Januarbowle 2021 – Schneetage und Winterstimmung

Der erste Monat in 2021 ist bereits wieder Geschichte und was in Erinnerung bleiben wird, sind zahlreiche Spaziergänge durch eine oft verschneite Landschaft – das Knirschen des Schnees unter den Stiefeln, das friedliche Weiß, das alles zudeckt, freundlich lächelnde Schneemänner und zu Beginn des Jahres eine gewisse Stille und Ruhe. Zudem blieb einiges an Lesezeit für eine bunte Mischung an Büchern unterschiedlichster Art.

Der Auftakt war musikalisch und huldigte noch einmal dem Jubilar des vergangenen Jahres: Ludwig van Beethoven. Christian Thielemann’s „Meine Reise zu Beethoven“ brachte mir vor allem die unterschiedliche Symphonien in ihrer Vielfalt wieder näher und offenbarte einen Blick hinter die Kulissen und in die spannende Gedankenwelt eines Dirigenten mit musikalisch-künstlerischen Fragestellungen zu Tempi, Sitzordnungen des Orchesters, Raumakkustik, Plattenaufnahmen und vielen weiteren Aspekten, mit welchen man sich als Hörer in der Regel nicht befasst.

Düster und ungemütlich wurde es dann mit dem Sturmflut-Thriller „Dammbruch“ von Robert Brack, der im Hamburg des Jahres 1962 die Erlebnisse und den Überlebenskampf einiger Krimineller schildert, deren dunkle Machenschaften und Verbrechenspläne von der gewaltigen Sturmflut und Orkan Vincinette regelrecht weggespült werden.

Der Januar war für mich auch der richtige Moment, ein neues Leseprojekt auf meinem Blog einzuläuten: meine „Literarische Europareise“ oder „Europabowle“. Nach und nach möchte ich ein Werk aus jedem europäischen Land lesen und vorstellen (beginnend mit den 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union – und später offen für eine Erweiterung auf die Nicht-Mitgliedsstaaten). Die Autorin oder der Autor sollte aus dem jeweiligen Land stammen und die Romanhandlung sollte in diesem Land angesiedelt sein. Demnächst ist eine eigene Übersichtsseite zur „Europabowle“ geplant – die Gesamtübersicht aller Rezensionen nach Schauplätzen findet man aber auch ohnehin bereits jetzt unter „Die Welt erlesen“.

Gestartet habe ich meine Reise im hohen Norden – in Finnland. Tommi Kinnunen’s wehmütiger, melancholischer Familienroman „Das Licht in deinen Augen“ war ein literarisch würdiger Auftakt, der mich sehr berührt hat. Die Geschichte der blinden, jungen Frau, die sich in den Fünfziger Jahren ihre Selbstständigkeit hart erkämpfen muss und ihres Neffen, der vierzig Jahre später als Homosexueller ebenfalls um seinen Platz in der Gesellschaft ringen muss, macht deutlich, was es bedeutet, einer Minderheit anzugehören, diskriminiert und an den Rand gedrängt zu werden. Ein Buch, das beim Lesen schmerzt.

Ähnlich bewegend und tiefgründig war auch der Roman und die Hauptfigur meiner zweiten Station der Reise: „Nora Webster“ von Colm Tóibín. Eine Witwe, die im Irland der frühen Siebziger Jahre nach dem Krebstod ihres Mannes ihr Leben als Alleinerziehende mit vier Kindern, Geldsorgen und einem Halbtagsjob in einer erzkonservativen Gesellschaft meistern muss. Eine starke, unkonventionelle Frauenfigur, die am Ende lernt loszulassen, sich selbst findet und gestärkt aus der Krise hervorgeht. Ein stilles, eindringliches Buch, das lange nachhallt.
Weitere Stationen der literarischen Europareise werden folgen und ich freue mich bereits jetzt über die positive Resonanz.

Auch ein Krimi durfte im Januar nicht fehlen und mit Bernhard Jaumann’s „Der Turm der blauen Pferde“ konnte ich Krimilust und den kulturellen Aspekt meiner „Kulturbowle“ wunderbar verbinden. Ein Kriminalfall, in welchem eine Kunstdetektei nach dem Verbleib und der Provenienz eines verschollenen Franz Marc-Gemäldes fahndet – das war hervorragende, spannende Unterhaltung und ganz nach meinem Geschmack. Ich bin bereits jetzt gespannt auf die Fortsetzung, die im Mai erscheinen wird („Caravaggios Schatten“).

