Malerin und Modell

Bücher und Gemälde, Literatur und Kunst – genau diese inspirierenden Verbindungen zwischen verschiedenen, künstlerischen Disziplinen sind es, die ich mir für die Kulturbowle wünsche. So ist es nicht verwunderlich, dass mir auch Anne Stern’s Roman „Meine Freundin Lotte“ über die Malerin Lotte Laserstein und ihr Lieblingsmodell Traute Rose sofort ins Auge sprang.

Basierend auf der wahren Biografie der beiden lässt die Berliner Autorin in ihrem Roman die Frauen kapitelweise abwechselnd zu Wort kommen. Zwei Ich-Erzählerinnen, die jeweils ihre Sicht der Dinge, ihre Geschichte und die außergewöhnliche und besondere Beziehung zur jeweils anderen erzählen.

Zwei Lebensläufe, die sich in den Zwanziger Jahren in einer Berliner Suppenküche kreuzen und auch später über Landesgrenzen und große Entfernungen hinweg nie mehr trennen lassen werden.

„Ich glaube, wir sind wie ein Zopf, geflochten aus drei Strähnen – Lotte, die Kunst und ich. Ineinander verschlungen, untrennbar verwirrt, mit den Jahren immer struppiger, immer unlösbarer.“

(S.52)

Lotte Laserstein ist eine der ersten Frauen, die in Berlin für den Besuch der Kunstakademie zugelassen werden. Als Schülerin von Erich Wolfsfeld kann sie sich ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen, Malerin zu werden.
Der Roman begleitet sie auf diesem Weg und erzählt von ihrem Kampf um Anerkennung, ihren Selbstzweifeln, ihrem Ringen um den eigenen Stil und ihrer langsamen Art zu malen. Ihre Gemälde brauchen Zeit.

Doch das Buch erzählt in gleichem Maße auch die Geschichte von Traute Rose – der Frau, die auf vielen Gemälden Lotte Lasersteins zu sehen ist – ihr Lieblingsmodell, ihre Inspiration, ihre Muse. Wie ist es Modell zu sein, über Stunden still zu halten, für einen Akt zu posieren, sich selbst permanent auf der Leinwand zu sehen?

Anne Stern beleuchtet dieses besondere Verhältnis der beiden Frauen und gibt ihnen eine Stimme. Sie beschreibt das Kennenlernen der beiden, ihre gemeinsame Zeit in Berlin und die Momente, in welchen große Kunst entsteht.
Traute begleitet Lotte auf ihrem steinigen Weg zu den ersten erfolgreichen Ausstellungen, kennt ihr Hadern zwischen Kunst und Broterwerb. Als es für Lotte als Jüdin in Berlin immer gefährlicher wird und sie auch ihre Schüler nicht mehr unterrichten kann, um Geld zu verdienen, flieht sie vor den Nationalsozialisten 1937 ins schwedische Kalmar.

„Die Wirklichkeit und die Kunst sind keine Gegner, sondern Verbündete, und schon damals trug ich meine einzige Wirklichkeit im Malkasten mit mir herum. Das war auch dann noch so, als mir alles genommen wurde.“

(S.116)

Der Roman liest sich sehr flüssig und man freut sich und leidet mit den beiden Frauen in jeder Szene mit. Manche Stellen hätten für meinen Geschmack jedoch sprachlich etwas weniger blumig ausfallen können und auch die fast durchgängig sehr wehmütig-melancholische Stimmung hätte für mich ab und zu etwas weniger larmoyant sein dürfen.
Stark hingegen fand ich die Schilderung Berlins, des Zeitgeists, die Welt der Künstler und die atmosphärischen Beschreibungen der Zwanziger Jahre – dieser Funke ist definitiv übergesprungen.

„Dieses rastlose Berlin finde ich heute nur in alten Romanen wieder. Und in der Erinnerung an jene Tage, an denen ich mit Traute nach unserer Arbeit im Atelier durch Berlin lief. Vorbei an Litfaßsäulen mit Werbeplakaten für Theater und Varietés, vorbei am Drehorgelspieler, an Ständen mit Körben der ersten Pilzernte, an Zeitungskiosken, von denen uns die Schlagzeilen ansprangen wie übermütige Hunde.“

(S.205)

Lotte Laserstein blieb bis zu ihrem Tod 1993 in Schweden und lebte dort von Portraits und Landschaftsmalerei – sie veränderte ihren Stil. Ihre bekanntesten Werke, die der Neuen Sachlichkeit zugeordnet und als Höhepunkte ihres Schaffens gelten werden, entstanden in der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre in Berlin.

Anne Stern hat einen Roman über Schmerz und Verlust voller Wehmut und Melancholie geschrieben, aber sie hat auch eine große Frauenfreundschaft, die besondere Beziehung zwischen Malerin und Modell und die Entstehung von Kunst in den Mittelpunkt ihres Werks gesetzt.

Vor meiner Lektüre wusste ich nichts über Lotte Laserstein – jetzt habe ich das Gefühl, eine Künstlerin und ihre Lebensgeschichte auf unterhaltsame Weise kennengelernt zu haben. Ich durfte literarisch der Entstehung ihrer wichtigsten Werke beiwohnen, im Atelier Mäuschen spielen, ihre Freundin und Muse kennenlernen, in ihre Gedankenwelt eintauchen. Es ist immer wieder faszinierend, was Bücher bewirken können.

Eine spannende Künstlerpersönlichkeit mit einer bemerkenswerten Lebensgeschichte, über die es sich zu lesen lohnt und die mir sicher im Gedächtnis bleiben wird. Wenn ich irgendwann in einem Museum einem ihrer Gemälde gegenüberstehen werde, wird ihre Lebensgeschichte bestimmt sofort wieder präsent sein.

Buchinformation:
Anne Stern, Meine Freundin Lotte
Kindler
ISBN: 978-3463000268

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Anne Stern’s „Meine Freundin Lotte“:

Für den Gaumen:
Neben Erbsensuppe mit Pinkel wartet Anne Stern’s Roman für mich als Kulturbowlen-Gastgeberin kulinarisch doch tatsächlich mit einem sehr passenden Getränk auf:

„Wir zwängten uns an einen der schmalen Tische, bestellten Kaffee und in einem Anfall von Übermut je ein Glas Pfirsichbowle, die auf der Karte angeboten wurde.“

(S.206)

Zum Weiterschauen (I):
Das Gemälde „Abend über Potsdam“ gilt als das bekannteste Gemälde Lotte Lasersteins – es befindet sich seit 2010 im Besitz der Nationalgalerie Berlin und auf der Homepage des Museumsportals Berlin kann man sich selbst einen Eindruck verschaffen.
Auf diesem Bild ist Traute Rose übrigens auch zu sehen – sie ist die Dame, die links am Geländer steht.

