Grenzerfahrung

Winter, eine verschneite Berglandschaft und eine Frau mit einem Begleiter im Schlepptau bahnt sich den Weg durch den Schnee – sie möchte zur Grenze. Raus aus Deutschland, raus aus der Angst und der Gefahr, der sie als Jüdin tagtäglich ausgesetzt ist. Grete Weil hat 1944/45 in einem Amsterdamer Versteck ihren ersten Roman „Der Weg zur Grenze“ verfasst, der jetzt zum ersten Mal veröffentlicht wurde.

Ein Werk, das stark autobiografisch geprägt ist und in dem die Hauptfigur – die junge Monika Merton – 1936 versucht, aus Deutschland zu fliehen. Ihrem eher zufälligen Begleiter, dem Dichter Andreas von Cornides, erzählt sie ihre Geschichte.
Sie erzählt von ihrer Kindheit, in welcher sie behütet in einem bildungsbürgerlichen und wohlsituierten Elternhaus aufwächst und von ihrem Vater an Literatur, Musik und Oper herangeführt wird. Bereits als junges Mädchen entwickelt sie eine große Zuneigung zu ihrem Vetter Klaus und aus zarten Gefühlen wird schließlich Liebe.

„Du und ich, wir werden uns immer wieder an dieser Flamme verbrennen, wir sind ja viel zu süchtig nach Leben um heil zu bleiben.“

(S.79)

Monika und Klaus heiraten, doch die politische Situation und die Lebensumstände der jüdischen Bevölkerung verschlechtern sich dramatisch und drastisch und überschatten so das Glück der beiden. Klaus wird verhaftet, ins Konzentrationslager Dachau gebracht, wo er schließlich verstirbt.

„Um glücklich verheiratet zu sein, bedarf es einer Reife, die aus der Gebundenheit die tiefste Freiheit zu machen weiß, und einer bewussten Lebensführung, die den Bund für die Mitwelt zum liebenswerten Kunstwerk, für die beiden, die ihn eingegangen sind, aber zur ewigen Quelle des Lebens werden lässt.“

(S.161)

Monika bleibt allein zurück, entschließt sich zur Flucht und macht sich auf den „Weg zur Grenze“.

„Der Weg zur Grenze“ ist ein Buch über Menschlichkeit, Haltung und Moral, aber auch über die Liebe – wenn auch eine meist unerfüllt-unglückliche – mit interessanten philosophischen Gedankengängen und Ausführungen.
Der Roman lebt stark auch durch viele Szenen, in welchen rege Diskussionen in intellektuellen Kreisen bzw. zwischen den Figuren geführt werden.
Im Buch wird debattiert, gehadert und um Erklärungen gerungen.
So wird zum Beispiel auch über das Pro und Contra der Todesstrafe diskutiert oder man begegnet einem Soldaten, der damit hadert, einen Tötungsbefehl gegeben zu haben.

„Der Weg zur Grenze“ ist ein wichtiges und eindrückliches Buch, für das man jedoch Kraft braucht, das nichts für zarte, empfindsame Seelen ist und für das man sich Zeit und einen ruhigen Moment nehmen sollte. Es ist schonungslos, direkt und legt die Finger in die riesengroßen Wunden der damaligen Zeit. Ein schmerzhaftes Buch, welches das Grauen unmittelbar thematisiert und beim Namen nennt. Es behandelt Flucht, Suizidversuche, Deportation, Morde und Gewalt ebenso wie die Verhältnisse in den Konzentrationslagern – geschrieben 1944/45 von einer Frau, die zu dieser Zeit in einem kleinen Amsterdamer Versteck sitzt, täglich um ihr Leben fürchtet und bereits ihren Mann verloren hat, der 1941 im KZ Mauthausen ermordet wurde.

„Ihre Nerven, aus dem Erbgut jahrhundertelanger Verfolgung aufs Feinste gestimmt, wussten besser als sie selbst, wie groß der Segen ist, wenn die Ausübung von Humanität Ruhe und Atempause, Sammlung und menschenwürdiges Dasein für eine Zeitlang verbürgt. Ihr Verstand freilich dachte skeptisch darüber, und zehn Millionen im Namen der Zivilisation ermordeter Leichen machten den Glauben unmöglich.“

(S.116/117)

Autofiktional erzählt sie verschlüsselt ihre eigene, tragische Geschichte in einer Eindringlichkeit, der man sich nicht entziehen kann und möchte.
Zugleich ist es ein intelligentes, philosophisches Buch mit wunderbaren, klugen und klaren Sätzen – und für die Autorin wohl auch ein therapeutisches Buch, in dem sie versuchte, sich Leid, Trauer und Schmerz von der Seele zu schreiben – ein Versuch das Unfassbare zu verarbeiten und Erklärungen für das Unerklärbare zu finden.

