Griechische Strohhüte

Heute geht es mit meiner Europabowle oder Literarischen Europareise weiter und ich reise nach Griechenland – auf ein Landgut in der Nähe von Athen. Margarita Liberaki schrieb ihren Roman „Drei Sommer“ im Jahr 1946 – jetzt liegt 75 Jahre später zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung von Michaela Prinzinger vor. In Griechenland war und ist dieses zeitlose literarische Werk sehr erfolgreich und gilt bereits als Klassiker.

„Es war ein süßer Schlaf, beim Erwachen kehrte ich zurück wie aus einer anderen Welt. Die Wiese strahlte, die reifen Weinbeeren hingen von der Rebe, meine Hand langte nach ihnen, und mein Mund wollte sie kosten. Von allen möglichen Welten, so sagte ich mir, war die Erde gewiss die schönste.“

(S.11)

Margarita Liberaki hat mit „Drei Sommer“ die Geschichte dreier Schwestern erzählt: Maria, Infanta und Katerina. Sie wachsen in einem kleinen ländlichen Ort in der Nähe Athens auf und der Roman beschreibt wie jede der drei auf sehr unterschiedliche Weise zur Frau heranwächst und ihren Platz im Leben sucht.

Die Ich-Erzählerin Katerina ist die Jüngste der Schwestern – in kurzem Abstand folgt sie auf Maria und Infanta.
Maria ist die Zupackende, Pragmatische, die sich nach der Liebe, der Ehe und vor allem der Mutterschaft sehnt. Sie heiratet früh und bringt schon bald einen Sohn zur Welt. Die Autorin beschreibt intensiv Schwangerschaft und Muttergefühle, sowie eine junge Ehe, die mehr Zweckgemeinschaft als leidenschaftliche Liebesheirat darstellt.

„Die größte Kraft liegt in den Dingen des Alltags verborgen.“

(S.81)

Infanta, die Mittlere der Schwestern, steht unter starkem Einfluss der Tante Tereza, die ebenfalls im Haushalt lebt, aufgrund einer prägenden Missbrauchserfahrung nie geheiratet und sich an keinen Mann gebunden hat. So schärft sie auch der Nichte ein, dass sie ohne Mann besser dran ist. Infanta schwankt zwischen Häuslichkeit – sie verbringt viel Zeit mit Handarbeiten und Stickbildern – und Freiheit, die sie vor allem auf dem Rücken ihres Pferdes findet.

Katerina ist die Freiheitsliebendste der drei und fühlt sich im Geiste mit der Großmutter verbunden, die sie nie kennengelernt hat. Denn die aus Polen stammende Großmutter wird in der Familie verteufelt und verurteilt, da sie den Großvater bereits früh mit den Kindern allein gelassen hat, als sie mit einem Musiker durchbrannte. Katerina scheint als Einzige Respekt für diese Entscheidung zu haben, verspürt einen Drang in die Ferne, um ebenfalls alles zurückzulassen. Sie möchte unabhängig bleiben, frei sein und entwickelt den Wunsch, Schriftstellerin zu werden.

„So gern würde ich beschreiben, wie die Welt aufglänzt, wenn das Licht knapp vor Sonnenuntergang auf das Gras der Wiese fällt, ihr intensives Grün und noch andere schöne Dinge, die bedauerlicherweise nicht länger existieren als der Augenblick, da ich sie erblicke.“

(S.318)

Interessant fand ich, dass bereits in den Vornamen der Schwestern ihre Charaktere anklingen: Maria die Mütterliche, Infanta die Kindliche und Unbefleckte und Katerina, bei der ich stets die Widerspenstige bei Shakespeare im Kopf hatte.

„Irgendwann verschwindet die Befangenheit bestimmt wieder, nur der Verrat wird bleiben. Dann denken wir an die Zeit zurück, als wir im Heu lagen und unsere Sehnsüchte so verflochten waren, dass sie keiner von uns allein gehörten.“

(S.192)

Die Autorin, die später auch in Paris lebte und dort Bekanntschaft mit Camus und Sartre machte, behandelt Essentielles und einschneidende Erlebnisse im Leben einer Frau. Es geht um erste Lieben und unterschiedliche Lebenskonzepte, um Freiheit und Selbstbestimmung. Liberaki zeichnet intensive Charakterstudien und beschreibt, wie jede der Schwestern eine völlig andere Erwartungshaltung an das Leben und die Liebe hat.

Die Natur und der ländliche Alltag in einem griechischen Dorf bieten den Rahmen und die flirrende Hitze des Sommers wird für den Leser spürbar. Liberaki singt ein Loblied auf Naturverbundenheit und die Schönheit im Kleinen. „Drei Sommer“ ist ein geerdetes und stilles Buch, das den Blick auf Wesentliches lenkt.

Ein Roman, der mich vor allem durch die ausdrucksstarke Sprache, die bezaubernden Naturschilderungen und die ruhige, fließende Sprachmelodie für sich eingenommen hat. In der Einfachheit liegt die Kraft und Liberaki schreibt sinnlich und ästhetisch über den griechischen Sommer und existenzielle Fragen, die sich Frauen auch heute noch stellen.

Ein Buch wie ein reicher, blühender, naturbelassener Garten – wenn man sich Zeit nimmt und genau hinschaut, gibt es viel Schönes zu entdecken. Ein leises, zartes und doch ungemein intensives Werk über Lebensfreude und die Kunst ein Leben zu leben, dem es sich lohnt zu lauschen und aufmerksam zuzuhören.

Eine weitere schöne Besprechung gibt es beim Leseschatz.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Arche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark und Rumänien geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Margarita Liberaki, Drei Sommer
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger
Arche
ISBN: 978-3-7160-2798-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Margarita Liberaki’s „Drei Sommer“:

Für den Gaumen:
Zur Erfrischung bei sommerlichen Temperaturen wird im Roman immer mal wieder Sauerkirschlimonade gereicht. Vielleicht ist dies die passende Idee für das diesjährige Sommergetränk?

Zum Weitergenießen:
Der Roman dessen griechischer Titel sich in einer wörtlichen Übersetzung auf die Strohhüte bezieht, die sich die Schwestern zu Beginn des Sommers kaufen, strahlt eine sommerliche Wärme und Ruhe aus. Warum also nicht den Strohhut aufgesetzt, hinaus in die Sonne und einfach mal den sommerlichen Geräuschen lauschen, die frische Luft genießen oder natürlich ein gutes Buch im Freien lesen.