Zum Weiterschauen (II):
Im Roman besucht Lotte Laserstein das Kino und sieht dort den mittlerweile legendären Filmklassiker von und mit Charlie Chaplin „Der Vagabund“, der im Jahr 1916 erschienen ist.

Zum Weiterlesen:
Die Kaffeehäuser Berlins sind immer wieder Schauplatz im Roman. Auch das weltberühmte Romanische Café am Kurfürstendamm gegenüber der Gedächtniskirche, welches als einer der Künstlertreffpunkte galt, darf da nicht fehlen.
Brigitte Landes hat mit ihrem Buch „Im Romanischen Café“ dieser Institution der Berliner Bohème und ihren illustren Gästen ein literarisches Denkmal gesetzt. So enthält der schön gestalte Band der Insel-Bücherei unter anderem Texte von Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Gabriele Tergit, Irmgard Keun, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und vielen anderen mehr.

Brigitte Landes, Im Romanischen Café. Ein Gästebuch.
Insel Bücherei
ISBN: 978-3-458-19472-9

Inspirierendes Siena

Die meisten Menschen haben Sehnsuchtsorte. Orte, die aus ganz bestimmten, individuellen Gründen eine besondere Bedeutung oder Faszination für die- oder denjenigen besitzen. Für den in England lebenden libyschen Autor Hisham Matar ist dies Siena. Er hat sich den Wunsch eines längeren Aufenthalts in dieser Stadt erfüllt und lässt mit „Ein Monat in Siena“ seine Leserinnen und Leser an dieser intensiven Erfahrung teilhaben.

Die meisten Touristen und Toskanaurlauber haben für Siena einen Tag oder gar nur wenige Stunden Zeit, um sich einen Eindruck von dieser geschichtsträchtigen Stadt machen zu können und über den fächerförmig angelegten Campo zu schlendern.

„Die Piazza zu überqueren heißt, an einer jahrhundertealten Choreographie teilzunehmen, die alle einsamen Wesen daran erinnern soll, dass es weder gut noch möglich ist, ganz allein zu existieren.“

(S.22)

Hisham Matar, der sich nach Abschluss eines fordernden Buchprojekts dazu entschlossen hat, eine Auszeit zu nehmen und sich einen langgehegten Traum zu erfüllen, verbringt einen ganzen Monat in Siena, um sich der Stadt mit Haut und Haar widmen zu können.

Bereits seit seiner Jugend üben die Kunstwerke der Sienesischen Schule, d.h. italienischer Künstler des 13. bis 15. Jahrhunderts wie zum Beispiel Duccio die Buoninsegna oder Ambrogio Lorenzetti, eine ganz besondere Faszination auf ihn aus.
Er kann sich stunden- und tagelang in Museen in ein und das selbe Werk vertiefen, sich darin verlieren und jedes Detail in sich aufnehmen. Schlendern viele Museumsbesucher häufig nur uninspiriert an den Gemälden vorbei, so verinnerlicht er diese und macht sie sich ganz zu eigen.

Er teilt mit dem Leser seine Sicht und Begeisterung für die Kunstwerke und erläutert Hintergründe, setzt Akzente und vermittelt, was ihn persönlich besonders bewegt. Man spürt beim Lesen, welch hohen Stellenwert die Malerei und die Auseinandersetzung mit diesen Werken für ihn hat.

„Liegt das wahre Vergnügen nicht darin, das Ziel ins Visier zu nehmen, statt es zu erreichen?“

(S.39)

Die Zeit in Siena wird für ihn auch zu einer Reise zu sich selbst und einer intensiven Erfahrung, die neben dem Kunstgenuss auch von der Begegnung mit Menschen, dem Knüpfen von Freundschaften und anregenden Gesprächen lebt.
Er schreibt, was es bedeutet, allein zu reisen, sich treiben zu lassen und sich vollständig auf einen Ort einzulassen, sich Zeit zu nehmen für das Reiseziel und sich selbst.

Natürlich erfährt man auch einiges über die Geschichte der Stadt, die Künstler, den legendären Palio und die Contraden, die eine so große, auch soziale Bedeutung im Stadtleben spielen, aber dieses Buch ist so viel mehr als ein Reise- oder Kunstführer. Es ist das Erzählen über eine einzigartige Reise, einen außergewöhnlichen Monat und eine Lebenserfahrung, die Matar anreichert mit philosophischen Gedanken. Ein sehr persönliches Werk, das tief in die Gedankenwelt des Autors und seine Lebensgeschichte blicken lässt – verfasst in einer Sprache, die in ihrer Klarheit und Schönheit dazu einlädt, immer wieder innezuhalten und Sätze erneut zu lesen und so auch ein zweites oder drittes Mal zu genießen.

„Wie ungeheuerlich es ist, am Leben zu sein, dachte ich. Es erfüllte mich mit Begeisterung und einem düsteren Stolz auf meine Art, darauf, wie tapfer und heldenhaft wir mit der unleugbaren Tatsache umgehen, dass unser Leben nicht zu erhalten ist und alles, ganz gleich, welche Rüstung wir wählen, vergeht.“

(S.75)

Matar hat ein Buch über Kunst und die Kunst, Bilder zu betrachten und zu beschreiben, geschrieben. Aber auch darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein und zu leben: über Trauer, Einsamkeit und Freundschaft. Ein zutiefst menschliches, philosophisches und intelligentes Buch, das mich vollkommen begeistert und inspiriert hat. Das Buch ist auch optisch und haptisch ein Genuss, denn es ist hochwertig gestaltet mit farbigen Abbildungen der Gemälde, auf welche sich Matar bezieht. Selten habe ich ein Buch gelesen, das so von Kunst durchdrungen ist und Lust auf Kulturgenuss und Museumsbesuche weckt.

Wenn die letzte Seite gelesen ist, verspürt man den Wunsch, gleich wieder von vorne zu beginnen. Ein wunderbares Werk voller Weisheit und kluger Gedanken, das bereichert, inspiriert und zum Nachdenken einlädt.
Eine literarische Entdeckung und eine Einladung, die große Lust auf mehr und natürlich auch auf eine Reise nach Siena macht.

