Junibowle 2026 – Hitzewelle und Himmlisches

Ja, der Sommer und die Hitze haben im Juni mit allen Licht- und Schattenseiten Einzug gehalten. Bei herausfordernden Temperaturen durfte ich aber doch auch sehr viele lichte und glanzvolle Momente – gerade in kultureller, aber auch literarischer Hinsicht – genießen, die es wert sind, hier festgehalten und geteilt zu werden.

Gemeinsam mit vielen Landshuter Musikbegeisterten und choraffinen Menschen, aber auch mit extra von weiter Ferne angereistem Publikum durfte ich eine echte musikalische Sternstunde im Landshuter Rathausprunksaal erleben. Denn im Rahmen der diesjährigen Landshuter Hofmusiktage war das weltberühmte britische Vokalensemble VOCES8 zu Gast in meiner Heimatstadt. Ein unvergesslicher Abend und ein (himmlischer) Klang, der live noch einmal mehr unter die Haut geht.

Bei der Hitze gut aushalten hielt es sich auch bei der sehenswerten Ausstellung im Diözesanmuseum Freising: Himmlisches Wiedersehen – Von Ludwig I. zum Blauen Reiter(17.3. – 26.7. 2026). Mein Lieblingsbild der Ausstellung war ganz klar Marianne Werefkins „Kruzifix in der Landschaft“ aus dem Jahr 1909, das mich aufgrund der Komposition und der leuchtenden Farben nachhaltig begeistert hat.
Hörenswert ist übrigens auch der Audioguide, der von Axel Milberg eingesprochen wurde und der online auf der Website zur Verfügung steht.

Großartig gespielt und trotz der schweren Thematik ein denkwürdiger und faszinierender Theaterabend war das Stück des französischen Autors Bernard-Marie Koltès über den Mörder „Roberto Zucco“.

Noch etwas mehr begeistert hat mich allerdings Shakespeares Hamletbei den Burgenfestspielen im Prantlgarten – über diese blauen Stunden bzw. mein Theaterhighlight dieser Landshuter Spielzeit habe ich schon ausführlich hier auf dem Blog berichtet und geschwärmt.

Literarisch habe ich mich aus gegebenem Anlass weiterhin viel in Österreich aufgehalten:
Stellenweise etwas ratlos zurückgelassen hat mich Raphaela Edelbauers Roman „Die Inkommensurablen“, in dem sie ihre Figuren in Wien rauschhaft zwischen abstrusen Träumen, Psychoanalyse, Suffragettentreffs und Rotlichtmilieu dem ersten Weltkrieg entgegentaumeln lässt.

Unterhalten, aber auch hinter historische Kulissen blicken lassen, hat mich Sophie Reyers historischer Kriminalroman „Tod bei den Salzburger Festspielen“. Wir begegnen darin im Salzburg des Jahres 1937 Max Reinhardts erster Frau Else Heims und erfahren im Festspielkrimi nebenbei viel Interessantes aus ihrer Lebensgeschichte. Und die Faszination des Jedermann wird wie folgt beschrieben:

Breitensee begreift, während er dem Treiben zusieht, das teilweise im Dom selbst, teilweise ganz nahe am Publikum stattfindet: Die gesamte Inszenierung ringt um die Wiedergewinnung der Totalität des Theaters. Das Trennende zwischen Bühne und Welt scheint tatsächlich einen Moment lang gar nicht mehr zu existieren. Jede Distanz ist aufgehoben, so mächtig sind die Massenszenen. Natur, Architektur, Dichtung und Schauspiel – alles verschmilzt zu einem Gesamtkunstwerk, einem Mosaik, in dem sich die einzelnen Teile nicht mehr voneinander trennen lassen.“

(aus Sophie Reyer „Tod bei den Salzburger Festspielen“, S.122)

Der Juni ist ja auch die Zeit des Bachmann-Wettbewerbs, der dieses Jahr aufgrund des Jubiläumsjahres zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann am 25. Juni, gefühlt noch etwas mehr mediale Aufmerksamkeit genossen hat. Gratulation an die diesjährige Gewinnerin Lena Schätte!
Schon lange wollte ich das Buch der Preisträgerin aus dem Jahr 2019 lesen: Birgit Birnbachers „Wovon wir leben“. Schon das Umschlagbild mochte ich sehr und die dazu passende Szene mit dem schwimmenden Pärchen im blaugrünen, kalten See wird hängenbleiben:

Wir lachen wie die Kinder, baden in unserem Wahnsinn, schwimmen und strampeln wie wild. Für Augenblicke bin ich nichts als schockgefrorener Übermut.“

