Oktoberbowle 2022 – Farbrausch und Goldenes

Dieser Oktober war nicht nur wettertechnisch ein goldener, sondern das Goldene zog sich auch durch so manch schönes Buchcover oder musikalische Erlebnis in diesem unglaublich sonnigen, schon nahezu spätsommerlichen Monat, der nochmal zum Draußensitzen einlud.
An den bunten, leuchtenden, sich färbenden Blättern und dem sinnlichen Farbrausch der Natur konnte ich mich kaum satt sehen und auch kulturell war viel geboten:

In meinem Heimattheater – dem Landestheater Niederbayern – war für mich im Oktober Zeit für zwei Komödien „Boeing Boeing“ und „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“, mein persönlicher Höhepunkt diesen Monat jedoch, der noch lange nachhallt und mich sehr beschäftigt, war die Lesung „Ein deutsches Leben“ von Christopher Hampton mit der großartigen Kammerschauspielerin Ursula Erb, die auf unvergleichliche Weise Brunhilde Pomsel, einer Sekretärin im Propagandaministerium Joseph Goebbels, ihre Stimme und ihren Ausdruck lieh.

Im kostenlosen Livestream der Bayerischen Staatsoper durfte ich die Neuinszenierung der Mozart-Oper „Così fan tutte“ mit einem großartigen Christian Gerhaher als Don Alfonso erleben (die Aufführung ist noch als Video-on-Demand bis zum 28.11.22 auf der Website der Bayerischen Staatsoper verfügbar).

Auf ARTE gab es Richard Wagners „Rheingold“ aus der Berliner Staatsoper unter den Linden mit einer tollen Besetzung zu sehen (u.a. Michael Volle als Wotan, Johannes Martin Kränzle als Alberich, Claudia Mahnke als Fricka und Rolando Villazón als Loge – um nur einige wenige zu nennen) – auch hier besteht noch die Möglichkeit sich bis zum 17.02.23 die Aufführung kostenlos in der Mediathek ARTE Concert anzusehen.

Und auch zwei interessante – wenn auch sehr unterschiedliche – Filme habe ich diesen Monat gesehen, die ich als Tips hier noch weitergeben möchte:
Den Kinofilm „Undine“ des Regisseurs Christian Petzold aus dem Jahr 2020 mit Paula Beer, die für ihre Rolle den silbernen Bären der Berlinale erhielt, der auf ARTE lief und noch bis zum 12.11.22 auf der ARTE Mediathek verfügbar sein wird.

Und die Fernsehproduktion „Martha Liebermann – Ein gestohlenes Leben“ (noch bis zum 10.01.23 in der ARD Mediathek verfügbar), der die letzten Lebensmonate der Jüdin und Witwe des berühmten Malers Max Liebermanns erzählt und ein weiteres, eindringliches Zeugnis gegen das Vergessen ablegt.

Meine Lektüre im Oktober war – auch dank einiger freier Tage und viel Lesezeit – wirklich umfangreich und die Liste der gelesenen Bücher ist lang, so dass ich mich dieses Mal bei den einzelnen Titeln versuche kurz zu fassen – zumal ich einige Bücher entweder ohnehin schon ausführlich rezensiert habe oder in der nächsten Zeit noch näher hier auf der Kulturbowle vorstellen werde:

Ein besonderes literarisches Schmuckstück, das Balsam für die Seele ist und einfach gut tut, machte den Auftakt: J.L. Carrs kleiner, feiner Roman „Ein Monat auf dem Land“ – hier konnte ich dem Sommer noch einmal nachspüren.

Meine Lesekreislektüre in diesem Monat habe ich wirklich gerne und schnell gelesen, denn sie hat mich bewegt und mir neue Perspektiven eröffnet: Fatma Aydemir „Dschinns“, das auch auf der Shortlist des diesjährigen deutschen Buchpreises stand. Da ich nicht weiß, ob ich es noch schaffe, eine ausführliche Rezension zu schreiben, verlinke ich schon einmal gerne die Besprechungen auf anderen Blogs: z.B. bei Kommunikatives Lesen, Arcimboldi’s World, Letteratura, Sandra Falke, Poesierausch, Buch-Haltung oder Aufklappen.