Neuland im neuen Jahr habe ich mit meiner ersten Rezension zweier Lyrikbände betreten: Die wunderbaren Haiku-Bände „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“, sowie „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ haben mich sehr begeistert und den Wunsch geweckt, im Leben wie auf dem Blog „mehr Poesie zu wagen“. Die Gedichte der Autorinnen Janette Bürkle und Petra C. Erdmann in der japanisch inspirierten Form des Dreizeilers sind durch ihre schwebende, sinnliche und atmosphärische Sprache ein wahrer Lesegenuss.

Harter Tobak war danach dagegen Thomas Mullen’s „Darktown“. Der Autor thematisiert in seinem Kriminalroman den Rassismus im Atlanta des Jahres 1948. Im Mittelpunkt steht die erste Einheit des Police Departments, welche farbige Polizisten beschäftigt, die ihm Viertel „Darktown“ mit überwiegend farbiger Bevölkerung ihren gefährlichen und schwierigen Dienst versehen.

Mit Francesca Melandri’s „Über Meereshöhe“ habe ich nun auch das Werk der italienischen Autorin gelesen, das mir bisher noch fehlte, und die mich bereits mit „Alle außer mir“, aber vor allem auch mit „Eva schläft“ absolut begeistert hatte. Die Geschichte von Luisa und Paolo, die beide ihre inhaftierten Familienangehörigen auf einer Gefängnisinsel besuchen, entwickelte für mich erneut einen ganz besonderen Sog. Zudem habe ich viel über ein Kapitel der italienischen Geschichte und eine Zeit erfahren, die als „bleierne Zeit“ bezeichnet wird und mir bisher noch weitestgehend unbekannt war.

Mit großer Vorfreude und Neugier habe ich den ersten Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen „Kindheit“ erwartet und dann auch sofort verschlungen. Die dänische Autorin, die aktuell wieder entdeckt und in 16 Sprachen übersetzt wird, beschrieb 1967 im ersten Teil ihre Kindheit im Kopenhagen der Zwanziger Jahre. Hier werde ich sicher bald ausführlicher berichten.

Den Abschluss meiner Januar-Lektüre bildete dann der neue Julian Barnes: „Der Mann im roten Rock“ – ein opulentes und pralles, literarisches Zeitgemälde der Belle Époque – Kunst, Literatur, Lebensart und die Geschichte eines der erfolgreichsten Gynäkologen seiner Zeit, des Dr. Pozzi. Ein wahres Füllhorn an kunst- und literaturgeschichtlichen Bezügen, sowie ein vielschichtiges Kaleidoskop der Pariser Gesellschaft und der Bohème des Fin de Siècle, das der Brite hier für seine Leser auffächert.

Ein Lesemonat, der mir viel Abwechslung bescherte und eine bunte Mischung aus Poesie, Kunst, Musik, tiefgründigen Familiengeschichten, aber auch packender Krimiunterhaltung geboten hat – eine Bowle mit unterschiedlichsten Zutaten.

Und es blieb sogar noch Zeit für ein paar digitale, kulturelle Erlebnisse in Form von Livestreams, u.a. aus dem Münchner Gärtnerplatztheater („Viktoria und ihr Husar“) oder meinem Heimattheater – dem Landestheater Niederbayern („Geliebte Aphrodite“).

Die Tage werden bereits wieder spürbar länger und neben den liebgewonnenen Spaziergängen werde ich auch im Februar versuchen, die Zeit mit guten Büchern, schöner Musik und ein paar digitalen Theater- und Opernbesuchen zu bereichern.
So freue ich mich zum Beispiel auf einen gestreamten „Freischütz“ aus der Bayerischen Staatsoper am 13.02.21 (19.00 Uhr) und lektüretechnisch unter anderem auf den zweiten und dritten Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen.

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Januar:
Nach den süßen Naschereien der Weihnachtszeit, gab es im Januar mal ein Gebäck der herzhaften Art: Käsefüße.


