quasi ein „Seelenzuckerl“, das mit seinen etwas über 200 Seiten auch schnell verschnabuliert ist.

Aber Achtung! Appetit und Hunger sind bei dieser Lektüre definitiv vorprogrammiert, also sollte der Kühlschrank und die Speisekammer für spontane Kochgelüste ausgestattet sein. Zumindest etwas Gemüse, Brot, Käse und Wein sollte man definitiv im Hause haben. Ich wünsche eine genussvolle Lektüre und bon appétit!

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 15) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, in dem Kulinarisches eine Rolle spielt lesen. Julia Mattera hat eine wahre Liebeserklärung ans Kochen und den bewussten, kulinarischen Genuss geschrieben, daher passt dieser Roman perfekt für diesen Punkt auf meiner Liste.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Julia Mattera, Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach
Übersetzung aus dem Französischen von Monika Buchgeister
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0098-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Koch, der zu Möhren und Sternen sprach“:

Für den Gaumen:
Im Anhang des Romans gibt es als Zugabe ein paar elsässische Rezepte zum Nachkochen: zum Beispiel Baeckeoffe oder Flammenkueche.
Besonders gerne würde ich allerdings die tourtes (elsässische Pastete) von Robert probieren:

„Und die Touristen kommen in Scharen hierher, um seine tourtes mit Münsterkäse zu genießen. Es ist nicht nur die elsässische Spezialität, die sie in der auberge von Familie Walch entdecken, sondern ein Familienerbe, ein Konzentrat aus Erinnerungen und Liebe, das nur darauf wartet, gekosten zu werden.“

(S.51)

Zum Weiterhören:
Musikalisch hat der Roman einiges an Ohrwürmern zu bieten:
Wohlbekanntes wie John Lennon’s „Imagine“ oder Jane Birkin’s „Je t’aime moi non plus“, aber für mich auch eine Neuentdeckung: Étienne Daho mit seinem Chanson „Week-end à Rome“ – typischer 80er Jahre Sound, den ich bisher nicht kannte.

Für die nächste Unternehmung oder den nächsten Einkaufsbummel:
Einfach mal wieder über einen Wochenmarkt schlendern, die Stände mit frischem Obst und Gemüse bewundern, genussvoll regionale Produkte frisch vom Erzeuger kaufen und etwas Schönes daraus kochen. Julia Mattera’s Roman macht definitiv große Lust auf saisonales, regionales und frisches Gemüse.

Zum Weiterlesen:
Wer mehr über das Elsass und vor allem auch über die Lebenswege einer Frauengeneration von dort erfahren möchte, dem kann ich Pascale Hugues’ Buch „Mädchenschule“ sehr empfehlen, das ich letztes Jahr bereits hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe und das zu meinen Lesehöhepunkten des Jahres 2021 zählte.

Pascal Hugues, Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt
ISBN: 978-3498002718

10 Gedanken zu “Eine Prise Leichtigkeit

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