Julibowle 2026 – Sturmschäden und Sommerlektüre

Der Juli ging in Niederbayern sehr stürmisch mit großem Unwetter und Hagel zu Ende. Und für vieles war es den Monat über einfach zu heiß – auch meine Schreibmotivation wurde durch die Hitze erneut eingebremst und Suche nach Schatten und Erholungspausen war angesagt. Bei teils unmenschlichen Temperaturen und barfuß in hochsommerlichem Schuhwerk konnte man sich zudem so manche Blase laufen.

Erfreulicher war trotz hitziger Begleiterscheinungen vor allem das Kulturangebot:
Die Landshuter Theatersaison ging für mich mit Puccinis „Turandot“ – leider aufgrund schlechter Witterung – im Theaterzelt zu Ende.

Begeistert hat mich das Abschlusskonzert der Landshuter Hofmusiktage, denn Monteverdis „L’Orfeo“ in konzertanter Form mit Studenten der Hochschule für Musik und Theater München und Bariton Christian Gerhaher (in der Titelrolle) im Rathausprunksaal war wirklich ein Erlebnis.

Und sehr stimmungsvoll war auch der Besuch des Immling Festival mit Giuseppe Verdis „Un ballo in maschera“ – die sommerliche Atmosphäre auf dem Hügel im Chiemgau und die Spielfreude des Festspielensembles unter der musikalischen Leitung von Cornelia von Kerssenbrock machen einfach Laune.
Für mich war also im Juli im wahrsten Sinne des Wortes viel große Oper dabei.

Gerne gehört – wenn auch mit einem wehmütig-melancholischen Unterton, der das Gespräch durchzieht – habe ich den ZEIT Wochenendpodcast mit Senta Berger, die ich zuletzt als Großmutter in der Meyerhof-Verfilmung „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ gesehen und bewundert habe.

Erholungspausen im Schatten kann man zudem hervorragend mit Lektüre verbringen, daher war der Juli wieder ein sehr ergiebiger und erfreulicher Lesemonat.

Auf dem Monatsfoto fehlt Ferdinand von Schirachs „Kaffee und Zigaretten“, das ich mir aus der Hotelbibliothek geliehen hatte und in einem Rutsch und sogar als Nichtraucherin mit Genuss gelesen habe – bis hin zum großartigen Schlusssatz:

Glück ist eine Farbe und immer nur ein Moment.“

(aus Ferdinand von Schirach „Kaffee und Zigaretten“, S.187)

Eine eindringliche Charakterstudie hat Reinhard Kaiser-Mühlecker mit seinem preisgekrönten (Bayerischer Buchpreis 2022) „Wilderer“ geliefert. Intensive Literatur, die genau hinschaut und eine traurig-bestürzende Geschichte eines österreichischen Landwirts erzählt, dem es nicht gelingt, das Glück zu finden bzw. festzuhalten.

Für meinen Lesekreis habe ich Katerina Poladjan „Zukunftsmusik“ zum zweiten Mal gelesen und diese erneute Lektüre habe ich wirklich als äußerst bereichernd empfunden. Eines dieser Bücher, die so viel zwischen den Zeilen verstecken, dass man wohl immer wieder Neues entdeckt und das gespickt ist mit sprachlich wunderbaren Textstellen, die mich dahinschmelzen lassen wie einen Eiswürfel in der Julisonne:

Drumherum schimmernde Birken, blitzendes Wasser und eine gleißende Ahnung, dass der Sommer sein Ewigkeitsversprechen nicht halten würde.“

(aus Katerina Poladjan „Zukunftsmusik“, S.22)

An einen ganz besonderen Ort hat mich Florian Illies mit seinem neuen Buch „Träume aus Feuer“ mitgenommen: auf die Pfaueninsel nahe Potsdam. Das schmale Bändchen, das sich an einem Nachmittag oder Abend locker-leicht einfach so wegschmökern lässt, erzählt basierend auf wahren Begebenheiten vom Alchemisten und Glasmacher Johannes Kunckel, der auf der Insel eine Glaswerkstatt aufbaute. Dort schuf er glanzvolle und einzigartige Glaskreationen in leuchtenden Farben, die im 17. Jahrhundert am preußischen Hof für großes Aufsehen und Bewunderung sorgten.