„Ich glaube nicht daran, dass es Ideen gibt, die immer und unter allen Umständen richtig sind. Darum möchte ich die Welt so ansehen, mit etwas zusammengekniffenen Augen, damit die Sterne ein wenig verschwimmen, ineinanderfließen zu einer Helligkeit und ich nicht glauben muss, dass meine Sonne die einzige Quelle der Wärme ist. Bei allem Ernst möchte ich ungern auf die Ironie verzichten, die den letzten und schrecklichsten Dingen die Spitze abbricht.“

(S.85)

Es ist ein wichtiges, eindrucksvolles Zeitzeugnis und ein Werk gegen das Vergessen, das jetzt endlich – nach so langer Zeit – den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat.
Ein flammender Appell an Zivilcourage und Menschlichkeit:

„Glaubst du“, fragte sie, stand auf und stellte sich neben ihn, „dass die Opfer schuldlos sind? Wir alle, du und ich und auch Klaus, haben es soweit kommen lassen, ohne ernstlich etwas dagegen zu tun. Wir haben mit in den Schoß gelegten Händen zugesehen, wie die Dämonen über unser Land gekommen sind. Die Sorge um Deutschland hat uns nicht um unsern Schlaf gebracht. Wir haben vorgegeben, Leben und Freiheit zu lieben, und waren zu faul, von unseren weichen Betten aufzustehen.“

(S.336)

Abgerundet wird die Ausgabe durch eine editorische Notiz und ein interessantes Nachwort der Herausgeberin Ingvild Richardsen, das die Entstehungsgeschichte des Werks sowie die autobiografischen Bezüge des Romans zu Grete Weil’s Lebensgeschichte herausarbeitet.
Grete Weil (1906 – 1999) wurde zu Lebzeiten unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis, dem Tukan-Preis der Stadt München und der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Grete Weil, Der Weg zur Grenze
C.H.Beck Verlag
ISBN: 978-3-406-79106-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Grete Weil’s „Der Weg zur Grenze“:

Für den Gaumen:
Auf der Flucht bewirtet Monika ihren Begleiter Andreas auf einer Berghütte noch ziemlich fürstlich:

„Es gab Brot und Wurst, harte Eier, Schinken, Sardinen, Orangen, Äpfel und Kuchen, Rosinen, Mandeln und Haselnüsse, Tee und Cognac (…)“

(S.25)

Zum Weiterhören:
Als Weihnachtsgeschenk und als Zeichen seiner Liebe schenkt Klaus Monika Schallplatten von Mozart’s „Requiem“ – Musik, die beiden sehr viel bedeutet:

„(…) die Orgel ertönte, und es war alle Trauer, aber auch alle süße Freude der Welt in dieser Musik.“

(S.198)

Zum Weiterschauen oder für einen Theaterbesuch:
In friedlichen Zeiten geht Monika auch gerne ins Theater – unter anderem besucht sie eine Aufführung von Shakespeare’s „Romeo und Julia“:

„Er hat zwei Karten für ‚Romeo und Julia‘ erstanden, das in dem Ausstellungstheater gegeben wird, und es dauert nicht lange, bis die beiden Kinder nebeneinander sitzen und zusammen den süßesten, innigsten Liebesworten lauschen, die je gesagt wurden.“

(S.34)

Zum Weiterlesen:
Meine Lektüre von Anne Frank’s Tagebuch liegt viele Jahre zurück – ich habe es während meiner Schulzeit gelesen. Und vieles der Entstehungsgeschichte von Grete Weil’s „Der Weg zur Grenze“ erinnert auch ein wenig an dieses berühmte Buch. Schließlich schrieb Weil den Roman ebenso unter widrigen Umständen in einem Amsterdamer Versteck. Natürlich lässt sich der Tonfall der erwachsenen Frau, die in Romanform ihre Erfahrungen verarbeitete, nicht mit der Tagebuch-Form der jugendlichen Anne Frank vergleichen und doch handelt es sich um zwei Zeitzeugnisse und wichtige Mahnmale gegen das Vergessen:

Anne Frank, Tagebuch
Übersetzerin: Mirjam Pressler
S.Fischer
ISBN: 978-3-10-397151-4

5 Kommentare zu „Grenzerfahrung

  1. Danke, liebe Barbara, für die Empfehlung. Ich habe gerade „Der Pianist“ von Władysław Szpilman gelesen, das reiht sich auch ein in das Thema. Die Suche nach Antworten auf die Frage, wie die betroffenen Verfolgten (hier Juden) mit dem Erlebten umgehen, wie sie reagieren, warum sie hoffen, statt sich zu wehren, und bis es zu spät war, womöglich „zu faul waren, um von den weichen Betten aufzustehen“. Diese Fragen können wohl nur wir Unbeteiligten im Nachhinein stellen …

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    1. Gern geschehen, Bernd. Ja, zumal andere Werke der Autorin ja bereits vor einiger Zeit erschienen sind. Im Nachwort wird erklärt, dass ihre Werke kurz nach dem Krieg zunächst in Westdeutschland keinen Verleger und keine Resonanz fanden. Erst seit den 80er und 90er Jahren bekam sie als Autorin wirklich Aufmerksamkeit, was Herausgeberin Ingvild Richardsen wie folgt begründet: „dass in Deutschland aus vielen Gründen die Bereitschaft gewachsen war, sich mit dem Holocaust und dem Verständnis für die Bedingungen seiner Möglichkeit zu beschäftigen.“ (S.373)

      Gefällt 1 Person

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