Zum Weiterlesen:
Aus Griechenland stammten bisher zwei Literaturnobelpreisträger: Giorgos Seferis im Jahr 1963 und Odysseas Elytis im Jahr 1979 – mit beiden bin ich bisher nicht in Berührung gekommen und auch wenn ich den Blick über mein Bücherregal streifen lasse, ist die griechische Literatur im Grunde nicht vertreten. Vielleicht mag das auch daran liegen, dass das Jahr 2001, in dem Griechenland das Gastland der Frankfurter Buchmesse und daher im Fokus der Verlage war, schon 20 Jahre zurück liegt. Somit verbinde ich persönlich Griechenland stets mehr mit der altgriechischen Literatur von Homer – der Ilias und der Odyssee.

Homer, Ilias / Odyssee
Übersetzer: Johann Heinrich Voss, Hans Rupé
Anaconda
ISBN: 978-3-7306-0809-8

Rumänische Affäre

Die sechste Station meiner Europabowle oder Literarischen Europareise führt mich nach Rumänien – in die Hauptstadt Bukarest. Gabriela Adameșteanu – eine der führenden Autorinnen des Landes – hat mit „Das Provisorium der Liebe“ einen Roman verfasst, der eindrucksvoll klar macht, wie sehr sich das politische System und die Diktatur auf das Privatleben und den persönlichen Lebensweg jedes Einzelnen auswirkte. Zugleich gibt die Autorin anhand einer Liebes- und zweier Familiengeschichten einen Einblick in die rumänische Geschichte seit dem zweiten Weltkrieg, der erhellend und lesenswert ist.

„Aber gibt es denn Zufälle im Leben oder setzt einen jemand da oben wie eine Figur zu Spielbeginn auf ein Schachbrett, und das Ende der Partie ist offen?“

(S.97)

Sechziger Jahre in Bukarest – Letitia und Sorin sind Kollegen in einer staatlichen Kultureinrichtung, kleine Rädchen im kommunistischen Getriebe und führen eine heimliche Affäre. Niemand darf von ihrer Liebesbeziehung erfahren, denn Letitia ist verheiratet und so bleiben nur kurze, verstohlene Treffen in der kleinen Wohnung eines Freundes, der ebenfalls nicht wissen darf, was Sorin in seiner Abwesenheit dort treibt.

Letitia führt eine unglückliche und zunehmend lieblose Ehe mit Petru, einem Akademiker, der um einige Jahre älter is als sie und nicht müde wird, seine Verzweiflung und Wut über seine berufliche Stagnation und die ausbleibende Beförderung an ihr auszulassen. Ständig wirft er Letitia vor, dass die dunklen Stellen in ihrer Familienakte der Grund dafür seien, dass er beruflich nicht vorwärts kommt. So flüchtet sie sich in Sorin’s Arme und versucht in den kurzen Momenten mit ihm all das Negative zu vergessen.

„Nach dem Gespräch mit Serghei an diesem Abend verstand Letitia, dass nicht die Zukunft die meisten Überraschungen bringt, sondern die Vergangenheit, die wir ein Leben lang nicht aufhören, immer wieder von Neuem zu lesen.“

(S.262)

Doch auch die Liebe zwischen Letitia und Sorin leidet unter der ständigen Sorge, zu viel Preis zu geben, sich angreifbar und verletzlich zu machen, bleibt so nur „Provisorium“ und kommt über den Status der heimlichen Affäre nicht hinaus.
Heimlichkeiten, mangelndes Vertrauen, Schweigen und Verschweigen – keine Angriffsfläche bieten und jede vermeintliche Schwachstelle im eigenen Lebenslauf oder der Verwandtschaft zu kaschieren – dies sind bestimmende Verhaltensweisen, die Adameșteanu immer wieder herausarbeitet.

„Aber als sie herausfindet, dass Sorin ihr etwas verbirgt, erinnert sie sich an Das Sein bestimmt das Bewusstsein, und sie versucht sich mit dem Gedanken zu trösten, dass ihr Geliebter, nicht anders als sie, von klein auf dazu erzogen worden ist, seine Biographie zu fälschen.“

(S.361)

Ein Vater oder auch nur Onkel, der in der Vergangenheit aus politischen Gründen in einem Lager gefangen gehalten wurde, reicht aus, um den eigenen Lebensweg maßgeblich zu beeinflussen und die Möglichkeiten einzuschränken – die Familienakte entscheidet über Wohl und Wehe.

In Rückblenden wird auch die Geschichte der Elterngeneration der beiden Hauptfiguren erzählt. So erfährt man unter anderem dass Sorin von Nelly und Virgil Olaru adoptiert wurde und warum. Auch seine Familiengeschichte birgt Untiefen, die sein Leben überschatten – ohne dass ich jetzt zu viel verraten möchte.
Die Autorin fächert so über verschlungene Familienpfade zahlreiche Aspekte der rumänischen Geschichte auf und macht begreifbar, wie sehr die Politik sich auch ins Private auswirkte.

Dieser Roman ist fordernd und keine leichte Kost und doch lohnt es sich, sich darauf einzulassen. Zwar erfordern die zahlreichen Namen rumänischer Politiker und Intellektueller, die in Fußnoten näher erläutert werden, einiges an Konzentration, aber auch ohne Vorkenntnisse der rumänischen Geschichte, erhält man einen guten Einblick in die historischen und politischen Zusammenhänge.

Die Autorin schreibt in einer klaren, teils poetischen und stellenweise auch schonungslos direkten Sprache. Explizit erwähnt sei unbedingt auch die feine Übersetzung aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme, die 2019 für ihre Übersetzung von Adameșteanu’s Roman „Verlorener Morgen“ den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

Gabriela Adameșteanu ist 1942 in Rumänien geboren, war Bürgerrechtlerin und Vorsitzende des rumänischen P.E.N. und gilt als eine der wichtigsten Stimmen ihres Landes. Mich holte sie mit ihrem Roman aus meiner literarischen Komfortzone und eröffnete mir dadurch eine andere Perspektive und einen neuen Blick auf Rumänien und die Geschichte dieses Landes. Eine nachdenklich stimmende, lohnenswerte Lektüre und eine weitere Station meiner literarischen Europareise, die ich nicht missen möchte.

Eine weitere, deutlich ausführlichere Besprechung gibt es beim Deutschlandfunk.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich und Dänemark geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Gabriela Adameșteanu, Das Provisorium der Liebe
Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03824-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gabriela Adameșteanu’s „Das Provisorium der Liebe“:

Für den Gaumen:
Neben begehrten westlichen Spirituosen, die im Roman häufig genannt und gerne getrunken werden (ich werde jetzt hier keine Schleichwerbung durch Markennennung machen), ist mir aufgefallen, dass auch kulinarisch keine vermeintlich „typisch“ rumänischen Gerichte eine Rolle spielen, vielmehr werden zum Beispiel Savarins mitgebracht, d.h. mit Rum oder Sirup getränkte Kuchen, die ihren Ursprung aber (laut Wikipedia) in Frankreich haben.