(aus Birgit Birnbacher „Wovon wir leben“, S.119)

Viel gelernt und Neues erfahren über Joseph II., der häufig als Graf von Falkenstein inkognito durch sein Reich reiste – habe ich in Monika Czernins feinem und lesenswerten Buch „Der Kaiser reist inkognito“. Wer also mehr über seine Ko-Regentschaft mit Maria Theresia, das Sexualleben seiner Schwester Marie Antoinette, Leibeigenschaft bzw. das Robot-System im Europa des 18. Jahrhunderts oder Toleranzpatente erfahren möchte, ist hier gut aufgehoben.

Aus dem Jahr 1790 (dem Todesjahr Joseph II.) bin ich dann mit György Dalos „Neutralität und Kaiserschmarrn“ ins Jahr 1945 und die Nachkriegszeit in Österreich bis in die heutigen Tage gesprungen. Der Autor erhofft sich im Vorwort, „eine freudvolle Aneignung des historischen Stoffs vermitteln zu können“ (S.8) – ich würde sagen, das ist ihm gelungen.

Herausgefordert hat mich – gerade durch die ersten 60 Seiten musste ich mich zunächst etwas durchkämpfen – meine Lesekreislektüre bzw. Lukas Rietzschel „Sanditz“. Letztlich haben mich vor allem die Stellen, die vor bzw. während der Wendezeit spielen, überzeugt bzw. für sich gewinnen können – zum Beispiel die „Marmeladepfarrerin“ fand ich als Figur grandios. Und trotz allem bleibt nach der Lektüre auch der triste Grauschleier der Trost- und Perspektivlosigkeit im Gedächtnis.
Ausführliche Besprechungen sind unter anderem bei Zeichen&Zeiten und Kommunikatives Lesen zu finden.

Und literarisch ging es für mich dann weiter in die ewige Stadt:
Und zwar mit Joseph O’Connors „The Ghosts of Rome“, das ich im englischen Original gelesen habe, in den Februar des Jahres 1944 und die Zeit, in welcher die Nationalsozialisten die Stadt besetzt hielten. Im zweiten Band der Reihe (der erste „My Father’s House“ ist auf deutsch bereits unter dem Titel „In meines Vaters Haus“ erschienen) um die Gruppe der Widerstandskämpfer, die sich „the Choir“ nennt, wird es für den irischen Priester O’Flaherty und seine MitstreiterInnen immer gefährlicher, Menschen vor den Besatzern zu retten.

You’d be going through songs in your head, like the songs were your stepping-stones. Because a song is a strong companion when you’re troubled in the night. A song will stand at your door and push monsters away. A song will be your lamplighter. And your truth.“

(aus Joseph O’Connor „The Ghosts of Rome“, S.37)

Das faschistische Rom ist der Schauplatz von Alba de Céspedes’ Roman „Aus ihrer Sicht“, der 1949 erschienen ist. Keine leichte Kost, sondern ein feministischer, rebellischer Roman, der die tragische Geschichte einer Frau erzählt, die verzweifelt versucht, sich aus den Fängen ihres familiären Erbes bzw. der Prägung und ihrer unglücklichen Ehe zu befreien.

Deshalb wollte ich, dass du ein Junge wirst“, fuhr sie fort. „Die Männer haben nicht wie wir so viele subtile Gründe, unglücklich zu sein. Sie passen sich an, sind glücklich. Und ich hätte gern ein glückliches Geschöpf in die Welt gesetzt. (…)“

(aus Alba de Céspedes „Aus ihrer Sicht“, S. 57)

Und schließlich führte mich auch nochmal ein weiterer Krimi nach Italien bzw. ins Friaul und zwar der neueste Fall von Commissario Laurenti, d.h. Veit Heinichens Roman „Beifang“. Spannend und wie immer auch mit dem von mir geschätzten Lokalkolorit aus Triest und Umgebung, der die Lektüre der Reihe stets kurzweilig gestaltet.

Felicitas Hoppes „Reisen“ habe ich gelesen, während ich selbst verreist war. Allerdings nicht wie die Autorin per Containerschiff auf den Weltmeeren unterwegs…
Ein schmales Bändchen, welches das Reisen nicht glorifiziert, sondern durchaus differenziert betrachtet und das ich mir wohl irgendwann noch einmal zu Gemüte führen werde.

