Bühne frei für Hercule Poirot

Bunte Blätter, Morgennebel, eindrucksvolle Wolkentürme, Wind und Regentropfen: Herbstwetter und genau die richtige Jahreszeit, um es sich mit einem (oder zwei) britischen Krimiklassiker(n) im Lesesessel gemütlich zu machen. Das farbenfrohe, herbstliche Schauspiel vor dem Fenster und in Agatha Christies erstem Roman „Das fehlende Glied in der Kette“ betritt einer der berühmtesten Detektive aller Zeiten die literarische Weltbühne, bis er in „Vorhang“ wieder abtritt und seinen letzten Fall löst.

„Er war ein drolliger kleiner Mann, ein richtiger Dandy, aber unglaublich klug.“

(aus Agatha Christie „Das fehlende Glied in der Kette“, S.14)

Zwischen seinem ersten Auftritt und seinem letzten werden 55 Jahre vergehen.
Das fehlende Glied in der Kette“ (Originaltitel: The Mysterious Affair at Styles) erschien als erster Kriminalroman von Agatha Christie 1920 – verfasst hatte sie ihn bereits 1916 während des ersten Weltkriegs. „Vorhang“ (Originaltitel: Curtain: Poirot’s Last Case) – der 33. und letzte Fall für Hercule Poirot – lag bereits seit 30 Jahren als Vorsorge für schlechte Zeiten in einem Banktresor und wurde schließlich 1975 als letztes Buch zu Agatha Christies Lebzeiten veröffentlicht, die 1976 verstarb.

Die beiden Bände eint nicht nur der Erzähler Arthur Hastings – der Freund des belgischen Flüchtlings und charismatischen Detektivs Hercule Poirot – sondern auch der Schauplatz: Styles – ein Landgut in der südenglischen Grafschaft Sussex.

Die Geschichte beginnt während des ersten Weltkriegs, als der verwundete Ich-Erzähler Arthur Hastings aus dem Krieg zurückkehrt und von einem Freund auf das Landgut seiner Stiefmutter eingeladen wird. Doch der Aufenthalt gestaltet sich schnell weniger erholsam als gedacht, zumal die Hausherrin plötzlich mysteriöse Krämpfe erleidet und stirbt. Wurde sie vergiftet?

Es trifft sich gut, dass der erfahrene belgische Detektiv Hercule Poirot gerade als Flüchtling in der Nachbarschaft logiert und als er um Hilfe gebeten wird, sich sofort daran macht auf seine unnachahmliche Art und Weise zu ermitteln.

„Ich betrachtete den außergewöhnlichen kleinen Mann und wusste nicht, ob ich mich ärgern oder lachen sollte. Er war so unglaublich selbstsicher. Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, nickte er freundlich. ‚Oh ja, mon ami. Ich würde tun, was ich sage.’ “

(aus Agatha Christie „Das fehlende Glied in der Kette“, S.94/95)

Schon in Agatha Christies Debütroman blitzen die Krimi-Elemente auf, für welche sie ihre Leser ein Leben lang verehren und lieben werden. Und auch die beliebte Figur Hercule Poirot bekommt bereits prägnante Züge und ein erstes Profil, das über dreißig Romane lang tragen und der Leserschaft ans Herz wachsen wird.

Über den Fall möchte ich gar nicht all zu viele Worte verlieren – ein herrschaftlicher Landsitz, Türen, Schlüssel, Dokumente, Geistiges und Giftiges – alles da, was man braucht und Agatha Christie legt den Grundstein für ihre große Karriere als Kriminalschriftstellerin.

„Aber wir müssen eben noch intelligenter sein. Wir müssen so intelligent sein, dass uns der Mörder für dumm hält.“

(aus Agatha Christie „Das fehlende Glied in der Kette“, S.137)

Viele Jahre später: Arthur Hastings kehrt – dieses Mal auf Wunsch seines langjährigen Freundes Hercule Polrot – noch einmal nach Styles zurück.