Zum Weiterhören:
Letitia und Sorin tanzen in ihrem Liebesnest zu Frank Sinatra’s „All of me“, das aus der Nachbarwohnung herüber klingt. Ein wahrer Evergreen, der ursprünglich für eine kleine Revue in Detroit entstand und den Sinatra später (1948) in seiner Version aufnahm. Ein Ohrwurm, der bei mir sofort im Geiste zu klingen begann, als ich die Szene im Roman gelesen habe.

Zum Weiterlesen:
Rumänien hat laut offizieller Statistik noch keinen Literaturnobelpreisträger vorzuweisen, allerdings erhielt 2009 die deutsche Schriftstellerin Herta Müller den Preis, die in Rumänien geboren und im rumänischen Banat aufgewachsen ist. Ihr wohl bekanntestes Werk ist der Roman „Atemschaukel“, den ich bisher jedoch noch nicht gelesen habe.
Mehr Berührung (vor allem auch in der Schulzeit) hatte ich bisher mit einem weiteren Autoren, der ebenfalls in Rumänien geboren wurde: Paul Celan.

Paul Celan, Die Gedichte – Neue kommentierte Gesamtausgabe
suhrkamp taschenbuch 5105
ISBN: 978-3-518-47105-0

Dänisches Frauenleben

Heute führt mich meine literarische Europareise oder Europabowle nach Dänemark – in die wunderschöne Hauptstadt Kopenhagen. Doch der Star in Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie ist nicht die Stadt, sondern vielmehr die Autorin selbst. In den drei Bänden „Kindheit“, „Jugend“ und „Abhängigkeit“, die zwischen 1967 und 1971 entstanden sind und jetzt in einer großartigen Übersetzung von Ursel Allenstein neu erschienen sind, schreibt Ditlevsen autobiographisch über ihr Leben als Mädchen, Frau, Mutter, Autorin und Suchtkranke.

Tove wächst im Kopenhagen der 1920er Jahre in einem ärmlichen Arbeiterviertel auf und schon bald ist es ihr sehnlichster Wunsch, Dichterin zu werden. Doch ihr Vater macht ihr unmissverständlich klar, sich diese Flausen aus dem Kopf zu schlagen: „Ein Mädchen kann nicht Dichter werden.“ (S.24)

„Ich schwor mir, nie wieder jemand anderem meine Träume zu verraten und hielt mich meine ganze Kindheit über daran.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.25)

Ihre Kindheit ist geprägt von einem Umfeld der Armut, der Arbeitslosigkeit des Vaters, Alkoholismus in der Familie und Krankheit. Selbst erkrankt sie an Diphtherie und muss monatelang im Krankenhaus liegen. Früh kommt sie auch mit dem Tod in Berührung, als sie ihre geliebte Großmutter verliert.

„Oh, Großmama, nie mehr wirst du mich singen hören. Nie mehr wirst du mir echte Butter aufs Brot schmieren, und alles, was du mir nicht über dein Leben erzählt hast, wird jetzt nie mehr verraten werden.“


(aus Tove Ditlevsen „Kindheit“, S.84)

Freundschaften kommen und gehen, die Eltern streiten viel und so sucht das Mädchen häufig Trost in der Literatur, liest gerne und beginnt selbst zu schreiben. Worte können Trost spenden, ihre Gedichte sind ihre Kraftquelle und geben ihr Selbstbewusstsein – der Traum Schriftstellerin zu werden ist ungebrochen.

„Von Leben und Erinnerungen überschwemmt, blickte ich zur Mauer des Vorderhauses auf, dieser Klagemauer meiner Kindheit, hinter der Menschen speisten und schliefen und sich stritten und schlugen.“


(aus Tove Ditlevsen „Jugend“, S.16)

Im zweiten Band „Jugend“ beschreibt Tove Ditlevsen ihren Aufbruch in ein selbstständiges Leben. Sie beendet die Schule, beginnt zu arbeiten, geht aus, lernt Männer kennen. Bald auch einen deutlich älteren Mann, der sich für ihre Gedichte interessiert und sie fördert. Aus den Zeilen der Autorin sprüht ihre Kraft, ihre Eigensinnigkeit und das Ungestüme, Unangepasste. Immer wieder bringt sie sich selbst in Schwierigkeiten und nicht immer nimmt sie den direkten, einfachen Weg.
Der rote Faden in ihrem Leben ist und bleibt jedoch die ungezügelte Liebe zur Literatur, der Drang zu schreiben und eines Tages auch zu veröffentlichen.

Der dritte Band „Abhängigkeit“ offenbart die große Verletzlichkeit Tove Ditlevsens, ihre Schwächen und beschreibt eine dunkle, schwere Phase ihres Lebens. Denn während in den 40er Jahren der zweite Weltkrieg seinen Schatten auf die Welt und somit auch auf Dänemark wirft, durchlebt Ditlevsen Mutterschaft, Ehekrisen, Verluste und driftet immer mehr in eine schwere Suchterkrankung ab. Mit geradezu schmerzlicher Ehrlichkeit und Direktheit beschreibt sie viele Jahre später diese schwierige Zeit in ihrem Leben. Dramatisch und traurig – eine schmerzhafte Lektüre, die aufrüttelt.

Drei schmale, feine Bände, die vor allem durch ihre unmittelbare und eindringliche Sprache faszinieren und berühren. Tove Ditlevsen schreibt mit einer immensen Intensität, so dass man beim Lesen geradezu den Eindruck bekommt, sie sitze direkt wie eine gute Freundin neben einem und erzählt ihre Geschichte bei einer Tasse Kaffee.

Vor allem der letzte Band ist aufwühlend und schmerzlich, denn es tut weh durch die schonungslos ehrliche Schilderung der Autorin so hautnah miterleben zu müssen, wie sie ihr Abrutschen in die Sucht und Medikamentenabhängigkeit beschreibt. Man fühlt sich hilflos und traurig auch in dem Wissen, dass sich Ditlevsen später im Alter von nur 58 Jahren das Leben nahm.

Hinterlassen hat sie ihren Leserinnen und Lesern ein autobiographisches Werk in einer außergewöhnlichen Sprache, die zu Herzen geht und berührt – wunderbar übersetzt von Ursel Allenstein. Große Literatur aus Dänemark, die auch nach 50 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat und absolut zeitlos ist.