Aber jetzt ist erst einmal früher Nachmittag, die Sonne glitzert silbrig auf dem Wasser, und Kunckel kann seine Augen kaum öffnen, so hell ist es, so laut – und so grün. Ja, vor allem: so grün. Als hätte der liebe Gott aus Versehen über der Havel seinen Farbkasten mit allen Grüntönen ausgeschüttet, die ihm und den Malern des Barocks je eingefallen sind.“

(aus Florian Illies „Träume aus Feuer“, S.34/35)

Wer mehr über das Buch und diese geschichtsträchtige Insel in der Havel erfahren möchte, der sollte unbedingt auch hier beim Kaffeehaussitzer nachlesen.

Mein großer Juli-Leseschwerpunkt waren aber zweifelsohne Sommerbücher bzw. Bücher über Sommerhäuser oder Künstlerrefugien:

Bereits in einem eigenen Blogbeitrag habe ich die Romane Villa Coco von Andrew Sean Greer und Lucy Steeds „The Artist – die Farben des Lichts vorgestellt. Zwei lichtdurchflutete Bücher, die auf sinnliche und besondere Weise die südliche Sonne der Toskana bzw. Südfrankreichs literarisch zum Leuchten bringen.

Bei Rachel Joyces Roman „Sommerhaus“ (englischer Originaltitel: The Homemade God) hatte ich mich schon sofort ins Umschlagbild verliebt. Dahinter verbirgt sich eine opulente Familiengeschichte aus der Welt der Kunst mit allerlei Abgründen. Denn als der alternde Künstler – der kurz vor seinem Tod noch eine deutlich jüngere Frau geheiratet hat – im Ortasee nahe seiner Sommervilla ertrinkt – entbrennt bei seinen Kindern der Kampf ums materielle und immaterielle Erbe. Hinter der sommerlichen Fassade kommt also ein vielschichtiges Familiendrama zum Vorschein.

Packend wie ein Krimi war William Somerset Maughams Erzählung „Oben in der Villa“ aus dem Jahr 1941. Mein erstes Werk des britischen Autors, das ich – angeregt durch Tan Twan Engs großartigen Roman „Das Haus der Türen“ – gelesen habe und das wirklich Lust darauf macht, noch mehr von Maugham zu entdecken. Die Geschichte über die junge Engländerin in einer toskanischen Landvilla, die mit einem Heiratsantrag und anderen Gefahren konfrontiert wird, ist raffiniert, hintergründig und hochspannend. Der schmale Band passt in jeden Koffer und perfekt zum nächsten Toskana-Urlaub!

Ein ganz besonderes Sommerhaus bzw. ein mittlerweile weltberühmtes Gebäude am venezianischen Canale Grande steht im Mittelpunkt von Judith Mackrells Sachbuch „Der unvollendete Palazzo – Liebe, Leidenschaft und Kunst in Venedig“. Darin schildert sie nicht nur die wechselvolle und schillernde Geschichte des Hauses, das heute das Peggy Guggenheim Museum beherbergt, sondern auch die Lebensgeschichte der Eigentümerinnen Luisa Casati, Doris Castlerosse und Peggy Guggenheim, die dem Gebäude über die Jahrzehnte hinweg ihren Stempel aufgedrückt haben. Ein informativer, lehrreicher und kurzweiliger Ausflug in die Serenissima – ganz ohne sich in die sommerlichen Touristenströme einreihen zu müssen.