Eines allerdings war seltsamerweise gleich geblieben: ich war auf dem Weg nach Styles, um mich dort mit Hercule Poirot zu treffen.“

(aus Agatha Christie „Vorhang“, S.7)

In „Vorhang“ treffen wir einen gealterten, kranken, gelähmten und gebrechlichen Hercule Poirot, der zwar körperlich schwer gezeichnet, aber geistig immer noch hellwach ist. Er hat begründeten Anlass zur Sorge, dass ein gefährlicher Mörder auf Styles bald wieder zuschlagen wird und möchte den nächsten Mord um jeden Preis verhindern. Hierfür benötigt er die Hilfe seines Freundes Arthur Hastings, da er körperlich nicht mehr in der Lage ist, alleine zu ermitteln.

„Mir wurde nur der Kontrast bewusst – ich war schon früher einmal hier, wissen Sie, vor vielen Jahren, als junger Mann. Ich musste gerade an den Unterschied zwischen damals und jetzt denken.“

(aus Agatha Christie „Vorhang“, S.100)

Und so ermitteln die beiden Freunde noch einmal an dem Ort, an dem alles begann, in einem komplizierten und hochgefährlichen Fall – begleitet von Trauer über das Alter, mit einer gehörigen Prise Wehmut und in dem Wissen, dass dieser Fall wohl ihr letztes gemeinsames Abenteuer sein wird.

„Was soll’s, es war ein erfülltes Leben gewesen. Dennoch tat es mir in der Seele weh zu sehen, wie tapfer sich mein alter Freund mit jedem einzelnen Schritt seinem Niedergang entgegenstemmte. Selbst jetzt noch, da er verkrüppelt und kraftlos war, trieb ihn sein unbezwingbarer Geist dazu, das Handwerk, das er so meisterlich beherrschte, weiter auszuüben.“

(aus Agatha Christie „Vorhang“, S.59)

Es war reizvoll, die beiden Bände direkt nacheinander zu lesen, zumal in „Vorhang“ viele Elemente des ersten Falls wieder aufgegriffen werden und häufig auf „Das fehlende Glied in der Kette“ Bezug genommen wird. Auch die Entwicklung der Figuren und die stellenweise geradezu schwermütige Stimmung in „Vorhang“ kommt im Kontrast zum jugendlichen, lebendigen Auftakt besonders stark zur Geltung.

„Seine leicht antiquierte Art, sich auszudrücken, berührte mich seltsam. Sie beschwor den Zauber und das Behagen einer fast schon untergegangenen Welt herauf.“

(aus Agatha Christie „Vorhang“, S.81)

Für ein gemütliches Krimiwochenende oder ein entspannendes Lesevergnügen zwischendurch sind die Krimi-Klassiker von Agatha Christie immer eine sichere Bank und eine hervorragende Wahl, bei der man nichts falsch machen kann. Gerade im Herbst macht es besonderen Spaß, sich gedanklich mit Poirot, Miss Marple und Co. am Kaminfeuer eines englischen Landsitzes bei Tee oder Whisky und einem Kartenspiel zu versammeln und mitzurätseln.

„Das fehlende Glied in der Kette“ und „Vorhang“ sind ein wunderbares Krimiduett, das ich gerade in dieser Kombination sehr empfehlen kann. Der große Hercule Poirot erobert gleich zum Auftakt die Herzen der Leser im Sturm, bevor er sich in „Vorhang“ von Styles und der Bühne verabschiedet. Der Kreis schließt sich, der Vorhang fällt.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 6) auf der Liste: Ich möchte einen Krimi von Agatha Christie lesen. Es ist immer wieder ein Genuss, in die Fälle der Queen of Crime abzutauchen, die auch viele Jahre nach Erscheinen immer noch ihren ganz eigenen, besonderen Zauber bewahrt haben.

Eine weitere Besprechung von „Das fehlende Glied in der Kette“ gibt es bei Crimealley.