Buchinformationen:

Tove Ditlevsen, Kindheit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03868-7

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Jugend
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03869-4

© Aufbau Verlag

Tove Ditlevsen, Abhängigkeit
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3-351-03870-0

© Aufbau Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Tove Ditlevsen’s Kopenhagen-Trilogie:

Für den Gaumen:
Typisch für Dänemark ist bekanntlich Smørrebrød, d.h. ein reich belegtes Butterbrot. In einem der Bücher gibt es Schnittchen mit „Ramona“, wohl ein Möhrenaufstrich. Eine kurze Internetrecherche dazu blieb aber ergebnislos.

Zum Weiterschauen oder für einen Museumsbesuch:
In der Münchner Glyptothek findet (so bald wie möglich) und bis zum 25.07.2021 die Ausstellung „Bertel Thorvaldsen und Ludwig I.“ statt, welche die deutsch-dänische Freundschaft der beiden und das Werk des dänischen Bildhauers im Besonderen in den Mittelpunkt stellt. Hoffen wir, dass die Ausstellung noch ausreichend von Besuchern gewürdigt werden kann, sobald die Museen wieder öffnen dürfen.

Zum Weiterlesen:
Dänemark hat bisher drei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Karl Gjellerup, Henrik Pontoppidan und Johannes Vilhelm Jensen – mit ihrem Werk bin ich bisher noch nicht in Berührung gekommen.
Vielmehr denke ich bei Dänemark neben Hans Christian Andersen, Søren Kierkegaard, Karen Blixen, Bjarne Reuter und Janne Teller unter anderem an Peter Høeg („Fräulein Smillas Gespür für Schnee“) oder in letzter Zeit auch an die gelungenen Kopenhagen-Krimis von Katrine Engberg („Krokodilwächter“ ist der erste Band der Reihe).

Daher für alle, die es spannend mögen:

Peter Høeg, Fräulein Smillas Gespür für Schnee
Übersetzt von: Monika Wesemann
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-23701-0

Katrine Engberg, Krokodilwächter
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24480-9

Österreichische Zeitzeugen

Heute geht meine literarische Europareise – auch Europabowle genannt – auf die nächste Etappe und ich bereise das schöne Nachbarland Österreich und die Hauptstadt Wien. Martin Horváth’s Roman „Mein Name ist Judith“ erzählt eine melancholische Geschichte über die Judenverfolgung in Wien während des Dritten Reichs und thematisiert Trauer und Verlust.

„Sie saß da an meinem Küchentisch, mit einem grauen Wintermantel bekleidet, einen dicken Schal um den Hals, eine rote Wollmütze auf dem Kopf. Ein kleines, schmales, vielleicht zehnjähriges Mädchen, dessen Namen ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht kannte. Ich hatte keine Ahnung, wer sie war und wie sie in meine Wohnung gekommen war. Und noch weniger ahnte ich, wie sehr sie mein Leben verändern würde.“

(S.18)

Der Schriftsteller León Kortner hat bei einem Terroranschlag auf den Wiener Hauptbahnhof seine Frau und seine kleine Tochter verloren. Sein Leben ist aus den Fugen geraten, er versinkt in Trauer und er versucht, die Geschichte der jüdischen Familie Klein zu Papier zu bringen, die einst eine Buchhandlung in dem Haus betrieben hatte, in welchem er jetzt wohnt, und dann von den Nationalsozialisten aus Wien vertrieben wurde.

Und plötzlich sitzt da ein kleines Mädchen in seiner Küche und behauptet Judith Klein zu sein und dass ihrem Vater dieser Buchladen gehört. Auf einmal verschwimmen Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart und León versucht, der kleinen Judith durch das Erzählen einer Geschichte die Angst und den Schrecken zu nehmen. Diese neue Aufgabe setzt frischen Lebensmut und eine ungeahnte Energie bei ihm frei, die er schon glaubte für immer verloren zu haben.

Horváth behandelt in seinem verspielten und poetischen Roman ein schmerzhaftes Kapitel der Wiener Geschichte: Holocaust, Judenvertreibung und die Arisierung zahlreicher Häuser durch skrupellose Profiteure. Er erzählt Geschichten und lässt seine Figuren Geschichten erzählen, die gleichsam Zeitzeugen und Überlebende des Holocausts zu Wort kommen lassen. Schreckliche, grausame, traumatische Erfahrungen und großes Leid, das viele gerne verdrängen. Gerade deshalb ist es so wichtig, nicht zu vergessen, sondern diese Geschichten durch Weitererzählen wach zu halten.
Horváth weiß wovon er schreibt, denn er hat mehrere Jahre am New Yorker Leo Baeck Institute über die Geschichte der österreichisch-jüdischen Emigration in die USA geforscht.

„Mehr als einmal hatte ich mich gefragt, wie viele Werke – Romane, Theaterstücke, Streichquartette, Opern, Gemälde, Skulpturen – verloren gegangen, nie vollendet oder gar nicht erst erschaffen worden waren, weil man ihre Schöpfer umgebracht oder ihnen auf der Flucht, im Exil oder im Lager die schöpferische Kraft zermürbt und geraubt hatte.“

(S.179)

Man muss sich auf diesen wehmütigen und melancholischen Roman einlassen und darf sich nicht durch die teils ungewöhnliche, literarische Form mit Einschüben von Geschichten und Zeitzeugenberichten, sowie durch die verschwimmenden Realitäten, Zeitsprünge und den Wechsel der Handlungsorte verwirren lassen.

Ein gelungenes, literarisches Experiment und für einen Büchernarren wie mich war schon allein der Schauplatz der Buchhandlung ein attraktiver Grund, zu diesem Roman zu greifen. Dass diese sich dann zudem noch in Wien befindet, ein weiterer – auch wenn sich Teile der Handlung später nach New York verlagern.

Eine eindrucksvolle Reise durch Raum und Zeit, welche Horváth hier seinen Lesern eröffnet und somit für mich auch eine ideale Station meiner literarischen Europareise in Österreich.

Sprachlich schön und flüssig zu lesen ist es ein klangvolles, poetisches und verträumtes Buch, das berührt und wahrhaft große Themen behandelt: Holocaust, Trauer, Verlust, aber auch die Liebe und die Kraft des Geschichtenerzählens. Und letztlich auch ein Roman darüber, wie es gelingen kann, Verlust und Schmerz zu verarbeiten und weiter zu leben.