Buchinformation:
Hisham Matar, Ein Monat in Siena
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87618-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hisham Matar’s „Ein Monat in Siena“:

Für den Gaumen:
Eine Spezialität, die im Buch Erwähnung finden, sind fritelle – „in Zucker getauchte gebackene Reismehlbällchen mit Orangenschale“ (S.79) – das klingt nach Italien, Sommer, Urlaub und lässt einem sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zum Weiterschauen:
Eines der Schlüsselbilder, auf welche Hisham Matar im Buch explizit eingeht, ist Ambrogio Lorenzetti’s „Allegorie der guten Regierung“ – zu sehen ist das Werk im Palazzo Pubblico von Siena – ein Muss für jeden Siena-Besucher.

Zum Weiterlesen:
Hisham Matar wurde für „Die Rückkehr – Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ mit dem Pulitzerpreis und dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Nach dieser inspirierenden und eindrucksvollen Lektüre von „Ein Monat in Siena“ ist jetzt auch sein preisgekröntes Memoir auf meine Wunschliste gewandert, das ich bisher noch nicht gelesen habe:

Hisham Matar, Die Rückkehr
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87422-7

Dunkle Machenschaften in der Serenissima

Christian Schnalke hat mit „Die Fälscherin von Venedig“ eine opulente und farbenfrohe Fortsetzung seines „Römischen Fieber“ vorgelegt und erzählt die Geschichte von Franz Wercker spannend weiter. Aus Rom musste der Schriftsteller aus dem ersten Band überstürzt aufbrechen und hat nun den Auftrag, verdeckt als vermeintlicher Kunsthändler in Venedig einen großen Kunstraub aufzuklären.
Venedig, das am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert hat, ist literarisch immer eine Reise wert und auch dieser historische Roman lässt die Lagunenstadt vor den Augen der Leser lebendig werden.

„Wie knüpft man an einen Traum an, fragte er sich. Ob man diese Kunst beherrschen kann? Natürlich, er lächelte. Man nennt sie Lesen: Wenn Du ein Buch wieder aufschlägst, träumst du genau da weiter, wo du zuvor aufgehört hast…“

(S.20)

Da ich inhaltlich nicht zu viel verraten will – und auch potenziellen Lesern, die den ersten Band „Römisches Fieber“ noch nicht kennen, nicht die Spannung nehmen möchte – versuche ich mich kurz zu fassen:
Franz Wercker, der in Rom nur durch großes Glück knapp dem Tod entronnen ist und sich von seiner geliebten Clara trennen musste, die nach Hause ins ferne Weimar abgereist ist, hat sich nun in Venedig mit einer delikaten Angelegenheit herumzuschlagen: Er soll als angeblicher Kunsthändler einen groß angelegten Kunstraub aufdecken. Doch allein seine Fassade als Kunstexperte aufrecht zu erhalten, bereitet ihm einiges Kopfzerbrechen und letztlich stellt sich schnell heraus, dass er ohne Hilfe seinem Auftrag nicht gerecht werden kann.

Denn Venedig und die dortige Gesellschaft sind eigenwillig – man braucht profunde Kenntnisse oder ortskundige Hilfe, um zu recht zu kommen – und schon bald verstrickt Wercker sich in ein komplexes Konstrukt aus Vortäuschung falscher Tatsachen, Lügen und Spionage. Können ihm ein paar Gassenjungen und die junge Malerin Ira – die selbst ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheint – helfen? Und welches Spiel spielen die gut betuchte, venezianische Adelige Rafaela und ihr mysteriöser Sohn?

„Wie kann man die Oper nicht kennen? Ihr Deutsche seid doch seltsam! Wir Italiener saugen den Gesang und die Oper mit der Muttermilch auf!“

(S.193/194)

Zwischen dem Opernhaus La Fenice, den Kirchen, den Palazzi und Kanälen gerät Franz Wercker gemeinsam mit seinen neuen Vertrauten schnell wieder selbst in höchste Gefahr.
Die Schilderungen der Stadt, ihrer Bewohner, der Geräusche und Gerüche sind so lebensecht und intensiv, dass man sich wirklich ins Venedig des 19. Jahrhunderts versetzt fühlt. Das ist eine der großen Stärken Christian Schnalke’s, der es aber – als erfahrener und erfolgreicher Drehbuchautor (u.a. von „Die Patriarchin“ oder „Katharina Luther“) – auch versteht, stimmige Dialoge und spannende Szenen zu schreiben.

Mir persönlich hat auch der Wechsel zwischen den Schauplätzen Venedig und Weimar gefallen, wo sich Franz’ Geliebte Clara aufhält und sich mit Herrn von Goethe über die Italiensehnsucht austauscht, die sie seit ihrer Rückkehr nach Deutschland ebenso sehr plagt, wie die Sorge um ihren Franz. Werden die beiden am Ende wieder zu einander finden?

„Die Fälscherin von Venedig“ ist nicht nur ein spannender historischer Roman, sondern auch ein großartiges Porträt der damaligen Zeit und ihrer Künstler, erzählt fast im Vorbeigehen von Gemälden, bildender Kunst und den Schriftstellern dieser Zeit.

„Für mich ist jede einzelne Zeichnung etwas Einmaliges. Nichts gegen Gemälde, aber sind diese Blätter nicht wie Handschriften? Steckt nicht in jedem einzelnen Strich der ganze Mensch?“

(S.207)

Man spürt die Liebe Schnalke’s zur Kunst, zu seinen Figuren und zum Detail und so ist es eine wahre Freude, das Buch zu lesen – man fiebert mit und schließt die Charaktere ins Herz.
Christian Schnalke hat einen überbordenden, fabulierfreudigen und prächtigen historischen Roman geschrieben, der mir große Lesefreude bereitet hat. Ein wunderbarer Schmöker, für den man ausreichend Zeit einplanen sollte, um ihn richtig genießen zu können. Eine Venedigreise auf knapp 500 Seiten, die einen immer mehr in ihren Bann zieht und sich als sehr bereichernd herausstellt.