Doch ganz egal, was uns antreibt, Neugier, Angst oder Überdruss oder jenes klassische Reisefieber, das genau wie das Fernweh, in der deutschen Sprache das Reisen zwischen Krankheit und Weltschmerz platziert und damit in die Nähe einer ansteckenden Krankheit rückt – der Aufbruch ins Unbekannte bleibt unvermeidbar und ist irgendwann nicht mehr aufzuschieben.“

(aus Felicitas Hoppe „Reisen“, S.15)

Was bringt der Juli?

Die Landshuter Theatersaison wird für mich bei den Burgenfestspielen mit Puccinis „Turandot“ zu Ende gehen – große Oper als sicherlich würdiger Abschluss einer facettenreichen Spielzeit, bevor es dann in die Sommerpause geht.

Und ich freue mich auf meinen zweiten hochkarätig besetzten Konzertabend bei den Landshuter Hofmusiktagen, denn der Bariton Christian Gerhaher (in der Titelrolle) führt gemeinsam mit Studenten der Hochschule für Musik und Theater München Monteverdis „L’Orfeo“ konzertant im Rathausprunksaal auf.

Beim diesjährigen Immling Festival wartet neben dem stimmungsvollen Ambiente dieses Jahr Giuseppe Verdis „Un ballo in maschera“ auf mich – da freue ich mich ebenfalls schon sehr darauf.

Mein Lesekreis liest und bespricht im Juli Katerina Poladjans „Zukunftsmusik“, das ich mir somit zum zweiten Mal und mit besonderer Konzentration vornehmen werde.

Zudem habe ich gerade eine unbändige Lust auf richtige Sommerbücher, die mich auch an einem gemütlichen Schattenplätzchen und bei einem gekühlten Getränk mit in Süden, Sonne und an lichtdurchflutete Orte nehmen – ohne selbst ins Schwitzen zu geraten oder einen Sonnenbrand zu riskieren.

Daher wünsche ich allen einen hoffentlich wettertechnisch erträglichen Juli mit ausreichend Erfrischung, den passenden Büchern und schönen Sommererlebnissen – ob kulturell oder in der Natur. Habt eine feine Sommerzeit und kommt gut durch diesen Monat!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Juni:
Bei der Hitze habe ich es genossen so manches Mal schon zum Frühstück mit viel Obst bzw. auch mit saftiger Wassermelone in den Tag zu starten. Und zum allerersten Mal getrunken habe ich einen Lavendel-Spritz.

Musikalisches im Juni:
Das VOCES8-Konzert war musikalisch wirklich ein Glanzlicht und ein unvergesslich schöner Abend. Das abwechslungsreiche Programm, welches das Motto der Hofmusiktage „Tod & Leben“ gekonnt widergespiegelt hat, reichte von Monteverdi, Bach, Mendelssohn-Bartholdy bis zu Cole Porter und James Bond-Songs, um nur einige wenige zu nennen.

Der Abend ist mein Buch. Ihm prangen
die Deckel purpurn in Damast.
Ich löse seine goldnen Spangen
mit kühlen Händen, ohne Hast.
Und lese seine erste Seite,
beglückt durch den vertrauten Ton, –
und lese leiser seine zweite,
und seine dritte träum ich schon…“

(Rainer Maria Rilke)

5 Kommentare zu „Junibowle 2026 – Hitzewelle und Himmlisches

    1. Und daneben geklickt und zu früh abgeschickt. „Beifang“ habe ich mir mal gemerkt und den „Lavendelspritz“.
      Und so schöne Bilder wieder, dieses schöne klare Wasser…!
      Hab noch einen schönen Sonntag Abend und sende liebe Grüße
      Nina

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      1. Liebe Nina! Ja, der Juni hatte viele schöne neue Seiten, Seemomente (aufs Wasser schauen tut einfach immer gut) und Neuentdeckungen (auch kulinarischer Art) im Gepäck. Ich darf es sein und bin auch sehr zufrieden. Herzliche Grüße, Dir ebenfalls einen schönen Sonntagabend und eine gute Woche! Barbara

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  1. Sehr beeindruckend, Dein Programm. Auch die Fotos sind wunderschön. Ich wünsche Dir eine wunderbare, genussvolle und inspirierende Sommerzeit.

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    1. Vielen herzlichen Dank, Hartmut.
      Die Motive haben es mir im Juni leicht gemacht, schöne Fotos zu bekommen.
      Und ich versuche, mir die schönen Seiten des Sommers herauszusuchen.
      Für Dich auch eine gute und inspirierende Sommerzeit mit herzlichen und sonnigen Grüßen Richtung Norden!

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