„Oder: dass ich mehr als ich bin. Ich bin Max. Ich bin aber auch León. Ich bin Judith. Ich bin Eltern und Großeltern, Tanten, Onkel, Freund und Fremder. Ich bin alt. Ich bin jung. Ich bin Vergangenheit. Ich bin Gegenwart. Ich bin tot. Und ich lebe.“

(S.214)
© Penguin Verlag

Buchinformation:
Martin Horváth, Mein Name ist Judith
Penguin
ISBN: 978-3-328-60010-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Mein Name ist Judith“:

Für den Gaumen:
Vor kurzem habe ich auf dem wunderbaren Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ (herzliche Grüße nach Graz!) ein herrliches Rezept gefunden, das für mich „typisch Österreich“ und untrennbar mit schönen Urlaubserinnerungen verbunden ist: Millirahmstrudel. Alleine das Wort lässt schon das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zum Weiterhören:
Im Buch ist an einer Stelle von der Zauberin Alcina die Rede, die auf ihrer Insel die strandenden Männer verzaubert, so dass mir sofort die gleichnamige Oper von Georg Friedrich Händel in den Sinn kam. Die bekannteste Arie dieses Werks ist wohl das wunderbare „Verdi prati“, das seinen Zauber bis heute bewahrt hat.

Zum Weiterlesen:
Österreich hat bislang zwei Literaturnobelpreisträger vorzuweisen: Elfriede Jelinek und Peter Handke. Leider konnte ich im Frühjahr 2020 aufgrund des ersten Corona-Lockdowns Elfriede Jelinek’s Stück „Am Königsweg“ nicht mehr im Landestheater Niederbayern sehen, da die meisten Vorstellungen (und auch die von mir geplante) abgesagt werden mussten.

In meinem Bücherregal ist das Nachbarland aber sehr präsent und zahlreich vertreten mit Autoren wie Robert Seethaler, Arno Geiger, Daniel Glattauer, René Freund, Ursula Poznanski, Judith W. Taschler, Irene Diwiak, Gerhard Loibelsberger oder Thomas Raab… um nur einige wenige zu nennen. Österreich ist ein Land, das ich sehr gerne bereise – auch literarisch.

Für alle, die opulente Familienromane mit geschichtlichem Hintergrund lieben und von Wien nicht genug bekommen können, könnte folgender Roman über die Klavierbauerdynastie Alt lesens- und lohnenswert sein:

Ernst Lothar, Der Engel mit der Posaune
btb
ISBN: 978-3-442-71510-7

Italienisches Inselgefängnis

Die nächste Station meiner Europabowle oder „Literarischen Europareise“ ist Italien: Bella Italia. Aber Francesca Melandri präsentiert uns in ihrem zweiten Roman „Über Meereshöhe“ nicht das sonnige Urlaubsland und „la dolce Vita“, sondern sie bringt dem Leser einen völlig anderen geschichtlichen Aspekt ihres Heimatlandes näher.

Der Roman spielt Ende der Siebziger bzw. zu Beginn der 80er Jahre, welche auch in Italien als „bleierne Jahre“ in die Geschichte eingehen, die geprägt sind von Terroranschlägen und der Entführung und Ermordung Aldo Moro’s im Jahr 1978.
Der italienische Staat betreibt ein Hochsicherheitsgefängnis auf einer Insel.
Namentlich erwähnt wird die Insel im Roman nicht – es könnte sich jedoch um die auch noch heute als Gefängnis genutzte Insel Gorgona vor der toskanischen Küste handeln.

„Denn will man jemand wirklich absondern vom Rest der Welt, gibt es keine Mauer, die höher wäre als die See.“

(S.33)

Im Roman sitzen dort Schwerverbrecher, Mörder und Terroristen ihre langjährigen Haftstrafen ab. Besuche sind aufwändig, erfordern viel Zeit und gut geplante Logistik und so treffen Paolo und Luisa zum ersten Mal auf dem Schiff aufeinander, das sie zur Insel bringt. Beide besuchen dort ihre inhaftierten Angehörigen: Paolo seinen Sohn, Luisa ihren Ehemann.

Als sich ein gewaltiger Sturm zusammenbraut, der ihre Rückfahrt ans Festland verhindert, bleiben die beiden über Nacht unfreiwillig auf der Insel zurück. In dieser Ausnahmesituation kommen sich die beiden näher und erzählen sich ihre Geschichten, entdecken Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

„Ihm schien es nicht unmöglich, dass alle lebenden Geschöpfe vor dem Sturm geflohen und nur sie drei zurückgeblieben waren: er, die Frau und der Vollzugsbeamte, der sie begleitete.“

(S.128)

Luisa, die zupackende, patente und lebenstüchtige Bäuerin, die gemeinsam mit ihren fünf Kindern nach der Verurteilung ihres Mannes den Hof nun alleine bewirtschaften muss und mit beiden Beinen im Leben steht. Sie führt ein einfaches Leben voll harter Arbeit, die sie ablenkt, fordert und die Schmerzen und Demütigungen zeitweise vergessen lässt, die sie durch ihren Mann erleiden musste. Fürsorglich bereitet sie gefüllte Ravioli zu, die sie mit ins Gefängnis bringt und genießt die erste Überfahrt auf dem Meer, das sie zuvor noch nie gesehen hatte, zumal ihr Mann erst vor kurzem auf die Insel verlegt wurde.

Und da ist Paolo, der leidet, mit seinem Schicksal hadert und es nicht wahrhaben will geschweige denn verstehen kann, wie ausgerechnet sein Sohn zum Terroristen werden konnte, der Menschenleben auf dem Gewissen hat. Seine Frau ist beraubt vom Lebenswillen früh an Krebs gestorben und hat ihn in all seinem Kummer allein gelassen. Der früh pensionierte Lehrer, der Frau und Sohn verloren hat, wird durch die ungewohnte Situation und die Begegnung mit Luisa aus seiner dunklen Routine gerissen.

Nach einem aus der Not geborenen Abendessen bei einem der Vollzugsbeamten und dessen Frau, die von ihrem außergewöhnlichen Leben auf der Gefängnisinsel erzählen, bereiten sich die beiden auf eine improvisierte Nacht an diesem stürmischen Ort vor. Ein Abend und eine Nacht, die das Leben der beiden und ihre jeweilige Sicht darauf für immer verändern wird.

Ein Buch wie ein Kammerspiel: wenige handelnde Personen, eine abgeschlossene Situation mit düsterem, bedrohlichem Wetter und einem außergewöhnlichen Schauplatz. Es handelt sich um ein wahrlich intensives Leseerlebnis, das den Figuren und ihren Lebensschicksalen großen Raum lässt, obwohl der Roman gerade mal 252 Seiten besitzt. Ein zutiefst menschliches und philosophisches Buch, das große Fragen stellt: Wie geht man damit um, einen nahen Verwandten (z.B. Sohn oder Ehemann) zu haben, der schwere Schuld auf sich geladen hat und im Gefängnis sitzt? Kann man verstehen? Vergeben? Wie lebt man weiter? Kann man selbst wieder Frieden und Ruhe finden?