Eine weitere Besprechung des Werks findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Christian Schnalke, Die Fälscherin von Venedig
Piper
ISBN: 978-3-492-05952-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die Fälscherin von Venedig“:

Für den Gaumen:
Eine typisch italienische Nachspeise, die im Buch erwähnt wird, ist Panna Cotta – die „gekochte Sahne“. Auf dem von mir sehr geschätzten und gerne empfohlenen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ findet man das passende Rezept. Buon appetito!

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Venedig hat am 25. März 2021 seinen 1600. Geburtstag gefeiert und wird noch das ganze Jahr über mit unterschiedlichen Veranstaltungen dieses Jubiläum würdigen. Auf der offiziellen Website der Stadt gibt es hierzu nähere Informationen, schöne Bilder und Videos.

Zum Weiterlesen (I):
Wer sich noch näher mit der Stadt Venedig beschäftigen möchte, hat die Möglichkeit sich von einem wahren Italienkenner und -liebhaber literarisch durch die Serenissima führen zu lassen. Hanns-Josef Ortheil hat mit „Venedig – Eine Verführung“ der Stadt ein Denkmal gesetzt und nimmt den Leser mit auf einen sinnlichen Bummel durch die Gassen und Kanäle.

Hanns-Josef Ortheil, Venedig – Eine Verführung
insel taschenbuch 4482
ISBN: 978-3-458-36182-4

Zum Weiterlesen (II) oder besser vorher lesen:
Obwohl „Die Fälscherin von Venedig“ auch unabhängig und ohne Vorwissen gelesen werden kann, kann ich es dennoch wirklich empfehlen vorab auch den Vorgängerroman „Römisches Fieber“ zu lesen, welcher die Vorgeschichte von Franz Wercker und seinem Romaufenthalt erzählt. Alle Italienfans und Freunde guter historischer Romane kommen auch da voll auf ihre Kosten und haben so den doppelten Genuss.

Christian Schnalke, Römisches Fieber
Piper
ISBN: 978-3-492-05906-0

Italiensehnsucht in Wort und Bild

Manchmal fügt es sich und es tritt der Glücksfall ein, dass sich Lektüre und Kunstgenuss auf wunderbare, ideale Weise ergänzen. Man hört ein Musikstück und verbindet dies mit einem bestimmten kulinarischen Genuss oder man sieht ein Bild und hat sofort ein Gedicht im Kopf – genau diese Momente der Inspiration sind es, welche für mich die Kulturbowle ausmachen sollen. Eine solche Symbiose durfte ich vor kurzem mit den Gemälden der Ausstellung „Italiensehnsucht!“ und dem kleinen, aber sehr feinen Gedichtband „Ein rätselschönes Schweigen“ des jungen Dichters Marius Tölzer erleben, der in seinen wunderbar durchkomponierten und an Goethe oder Hölderlin erinnernden Gedichten sofort leuchtende Bilder vor meinem Auge entstehen ließ. Da zeichnet er südliche, italienisch anmutende Stimmungen von plätschernden Brunnen, blühenden Gärten und Parks, belebten Märkten und abendlichen Festen im Freien.

Seine Gedichte verbinden urbane Impressionen (z.B. Glockenläuten, Katzen auf den Dächern) mit Eindrücken aus der Natur (Mandelblüten, Efeublätter etc.) und alle atmen für mich das gewisse Etwas der italienischen Lebensfreude, der südlichen Wärme und kombinieren eine gewisse Leichtigkeit mit dem tiefgründigen Ernst großer Emotionen.

So klingen seine „Viterbeser Lieder“ (die Stadt Viterbo liegt in Mittelitalien 77km nördlich von Rom) für mich nach einem stimmungsvollen Sommerabend in Italien und mit seiner bildhaften, klangvollen Sprache zaubert er mich weg aus dem verschneiten Deutschland in den sonnigen Süden. Italiensehnsucht pur!

Er greift sogar selbst auf die italienische Sprache zurück und so enthält der Band auch ein bzw. zwei italienische Gedichte – in dieser herrlichen Sprache, die in ihrer tänzerischen Melodiösität ohnehin kaum zu übertreffen ist.

Tölzer schreibt klassisch-romantisch inspirierte Gedichte mit viel Gefühl und großen Emotionen – es geht um Liebe und Trauer, Abschied und Trost. Er wechselt und spielt gekonnt und frei mit Form und Rhythmus – da gibt es ein Sonett, Lieder oder aber auch kurze Vierzeiler. Man spürt, dass er sich intensiv mit der Poesie von Hölderlin, Goethe und Novalis auch im Rahmen seines Studiums und seiner Promotion auseinandergesetzt hat und doch findet er inspiriert von den großen Meistern in seinen Gedichten seinen eigenen Ton, den man mit großem Genuss liest. Für mich hatten diese klugen, klangvollen Gedichte etwas ungemein Friedliches, Beruhigendes und Tröstliches – Worte voller Schönheit, die Balsam für die Seele sein können und die beim Lesen und Wiederlesen immer wieder etwas Neues in einem zum Klingen bringen. Das vermag so intensiv wohl nur Lyrik und Poesie!

Die gemalten Bilder zu diesen eindrucksvollen Gedichten konnte ich dann in der digitalen Version und im Katalog zur Ausstellung „Italiensehnsucht!“ (Kulturspeicher Würzburg) genießen und bewundern. Mediterranes Flair eingefangen durch deutsche Künstler, die sich den Traum erfüllten, eine Zeit in Italien zu leben und zu arbeiten. So entstanden Werke mit jenem typisch südlichen, warmen Licht und teils unbeschwerter Urlaubsatmosphäre – eingefangen und entstanden in den Jahren 1905 bis 1933, u.a. von Künstlern, die Stipendien in der Villa Romana in Florenz oder der Villa Massimo in Rom erhalten hatten oder sich auch privat in Italien eingerichtet hatten: August Macke, Max Pechstein, Dora Hitz, Max Beckmann, Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Anita Rée, um nur einige zu nennen. Der liebevoll gestaltete und grafisch sehr ansprechende Katalog enthält neben den Bildern und Kunstwerken der Ausstellung auch interessante Artikel zu den beiden Künstlerakademien und den Künstlern, die Anfang des 20. Jahrhunderts auf Goethes Spuren in Italien wandelten und dort ihre Inspirationen in Kunst umsetzten. Italien war und ist Sehnsuchtsort für deutsche Künstler und Reisende.