Musikalisches im Januar:
Eine musikalische Neuentdeckung war für mich diesen Monat Christoph Willibald Glucks Ballettmusik „Don Juan“ aus dem Jahr 1761, die ich in einem Livestream des Münchner Gärtnerplatztheaters erleben durfte – ergänzt durch Texte von Lorenzo Da Ponte, Tirso de Molina, Christian Dietrich Grabbe, E. T. A. Hoffmann und Molière, welche von Jutta Speidel vorgetragen wurden, war dies ein rundes und kurzweiliges Konzerterlebnis.

Der Abend
Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
wunderbar mit allen Bäumen,
was dem Herzen kaum bewußt,
alte Zeiten, linde Trauer,
und es schweifen leise Schauer
wetterleuchtend durch die Brust.

(Joseph von Eichendorff)

Mehr Poesie wagen

Die beiden wunderbaren Haiku-Bände „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“ sowie „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“ des Autorinnenduos Janette Bürkle und Petra C. Erdmann aus dem Mirabilis Verlag boten mir eine sehr schöne Gelegenheit, mich einmal wieder der Lyrik-Lektüre zu widmen und ich wurde reich belohnt.

Wenn ich so auf meine Lektüre der letzten Jahre zurückblicke, fällt auf, dass die Lyrik in der Regel zu kurz kommt und ich nur sehr selten – viel zu selten – zu Gedichten greife. Warum ist das so? Und warum nicht öfter wieder Gedichte lesen? Warum nicht mehr Poesie wagen im Leben?
So mancher hat wohl leider bereits nach der Schulzeit und der letzten, verfassten Gedichtanalyse mit dem Thema Lyrik abgeschlossen. Gedichte haben bei vielen Menschen im Alltag keinen Platz. Liegt das am mangelnden Interesse? An der Schnelligkeit und Hektik des täglichen Lebens und dass man sich die Zeit, Ruhe und Muße, die man für das Lesen von Gedichten braucht, einfach nicht nimmt oder nehmen will? Warum greifen auch die meisten Vielleser nahezu ausschließlich zu Prosa, Romanen, Krimis und Thrillern?

Abschließende Antworten auf diese Fragen habe ich nicht, aber nach der Lektüre der herrlichen, melodiösen Haiku von Frau Bürkle und Frau Erdmann kann ich alle, die sich für eine schöne, intensive und ausdrucksstarke Sprache begeistern können, nur ermutigen, der Lyrik wieder häufiger eine Chance zu geben.

zitronenfalter
sonnendurchflutet und fein
dein dasein ein spiel

(Petra C. Erdmann – aus „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“)

Die kurze Definition eines Haiku, die dankenswerterweise einem der Bände vorangestellt ist, lautet: „Das Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform und die kürzeste Form der Dichtkunst. Knapp und geschlossen, in der Regel mit aus drei Zeilen bestehender Silbenstruktur von 5-7-5, zeichnet es ein minimalistisch poetisches Bild bis ins kleinste Detail.“ (Zitat aus dem Vorwort zu „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“)

Der bereits 2015 erschienene erste Band „der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land“ – stilvoll ergänzt durch harmonische Illustrationen Florian L. Arnolds – fächert einen vollständigen Jahresverlauf von den ersten frostigen Nächten um Neujahr bis zum „Silvesterkater“ zum Jahresausklang auf. Die Autorinnen zaubern durch die literarisch ausdrucksstarken Miniaturen atmosphärische Bilder von Landschaften und Jahreszeiten voller Farben, Klänge und Emotionen. Es ist faszinierend, wie mit einigen wenigen – oft sehr positiv besetzten – Worten sofort Erinnerungen hochkommen. Beispiele? Zitronenfalter, Brandungswelle, Seidenduft, Mittagssonne… – wenn man sich diese Worte auf der Zunge zergehen lässt, bekommt man sofort gute Laune. Die Haiku setzen Gedanken in Gang und lassen den Leser träumen. Mit großer Sinnlichkeit, Leichtigkeit und wunderbaren Wortkreationen wie „sonnenstrahlknistern“, „eisknospenbukett“ oder „vorwitzchen“ erschaffen die Künstlerinnen einen schwebenden und sehr sinnlichen Lesegenuss.

ein stück vom himmel
barfuß auf wolken gehen
bis der schleier fällt

(Janette Bürkle – aus „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“)

Der zweite Band „goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun“, der erst vor kurzem im Dezember 2020 erschienen ist, schlägt erdigere, dunklere und wärmere Töne an. Wenn man den ersten Band als luftig-leichtes „Dur“ bezeichnen möchte, ergänzt der zweite mit einem wunderbar harmonischem, wärmendem „Moll“ das Duett, das man ohnehin am besten gemeinsam genießen sollte. Natürlich spielen auch hier wieder Naturbeobachtungen eine große Rolle, doch findet sich jetzt auch der eine oder andere Anklang an urbanes Leben (z.B. durch Worte wie Dächer, Gebälk, Holzjalousien oder Schlauchboot) in den kurzen Gedichten.