Mit einem goldenen Buchcover wartete auch Lauren Groffs historischer Roman „Matrix“ auf, der überhaupt nichts mit dem gleichnamigen Film zu tun hat, sondern ganz im Gegenteil in einem englischen Frauenkloster während des 12. Jahrhunderts spielt und eine besondere Gemeinschaft beschreibt. Ein außergewöhnliches Buch, das einen ganz eigenen Sog entwickelt und das ich schnell und mit Spannung gelesen habe.

Auch der zweite Roman, den ich von Lili Grün gelesen habe – „Alles ist Jazz“ – war wieder eine wunderbare Entdeckung. Selbst nach vielen Jahrzehnten immer noch spritzig, zeitlos und großartig zu lesen.

Ein schönes Zusammenspiel von Film und Lektüre durfte ich diesen Monat ebenfalls genießen, denn ich habe mir den absolut sehenswerten finnisch-schwedischen Film „Tove“ über die Schöpferin der weltberühmten Mumins Tove Jansson (1914 – 2001) auf DVD angesehen und zugleich ihr Buch „Die Tochter des Bildhauers“ gelesen – beides gewährt Einblicke in das Leben einer hochinteressanten Frau und Künstlerin.

Zudem hatte ich ein richtiges Krimiklassiker-Wochenende – im Landshuter Theater Konrad gab es das Stück „Neue Fälle für Sherlock Holmes“ – das krankheitsbedingt leider stark dezimierte Ensemble schlug sich hervorragend – und zu Hause im Lesesessel den ersten und letzten Fall Hercule Poirots mit Agatha Christies „Das fehlende Glied in der Kette“ und „Vorhang“ – eine tolle Kombination.

Mit Madeline Millers kurzer Erzählung „Galatea“ tauchte ich ab in die Welt der Mythologie und war fasziniert von der schönen, goldenen (!) Buchgestaltung und den gelungenen Illustrationen von Thomke Meyer.

Ein richtiger Schmöker hingegen war Christine Lehmanns Roman „Und jetzt ist Schluss“, der ein ganzes Frauenleben von Kindheit bis zum Sterbebett erzählt und zugleich zahlreiche Kapitel deutsch-deutscher Geschichte auffächert.

Zu Fuß von Wittenberg nach Italien reiste ich mit Willi Winklers „Herbstlicht“, der im November im Rahmen der 21. Landshuter Literaturtage zu einer Lesung ins Landshuter Koenigmuseum kommen wird.

Zudem gab es zweimal Spannungslektüre aus Österreich: den neuen, düsteren Thriller von Ursula Poznanski „Stille blutet“ und den augenzwinkernden, gut gelaunten zweiten Fall mit der gnä’ Frau „Keine schöne Leich“ von Constanze Scheib. Obwohl ich gerade die Jugendthriller von Ursula Poznanski sehr schätze, habe ich mich persönlich bei letzterem mehr zu Hause gefühlt – zumal ich auch eindeutig mehr Krimi- als Thriller-Leserin bin.

Was wäre der Buchherbst ohne historische Schmöker, die einen in andere Zeiten entführen: Auch hier habe ich zwei tolle Romane gelesen, die ich bald vorstellen möchte: Angela Steideles „Aufklärung“, das im Leipzig des 18. Jahrhunderts aus Sicht der ältesten Tochter von Johann Sebastian Bach erzählt ist und Philipp Bloms „Diebe des Lichts“ – einer spannenden Geschichte eines flämischen Malers, den es zu Beginn des 17. Jahrhunderts nach Italien verschlägt.

Für meine22 für 2022, bei welchen ich mich schön langsam ranhalten muss, zumal sich das Jahr dem Ende zuneigt, habe ich jetzt endlich auch einen langjährigen Regalschlummerer aus dem Dornröschenschlaf befreit: Petra Morsbachs Roman „Justizpalast“, den ich bald vorstellen möchte.

Zum Abschluss gab es nochmal eine leichte, launige Krimilektüre aus den Dreißiger Jahren: very british und sehr unterhaltsam – ein Krimi aus dem Londoner Theatermilieu: Alan Melville „Das Publikum war Zeuge“.

Ich finde es selbst verrückt, was da diesen Monat zusammengekommen ist – ich hatte offenbar einen regelrechten Leserausch und somit geht ein reicher und bereichernder Oktober für mich zu Ende.

Was bringt der November?