Buchinformationen:
Agatha Christie, Das fehlende Glied in der Kette
Aus dem Englischen von Nina Schindler
Atlantik / Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-65052-5

Agatha Christie, Vorhang
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Atlantik / Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-00872-2

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich Agatha Christies Poirot-Krimis „Das fehlende Glied in der Kette“ und „Vorhang“:

Für den Gaumen:
In „Vorhang“ lässt sich die kränkelnde Barbara Franklin einen Eggnog mixen – laut Wikipedia ein „meist alkoholhaltiges Getränkt mit Ei und Milch oder Sahne“. Die Weihnachtszeit naht – wer gerne auch mixen möchte, der findet hier ein Rezept, das ich jedoch selbst noch nicht probiert habe.

Zum Weiterlesen (I):
Agatha Christie war selbst sehr theaterbegeistert und schrieb auch zahlreiche Stücke fürs Theater. In „Vorhang“ – allein diesen Titel für den letzten Fall ihres Ermittlers Poirot zu wählen, sagt in meinen Augen schon viel aus – bekommt das Shakespeare-Stück „Othello“ einen ganz besonderen Auftritt:

William Shakespeare, Othello
Herausgegeben von Dietrich Klose
Übersetzt von Wolf Heinrich Baudissin
Reclam
ISBN: 978-3-15-000021-2

Zum Weiterlesen (II):
Bereits in den Anfangszeiten meiner Kulturbowle habe ich (hier) die Agatha Christie-Biografie von Barbara Sichtermann vorgestellt, die ich sehr gerne und mit großem Interesse gelesen habe. Alle, die gerne mehr über das Leben und Werk der wohl bekanntesten Krimiautorin aller Zeiten erfahren wollen, liegen damit goldrichtig:

Barbara Sichtermann, Agatha Christie – Eine Biografie
Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-215-9

Zum Weiterlesen (III):
Es gibt 33 Romane mit Hercule Poirot als Ermittler, die ich hier nicht alle auflisten möchte, aber wer Lust auf weitere Krimiunterhaltung hat, der kann sich aus dem reichen Schatz bedienen, den Agatha Christie uns hinterlassen hat. Und in diesem Sinne kann ich mich den Worten der Autorin, die sie ihrem Hastings in den Mund legt, selbst nur anschließen:

Ein Leben ohne Poirot war mir nahezu unvorstellbar…“

(aus Agatha Christie „Vorhang“, S.59)

10 Kommentare zu „Bühne frei für Hercule Poirot

  1. Da werde ich schon vom bloßen Zuhören und Zulesen melancholisch. Miss Marple als Filme habe ich schon immer gemocht. Von Agatha Christie habe ich noch nie etwas gelesen. Wird vielleicht mal Zeit, jetzt, wo es kühl und teegerecht im Herbstwind zugeht! Schön, dieses langsame, ruhige Lesen! Viele Grüße ins Wochenende hinein!

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    1. Ich kannte auch die Miss Marple-Filme, bevor ich die ersten Bücher von Agatha Christie gelesen habe. Aber die Lektüre ist wirklich auch ein Vergnügen und für mich passen sie einfach wunderbar in den Leseherbst. Insofern solltest Du Agatha Christies Krimis vielleicht auch in Buchform mal eine Chance geben – eventuell am besten mit einem Fall, den Du noch nicht als Verfilmung kennst. Eine Tasse Tee dazu… zum Abschalten und Entspannen gibt es kaum etwas Besseres… Schöne Wochenendgrüße!

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    1. Liebe Manuela! Falls Du die beiden Fälle noch nicht kennst, kann ich sie Dir wirklich sehr empfehlen. Ich fand gerade die Kombination aus erstem und letzten Fall besonders reizvoll – quasi vom Anfang bis zum Ende und der Kreis schließt sich. Ganz herzliche Sonntagsgrüße! Barbara

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    1. 🙂 Schön, ich bin mir sicher, Du wirst fündig werden. Und egal, was Du aus dem Regal ziehst, falsch machen kann man mit Agatha Christie ja eigentlich eh nichts… viel Spaß beim Lesen und einen schönen Sonntagabend! Herzliche Grüße, Barbara

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