Den Bänden gemeinsam sind humoreske Anklänge, aber vor allem auch die intensive, expressive und gefühlvolle Sprache der beiden Autorinnen, denen es gelingt, in drei Zeilen ganze Welten, Bilder und Stimmungen von elementarer Schönheit zu erschaffen. Emotionale Gedichte, die inspirieren und anregen, die Gedanken fließen zu lassen, die Phantasie beflügeln und alle Sinne ansprechen.

Vielleicht ist die Kunst der Lyrik-Lektüre im Alltag, sich Zeit zu nehmen, zu genießen, nicht zu viel zu analysieren, sondern einfach den Zauber der Sprache auf sich wirken zu lassen. Für mich war es beglückend, während draußen leise der Schnee fiel, mit einer Tasse Tee neben mir, mich in diese kleinen literarischen Meisterwerke zu versenken, den Wechsel der Jahreszeiten literarisch zu durchlaufen und schon wieder ein wenig vom nächsten Sommer zu träumen.

Und so bleibt neben einem zufriedenen und glücklichen Lesegefühl auch der Wunsch, zukünftig mehr Gedichte zu lesen und wieder häufiger auch der Lyrik Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Mehr Poesie wagen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise die beiden Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt hat und bei Birgit Böllinger, die mich auf die Bücher aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension der Bücher hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf die Titel gibt es nähere Informationen zu den Autorinnen und Büchern auf der Seite des Verlags.

Buchinformationen:
Janette Bürkle, Petra C. Erdmann,
der tulipan entblättert sich und amor schleicht ins land
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9816674-2-4

Janette Bürkle, Petra C. Erdmann,
goldfüchse im schnee und ganz leise lacht ein faun
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-947857-09-8

***

Wozu inspirierten bzw. woran erinnerten mich die beiden Haiku-Bände:

Für den Gaumen:
Für die passende Stimmung und den vollkommenen Genuss sorgt bei mir ein japanischer grüner Tee. Sorgfältig zubereitet und bewusst genossen, können ein schöner Sencha oder gar ein Gyokuro, der für ca. 3 Wochen im Vollschatten aufgezogen wird und auch in Japan zu besonderen Anlässen getrunken wird, die Lektüre wunderbar abrunden.

Zum Weiterhören:
Musikalisch kam mir immer wieder die Instrumentalmusik des Herbert Pixner Projekts in den Sinn. Warum? Südtiroler Musik zu japanisch inspirierten Haiku? Für mich passt das zusammen. So wie die Haiku der Autorinnen Atmosphäre schaffen und Landschaften vor den Augen der Leser entstehen lassen, so versteht es Herbert Pixner mit seiner Musik, Bilder und Stimmungen beim Hörer hervorzurufen, die er selbst inspiriert durch Erfahrungen in der Natur in wunderbare Melodien verwandelt hat, wie zum Beispiel „Morgenrot“ oder „Antoni Schnee“. Lyrik und Musik helfen dabei, ein wenig zu träumen und die Gedanken fließen zu lassen.

Zum Weiterlesen:
Beide Autorinnen sind Mitglieder in der Deutschen Haikugesellschaft e.V.. Die Homepage der Gesellschaft bietet neben Erläuterungen und Definitionen auch zahlreiche Informationen rund um das Thema japanischer Dichtkunst im deutschsprachigen Raum. Zudem gibt die Gesellschaft vierteljährlich die Zeitschrift „Sommergras“ heraus. Alle, die mehr über Haiku erfahren wollen, haben hier eine gute Anlaufstelle.
Darüber hinaus bietet auch der Blog Schriftwechsel der Autorin Janette Bürkle Szalys eine Möglichkeit, einen ersten Eindruck ihrer Haikukunst zu bekommen.