Im November finden die 21. Landshuter Literaturtage unter dem Motto „Die Seiten des Lebens“ statt (hier geht es zum Programm) – ich habe mir schon Veranstaltungen herausgepickt, die ich gerne besuchen möchte.

Das Landshuter Theater Nikola spielt ein Zwei-Personen-Stück, auf das ich schon sehr gespannt bin und mich sehr freue: „Sonate für Witwe und Klavier“.

Und es gibt weiteren Wagner und den Ring:
Mit „Siegfried“ findet der Ringzyklus im Landestheater Niederbayern seine Fortsetzung – am 06.11.22 ist die Premiere im Landshuter Theaterzelt.

Zudem wird ab dem 19.11.22 der komplette „Ring des Nibelungen“ aus der Berliner Staatsoper unter den Linden auf ARTE Concert kostenlos zur Verfügung stehen. Da ich schon das „Rheingold“ mochte, werde ich die Inszenierung von Dmitri Tcherniakov sicher weiterverfolgen und mir auch die drei weiteren Aufführungen ansehen.

Lektüretechnisch liegt der sehnsüchtig erwartete neue Gereon Rath-Roman „Transatlantik“ von Volker Kutscher schon neben mir, den ich gleich bei Erscheinen in meiner Lieblingsbuchhandlung abgeholt habe und auch sonst bin ich in bester, herbstlicher Leselaune, der Bücherstapel hält viel Schönes bereit und die langen Novemberabende dürfen kommen.

Ich wünsche allen einen friedlichen und besinnlichen November mit herbstlichen Spaziergängen, feiner Lektüre und schönen Kulturveranstaltungen! Denkt daran, die Kulturszene braucht mehr denn je Unterstützung und Publikum: Also auf ins Theater, zum Konzert oder zu einer Lesung! Bleibt gesund und zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Oktober:
Im Herbst ist Zeit für Stärkendes und wohltuende Seelennahrung, wie zum Beispiel einen feinen Nudelauflauf mit Maronen (hier geht es zum Rezept): Pasta, Tomaten, Rotwein, Maronen, Käse und Gewürze… bei den Zutaten muss es ja schmecken und hat es auch – sogar so gut, dass ich das Fotografieren glatt vergessen habe.

Musikalisches im Oktober:
Auch musikalisch bot dieser Monat Goldenes – neben dem „Rheingold“ aus der Berliner Staatsoper unter den Linden auf ARTE – vor allem Max Raabes neues Album „Wer hat hier schlechte Laune“ mit dem Song „Ein Tag wie Gold“, der nebenbei bemerkt auch den Soundtrack der neuen Staffel von Babylon Berlin vergoldet bzw. bereichert.

Herbstmond

Der kürbisgelbe Mond auf seinem Geistergang
Schwebt überm Bergabhang und lebt
Im Abendlicht schon hell der Nacht voraus.
Er fliegt mit mir am Bahngeleis entlang
Und liegt im Himmel wie ein Schneckenhaus,
Hängt in der gelben Weinberglaube
Wie eine goldene Riesentraube.
Hoch überm Straßenstaube darf er wandern
Und läßt beschränkte Wege gern den andern.
Er schwebt wie nur ein aufgejagter Weih
Im lila Abendäther überm Staube frei,
Ist wie von einem Ei die goldene Schale.
Draus kriecht die Nacht und schleicht sich tief zum Tale,
Die Nacht, die hinterm Mond verstreicht,
Bei der er oft verliebt errötete und auch verliebt erbleicht.

(Max Dauthendey 1867-1918, aus der Sammlung „Lieder der Vergänglichkeit“)

7 Kommentare zu „Oktoberbowle 2022 – Farbrausch und Goldenes

  1. Auf „Transatlantik“ von Volker Kutscher bin ich besonders gespannt, Barbara. Nächste Woche wird er den Stahl-Literaturpreis in Eisenhüttenstadt bekommen und meine Familie ist dabei. Mein Sohn als großer Fan, möchte sich sein neuestes Werk signieren lassen.
    Herzliche Grüße, Bettina

    Gefällt 1 Person

    1. Oh, das freut mich für Euch. Das wird bestimmt ein schöner Abend. Viel Freude bei der Lesung für Dich und Deinen Sohn und natürlich auch ganz viel Vergnügen und Spannung bei der „Transatlantik“-Lektüre. Herzliche Grüße! Barbara

      Gefällt 1 Person

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