Für mich ein Roman, den ich mir auch sehr gut in einer Adaption für die Bühne vorstellen könnte. Ein packender Stoff, der zum Nachdenken anregt.

Francesca Melandri hat für mich einmal mehr bewiesen, dass sie die ganz große Gabe besitzt, zeitgeschichtliche Stoffe aus der italienischen Geschichte der vergangenen Jahrzehnte in erstklassige Romane umsetzen zu können. Nach „Eva schläft“ und auch dem neuesten Werk „Alle außer mir“, hat mich auch „Über Meereshöhe“ vollständig überzeugt, gepackt und fasziniert. Ihr untrügliches Auge für menschliche Schicksale und die hervorragende Personenzeichnung in einer wunderbaren, stimmigen Sprache (hier sei auch die gelungene Übersetzung von Bruno Genzler explizit erwähnt) machen den Roman zu einem wahren Lesegenuss und Gewinn.

Melandri hat mit diesem Roman meine Neugier geweckt, mich noch mehr in die italienische Geschichte einzulesen und zugleich ein Buch geschrieben, das Herzenswärme und tiefe Menschlichkeit ausstrahlt. Leserherz, was willst Du mehr?

Buchinformation: (in meinem Fall eine ältere Ausgabe)
Francesca Melandri, Über Meereshöhe
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Heyne
ISBN: 978-3-453-41109-8

oder neu bei Wagenbach:
Francesca Melandri, Über Meereshöhe
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2812-6

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Über Meereshöhe“:

Für den Gaumen:
Auf der Insel duftet es nach den Feigen an den Bäumen. Eine reife Feige – womöglich sogar frisch vom Baum gepflückt – das hat etwas Paradiesisches und schmeckt für mich immer sofort nach Urlaub.

Zum Weiterhören:
Wenn wir im Rahmen der „Europabowle“ schon in Italien angelangt sind, was würde da besser passen als Paolo Conte’s „Via con me“? Ich würde mich freuen, wenn ihr mit mir kommt und mich auf meiner „literarischen Europareise“ weiter begleitet.

Zum Weiterklicken und Weiterlesen:
Auf ihrem Blog Tuttopaletti lässt uns Anke in stimmungsvollen und unterhaltsamen Beiträgen daran teilhaben, was es bedeutet, als gebürtige Deutsche in Italien zu leben. Ihre Seite begleitet mich stets mit Amüsantem, Nachdenklichem und Lesenswertem, lässt mich gedanklich ins schöne Italien reisen und zaubert mir so oft südliches Flair und Urlaubsstimmung in mein Wohnzimmer.

Zum Weiterlesen:
Italien hat bisher bereits sechs Literaturnobelpreisträger vorzuweisen (Giosuè Carducci, Grazia Deledda, Luigi Pirandello, Salvatore Quasimodo, Eugenio Montale und Dario Fo).
Doch ich möchte heute statt einem Werk der Nobelpreisträger trotzdem noch einmal Francesca Melandri empfehlen, denn bereits ihr erster Roman „Eva schläft“ hat mich unglaublich beeindruckt und sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Ein großartiges Buch über Südtirol und die politisch aufgeheizten Zeiten dieser teils hin- und hergerissenen Region, das einem hilft, den geschichtlichen Hintergrund besser zu verstehen. Wunderbare Literatur in einer sehr schönen Sprache.

Francesca Melandri, Eva schläft
Aus dem Italienischen von Bruno Genzler
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2805-8

Irischer Weg zurück ins Leben

Die zweite Station meiner „Literarischen Europareise“ oder „Europabowle“ führt mich noch einmal Richtung Norden, dieses Mal aber etwas westlicher nach: Irland. Colm Tóibín hat mit „Nora Webster“ einen leisen, harmonischen Roman verfasst und eine wunderbare Frauenfigur ins Zentrum seiner Geschichte gesetzt.

Als Nora in den späten Sechziger Jahren nach dem frühen Krebstod ihres Mannes plötzlich auf sich allein gestellt ist – mit vier Kindern und einem nur geringen finanziellen Einkommen – zeigt sich, wie schwer es ist, sich in der konservativen, katholischen und teils engstirnigen Gesellschaft einer Kleinstadt im Norden Irlands als Witwe und alleinstehende Frau wieder einen Platz im Leben zu erkämpfen.

Sie versucht, den Kindern Halt zu geben. Die beiden älteren Töchter sind weitestgehend schon flügge und aus dem Haus, doch die jüngeren Söhne brauchen ihre volle Unterstützung, denn einer der beiden stottert und trägt autistische Züge und beide leiden sehr unter dem Verlust des Vaters. Um finanziell über die Runden zu kommen, trennt sie sich vom ehemals so geliebten Ferienhaus an der Küste und sie beginnt nach langen Jahren der Hausfrauenrolle wieder in Teilzeit im Büro einer ortsansässigen Firma zu arbeiten, in welcher sie bereits vor den Kindern berufstätig war. Doch auch dort machen ihre Kollegen es ihr nicht immer leicht und sie ist Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt.

„Sie war überrascht, wie fest sich ihr Entschluss anfühlte, wie leicht es schien, allem, was sie geliebt hatte, den Rücken zu kehren, dieses Haus am Weg zur Klippe aufzugeben, damit andere es kennenlernten, andere es im Sommer aufsuchten und mit verschiedenen Geräuschen erfüllten.“

(S.15)

Der Alltag fordert ihre ganze Kraft und Energie, Geldverdienen, die Kinder, der Haushalt, da bleibt nicht viel Zeit für seelisches Verarbeiten, Trauer oder eigene Interessen und doch entdeckt sie Schritt für Schritt, dass sie auch alleine das Leben meistern kann. Sie findet Gefallen daran, eigene Entscheidungen zu treffen, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, unabhängig selbst über finanzielle Dinge zu entscheiden und sich selbst zu verwirklichen.
Doch Armut, Geldsorgen, die Sorgen um die Kinder und die politisch aufgeheizte Zeit – die Geschehnisse des Blutsonntags („Bloody Sunday“) im nordirischen Derry 1972 werden ebenfalls thematisiert – sind Nora’s ständige Begleiter.