In Zeiten wie diesen, in welchen es nicht möglich ist, nach Italien zu reisen, waren die Gedichte Tölzer’s und die Kunstwerke der Ausstellung eine schöne Möglichkeit, sich zumindest literarisch und künstlerisch dorthin zu träumen und ein wenig in der Sehnsucht zu schwelgen, die schon Goethe mit uns teilte.

„Wir sind im tiefen Wesen unergründlich
Begegnen uns in der Unendlichkeit
Erfinden uns und sind doch unerfindlich
Und Träumen meint uns Möglichkeit.“


(Marius Tölzer, aus „Ein rätselschönes Schweigen“)

Am morgigen Sonntag, den 21. März ist der „Welttag der Poesie“, welchen die Unesco im Jahre 2000 ins Leben gerufen hat. Daher nehmt Euch Zeit für Poesie, Lyrik und Gedichte, träumt ein wenig und genießt die Schönheit der Sprache!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar des Gedichtbands zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Marius Tölzer, Ein rätselschönes Schweigen
Hrsg.: edition tas:ir, Andres Miklaw
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-5-8

Italiensehnsucht. Auf den Spuren deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler 1905–1933
Katalog zur Ausstellung im Museum im Kulturspeicher, Würzburg, Museum August Macke Haus, Bonn und Max Pechstein Museum, Zwickau 2020/2021
herausgegeben von Martina Padberg, Klara Denker-Nagels, Henrike Holsing, Petra Lewey
Wienand Verlag
ISBN: 978-3-86832-590-4

© Wienand Verlag

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Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich „Ein rätselschönes Schweigen“ und „Italiensehnsucht!“:

Für den Gaumen:
Eines der Bilder der Ausstellung, welches der Kulturspeicher in Würzburg als Titelbild des Internetauftritts gewählt hatte, ist Theo van Brockhusen’s „Blick von der Villa Romana auf die Silhouette der Stadt Florenz“ (1913): da gibt es Rotwein, frisches Obst und Gemüse und vor allem frische Wassermelone – da bekommt man nicht nur Italiensehnsucht, sondern auch Sommersehnsucht…

Zum Weiterklicken:
Wer mehr über den Dichter und Philosophen Marius Tölzer (*1991) erfahren möchte, kann gerne auf seiner Homepage weiterstöbern und dort zusätzliche Information zu Vita und Werk erhalten.

Zum Weiterschauen oder für den Museumsbesuch:
Die „Italiensehnsucht!“-Ausstellung in Würzburg ging leider ohne Besucher zu Ende, hatte aber ein schönes digitales Angebot zusammengestellt, das ich sehr genossen habe. Die Ausstellung zieht jetzt weiter und macht vom 27. März bis zum 30. Mai 2021 im Max Pechstein-Museum in Zwickau Station, danach geht es weiter nach Bonn im Museum August Macke Haus (18.06.2021–19.09.2021). D.h. vielleicht bekommt jetzt doch noch der eine oder andere eine Chance, diese schöne Ausstellung zu besuchen und sich ein wenig nach Italien zu träumen.

Zum Weiterhören:
Perfekt zur Italiensehnsucht und zur Rom-Romantik passen für mich die sinfonischen Dichtungen von Ottorino Respighi „Fontane die Roma“, „Pini di Roma“ und „Feste romane“, die im Bereich der klassischen Musik für mich die italienische Stimmung und Klangwelt hervorragend einfangen.

Zum Weiterlesen:
Wer beim Schmökern im Ausstellungskatalog zu „Italiensehnsucht!“ Lust darauf bekommen hat, mehr über die Villa Massimo in Rom zu erfahren, in welcher Stipendiaten aus den Bereichen Literatur, Musik (Komposition), bildende Kunst, Architektur die Möglichkeit bekommen, sich von der ewigen Stadt inspirieren zu lassen, der kann in Hanns-Josef Ortheil’s Buch einen intensiven Eindruck von seiner Zeit in der Villa bekommen:

Hanns-Josef Ortheil, Rom, Villa Massimo
btb
ISBN: 978-3-442-71427-8

Tschudi und die Nationalgalerie

Einer meiner Lesehöhepunkte in den ersten beiden Monaten des Jahres 2021 war bisher „Tschudi“ – der Roman der Autorin Mariam Kühsel-Hussaini über Hugo von Tschudi, den Museumsdirektor der Berliner Nationalgalerie in den Jahren 1896 bis 1908, der es als Erster und gegen den Widerstand des Kaisers Wilhelm II. wagte, französische Impressionisten für das Museum zu erwerben und auszustellen.
Ein großartiges Buch über eine spannende und hochinteressante Persönlichkeit, über Berlin, über die Kaiserzeit, über Kunst und Kultur – und all das in einer wunderschönen Sprache, die mich fasziniert und begeistert hat.

„Es war, als sei ein Augenblick des Universums nach Berlin gefallen, hierher, in die Nationalgalerie, in diesen Saal, zwischen diese beiden Männer, die so weit voneinander entfernt standen.“

(S.118)

Der Roman lässt die Kaiserzeit und das pulsierende Berlin um die Jahrhundertwende vor den Augen des Lesers wieder auferstehen. In den Mittelpunkt ihres Romans stellt die Autorin das Spannungsfeld zwischen dem aufgeschlossenen, visionären, mutigen Museumsdirektor und Kunstmenschen Hugo von Tschudi und dem konservativen, militärischen Traditionalisten Kaiser Wilhelm II.
Zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch beide durch ihre Krankheiten auch auf ähnliche Weise mit ihrem Schicksal hadern. Tschudi war an der Wolfskrankheit erkrankt und trug im fortgeschrittenen Stadium sogar eine Gesichtsmaske, um die Folgen der Krankheit zu kaschieren und der Kaiser litt bereits seit seiner Geburt unter einer Lähmung und Verkürzung des linken Arms.

Als Tschudi auf einer Frankreichreise, die er gemeinsam mit dem Künstler Max Liebermann unternahm, zahlreiche Bilder französischer Impressionisten erwirbt und diese vollkommen neuen, modernen und unkonventionellen Werke in der altehrwürdigen Nationalgalerie ausstellt, prallen die beiden und ihre Vorstellung von Ästhetik unweigerlich aufeinander. Die Ausstellung mit Werken von Manet, Monet und Degas wird zum große Erfolg und Skandal zugleich – sie spaltet die Geister und polarisiert.