Auf ihre besondere und unnachahmliche Weise erzählt die in Wales geborene Autorin Carys Davies in „Das Pfarrhaus“ eine sehr subtile Geschichte über die Ruhe vor dem Sturm, die verändernde Kraft der Liebe, verborgene Gefühle und das Aneinandervorbeischweigen. Denn sie begleitet einen britischen Bibliothekar, der im fernen Südindien als Gast in einem anglikanischen Pfarrhaus versucht, sein Leben neu zu ordnen.

So viel Leidenschaft, die unter der Oberfläche brodelt. Irgendwann kocht sie über, früher oder später, der Topf fliegt vom Deckel, und da gibt es nichts, was man tun könnte, um es zu verhindern.“

(aus Carys Davies „Das Pfarrhaus“, S.268)

„Viktor“ zählte zu meinen Lieblingsbüchern der letzten Jahre und daher war klar, dass auch Judith Fantos zweiter Roman „Der Betrachter“ sofort auf meiner Leseliste landet. Und als ich dann noch gesehen habe, dass Wien und Altaussee die Hauptschauplätze sind und es um einen Maler und seine Clique bzw. Jugendfreunde vor und während des zweiten Weltkriegs geht – erst recht und sofort. Fanto erzählt erneut eine ergreifende, intensive Geschichte über Freundschaft, Verrat, Vergeltung, politische Umbrüche und tiefe menschliche Gefühle – gespickt mit atmosphärischen Beschreibungen von Landschaft, Milieu und Zeitgeist. Es ist ein sinnliches, aber vor allem starkes, kraftvolles und teils verstörendes Buch, das mich – auch aufgrund des zwiespältigen Endes – sehr nachdenklich und stellenweise auch hadernd zurückgelassen hat.

Auf andere Art ging es sommerlich weiter mit Sarah Moss’ „Sommerwasser“. Allerdings schildert sie verregnete Sommertage in einem schottischen Ferienörtchen und die unterschiedlichen Gäste und Generationen, die sich in den kleinen Ferienhäuschen aufhalten und so manches Schicksal mit sich herumtragen.

Auch wenn ich mich nicht an die Anweisung bzw. den Ratschlag des Autors gehalten habe, die einzelnen Kapitel jeweils in kleinen Häppchen zu lesen, nachzuschmökern und in Ruhe wirken zu lassen, war Gustav Seibts Sachbuch „Ein Sommer mit Goethe“ auf jeden Fall eine interessante und anregende Lektüre, die Lust macht auf mehr Goethe. Bei all der geschilderten Vielfalt des umfangreichen Werks und der kurzweiligen Vorstellung ist sicher für jeden das Passende dabei.

Und auch mein Krimi des Monats konnte mich aufgrund der spannenden Handlung und des interessanten Settings – kurz nach der Wende 1992 in einem kleinen Ort in Mecklenburg – absolut überzeugen. Susanne Tägder ist mit „Die Farbe des Schattens“ erneut ein tiefgründiger Krimi gelungen, der nicht nur fesselt, sondern auch zum Nachdenken anregt.
Eine feine Besprechung findet Ihr auf dem Blog Zeichen & Zeiten.

Wahlheimat“, sagt Groth. „Das Wort klingt auch kalt. Als wolle man sich selbst etwas vormachen.“
Du glaubst also nicht daran, dass man sich seine Heimat aussuchen kann?“

(aus Susanne Tägder „Die Farbe des Schattens“, S.133)

Und last but not least:Eine historische Schmuggler- und Liebesgeschichte aus der Schweiz erzählt Alex Capus in seinem neuen Roman „Querfeldein“. Zudem ergründet er gleichsam nebenbei, wie Menschen dem Hamsterrad der Alltagsroutine zu entfliehen versuchen und was ein gelungenes Leben ausmacht.