Trost findet sie in der Musik – sie besucht Treffen, bei welchen gemeinsam Schallplatten gehört werden und über die Musikstücke diskutiert wird. Nach und nach nimmt sie auch wieder am gesellschaftlichen Leben teil, besucht ein Pubquiz und entscheidet sich sogar, einer Gewerkschaft beizutreten. Ein mutiger Schritt, den sie sich zunächst selbst kaum zugetraut hatte. Sie beginnt, Gesangsstunden zu nehmen, die ihr Kraft und Selbstbewusstsein geben. So findet sie nach und nach ihre eigene Stimme und ihren Weg zurück ins Leben.

Der Ire Colm Tóibín hat mit Nora Webster einer literarischen Figur das Leben geschenkt, die man bewundert und die mir in Erinnerung bleiben wird. Eine Frau, die für sich und ihre Kinder kämpft und sich in einer Zeit alleine durchsetzen muss, in welcher Frauen in vielen Aspekten noch benachteiligt waren und nicht ernst genommen wurden. Doch Nora wächst mit jeder Herausforderung, geht gestärkt daraus hervor und findet letztlich auch zu ihrem eigenen Geschmack und Lebensstil.

Sprachlich klingt die Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini wunderbar ruhig und harmonisch – wie das Rauschen der Brandung an Nora’s Lieblingsstrand – und so entfaltet der Roman einen wunderbaren Lesefluss.

Ein großartiges Buch über das Loslassen, das Trauern und die Emanzipation einer starken, beharrlichen und unkonventionellen Frau, die allen Widrigkeiten trotzt und so an Selbstbewusstsein und Stärke gewinnt.
Für mich auch ein Roman über die Kraft der Musik und des Gesangs – eine Ode an die wohltuende, positive Wirkung des Chorgesangs. Ein leises, eindringliches und behutsames Buch, das ruhig dahinfließt und das mich dennoch nachhaltig beeindruckt hat.

„Es gibt keinen besseren Weg, sich selbst zu heilen, als in einem Chor zu singen.“

(S.246)

Eine literarische Reise nach Irland, die mich berührt und fasziniert hat und die sich für jeden lohnt, der sich Zeit nimmt und sprachlich schöne, ruhige Literatur mit einer feinen und tiefgründigen Personenzeichnung zu schätzen weiß.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich bei Birgit Böllinger (Sätze&Schätze) und Letteratura.

Buchinformation:
Colm Tóibín, Nora Webster
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-25063-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Nora Webster“:

Für den Gaumen:
In vielen Kulturen ist es üblich beim Besuch in Trauerhäusern etwas Gekochtes oder Gebackenes mitzubringen. Auch im Buch werden frische Scones und Tee gereicht und sollen als Trostspender fungieren. Auf dem Blog „Tea&Scones“ habe ich ein schönes Rezept für Scones gefunden, das ich bei Gelegenheit wohl mal ausprobieren werde.

Zum Weiterhören:
Musik spielt in „Nora Webster“ eine zentrale Rolle und am Ende des Romans wird sie gemeinsam mit einem Chor Brahm’s „Deutsches Requiem“ einstudieren. Ein Stück, in das ich mich angeregt durch die Lektüre wieder einmal einhören möchte.

Zum Weiterlesen (oder Weiterschauen):
Bisher habe ich einen irischen Roman hier auf meiner Kulturbowle besprochen: „Die Asche des Tages“ von Máirtín Ó Cadhain, der das Thema Trauer aus einem völlig anderen Blickwinkel beleuchtet als Colm Tóibín das in „Nora Webster“ tut, denn der Erzähler irrt in diesem Werk lieber durch Dublin, als sich um die Beisetzung seiner soeben verstorbenen Frau zu kümmern.

Literaturnobelpreisträger hat Irland bisher drei zu verzeichnen: William Butler Yeats (1923), Samuel Beckett (1969) und Seamus Heaney (1995). Bekanntschaft habe ich bisher vor allem mit dem Zweiten aus der Reihe gemacht:
Samuel Beckett’s „Warten auf Godot“ durfte ich in der Spielzeit 17/18 im Landestheater Niederbayern in einer tollen Aufführung im Landshuter KOENIGmuseum an einem besonderen Ort erleben und konnte somit eine Bildungslücke schließen. Hier würde ich dem Theatererlebnis gegenüber dem Lesen zwar immer den Vorzug geben, aber ich führe trotzdem gerne auch die bibliographischen Daten mit auf.

Máirtín Ó Cadhain, Die Asche des Tages
Übersetzt von Gabriele Haefs
Kroener
ISBN: 978-3-520-60301-2

Samuel Beckett, Warten auf Godot. Endspiel. Glückliche Tage – Drei Stücke
Aus dem Englischen von Elmar Tophoven und Erika Tophoven
Suhrkamp Taschenbuch 3751
ISBN: 978-3-518-45751-1

Finnische Schwermut

Der Finne Tommi Kinnunen hat mit „Das Licht in deinen Augen“ einen einfühlsamen, tiefgründigen und melancholischen Familienroman geschrieben, der schildert, was es bedeutet, Außenseiter zu sein und einer Minderheit anzugehören.

2021 – ein neues Jahr – ein neues Projekt: Heute beginne ich mit meiner „Literarischen Europareise“ oder meiner „Europabowle“. Schritt für Schritt möchte ich exemplarisch aus jedem Mitgliedsland der Europäischen Union (ich beginne einfach mal mit diesen 27 Ländern, die dann später sicherlich auch noch mit den Nicht-EU-Ländern erweitert werden können) ein literarisches Werk lesen. Die Autorin oder der Autor sollte aus dem jeweiligen Land stammen und die Romanhandlung sollte im jeweiligen Land angesiedelt sein.

Keine Angst! Ich werde mich jetzt nicht in den nächsten Monaten non-stop durch diese Länder-Liste arbeiten, sondern von Zeit zu Zeit das eine oder andere Land literarisch bereisen – ohne festen Zeitplan, ohne Zeitdruck. Der Weg ist das Ziel und wir werden sehen, wie lange diese Reise dauern wird. Der Anreiz für mich besteht darin, dass ich mich neben meinen literarischen Komfortzonen so auch einmal mit der Literatur und Autor*innen aus Ländern beschäftige, die bisher vielleicht noch nicht oder zumindest noch nicht häufig auf meiner Leseliste standen. Europa ist reich an Vielfalt und Kultur, das soll durch diese „Literarische Europareise“ zum Ausdruck kommen.