Tschudi verkehrt mit den wichtigen und namhaften Persönlichkeiten seiner Zeit: so gibt er Cosima Wagner eine Privatführung durch die Ausstellung, diniert mit Max Liebermann und dessen Frau Martha, trifft sich mit Virchow, Henry van de Velde, Gerhart Hauptmann und Harry Graf Kessler.

Kühsel-Hussaini schreibt atmosphärisch und schwebend, so dass die Stimmung und der Zeitgeist im Berlin der Jahrhundertwende und die zahlreichen künstlerischen Einflüsse und Strömungen sehr gut zur Geltung kommen.
Der Roman lebt nicht so sehr von der Handlung, sondern viel mehr von Stimmungen, Farben, Klängen, Genüssen und dem Flair Berlins, der in jeder Zeile durchscheint. Er wird getragen durch interessante Menschen und Charaktere, die diese Zeit des Um- und Aufbruchs erleben.

Es ist berührend zu lesen, wie die Autorin uns in Tschudi’s Gedankenwelt eintauchen lässt: dieser intelligente, feinfühlige und sensible Mensch, der so sehr an seiner Krankheit und der damit einhergehenden Entstellung seines Gesichts leidet, große Angst vor Leiden und Tod hat und doch einen solch großen, ungezügelten Hunger nach Leben, Lebensfreude und den schönen Dingen des Lebens in sich spürt.

Man spürt bei der Lektüre die Faszination für die Kunst und die damals noch auf unerhörte Weise „andersartigen“ Gemälde der französischen Künstler – die Beschreibungen der Autorin über die Wahrnehmung und das Betrachten von Bildern sind wunderbar zu lesen.

„Man darf ein Gemälde nicht betrachten. Man muss in das Bild hinein. Man muss zwischen den Farben sein, wenn sie auf der Leinwand gemischt werden. Man muss im glatten Pompejanischblau ertrinken, wenn das anrollende Neapelgelb einen wieder heraushebt und ins dick gefleckte Chinesischweiß schmiegt.“

(S.305)

Sprachlich ist der Roman für mich ein wahres Fest und ein großer Genuss gewesen. Kühsel-Hussaini schreibt wunderschön mit neuartigen Bildern und Wortschöpfungen in einer sinnlichen, kristallklaren und intensiven Sprache, die man so nicht oft zu lesen bekommt.

Das Buch bezaubert und sprudelt über von Farben, Kunst, Kultur, Lebensgefühl und Zeitgeist – es reißt viele Themen und Aspekte an, die einen dazu animieren, weiter zu recherchieren und noch tiefer nachzulesen – ein wahrer Quell der Inspiration, vielseitig und somit genau nach meinem Geschmack. Für alle Kultur- und Kunstbegeisterten und Liebhaber schöner Sprache kann ich diesen Roman daher uneingeschränkt empfehlen und wärmstens ans Herz legen.

„Im Schein des Kristalls, in den hübschen winzigen begierigen Bläschen des weißgoldenen Champagners, sprudelt ganz Berlin.“

(S.245)

Weitere Besprechungen des Romans findet man unter anderem bei Aufklappen, Buch-Haltung und Fräulein Julia.

© Büchergilde Gutenberg

Buchinformation:
Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 978-3-7632-7200-6

oder

Mariam Kühsel-Hussaini, Tschudi
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00137-7

© Rowohlt Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tschudi“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch gibt es im Hause Liebermann für den Gast Hugo von Tschudi Spargel und Riesling – schon jetzt freue ich mich auch darauf, wenn bei uns die Spargelzeit im Frühjahr wieder beginnen wird. Zudem musste ich das Dessert „Berliner Luft“ recherchieren, das mir bisher nicht als Nachspeise, sondern nur als Lied von Paul Lincke bekannt war. Laut Wikipedia: „Berliner Luft ist eine schaumige Dessertcreme aus Eigelb, Eischnee, Zucker und Gelatine, die mit Himbeersaft angerichtet wird.“

Zum Weiterschauen:
Noch heute gehören die Werke der französischen Impressionisten zu den Hauptattraktionen der Alten Nationalgalerie in Berlin. Es lohnt sich, auf der Homepage des Museums ein wenig virtuell zu stöbern, solange ein realer Museumsbesuch leider noch nicht möglich ist. Zum Beispiel Édouard Manet’s „Im Wintergarten“ war eines der Werke, die Hugo von Tschudi auf seiner gemeinsamen Reise mit Max Liebermann in Frankreich für das Museum erworben hatte.

Zum Weiterhören:
Im Roman spielt das berühmte Stück „Gymnopédie No. 1“ von Erik Satie eine Rolle und dieses melancholische, verträumte Klavierstück aus dem Jahr 1888 passt für mich wunderbar zu diesem Buch und dem Zeitgefühl.

Zum Weiterlesen:
Rodin ist einer der Künstler, die im Roman ebenfalls eine Rolle spielen und hier kann ich das Buch „Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft“ von Rachel Corbett sehr empfehlen, das die Künstlerfreundschaft der beiden biographisch und sehr gut lesbar aufbereitet.

Rachel Corbett, Rilke und Rodin: Die Geschichte einer Freundschaft
Übersetzer: Helmut Ettinger
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3554-5

Barnes‘ Gemälde der Zeit

Ein Museumsbesuch kann inspirieren, eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnen und im Falle von Julian Barnes sogar der Auslöser für ein ganzes Buch werden. Als er im Jahre 2015 in der Londoner National Portrait Gallery das Gemälde „Dr. Pozzi at home“ des amerikanischen Künstlers John Singer Sargent sieht, wird er neugierig auf die Geschichte des Porträtierten. „Der Mann im roten Rock“ erzählt die Lebensgeschichte des Gynäkologen Dr. Samuel Pozzi (1846-1918), der im Paris der Jahrhundertwende aufgrund seiner innovativen Behandlungsmethoden als Arzt, aber auch als Fein- und Freigeist zum „Who is who“ oder besser zur „Haute volée“ zählte. Sein Leben und die Menschen in seinem Umfeld bieten den Rahmen, der es Barnes ermöglicht, ein opulentes, detailverliebtes und großes, literarisches Zeit- und Sittengemälde der Pariser „Belle Époque“ oder auch des „Fin de siècle“ zu schaffen.