In den folgenden zweiunddreißig Jahren war hier ständig etwas los. Es ist ja eigentlich, wenn man genau hinschaut, überall auf der Welt die ganze Zeit etwas los. Manches Ereignis hat Ursachen und Wirkungen, anderes geschieht grundlos und ohne weitere Folgen. Einiges bildet man sich nur ein, wieder anderes bemerkt man gar nicht. Und alles, wirklich alles ist irgendwann vorbei.“

(aus Alex Capus „Querfeldein“, S.52)

Was bringt der August?

Bei mir auf jeden Fall wieder große Oper und Mitte des Monats steht ja auch tatsächlich schon wieder der nächste Bowlengeburtstag an – das möchte traditionellerweise auch stilecht gefeiert werden.

Zudem habe ich gerade gesehen, dass die neue Folge des ZEIT-Wochenendpodcasts den Spitzenkoch Ali Güngörmüş zu Gast hat – da möchte ich auf jeden Fall mal reinhören.

Einen Fernseh- bzw. Mediathek-Tipp für Opernliebhaber habe ich auch noch im Gepäck: In der ARTE-Mediathek gibt es (noch bis zum 06.11.26) die „Carmen“ von den diesjährigen Salzburger Festspielen mit Asmik Grigorian in der Titelrolle zu sehen.

Sehr vorfreudig und gespannt bin ich zudem auf den neuen Roman von Eva Menasse mit dem ansprechenden Titel „Alleinruhelage“, den ich mir in aller Ruhe zu Gemüte führen möchte.

Und vielleicht dürfen wir ja auch nochmal in den besonderen Genuss kommen, uns an einem lauen Abend gemütlich auf Balkon oder Terrasse zu setzen, wie es William Somerset Maugham so trefflich beschrieben hat:

(…) und nach dem Diner sitzen zu bleiben, bis die milde Nacht sie nach und nach umhüllte, war ein Genuss, dessen Mary nie überdrüssig wurde. Sie hatte dabei ein herrliches Gefühl des Friedens – nicht etwa eines inhaltlosen Ruhens, dem etwas von Stumpfheit, von Teilnahmslosigkeit innewohnt, vielmehr eines tätigen, anregenden Friedens, in dem der Geist wachsam und frisch ist und alle Sinne empfänglich sind.“

(aus W. Somerset Maugham „Oben in der Villa“, S.23)

In diesem Sinne wünsche ich wache, erfrischende und anregende Momente für alle Sinne! Kommt wohlbehalten durch die Hitze bzw. den August und habt eine gute restliche Sommerzeit – ob mit oder ohne Urlaubsreise!

Um zu begreifen daß der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen.“

(Johann Wolfgang von Goethe; aus Gustav Seibt „Ein Sommer mit Goethe“, S.59)

Oder aber:

Weißt du, man sieht andere Sterne, wenn man unter einem anderen Himmel liegt.“

(aus Alex Capus „Querfeldein“, S.136)

Die ausführlichen Rezensionen – soweit vorhanden – sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Juli:
Bei der Hitze gibt es im Nachbarland Österreich unter anderem folgende Möglichkeiten: Soda Zitron oder einen G’spritzten – Hauptsache gut gekühlt.

Musikalisches im Juli:
Bei Klassik am Odeonsplatz (aktuell in der ARD Mediathek verfügbar) gab es dieses Jahr ein Gershwin-Programm unter der Leitung von Sir Simon Rattle.
Und auch in Judith Fantos „Der Betrachter“ begegnete mir der Komponist auf sinnliche Weise:

Zum Essen gab es Wein, Kerzenlicht und hochtrabende Gespräche. Beim Dessert spielte Béla Musik von George Gershwin auf dem Grammofon, die mich dermaßen beeindruckte, dass ich bis heute Lust auf Kaiserschmarrn bekomme, wenn ich irgendwo Jazz höre.“

(aus Judith Fanto „Der Betrachter“, S.171)

Andererseits ist die Jugend immer schön. Wir haben geküsst, und wir haben getanzt, und alles schien möglich. Die Zukunft hatte Zeit.“

(aus Katerina Poladjan „Zukunftsmusik“, S.22)

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