Doch jetzt zu meiner ersten Station: Finnland – und zurück zum Buch:
Ein einsames Dorf im Norden Finnlands in den Fünfzigerjahren: Kälte, Armut und harte, körperliche Arbeit prägen den Alltag. Die junge Helena hat bereits früh das Augenlicht verloren und findet sich mit Hilfe ihrer Familie und der vertrauten Umgebung im Wesentlichen zurecht. Durch ihr ausgeprägtes Gehör hat sie auch eine außergewöhnliche Begabung für die Musik und Klänge haben für sie eine besondere Bedeutung. Als die Eltern entscheiden, sie auf eine Blindenschule im fernen Helsinki zu schicken, um ihr eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, beginnt für sie ein neues Leben.

„Es gibt zweierlei Menschen, solche, die gehen, und solche, die bleiben. Diejenigen, die gegangen sind, sehnen sich immer nach dem Ort zurück, von dem sie sich losgerissen haben. Sie kommen zu Besuch, erzählen von den Wunderlichkeiten des Lebens und hoffen zugleich, dass die Daheimgebliebenen sich nie verändern.“

(S.95)

Fernab von der Familie, auf sich allein gestellt, ertastet und erarbeitet sich die blinde junge Frau ihren eigenen Weg ins Leben, der alles andere als einfach ist. Sie studiert Klavier und Musik am Sibelius-Institut, verliebt sich, heiratet. Um Geld zu verdienen, gibt sie die künstlerische Seite ihrer musikalischen Begabung auf und arbeitet letztlich als Klavierstimmerin. Ihre Ehe bleibt kinderlos und scheitert. Ein Lebensweg voller Schicksalsschläge und Desillusion.
Kinnunen schildert in vielen Szenen die Diskriminierung und die Benachteiligung, die Helena durch ihre Sehbehinderung erfahren muss, worauf sie verzichten muss und wie unbedacht und rücksichtslos manche Menschen mit ihr umgehen. Es schmerzt stellenweise regelrecht, das zu lesen.

Gleiches gilt für ihren Neffen Tuomas, der erst nach und nach zu seiner Homosexualität stehen kann und lange braucht bis er auch seiner Familie davon erzählen kann. Tuomas ist die zweite große Hauptfigur des Romans – der Autor wechselt zwischen Szenen aus seinem und Helenas Leben ab. Tuomas, der in den 90er Jahren ebenfalls seiner nordfinnischen Heimat den Rücken kehren muss, um in der Anonymität der Großstadt und fernab der Beobachtung durch die Familie eine Chance zu bekommen, seine Sexualität leben zu können. Ebenfalls ein steiniger Weg und auch hier entwirft Kinnunen das Bild eines Suchenden, der lange braucht, mit seiner Situation und seinem „Anders“-Sein zurecht zu kommen und seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Beeindruckt haben mich die ergreifenden und intensiven Schilderungen Kinnunen’s, die versuchen, einen Einblick zu geben, was es bedeutet, blind zu sein. Helenas Welt ohne Licht, die überall lauernden Gefahren, das vorsichtige Vorantasten und die stets erforderliche Vorsicht sowie die Abhängigkeit von der Unterstützung und Hilfe anderer Menschen.

Der Autor hat ein vielschichtiges, gefühlvolles, aber auch tieftrauriges und schwermütiges Buch geschrieben. Ein großer Familienroman, der die Zeitspanne zwischen den Fünfziger Jahren bis in die Gegenwart abdeckt und viele Facetten und große Emotionen bietet. Leider wird kaum eine Figur wirklich glücklich und jedes Familienmitglied hat sein eigenes persönliches, schweres Schicksal zu tragen.
Selbstmord, Alkoholismus, Depressionen, AIDS, scheiternde Beziehungen – viele ernste und schwerwiegende Themen, die der Finne in dieser Familiengeschichte anpackt und behandelt.

„Aus dieser Familie sollte man kein Kartenspiel machen, denn es gäbe zu viele Schwarze Peter.“

(S.301)

Man darf sich nicht vom Titel „Das Licht in deinen Augen“ in die Irre führen lassen, der eher zu einer Liebesgeschichte passen würde und den ich daher persönlich nicht als perfekt gewählt empfunden habe (der Originaltitel „Lopotti“ bezeichnet in russischem Dialekt ein „abgelegenes Dorf“).

Es ist keine leichte Kost, die uns hier aus Finnland erreicht, sondern ein dunkles und intensives Buch in einer schönen Sprache übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara mit viel Stoff zum Nachdenken und Reflektieren – ein Buch über vermeintliche Außenseiter, deren Ausgrenzung durch die Gesellschaft und die Sehnsucht nach einem freien und selbstbestimmten Leben. Ein Buch, das man nicht zu jeder Zeit und nur in einer stabilen Gemütsverfassung lesen sollte. Ein Buch, das es einem Leser nicht einfach macht und das man ertragen können muss – in all seinem Schmerz und all der geschilderten Ungerechtigkeit.

Der Roman ist der zweite Band, den Tommi Kinnunen über die Familiengeschichte der Löytövaara’s geschrieben hat, lässt sich jedoch auch ohne Weiteres gut lesen, wenn man den ersten Teil „Wege, die sich kreuzen“ nicht kennt.

Eine weitere Besprechung des Romans findet sich bei Literaturreich.

Buchinformation:
Tommi Kinnunen, Das Licht in deinen Augen
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60078-7

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Licht in deinen Augen“:

Für den Gaumen:
Wenn ich Finnland höre, denke ich kulinarisch in erster Linie an frischen Fisch.

Zum Weiterhören:
Für die musikalische Finnlandreise empfehle ich Jean Sibelius (1865 – 1957) mit seiner Karelia Suite oder der sinfonischen Dichtung Finlandia. Aber auch sein Andante Festivo für Streichorchester ist wunderschöne Musik zum Schwelgen. In Kinnunen’s Roman studiert Helena am renommierten Sibelius-Institut Musik und arbeitet später als Klavierstimmerin.

Zum Weiterlesen:
Vom einzigen finnischen Literaturnobelpreisträger Frans Eemil Sillanpää – er erhielt die Auszeichung 1939 – habe ich bisher noch nichts gelesen und ich habe offen gestanden erst durch meine Recherche für diesen Beitrag von ihm erfahren. Für mich war die Finnland-Lektüre bisher häufig mit Krimis verbunden, so zum Beispiel die Arto-Ratamo-Reihe von Taavi Soininvaara oder die Maria Kallio-Krimis von Leena Lehtolainen. Anbei jeweils die Auftakt-Bände zu den beiden Serien:

Taavi Soininvaara, Finnisches Blut
Übersetzer: Peter Uhlmann
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-2282-8

Leena Lehtolainen, Alle singen im Chor
Übersetzerin: Gabriele Schrey-Vasara
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-23090-5