„Die Belle Époque: der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer etablierten High Society, bevor dieses kuschelige Fantasiegebilde – mit einiger Verspätung – vom metallischen zwanzigsten Jahrhundert hinweggefegt wurde, dem man nichts vormachen konnte und das die eleganten, launigen Toulouse-Lautrec-Poster von leprösen Wänden und stinkenden vespasiennes riss.“

(S.34/35)

Auf Du und Du mit den Größten seiner Zeit verkehrte Dr. Pozzi in den Salons der besten Pariser Gesellschaft, kannte Reiche, Schöne und auch die Künstler der damaligen Zeit persönlich: Sarah Bernhardt – schillernde Schauspielerin und Weltstar – ebenso wie John Singer Sargent, Colette, André Gide, die Brüder de Goncourt – um stellvertretend nur wenige Beispiele für die führenden Maler, Schriftsteller und Komponisten im Paris der Jahrhundertwende zu nennen. Gemeinsam mit den Aristokraten Prinz Edmond de Polignac und Graf Robert de Montesquiou-Fezensac bereiste er im Jahre 1885 auch London für eine illustre und „intellektuelle Einkaufstour“ – und so lässt Barnes auch immer wieder süffisante Bemerkungen über das Verhältnis zwischen Engländern und Franzosen einfließen.

Es ist die Zeit der Dandies und Duelle, der Weltausstellungen, des großen technischen und medizinischen Fortschritts. Barnes zeichnet ein detailliertes Bild einer Welt im Umbruch und einer Zeit, in welcher sich für die gehobenen, reichen Kreise große Freiheiten und Möglichkeiten eröffneten.

„Die Belle Époque war eine Zeit unermesslichen Wohlstands für die Wohlhabenden, der gesellschaftlichen Macht für die Aristokratie, des hemmungslosen und ausgefeilten Snobismus, des ungezügelten Strebens nach Kolonialbesitz, des künstlerischen Mäzenatentums und des Duells, dessen Brutalität oft eher ein Gradmesser der persönlichen Erregung als der verletzten Ehre war.“

(S.152)

Barnes zeichnet aber auch das Bild eines weit gereisten, weltmännischen, charismatischen Mannes, sowie eines erfolgreichen und einfühlsamen Arztes. Er zeigt Pozzi als Vater einer Tochter, deren Beziehung zu ihm Licht und Schatten aufweist und als Ehemann in einer weitestgehend lieb- und glücklosen Ehe, aus welcher er sich in Affären mit anderen Frauen und in eine länger währende, leidenschaftliche Beziehung zu einer ebenfalls verheirateten Frau flüchtet, mit welcher er regelmäßig Europa bereist. Theater- und Opernbesuche in Bayreuth, München, Venedig stehen auf ihrem Programm – gemeinsam verstehen sie es, die Kunst und das Leben zu genießen.

„Ein Maler schafft ein Abbild, eine Version oder eine Interpretation, die die porträtierte Person zu Lebzeiten feiert, nach dem Tod in Erinnerung bewahrt und beim Betrachter vielleicht noch Jahrhunderte später Neugier weckt.“

(S.229)

Ich habe einiges aus der Lektüre mitgenommen, wenn auch die Vielzahl der erwähnten Personen, Namen und Anekdoten stellenweise einiges an Konzentration erfordern. Doch dank der gelungenen Illustration durch die Sammelbildchen der „Célébrités Contemporaines“, welche den Schokoladentafeln des Chocolatiers Félix Potin beigegeben waren – offenbar hatte man es damals geschafft, wenn man auf diesen „Schokoladenbildern“ verewigt wurde – bekommt man ein stimmiges Bild und einen guten Eindruck der damaligen Persönlichkeiten.

Für Kunstsinnige, Liebhaber von Malerei, Kunstgeschichte, Literatur und historischen Hintergründen ist dieses Buch genau das Richtige. Wer aber einen Roman im Stile von Barnes’ „Der Lärm der Zeit“ erwartet, der irrt und wird gegebenenfalls auch wenig Gefallen an „Der Mann im roten Rock“ finden. Denn Barnes hat dieses Mal ein Sachbuch verfasst, wenn auch ein sehr lebendiges und kunstvolles, das sich für Kultur- und Geschichtsinteressierte sehr kurzweilig lesen lässt. Die hochwertige Aufmachung und die zahlreichen, teils farbigen Abbildungen der Gemälde, Kunstwerke und Portraits der Akteure machen es zu einem Buch, das man gerne zur Hand nimmt: man liest, schaut, genießt und freut sich im Stillen vielleicht auch schon auf einen zukünftigen Museumsbesuch, sobald dies wieder möglich sein wird.

Weitere Besprechungen des Werks finden sich bei Bücheratlas oder Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Julian Barnes, Der Mann im roten Rock
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05476-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann im roten Rock“:

Zum Weiterschauen:
Für alle die das Buch nicht vor sich liegen haben und selbst darin blättern können, ist hier der Link zu dem Gemälde, das der Auslöser für Julian Barnes’ neuestes Werk war und das dem Buch seinen Namen gibt: John Singer Sargent’s „Dr. Pozzi at home“, das aktuell im Hammer Museum in Los Angeles zu Hause ist.

Zum Weiterhören und Weiterschauen:
Eine weltberühmte Oper dieser Zeit – uraufgeführt in Paris 1902 – ist Claude Debussy’s „Pelléas et Mélisande“. Vom 19.02.21 bis zum 19.08.21 wird auf Operavision die Möglichkeit bestehen, sich kostenlos einen Stream der Oper aus dem Grand Théâtre de Genève anzusehen. Die musikalische Leitung hat Jonathan Nott und die berühmte Performancekünstlerin Marina Abramović zeichnet für das Bühnenkonzept verantwortlich. Angekündigt wird die Inszenierung als „kosmischer Traum“, d.h. man darf gespannt sein.

Zum Weiterlesen:
Wer auf unterhaltsame und spannende Weise etwas mehr über die Dreyfus-Affäre erfahren möchte, welche politisch prägend war für die Zeit der Belle Époque, der ist bei Robert Harris und seinem Roman „Intrige“ an der richtigen Adresse. Er versteht es wie kaum ein Zweiter, geschichtliche Stoffe in packende Spannungsliteratur zu verwandeln.

Robert Harris, Intrige
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne
ISBN: 978-3-453-43800-2

Tizians Venus

Lea Singer ist eine Autorin, die mich bereits seit längerem begleitet und deren Bücher über Künstler – Musiker, Dichter oder Maler – mich immer begeistern und faszinieren. Auch der neueste Roman „La Fenice“ ist wieder ein literarisches Glanzlicht, das ich mit großem Interesse gelesen und als sehr bereichernd empfunden habe.

Angela del Moro – auch genannt „La Zaffetta“ oder die Tochter des Spitzels – weiß schon früh, dass sie sich nicht in das übliche Schicksal einer venezianischen Frau als Gattin, Mutter und Untergebene des Mannes fügen will. Sie will sich lösen vom Elternhaus und ihr Ziel ist es, frei und unabhängig zu sein. Sie möchte ihr eigenes Geld verdienen, unverheiratet bleiben und als Weg dorthin wählt sie es, eine Kurtisane zu werden. Bereits mit 16 Jahren lässt sie sich von „Mentor“ Aretino ausbilden, denn auch die käufliche Liebe im Venedig des 16. Jahrhunderts ist ein hart umkämpftes Geschäft und nur gebildete, gepflegte und schöne, junge Damen verdienen gutes Geld mit der gehobenen, reichen und oft adeligen Kundschaft. Sie zählt schnell zu den Gefragtesten in ihrem Metier, allerdings begeht sie dann einen verhängnisvollen Fehler: sie lehnt einen sehr einflussreichen und mächtigen Mann ab, stößt ihn vor den Kopf und zieht seine unerbittliche Rache auf sich.

Er lässt sie auf einer abgelegenen Insel vor den Toren Venedigs brutal vergewaltigen – ein sogenannter „Trentuno“, d.h. eine Massenvergewaltigung durch 31 Männer, die sie nur knapp und schwer verletzt überlebt. Diese rohe, überbordende Gewalt und der darauf folgende Rufmord, der ihr jegliche Basis entzieht, bringen sie an den Abgrund ihrer Existenz.

„Der Phönix steigt aus seiner eigenen Asche empor. Und in unserer Sprache, sagte Aretino, ist der Vogel Phönix bekanntlich weiblich.“

(S.183)

Doch wie ein Phönix erarbeitet sie sich Schritt für Schritt ihre eigene Wiederauferstehung und erkämpft sich ihr Leben und ihre Würde zurück.
Mit 23 Jahren wird sie zum Modell des berühmten und erfolgreichen Malers Tizian und wird seine „Venus von Urbino“ – dem bekannten Gemälde, das heute zu den Höhepunkten in den Florenzer Uffizien zählt. Und das Leben voller Höhen und Tiefen hält noch eine wahrhaftige Liebe als Überraschung für sie bereit.

„Dem Sänger, der bei einem Begräbnis singt, dürfen nicht die Tränen kommen, ein Narr, der für seine Späße bezahlt wird, darf nie über sich selber lachen. Eine verliebte Käufliche wurde unverkäuflich.“

(S.226)

Ich schätze die sinnliche und atmosphärische Art zu Schreiben, die Lea Singer auch in „La Fenice“ wieder eindrucksvoll unter Beweis stellt, außerordentlich. Die Düfte, die Geschmäcker, die Geräusche Venedigs sind so lebendig geschildert, dass man sich selbst fröstelnd in der nebligen Lagunenstadt wiederzufinden scheint. Ein pralles Bild der Serenissima in der Zeit der Renaissance, das die Lektüre erleben lässt – auch in aller Brutalität und Dunkelheit, denn gerade für Frauen oder Außenseiter der Gesellschaft war diese Zeit auch geprägt von Unterdrückung, Willkür und unmenschlicher Gewalt. Singer beschreibt das düster, sehr realistisch und drastisch – da muss man schon mehr als einmal schlucken und kann erleichtert sein, als Frau im Heute leben zu dürfen.

Der Kampa Verlag hat für „La Fenice“ eine puristisch-edle und sehr elegante, schlichte Aufmachung in Leinenbindung gewählt, die sehr schön anzusehen ist und das Herz eines bibliophilen Lesers höher schlagen lässt. Auch durch diese sehr gelungene Optik und Haptik ist es eine Freude, das Buch zur Hand zu nehmen.

Singer’s Romane sind stets unterhaltsam und spannend zu lesen, aber vermitteln zugleich auch immer geschichtliche Hintergründe und fundiertes Wissen über Epochen und Lebensläufe von berühmten Künstlern. Für mich ist das eine perfekte Kombination und macht ihre Bücher so attraktiv – lesend unterhalten werden und auch gleichzeitig noch etwas Neues lernen. Leserherz, was willst Du mehr?

Ein informatives, intelligentes, inspirierendes und großartig recherchiertes Buch, das man mit großer Neugier und Wissbegier nur allzu schnell verschlingt und das zugleich emotional bewegt und berührt. Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für Kunst, Geschichte und die italienische Renaissance interessieren.

Buchinformation:
Lea Singer, La Fenice
Kampa
ISBN: 978 3 311 10027 0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „La Fenice“:

Für den Gaumen:
Im Buch neu begegnet sind mir die Castraure, die ich bisher noch nicht selbst probieren konnte, was ich aber gedenke nachzuholen, sobald sich die Gelegenheit einmal bieten sollte. Castraure sind die jungen, ersten, lilafarbenen Knospen der Artischocken, die zurückgeschnitten werden, um den Ertrag der Pflanzen zu optimieren und wohl zart bitter schmecken. Die venezianische Gemüseinsel Sant’ Erasmo ist bekannt dafür.

Zum Weiterschauen:
Auch wenn die Uffizien derzeit pandemiebedingt geschlossen haben, lohnt sich ein Besuch der Website, um sich Tizians „Venus von Urbino“ anzusehen. Ich hatte vor einiger Zeit das große Vergnügen, das Gemälde in Florenz „live“ zu sehen und von einem hervorragenden Kunsthistoriker erklärt zu bekommen. Ein unvergessliches Erlebnis und für mich auch ein weiterer Grund, Lea Singer’s Buch sofort lesen zu wollen, als ich davon erfahren habe.

Zum Weiterlesen:
Ein Buch, das ich allen, die gerne über Venedig, aber vor allem auch gerne etwas über Künstler, Musiker und Komponisten lesen – so wie ich – empfehlen kann, ist Peter Schneiders „Vivaldi und seine Töchter“. Im barocken Venedig arbeitete der „prete rosso“ an einem Waisenhaus und förderte musikalisch begabte Mädchen. Ein spannendes Kapital aus Vivaldi’s Leben und zugleich sehr gut erzählt.

Peter Schneider, Vivaldi und seine Töchter
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05229-9